Die wirtschaftlichen Grundlagen des Mediensystems

tsū – ein Social Network bezahlt seine Nutzer fürs Posten

Wir schlagen uns nun schon seit Jahren mit Facebook rum und hoffen auf Alternativen. Da war das puristische App.net, kürzlich kam Ello.co daher, das Privatsphäre und Werbelosigkeit verspricht, und nun will tsū (Gesundheit!) sogar dafür bezahlen, damit wir auf seiner Webseite abhängen statt anderswo. Das klingt irgendwie mitleiderregend und erinnert an den einsamen, verbitterten Millionär, der den Taxifahrer bezahlt, damit der ihm in der Nobelvilla noch ein wenig Gesellschaft leistet. Wir Blogger helfen ja gerne, wo wir können – also flugs mal registriert.

Erst im kürzlich verstrichenen September erblickte der hässlich-türkise Facebook-Clon das Licht der Netzwelt samt Android und iPhone Apps. Jeder Facebook-Nutzer wird sich sofort tsū-rechtfinden – bei Profil, Newsfeed und Postingtypen wurde schamlos abgekupfert. Das Resultat ist eine Art reduziertes Facebook für Arme mit viel recht aufdringlicher Bannerwerbung.

tsu Profil

tsu – Ansicht des eigenen Profils

tsu Newsfeed

Der tsu Newsfeed funktioniert analog zu Facebook.

Aber tsū will uns ja stinkreich machen. Nicht, dass das nicht schon vorher Leute probiert hätten: vom schwindligen Multilevel-Marketer bis zum eher seriösen, 2012 gestarteten bubblews versprach schon so mancher Netzwerkbetreiber seinen Schäfchen reichliche Entlohnung für das, was sie am liebsten tun: Fotos von ihrem Frühstück posten und neue Freunderln finden.

Kann dich Social Media reich machen?

Bemerkenswert ist erstens, Sancus Capital tsu.co vor dem Launch mit saftigen 7 Millionen Dollar Kapital ausgestattet hat. Und zweitens, dass Gründer Sebastian Sobczak eine mittelgroße Liftkabine voller Prominenter, darunter 50 Cent und NBA-Start Carmelo Anthony, als Testimonials motivieren konnte. Die waren bislang auf der Plattform freilich weit weniger aktiv als die Verkaufsabteilung, denn Banner prangen allenthalben.

Werbung bringt die Kohle rein, welche Sebastian nach einem ungewöhnlichen Schlüssel aufteilen will: 10 Prozent gehen an tsū, die restlichen 90 Prozent an die Nutzer, und zwar nach einem ausgeklügelten System, das sowohl berücksichtigt, welche Inhalte Werbeerlöse generiert haben als auch, wer wen ins Netzwerk eingeladen hat. Wie das funktionieren soll, versucht tsu künftigen Micro-Millionären mit einem Rechenbeispiel näher zu bringen (Übersetzung vom Autor):

  1. Nutzer Gotthelm generiert mit Fotos von seinem morgendlichen Rührei 1 Dollar an Werbeeinnahmen.
  2. Tsu nimmt sich davon 10 Cent, die restlichen 90 Cent werden unter den Nutzer aufgeteilt.
  3. Gotthelm kriegt 50% von den 90 Cent, kann sich also um 45 Cent ein neues Frühstücksei kaufen.
  4. Achtung, jetzt wird’s kompliziert: Gotthelm wurde seinerzeit von Gottfried eingeladen, den wiederum Gotthard ins Netzwerk geholt hat, der seine Einladung von Gottlieb bekam.
  5. Deshalb kriegt Gottfried 33,3% von den 90 Cent, also in etwa 30 Cent. 11,1% oder 10 Cent streicht Gotthard ein, 3,70% oder 3 Cent kassiert Gottlieb.
  6. Was mit den verbleibenden 1,9% passiert, weiß nur der Geier.

Wer also noch tonnenweise frischen Content rumliegen hat, der kann den ja mal probeweise bei tsu reinschaufeln, bevor er verdirbt. Reich wird aber nur, wer viele Freunde hat, die viele Freunde haben – eben fast wie im richtigen Medien-Leben.

Wie funktioniert die Registrierung?

Einen Account gibt’s nur auf Einladung – das hat nix mit beta zu tun, sondern wird auch zukünftig so bleiben. Schließlich muss tsu ja nachvollziehen, wer wen ins Boot geholt hat. Um beim neuen “Wer wird Millionär” mitzuspielen, benötigt man die Short-URL eines bereits registrierten Nutzers, zum Beispiel die des Bloggers Ihres Vertrauens. Klicken Sie einfach drauf, um sich zu registrieren:

tsu.co/datadirt

Die Profileinrichtung ist rasch erledigt. Wer Facebook-, Twitter- und Instagram-Account reinlinkt, findet Freunde von diesen Netzwerken zukünftig auch auf tsu. Status-Updates funktionieren wie von Facebook gewohnt, nur das hässliche türkis lässt sich in den Settings leider nirgends abstellen.

Fazit: Dass der starke Fokus auf Monetarisierung ganz allein ausreichen wird, um tsu richtig abheben zu lassen, darf durchaus bezweifelt werden. Ohne eigenständige Features dürften sich hier erstmals nur Tupperware-Partyveranstalter und Pyramiden-Vertriebler so richtig wohlfühlen. Aber ich lass es Sie sofort wissen, wenn ich auf tsu meine erste Million verdient habe. Da hilft auch ein Zusammenschnitt von Jaron Lanier Interviewfetzen nix:

PS: Woher der Name tsū denn nun wirklich herkommt, konnte ich nicht letztgültig ignorieren. Ein japanisch-englisch Online-Wörterbuch bietet “steal” als Übersetzung an. Von der “Kunst des Krieges” kann das Wort auch nicht stammen, denn die übliche Übertragung schreibt sich mit “z”, also Sun Tzu. Sachdienliche Hinweise jederzeit erwünscht!

Twitter Timeline 2.0 – Zwangsbeglückung mit Zusatztweets, aber keine Filter

Twitters Timeline-Experimente mit zusätzlichen Inhalten müssen wohl zufriedenstellend verlaufen sein, denn ab sofort bekommen alle Nutzer regelmäßig Kurznachrichten von Accounts zu sehen, die sie gar nicht abonniert haben. Und zwar zusätzlich zu den hinlänglich bekannten, aber in D-A-CH nach wie vor nicht sehr verbreiteten Werbe-Tweets. Die Auswahl erfolgt anhand mehrere Kriterien, die durchwegs von Facebook “inspiriert” sind, denn Twitter nutzt unter anderem Favorites als Selektionskriterium.

In die neue Timeline-Kategorie fallen zum einen “empfohlene Tweets” sowie “empfohlene Accounts” von Twitter und zum anderen eben Nachrichten, die von überdurchschnittlich vielen Nutzern, denen man selbst folgt, favorisiert wurden. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir mal an, Hans folgt Thomas und Hugo. Wenn Thomas und Hugo ein Tweet von Daniel favorisieren (also auf den “Favorite-Stern” klicken), dann könnte dieses zukünftig auch auf der Startseite von Hans auftauchen, obwohl der Daniel ja gar nicht folgt.

Man könnte also von einer Art “inverser Facebook Logik” sprechen. Mark Zuckerbergs Netzwerk filtert nämlich jede Menge Inhalte automatisch raus und zeigt dem Nutzer jene Status-Updates an, die zu seinem bisherigen Aktivitätsprofil passen. Liken mehrere Freunde ein Update, das normalerweise nicht im eigenen Stream auftauchen würde, so erscheint dieses trotzdem – frei nach der durchaus bewährten Idee: was meine Freunde interessiert, interessiert mich auch.

Twitter dagegen lässt keinerlei Inhalte unter den Tisch fallen, sondern reichert die Timeline mit zusätzlichen Inhalten an, integriert also quasi eine Art nicht abschaltbare “Discovery”-Funktion in den Newsfeed. Dass der Kurznachrichtendienst früher oder später verstärkt auf sogenannte “Social Signals” setzen würde, war seit langem absehbar. Bereits Anfang September titelte Techcrunch “Twitter’s Timeline Could Get (More) Algorithmic. Die offizielle Twitter-Hilfe beschreibt die neuen Inhalte in der Timeline wie folgt:

Additionally, when we identify a Tweet, an account to follow, or other content that’s popular or relevant, we may add it to your timeline. This means you will sometimes see Tweets from accounts you don’t follow. We select each Tweet using a variety of signals, including how popular it is and how people in your network are interacting with it. Our goal is to make your home timeline even more relevant and interesting.

Soweit mir bekannt, werden die zusätzlichen Tweets in der Timeline nicht speziell gekennzeichnet. Zahlreiche Nutzer beschwerten sich schon im Vorfeld über diese “Zwangsbeglückung” und orten in der neuen Timeline einen gravierenden Kontrollverlust. Twitter setzt damit aber bloß jenen Kurs fort, der mit API-Restriktionen und dem Aussperren alternativer Clients begonnen schon vor Jahren begonnen hat. Das Interesse der Betreiber liegt klar darin, werberelevante Kennzahlen wie Verweildauer und Klickraten zu steigern, denn irgendwann wird’s für jedes Vögelchen mal Zeit, die Gewinnzone zu erreichen.

Fazit: Ich persönlich hab nichts gegen zusätzliche Tweets, ganz im Gegenteil: solche Discovery-Funktionen stellen für mich einen der stärksten Mehrwerte von Social Media Plattformen dar. Eine deutliche Kennzeichnung der Zusatztweets würde ich mir allerdings sehr wohl wünschen. Und wie Jan bin ich der Meinung, dass Twitter zukünftig noch stärker an der Timeline respektive deren Zusammensetzung herumschrauben wird.

ShareYourMeal.net: Heut abend hol ich mir Essen vom Nachbarn

Der Online-Marktplatz ShareYourMeal.net vernetzt Hobbyköche mit potentiellen Essern. Oder Foodies, wie man heutzutage wohl jeden dahergelaufenen Gourmand nennt, der einen Fastfood-Burger von Beef Rockefeller unterscheiden kann. Wer regelmäßig zu viel kocht, obwohl in der Tiefkühltruhe längst kein Quäntchen Stauraum mehr frei ist, oder einfach gern neue Leute kennen lernt, stellt sein kulinarisches Angebot ins Netz und hofft auf experimentierfreudige Take-Away Kundschaft. Die eigenen Kreationen bieten die “Cooks” wahlweise als Dinner Service im heimischen Wohnzimmer oder als Take-Away Portion an. Aufgetischt wird entweder laufend oder nur auf Vorbestellung.

Für Wiener, die keinen Würstelstand mehr sehen können und denen Pizzaschnitten und Kebabs schon zum Hals raushängen, bleibt das Angebot derzeit aber noch recht überschaubar. Aktuell haben sich weltweit 346 Köche und 2313 Foodies insgesamt reserviert und 530 Mahlzeiten geteilt. Vier Angebot, davon zwei Backwaren, umfasst aktuell das lokale Portfolio, acht Köche offerieren ihre Dienste in Wien auf Vorbestellung:

Essen vom Nachbarn holen

Auch in Wien haben die ersten Crowd-Take-Away Lokale bereits aufgesperrt.

Beziehungsweise jetzt neun, denn als teilnehmende Blogforscher stürzt man sich natürlich sofort ins Getümmel. Als glücklicher Besitzer eines großen Tiefkühlschranks und einer leistungsfähigen Vakuumiermaschine produziere ich zwar keinerlei Take-Away Überschüsse, aber mich reizt die Vorstellung, lukullisch verwöhnte Touristen ab und an einen Abend lang mit meiner Wien-Tirol-Mittelmeer-Chili-Fusionküche Schweißperlen ins Gesicht zu treiben. Einen Slogan fürs datenschmutz-Catering hätt ich auch schon: El Rico – Zu Gast bei Fremden.

Nach der Registrierung und Gestaltung des eigenen Profils sucht man entweder nach Angeboten in der Umgebung oder bietet selbst ein oder mehrere Gerichte an. Im Anschluss ans “Testessen” können die Gäste ihrem Koch auf der Seite natürlich Feedback hinterlassen. Ich hab mal testweise mein berühmtes “Kürbis-Gulyas” (selbstverständlich *kein* vegetarisches Gericht, sondern eine Art Pörkelt mit Kürbisstücken drin) auf die Karte geschrieben. Das gibt’s nur auf Vorstellung, aber es sieht leider nicht so aus, als ob ich in den nächsten paar Wochen viel Zeit zum Kochen haben werde.

Hier kocht der Blogger persönlich.

Im El Rico gibt es keinerlei Alternativen für Vegetarier.

Airbnb hat vorgeführt, wie man private Vermieter und Reisende auf einem Online-Marktplatz zusammen bringt und erfreut sich vor allem bei jüngeren Globetrottern großer Beliebtheit. Also war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Anbieter ein ähnliches Service für (semi)private Verköstigungen startet. Shareyourmeal.net macht es möglich, für fremde Foodies in der Nachbarschaft zu kochen: ob Hausmannskost oder kulinarische Großtat, die Plattform hilft Köchen, die gern neue Leute kennen lernen, via Internet hungrige Gäste zu finden. Man muss ja nicht gleich solche Kunstwerke in die Pfanne zaubern wie dieser junge Mann:

Der Wirt und sein Richter

Und wie sieht die ganze Sache so rein gewerberechtlich aus? Nun, die Vergangenheit hat gezeigt, dass Start-Ups erstmal machen und sich dann später um allfällige rechtliche Probleme kümmern. Das zeigt sich derzeit am Crowd-Limousinendienst über, dessen Auseinandersetzung mit lokalen Taxi-Unternehmen gerade erst begonnen hat, ebenso wie am Beispiel von Airbnb. Dass ein Online-Marktplatz eigene (Haftungs)Regeln und AGBs einführt, bedeutet noch lange nicht, dass das jeweilige Business-Modell auch im Einklang mit allen (gewerbe)rechtlichen Vorgaben steht.

Im vorigen Semester habe ich eine Bachelor-Arbeit betreut, die sich mit rechtlichen Aspekten von Airbnb in Österreich befasst. Das hiesige System aus Tourismusabgabe und rechtlichen Bestimmung darf nicht unterlaufen werden, die Grenze zwischen privater Zimmervermietung und kommerzieller Hotellerie verschwimmt. Ich bin kein Jurist, gehe aber stark davon aus, dass es sich im Gastronomiebereich recht ähnlich verhält. Essen verkaufen darf in Österreich ja an sich nur, wer eine entsprechende Konzession besitzt. Dass die folgende Passage der knapp gehaltenen Shareyourmeal.net AGBs die Bewirter aus der Pflicht nimmt, bezweifle ich jedenfalls stark:

The cook is responsible for giving correct tax return on any received earnings of Shareyourmeal. Meals are offered at purchase price of the ingredients at Shareyourmeal.

Denn wenn die Nutzer wie vorgeschrieben bloß den Preis der Zutaten verlangen, so kann ganz offensichtlich auch kein steuerpflichtiges Einkommen entstehen. Auf einem anderen, hoffentlich sauberen Blatt, stehen Hygienebestimmungen und lebensmittelrechtliche Vorgaben. Hier listet Shareyourmeal.net die grundlegendsten Regeln auf und hofft auf sauberes Business und allergiefreie Gäste:

  • Only buy ingredients that haven’t passed their expiration date.
  • Make sure that the product you buy looks nice and fresh. Check whether the package is still intact.
  • Make sure your kitchen is clean. Clean your counter, cooking devices and other equipment, but also the kitchen rags, tea-towel and other towels. Replace your kitchen rag frequently.

[...]

Gegründet hat Shareyourmeal.net das holländische Paar Marieke Hart und Jan Thij Bakker vor etwas mehr als zwei Jahren. Die Utrechter bezeichnen sich als “Socially enganged entrepreneurs” und glauben an die Ökonomie des Teilens. Die Plattform betreiben beide neben ihren Vollzeit Jobs als Beitrag zu einer besseren Welt, in der weniger Nahrung in der Mülltonne landet. Dass die Shareyourmeal-Köche sich nicht aus kommerziellen Motiven registrieren, zeigen die Preise der meisten Speisen deutlich – die liegen meist zwischen günstigen 3 und 5 Euro pro Portion.

Speziell für Foodblogger könnte Shareyourmeal.net eine recht interessante Promotion-Plattform werden – wer weiß, vielleicht treffen wir uns da demnächst mal bei mir zuhause auf ein Kürbisgulyas (ich hab’s schon erwähnt, aber sicherheitshalber nochmal: mit reichlich Rind). Mahlzeit!

Kreativ, aber unterbezahlt? Patreon macht die Crowd zum deinem Mäzen

Weltweit stöhnen Verlage unter der Last der frei verfügbaren Inhalte auf, werden Tageszeitungen eingestellt, verlieren Journalisten ihre Jobs oder wechseln rechtzeitig in die PR-Branche. Wie in der Musikbranche bereits vor etlichen Jahren geschehen höhlen digitale Technologien in überholtes Businessmodell aus. Doch während die Musikbranche längst mit neuen Businessmodellen und Mikro-Vertriebskanälen reagiert hat, warteten Micro-Publisher bisher vergeblich auf ihr iTunes. Patreon.com ermöglicht Fans, mit wiederkehrenden freiwilligen Spenden ihre Lieblings-Künstler und -Schreiberlinge zu unterstützen.

Im Mai 2013 ist Patreon mit 2 Millionen Dollar Investorenkapital angetreten, um eine Alternative für Micro-Publisher zu präsentieren, die viele gute Ansätze auf smarte Weise kombiniert. Die Plattform versteht sich als eine Art Kickstarter für alle, die regelmäßig im Netz Inhalte veröffentlichen. Videos, Musik, Texte, Comics, DIY-Anleitungen – Patreon wirbt um die Gunst von Bloggern, Cartoonisten, Photographen und allen anderen Micro-Publishern, die mit Enthusiasmus und Talent das Internet zu jenem bunten Jahrmarkt der Meinungen, Interessen und Prokrastinations-Paradiese macht, den wir alle so sehr schätzen. Ähnlich wie auf Kickstarter richten Publisher ein Profil für ihr Projekt ein und bitten ihren Fans und Followern entweder pro neuer Veröffentlichung oder pro Monat um eine freiwillige Spende.

Die Idee hat immenses Potential. Die Möglichkeit, den eigenen Lieblings-Blogger, Cartoonisten, Podcaster, Photographen und Co. zu unterstützen und zu motivieren, spricht Fans schließlich nicht erst seit dem Internet an. Früher nannte man sowas Mäzenatentum, heutzutage bezahlen dank Crowdsourcing viele Mikro-Mäzene anstatt eines einzelnen Fürsten die Rechnung fürs Kulturschaffen. Und zwar ausgesprochen gern – das zeigt eine ganze Reihe erfolgreicher Kampagnen, die getreu dem Motto der beiden Gründer Jack Conte und Sam Yam bereits etlichen Künstlern eine unabhängige Existenz ermöglichen.

We founded Patreon as a way to support artists in their pursuit of a decent living while doing what they love.

An die Idee der wiederkehrenden freiwilligen Spende glauben offensichtlich auch jene 15 Investoren, die Patreon Ende Juni mit weiteren 15 Millionen versorgten. Die nähere Zukunft des Dienstes ist damit erstmal gesichert. Sollte die Patreon-Idee weiterhin auf Zusprache stoßen, werden die Betreiber wohl früher oder später Provisionen einbehalten, was derzeit aber noch nicht der Fall ist.

Patreon.com – zu früh fürs deutschsprachige Web?

Wenn neue Ideen aus den USA gut, einleuchtend und sympathisch klingen, dann funktionieren sie in Europa in der Regel frühestens 2 bis 3 Jahre später. Wenn überhaupt. So überrascht es kaum, dass Patreon derzeit auf Mehrsprachigkeit pfeift und sich ganz dem englischsprachigen Internet widmet. Das hindert einige mutige Pioniere aber keineswegs daran, ihr Glück dennoch zu versuchen. Im Fall von Manuel Fritsch, der auf Superlevel.de den täglichen Spielepodcast Insert Moin moderiert, überaus erfolgreich: 1.374,73 Dollar bezahlen 236 Patrons jedes Monat für ihren Lieblingspodcast.

Wie von Kickstarter gewohnt kann jeder Anbieter beliebig viele Milestone-Ziele anlegen. So verspricht Manuel ab 2.000 Dollar pro Monat seinen Fans Entwickler-Interviews mit Video, ab 2.500 Dollar will er einen monatlichen Video-Podcast starten. Ebenso flexibel zeigt sich das Preismodell. Bezahlt wird entweder pro Veröffentlichung (ein Video, ein Blogbeitrag, ein Cartoon mit optionaler monatlicher Obergrenze) oder pro Monat. Der Betrag ist frei wählbar, der Anbieter kann spezielle “Rewards” für bestimmte Beträge vorsehen – beispielsweise eine Erwähnung in der Hall of Fame ab $5 oder ein T-Shirt ab $20.

Für einen durchschlagenden Erfolg von Patreon sehe ich am deutschsprachigen Markt derzeit zwei Hürden: zum einen die generell mangelnde Zahlungs- respektive Spendenbereitschaft für Online-Inhalte und zum anderen die mangelnde Bekanntheit der Seite. Potentielle Förderer müssen sich registrieren, und auch ohne nähere Kenntnis der Nutzungs-Statistiken vermute ich mal ganz stark, dass hierzulande vorerst mal deutlich mehr Publisher als potentielle Mäzene Accounts anlegen werden.

datenschmutz auf Patreon – machen Sie mich bitte schnell reich!

Als neugieriger Optimist halten mich diese Überlegungen natürlich keineswegs davon ab, selbst einen Hut umzudrehen und auf milde Spenden zu hoffen. Einerseits gefällt mir die Idee, andererseits gehört teilnehmende Recherche zum Bloggen wie Abschreiben zum Boulevard-Journalismus. Nach Eingabe der Account-Daten wählt man als Inhalts-Anbieter ein Upgrade auf den “Creator Account” und bekommt anschließend Zugriff auf die Kampagnenseite. Wer mehrere Projekte einzeln präsentieren will, braucht zusätzliche Accounts, denn mehrere Kampagnen-Seiten pro Nutzer sind derzeit nicht möglich.

Die Betreiber empfehlen, ein Vorstellungsvideo hochzuladen – ‘ere we go:

Goals und Rewards sind optional – je nach Aufwand dauert das Einrichten der Kampagnenseite zwischen 30 Minuten und mehreren Stunden. Weitere Parallele mit Kickstarter: Mit der Einrichtung der Seite ist’s keineswegs getan. Patreon ist lediglich ein Service-Provider, um die Bekanntheit der eigenen Kampagne muss man sich schon selbst kümmern. Je aktiver und begeisterter die eigenen Fanbase ist, desto leichter fällt es, regelmäßige Leser, Hörer und Seher zum Abschluss eines freiwilligen “Mäzenaten-Abos” zu bewegen, das selbstverständlich jederzeit kündbar ist.

Das Ergebnis meines Experiments finden Sie ab sofort unter www.patreon.com/datenschmutz. Obwohl ich nicht ernsthaft damit rechne, über Nacht zum Millionär zu werden (das wird wohl ein, zwei Wochen dauern), unterstütze ich mit Vergnügen den Gedanken einer Fan-based Economy. Wie denken Sie darüber? Würden Sie freiwillig monatlich 1 oder 2 Dollar für Ihr Lieblingsblog springen lassen?

datenschmutz auf Patreon

Links:

Blogger Relations, native Advertising und unmoralische Werbeangebote

Die Online Marketing Agenturen sind los und unmoralische Angebote an Bloggerinnen und Bloggern mehren sich. Die Empfänger der Botschaft bilden ein inhomogenes Völklein: nicht wenige sind, was bezahlte Werbung betrifft, auf beiden Ohren blind, wieder andere verkaufen für ein Probedöslein Koffein-Limo ihre wp-config Datei an den erstbesten, der sie haben will. Und eine immer größer werdende Gruppe beschäftigt sich mit der Frage, wie ethische Werbung auf Blogs so funktioniert, dass Advertiser, Blogger und Leser glücklich und zufrieden den mentalen Like-Button betätigen. Über diese Fragen ist viel geschrieben worden, aus berufenem wie unkundigem Munde. Ich möchte in diesem Beitrag daher auf die Frage eingehen, welche Überlegungen Blogbetreiber aus Bloggersicht relevant sind und worauf man achten sollte am schmalen Grat zwischen Posting-Hurerei und Gewinnmaximierung.

Native gekennzeichnetes Advertising

Mit nur etwas mehr als 10 Jahren Verspätung wendet sich in der aktuellen Ausgabe das österreichische Wochenmagazin profil der Thematik des bestechlichen Bloggers zu und lässt gestehen:

Oft seien auch durchaus “sogenannte Qualitätsmedien” nicht von Schleichwerbung befreit, erklärt die Präsidentin des österreichischen Presserates, Astrid Zimmermann: “Und durch die angespannte wirtschaftliche Lage wird sich das in Zukunft noch verschlechtern, fürchte ich.”

Wie es im Übrigen um die Recherchefähigkeit und “Objektivität” der redaktionellen Profis bestellt ist, mag jeder selbst beurteilen, der einen Blick auf die Gegendarstellung der im besagten Artikel zitierten finespitz wirft.

Wenngleich Verlage immer härter ums Überleben kämpfen, Lektorate einsparen und Redaktionen verkleinern müssen, so sollte sich doch die wirtschaftliche Lage für Blogger gravierend verbessern, urteilt man nach der Quantität einschlägiger Anfragen. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich manche dann allerdings als lachhaft und keiner Antwort wert.

Werben auf Blogs

Nein, ich werde hier keine englischsprache Content-Sondermüll-Deponie eröffnen!

Doch bevor ich schonungslos offenlege, wie ich über das Thema datenschmutz + Werbung denke, möchte ich auf drei lesenswerte verweisen:

Iwonas goldenen Regeln für Unternehmen und Agenturen, die mit Bloggern zusammenarbeiten wollen, kann ich voll und ganz unterschreiben. Ein Blick auf Bloggerverarsche 2.0 könnte so viele Missverständnisse vermeiden helfen…

Michi Hafner weist in seinem Beitrag auf den essentiellen Punkt hin, dass ein Medium allein niemals Objektivität garantieren kann – Medienpluralität lautet das Zauberwort.

Die Riesenmaschine begann wohl als eines der ersten deutschsprachigen Blogs, Native Advertising, also gekennzeichnete, bezahlte Blogbeiträge zu verkaufen, und das recht erfolgreich. Dass Mitbetreiber Sascha Lobo dieser Werbeform dennoch nach wie vor kritisch gegenüber steht und Qualitätsmedien Selbstdisziplin empfiehlt, zeigt die schizophrene Grundhaltung von uns Bloggern gegenüber Werbung.

In einem Punkt sind uns klassische Medienmacher nämlich weit überlegen: Die reden nicht so freizügig über das, was im Hintergrund passiert. Die reflektieren auch in Branchenmedien äußerst ungern bis gar nicht das weitreichende Beziehungsgeflecht zwischen Werbekunde und Redaktion, das in immer mehr Fällen zu einer 100%igen Korrelation der Werbeschaltungen mit den redaktionellen Testergebnissen führt. Wie er mit dem Thema bezahlte Werbung umgeht, muss letztlich jeder Blogger und jede Bloggerin für sich selbst entscheiden. Ich plädiere für Transparenz und Offenheit gegenüber lukrativen Werbeformaten. Bevor ich dazu ins Detail gehe, muss ich einen kleinen historischen Exkurs vorschalten.

Zur Frühgeschichte des bezahlten Blogpostings

Die Geschichte der bezahlten Blogbeiträge beginnt lange, bevor es Blogs gab. SEO-Experten erkannten Mitte der 90er rasch, dass mit ein paar gekauften/gemieteten Links sich das eigene Ranking rasch und zuverlässig verbessern ließ – der Linkhandel war geboren. Da Google eine monetär verzerrte Beeinflussung der heiligen Pagerank-Kuh von Beginn an strikt vermeiden wollte, wurden bezahlte Links bereits in der Frühgeschichte des Web von Google “verboten”. Für Werbelinks war fürderhin das Attribut “nofollow” da, das dem Google-Bot mitteilt, er möge den betreffenden Backlink nicht in die Bewertung der Zielseite einfließen lassen.

Selbstverständlich blühte der Below-the-Line-Handel mit Paid Links. Legendär etwa ist die Geschichte jenes Sysadmin einer bekannten britischen Universität, der jahrelang mit vermieteten Links im Footer der populären .edu Domain sein Gehalt verfünffachte, bis man ihm auf die Schliche kam. Damals gab es nur Bannerwerbung in verschiedensten Formen und eben jenen Graubereich der Linkmärkte.

Mit der zunehmenden Popularität von Blogs Ende ab 2000 etablierten sich etliche Marktplätze, bei denen Kunden Kampagnen in Auftrag geben konnte. Dem Plattformbetreiber oblag Auswahl und Briefing geeigneter Blogger, bezahlt wurde je nach Popularität der Seite. Ich hab mir seinerzeit mit dem Schweizer Pionier trigami zwei nette Sommerurlaube verdient, Hallimash betreibt dieses Geschäftsmodell nach wie vor recht erfolgreich. Essentiell für meine Teilnahme an derleit lukrativen Einnahmequellen war die völlig Transparenz: die betreffenden Agenturbeiträge mussten deutlich als solche gekennzeichnet werden und alle Links mit “nofollow” versehen sein. Ansonsten hätte man als teilnehmender Blogger den Rausschmiss aus dem Google-Index riskiert: ein Szenario, das in Vor-Social Media Zeiten einer Verbannung in die Besucherwüste gleichkam.

Blogwerbung: SEO Agentur oder Online Werbung?

Seither hat die Blogosphäre einige Aufs und Abs erlebt. Mit Facebook und Twitter traten Weblogs in den letzten Jahren stark in den Hintergrund. Im Zuge des aktuellen Content Marketing Hypes und der späten Einsicht, dass eigene Web-Properties im Markeng-Mix völlig unverzichtbar sind, erleben sie aktuell eine rasante Renaissance. Und die scheint mit verstärktem Interesse diverser Vermarkter einherzugehen, denn mittlerweile bekomme ich jede Woche im Durchschnitte 2 bis 5 Anfragen nach bezahlten Beiträgen.

Deutlich unterscheiden müssen Blogger dabei zwischen potentielle Auftraggebern, die primär Aufmerksamkeit für ihr Produkt generieren wollen, und solchen, die den Blogbeitrag bloß als Deckmäntelchen für ihre Backlinks vorschieben. Wer sich mit zweiteren einlässt, muss mit einer Google Penalty rechnen – falls er erwischt wird. Und wer sich mit ersteren ins Blogbett legt, sollte die Rahmenbedingungen klar fest- und auf Transparenz wert legen.

Ritchie, wie hältst du’s mit Blogbestechwerbung?

Die ethischen Aspekte der Vermischung von Inhalten und Werbung wurden und werden weiterhin diskutiert werden (müssen) – schwarze Schafe gibt es unter Bloggern und Verlegern. Anstatt schon dutzende Male wiedergekäute Gedankengänge zu remixen, möchte ich ganz subjektiv und aus praktischer Sicht erläutern, wie ich hier auf datenschmutz an das Thema Werbung herangehe.

  • Blogger sind keine Journalisten

    Auch wenn manche sich vom Selbstverständnis her als solche betrachten, so existiert zumindest ein wirtschaftlicher Hinsicht ein nicht wegzudiskutierender Unterschied: Journalisten werden für ihre Arbeit bezahlt, Blogbetreiber sind in der Regel selbständig. Wenn ein IT Journalist ein neues Handymodell testet, ist das Teil seines Jobs. Wenn ich ein neues Handymodell testee, dann hab ich jede Menge Aufwand für einen ordentlichen Testbericht und möchte das Gerät anschließend nicht zurückgeben müssen, sondern am Blog verlosen (oder behalten, falls es sich um ein Windows-Phone handeln sollte *g*). Im Blogbeitrag gebe ich in solchen Fällen natürlich an, dass ich das Device bekommen habe und hake die ganze Sache unter “Aufwandsentschädigung” ab. Als bezahlte Werbung sehe ich einen solchen Beitrag übrigens nicht an, da die “Aufwandsentschädigung” keineswegs automatisch zu einer positiv(er)en Bewertung führt.

  • Was darf bezahlte Blogwerbung kosten?

    Ja, gerne. Möchten Sie ein Banner, einen Button oder lieber einen bezahlten Review? Kein Problem – wenn wir uns auf einen Preis einigen können, der für beide okay ist. Ach so, Sie haben ein fixes Budget und können pro Blog nur €7.99 bezahlen? Dann bin ich bestimmt nicht der richtige Werbepartner für Sie. Wenn ich Ihr Produkt promoten soll, dann erwarte ich mir nämlich für den Produktionsaufwand denselben Stundensatz, den ich für meine Beratungstätigkeiten berechne sowie einen verhandelbaren Aufschlag für die Reichweite… was uns gleich zum nächsten Punkt bringt.

  • Mein Blog reicht weiter und kostet mehr

    Für eine faire Kooperation muss klar sein, wofür der Werbekunde bezahlt. Für einen Beitrag am Blog? Der scheint dann aber auch automatisch im Newsletter auf, der an ein paar hundert Opinion Leader da draußen geht. Auf Twitter folgen mir auch nochmal 2.800 (de) bzw. 43k (en) Tweeps. Und vergessen wir nicht die Facebook-Page (nominell auch 3k, aber nur 300-900 Reach), meine Community und die datenschmutz Page auf Google+, mein Pinterest Account (unter den Top 10 in Österreich)… Nein, meine Social Media Reichweite verkauf ich nicht. Aber wenn Ihr Produkt so gut ist, wie sie sagen, werd ich sicher einigen Leuten davon erzählen.

Fazit: Ich bin stets offen für neue Werbekooperationen, deren Lukrativität und Sinnhaftigkeit ich aber natürlich jeweils im Einzelfall überprüfe. Meine Motivation, datenschmutz zu betreiben, ist allerdings eine ganz andere: dieses Blog refinanziert sich nämlich sehr elegant über umwegrentable Synergieeffekte. Es fungiert nämlich als kombinierte Forschungs- und PR-Abteilung meines Beratungsunternehmens pnc [pettauer.net Consulting]: hier experimentiere ich um heraus zu finden, welche Online Marketing Strategien am besten funktionieren, um meine Kunden optimal beraten zu können. Und ich schreib regelmäßig drüber. So gesehen ist jeder Beitrag quasi mindestens Eigenwerbung. Außerdem soll es schon mehrfach vorgekommen sein, dass aus einer simplen Anfrage für eine Bannerschaltung ein ganz anderer Folgeauftrag entstanden ist.

Möchten Sie hier auf datenschmutz werben? Ich freue mich über Ihre Anfrage!

 

Google, Identitäten, Informationen und das Recht auf Vergessen

Alle Spatzen pfeifen es von den Telegraphenmasten: der Europäische Gerichtshof hat gestern entschieden, dass Google Links zu persönlichen Informationen, die das Grundrecht auf Schutz des Privatlebens erheblich beeinträchtigen, aus dem Suchindex löschen muss. Diese Entscheidung wird weitreichende Konsequenzen für das europäische Internet haben – ob Grund zum Jubeln besteht, ist allerdings mehr als fraglich. Während Mainstream-Medien von der Durchsetzung des “Rechts auf Vergessen” sprechen, sehen zahlreiche Rechts- und Branchenexperten eine (zu) weitgehende Bevorzugung des Persönlichkeitsschutzes zulasten der Informationsfreiheit.

Ins Rollen gebracht hat den Stein ein Spanier, der seinen geschäftlichen Ruf durch einen alten Eintrag gefährdet sah:

Er verlangte von Google, Links zu Berichten in einer spanischen Tageszeitung zu entfernen. Die Artikel stammten aus dem Jahr 1998, und es ging um die Zwangsversteigerung eines Grundstücks des Klägers wegen einer Pfändung aufgrund von Forderungen der Sozialversicherung. Google weigerte sich, die spanische Datenschutzbehörde verpflichtete das Unternehmen schließlich zur Löschung, wogegen dieses wiederum klagte. Das spanische Gericht legte das Verfahren nun dem EuGH vor.

Bevor der Prozess überhaupt beginnen konnte, wollte sich Google mit dem Argument, dass die eigenen Server nicht in der EU lokalisiert seien, aus der Affäre ziehen. Dieser Sichtweise schlossen sich die europäischen Richter nicht an und folgten dem Antrag von Generalanwalt Niilo Jääskinen:

Verarbeitungen personenbezogener Daten werden im Rahmen der Tätigkeiten einer “Niederlassung” des für die Verarbeitung Verantwortlichen im Sinne von Art. 4 Abs. 1 Buchst. a der DS-RL ausgeführt, wenn der Suchmaschinenbetreiber in einem Mitgliedstaat für die Vermarktung und den Verkauf von Werbeflächen der Suchmaschine eine Niederlassung oder eine Tochtergesellschaft einrichtet, deren Tätigkeit sich an die Einwohner dieses Staats richtet.

Bereits die grundsätzliche Feststellung der Zuständigkeit könnte die Karten für eine ganze Reihe juristischer Auseinandersetzungen neu mischen. Nicht nur Google, auch andere Konzerne wie Facebook könnten diesem Urteil folgend in die Pflicht genommen werden, so sie im jeweiligen Land ein Vertriebsteam beschäftigten, wie Erich auf FM4 schreibt:

Die Logik hat sich hier nämlich insgesamt umgedreht. Das Geschäftsmodell von Google bis zu Facebook ist ja nicht der Betrieb von Suchmaschinen oder Sozialen Netzen, diese sind nur Mittel zum eigentlichen Zweck: um dort Werbeflächen zu vermieten. Der EuGH hat hier also nicht an der technischen Verarbeitung der Daten angesetzt, sondern am Geschäftszweck, für den sie verarbeitet werden.

Wo ist die Google-Löschtaste?

In der Frage, ob Google für die eigenen Index-Einträge verantwortlich sei, gingen die Richter weiter als vom Generalanwalt vorgeschlagen. Googles vertritt den Standpunkt, dass Datenlöschung bei den jeweiligen Anbietern erfolgen müsse. Man selbst stelle keine Informationen online, sondern lediglich Verweise zu Dokumenten, die öffentlich im Internet verfügbar seien. Das gestrige Urteil legt eine gänzlich konträre Sichtweise an den Tag:

Der Hintergrund dieser Frage ist ausgesprochen heikel: Denn Suchmaschinen haben eine Gatekeeper-Funktion. Wer Informationen im Internet sucht, ist auf Suchmaschinen angewiesen. Und auch umgekehrt bieten Suchmaschinen den Betreibern von Webseiten den Zugang zu einem gigantischen Publikum. Die Löschung von Informationen betrifft also gleich drei verschiedene Personengruppen: Die Betroffenen der Datenverarbeitung, die Anbieter von Webseiten und die Nutzer von Suchmaschinen, also die Allgemeinheit.

Google müsste also zukünftig Löschanträge folgen, und zwar unabhängig davon, ob die betroffenen Informationen nach wie vor online verfügbar sind. Hans Peter Lehofer bringt das grundsätzliche Problem elegant auf den Punkt:

Das würde bedeuten, dass das Online-Archiv der Zeitung bestehen bleiben könnte, der Link darauf aber rechtswidrig wäre und zu entfernen ist – und dann wohl zB auch der Link auf die Veröffentlichung im Online-Archiv der Zeitung, den ich in meinem ersten Post zu diesem Fall eingefügt hatte (ich werde diesen Link jetzt sicherheitshalber vom Netz nehmen).

Die Entscheidung des EuGH ist noch zu neu, um Prognosen zur praktischen Umsetzung abzugeben. Klar ist jedoch, dass Google sich in Kürze wohl mit einer Flut von Löschanträge konfrontiert werden dürfte. Wie eine Einzelfallprüfung aussehen könnte, steht in den Sternen, doch da im Zweifelsfall Strafzahlungen drohen, dürfte die Zensurkeule via Datenschutz demnächst kräftigen Aufwind erleben:

Denn mit der Entscheidung des EuGH, Google zur verantwortlichen Stelle zu machen, macht das Gericht das Datenschutzrecht gleichsam zu einer Waffe gegen missliebige Inhalte jeder Art. Denn, wie das Gericht völlig richtig erkennt: Das (Nicht-)Vorhandensein einer Information im Google-Index entscheidet auch darüber, ob diese praktisch im weltweiten Datennetz verfügbar ist. Wenn Google aufgrund der bloßen Tatsache, dass auf verlinkten Seiten personenbezogene Daten vorgehalten werden, verpflichtet werden kann, die entsprechenden Ergebnisse aus seinem Suchindex zu löschen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten von kritischer Information Betroffenen sich genau diesen Hebel zu Nutze zu machen versuchen.

Thomas Stadler formuliert dies noch drastischer und weist in seinem Beitrag “Wer gegen Netzsperren ist, muss auch das EuGH-Urteil zu Löschpflichten von Google ablehnen” auf die medienpolitische Dimension des Urteils hin:

Dass Google im Grunde ein Medienanbieter ist, dem man auch ein Medienprivileg zubilligen kann und muss, wird vom EuGH völlig ausgeblendet. Wer wie ich die Meinungs- und Informationsfreiheit für das vielleicht höchste Gut einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft hält, kann gar nicht anders, als dieses Urteil entschieden abzulehnen.

Fazit: Datenschutz sticht Informationsfreiheit

Insgesamt hinterlässt das EuGH-Urteil zum “Recht auf Vergessen” einen schalen Nachgeschmack. Die Freude darüber, dass sich US-Konzerne nicht mehr mit einem simplen “Unsere Server stehen nicht auf eurem Kontinent!” aus der Verantwortung stehlen können, wird getrübt durch die Schattenseite der Löschfunktion. Denn wenn mangels alternativer Suchmaschinen auch stets von einem “Google-Urteil” die Rede ist, so gilt die Entscheidung sinngemäß für alle öffentlich zugänglichen Web-Archive, die personenbezogene Daten enthalten.

Freilich gibt es auch positive Stimmen. RA Cornelius Renner differenziert zwischen “Verfügbarkeit” und “Auffindbarkeit”:

Je nachdem, wie die EuGH-Rechtsprechung von den nationalen Gerichten jetzt umgesetzt wird, ist kann sie nun durchaus zu einem sachgerechten Ergebnis führen: Berichte über Straftaten wären über Archive von Zeitungen bei der gezielten Suche danach noch abrufbar, so dass die Geschichte nicht getilgt würde, sie würden aber nicht jedem gleich “unter die Nase gerieben”, der den Namen des Betroffenen in der Suchmaschine eingibt.

Diese Konstellation klingt für mich nach einer zutiefst “österreichischen Lösung”, also nicht Fisch noch Fleisch. Denn sie verlagert das grundlegende Probleme auf die Ebene der Medienkompetenz: wer weiß, wo und wie er sucht, findet die ganze Wahrheit – der breiten Öffentlichkeit dagegen bleibt verborgen, was im Dunkel der digitalen Archive schlummert.

Ob europäische Google-Ergebnisseiten demnächst tatsächlich in großem Stil abspecken werden, muss sich zeigen – der eingangs erwähnte Spanier jedenfalls hat sein angestrebtes Ziel nicht erreicht, wie Hans Peter Lehofer anmerkt:

Eine ketzerische Frage dazwischen: dürfte der Betroffene von Google auch verlangen, dass bei der Suche nach seiner Person ein Link auf dieses Urteil des EuGH aus den Ergebnislisten genommen wird (der Name des Betroffenen wurde vom EuGH nicht anonymisiert)? Immerhin erfährt man aus dem Urteil ja, dass der Betroffene vor 16 Jahren von einer Zwangsversteigerung betroffen war, was als solches wohl kein beonderes öffentliches Interesse rechtfertigen kann.

Die Politik muss schneller werden – Interview mit Sascha Lobo

Sascha Lobo ist Blogger, Buchautor, Journalist – zusammenfassen lassen sich seine viele Aktivitäten wohl am besten unter dem Begriff “Online-Popstar”. Am Internet Summit 2013 hielt der deutsche Netzaktivist mit dem unverwechselbaren roten Irokesen-Haarschnitt einen Vortrag über den Status Quo von Netzpolitik und Netzneutralität. Die österreichische Online-Branche feierte in diesem Jahr ein Doppeljubiläum: 25 Jahre .at-Domains und 15 Jahre nic.at boten gleich zwei Anlässe für eine kritische Analyse des Status Quo, denn die drängenden Fragen auf der digitalen Agenda häufen sich.

Medienmonopole nie gekannten Ausmaßes formen die digitale Sphäre. Google definiert, was wir wie im Internet finden, die NSA hört fröhlich und unsaktiniert mit. Zugleich wird an vielen Fronten hitzig über Datenleitungen als Basisinfrastruktur diskutiert respektive gestritten, und etliche Provider würden das Prinzip der Netzneutralität lieber heute als morgen aufgeben. Was kann die Politik tun, was soll die Politik tun. Was ist der User, was darf er hoffen? Viel Vergnügen mit dem ersten Teil des Interviews.

Im zweiten Teil des Podcasts geht’s um Weblogs und Social Media:
datenschmutz-Videopodcast mit Sascha Lobo – Teil 2

Crowdfunding in Österreich: Investitionswille ja, Rechtssicherheit nein

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Crowdfunding, also die Finanzierung von Produkten, Dienstleistungen und Unternehmen durch eine große Zahl von Kleinanlegern, könnte Österreichern bis auf Weiteres verwehrt bleiben. In Zeiten der Wirtschaftskrise mussten zahllose KMUs, die wenige Jahre zuvor noch als “gesunde Firmen” galten, zusperren, weil Banken kurzfristig Kredite fällig stellten. Die Lage für Neufinanzierungen sieht nach wie vor alles andere als rosig aus. Private stille Teilhaber als Alternative erfreuen sich zwar im Ausland großer Beliebtheit, das österreichische Banken- und Kapitalmarktgesetz ermöglichen in der derzeitigen Form aber leider keinerlei Rechtssicherheit für Crowdfunder.

[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column width="1/1"][vc_message color="alert-block"]

Update 1: danke für das laute Echo! Ich hatte schon länger ein Posting über die Crowdfunding-Problematik in Österreich geplant, die Pressekonferenz heute vormittag gab dann den Anstoß. [siehe OTS-Meldung: "Mehrheit der Österreicher für Crowdfunding"]

Die große Resonanz hat mich dazu bewogen, den Link zu meinem Beitrag auf die Facebook-Page von Bundeskanzler Werner Faymann zu posten. Ich möchte mithelfen, die SPÖ für dieses Thema sensibilisieren, damit die Diskussion bzw. die nötigen Gesetzesänderungen nicht bis zur nächsten Nationalratswahl verschleppt werden.

Machen wir gemeinsam Crowdfunding in Österreich möglich! Mit genügend Likes und Kommentare zum Crowdsourcing-Posting auf der Facebook-Page von Bundeskanzler Faymann bringen wir die AK und in weiterer Folge die SPÖ im Idealfall dazu, ihren Standpunkt nochmal zu überdenken: zum Posting

Update 2: eine Mitglied des “team bundeskanzler” hat auf meine Brief geantwortet: http://datadirt.net/8zo7

[/vc_message][vc_cta_button call_text="Machen wir gemeinsam Crowdfunding in .at möglich!" title="zum Facebook-Posting" target="_blank" color="btn-primary" icon="none" size="btn-large" position="cta_align_right" href="http://datadirt.net/akcrowd"][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column width="2/3"][vc_column_text]

Jammerschade, denn dank spezialisierter Web-Plattformen ist es heute einfacher als je zuvor, eine relevante Zahl von Mikro-Investoren für die eigene Idee zu begeistern. Manchmal funktionieren solche bankenlosen Kredite sogar ganz ohne Beteiligung von digitalen Medien.

Bekanntestes Beispiel in der Alpenrepublik ist der Waldviertler Unternehmer Heini Staudinger. Als seine Firma GEA von der Hausbank keinen Kredit mehr bekam, lieh er sich die benötigten 3 Millionen Euro von Freunden und Kunden, denen er Zinszahlungen versprach – woraufhin ihn die österreichische Finanzmarktaufsicht verklagte. Nur Banken, so die Argumentation, dürfen Kredite vergeben.

Die geforderte Strafe von €2.000 hat der “Kreditrebell” nicht bezahlt, lieber möchte er sich demonstrativ einsperren lassen. Für Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl ein Anlass, eine Lanze für die Legalisierung des Crowfunding in Österreich zu brechen. Eine heute präsentierte Studie der Jungen Wirtschaft gibt ihm recht: das market Institut befragte 1.000 Personen zu Risiko-Einschätzung und Investitionsbereitschaft. Das Resultat zeigt, dass angesichts von 484 Milliarden Euro Finanzvermögen heimischer Privathaushalte hier ein enormes Potential schlummert:

[/vc_column_text][/vc_column][vc_column width="1/3"][vc_single_image image="50945" img_link_target="_self" img_size="large"][vc_column_text]

“Wir werden Vorschläge machen, wie Herr Staudinger sein alternatives Finanzierungsmodell legalisieren kann”, sagt Leitls Sprecher Rupert Haberson.

[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column width="1/1"][vc_message color="alert-info"]

  • Auf die Frage, ob sich die Probanden vorstellen können, in ein bestehendes Unternehmen in deren Umgebung zu investieren, das für die Umsetzung eines Projekts viele kleine Investoren sucht, antworten 56 Prozent mit “auf jeden Fall” bzw. “eher schon”. Von diesen wiederum können sich jeweils 23 Prozent vorstellen, 500 Euro bzw. 1.000 Euro zu investieren.
  • 26 Prozent geben an, mehr als 1.000 Euro einbringen zu wollen. 28 Prozent würden weniger als 500 Euro anlegen. Im Durchschnitt würde sich jeder Befragte mit 700 bis 750 Euro an einem Projekt beteiligen.
  • Die Motive für Investitionen in solche Crowdfunding-Projekte sind vielschichtig. So geben 92 Prozent an, ein derartiges Projekt zu unterstützen, wenn sie von der Idee überzeugt sind. 91 Prozent beurteilen eine Projektunterstützung als “sehr interessant” oder als “interessant”, wenn man klar erkennen kann, wie das Projekt umgesetzt werden soll.
  • Ein weiteres Motiv ist die Möglichkeit mit kleinen Beträgen einzusteigen. 90 Prozent ziehen diesen Punkt als ein Entscheidungskriterium heran.

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Anders als bei den Österreich in ländlichen Gegenden überall präsenten landwirtschaftlichen Genossenschaften sind die Financiers beim Crowdfunding nicht aktive Produzenten, sondern stille Teilhaber. Die Motivation, privates Kapital in Projekte mit kaum abschätzbarem Risiko zu investieren, besteht häufig gar nicht in der Hoffnung auf allfällige Renditen, sondern besteht oft im Produkt selbst respektive in dem Bonus, zu jenen Early Adopters zu gehören, die das begehrte Gadget als erste in der Hand halten.

Relevant ist für den Gesetzgeber der Schutz der Konsumenten, denn natürlich liegt das Risiko eines Totalverlusts weit höher als bei einem Sparbuch. Entsprechendes Bewusstsein ist bei den Investoren eindeutig vorhanden:

[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column width="1/1"][vc_message color="alert-info"]

  • Klar ist die Erwartungshaltung im Hinblick auf die Überprüfung derartiger Angebote durch staatliche Stellen. Dies ist nicht von Nöten, eine klare Mehrheit geht davon aus, dass sich hier beide Seiten auch ohne lenkende Hand einigen können.
  • Nur 20 Prozent erwarten sich eine staatliche Überprüfung. Dies lässt sich damit erklären, dass über Crowdfunding finanzierte Projekte in vielen Fällen eine Nähe zu den Investoren aufweisen und nicht nur von einigen wenigen, sondern von vielen Anlegern geprüft und durchleuchtet werden.

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Ein Blick über die Grenzen: Hardware-Finanzierung via “Kickstarter”

Schlagzeilen gemacht haben in jüngerer Vergangenheit hauptsächlich Hardware-Gadgets: mittlerweile sorgen nicht nur 3D Drucker und “smarte” Armbanduhren für begehrliche Griffe ins Sparschwein. Seit kurzem weckt eine Miniatur-CNC-Fräse namens Othermill reges Interesse. $50.000 wollte das Entwicklerteam Mike Estee und Danielle Applestone von 5.5. bis 4.6. Juni einsammeln, $311.657 sind bis vorgestern zusammen gekommen. Zwischen 1$ (ein “Dankeschön” auf der Webpage) und $2.499 (für einen der ersten Prototypen mit Zubehör und Custom-Gravur) liegt das Spektrum der Einzahlungen.

Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie sehr sich Crowdfundings von klassischen Investitionskrediten unterscheiden. Auf Plattformen wie Kickstarter gibt der Antragsteller eine Zielsumme an, die bis zu einem bestimmen Stichtag erreicht werden muss. Scheitert die Finanzierung, dann erhalten alle Einzahler in der Regel ihr Geld rückerstattet. Auf gut österreichisch: “nix’ is g’scheh’gn” [für die Leser auf 3Sat: wörtl.: "Nichts ereignete sich", fig.: "wo kein Nutzen, da zumindest kein Schaden"].

Passiert der Sammelbeutel die finanzielle Ziellinie, ist nicht automatisch Schluss. Bei weiten nicht allen Einreichern gelingt dies, besonders populäre Vorschläge finden aber immer wieder mal weit mehr Geld in der Kasse vor, als nötig wäre. Smarte Unternehmer sehen derlei Eventualitäten vorher und kündigen in der Beschreibung an, wofür sie das “Trinkgeld” einsetzen würden. Im Fall von Othermill sieht das so aus:

JOB CREATION: At $100,000, a job gets created! We can hire another machinist, and we can manufacture your machines faster.
SOFTWARE FEATURES: At $250,000, (first we jump up and down, and then…) we hire a third software engineer. This means the first release of Othercam has even more features and is able to do things (DXF importing, etc) currently planned for future versions.

Die Kommunikation zwischen Geldgeber und Unternehmer spielt hier also eine ganz wesentliche Rolle. Letztendlich vertrauen die Investoren einer Person respektive einer Idee. Kurz gesagt: Aktiengesellschaften sind gesetztlich verpflichtet, Geschäftsberichte zu veröffentlichen. Crowdfunding-Unternehmer müssen transparent kommunizieren, um potentielle Financiers zu überzeugen.

[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column width="1/1"][vc_column_text]

Zurück nach .at: Den Finanz-Horizont erweitern?

Dass Geeks und technologie-affine Netizens mit Gadgets leicht zu begeistern sind, ist nichts Neues. Die Schwarmfinanzierung eignet sich aber auch für ganz andere Einsatzzwecke: ob Künstler sich auf diesem Weg Freiheit von Produktionszwängen erkaufen möchten oder ganz klassische Unternehmer Alternativen zum Banken-Geldhahn suchen, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Der unternehmerischen Freiheit hierzulande aber sehr wohl, wie das Beispiel von GEA zeigt.

Zwei Bestimmungen sind, so Markus Roth, Bundesvorsitzender der Jungen Wirtschaft, zu modifizieren, um Crowdfunding in Österreich auf eine solide rechtliche Basis zu stellen. Zum einen das Bankwesengesetz, konkret Einlagegeschäfte, die zu keinem Zeitpunkt 5 Millionen überschreiten, keine Vorstufe zu einem Bankgeschäft darstellen, sondern durch realwirtschaftliche Tätigkeiten finanziert werden, sollen nicht mehr als solche gelten. [für Juristen: §1 Abs 1Z1 BWG].

Zum anderen das Kapitalmarktgesetz, welches die sogenannte Prospektpflichtgrenze bei €100.000 ansetzt. In den Niederlanden und Schweden beträgt diese 2,5 Millionen, in Finnland und Dänemark gar 5 Millionen Euro. Neben der Anhebung auf €499.999 wünscht sich die Junge Wirtschaft ein Stufenmodell: je mehr in ein Projekt investiert wird, desto umfangreicher sollen die Informationspflichten für die Unternehmen ausfallen.

Der Ruf wird immer lauter, dass das Parlament die geforderten Rahmenbedingungen schafft: Politiker, die mangelndes Investitionskapital beklagen, sollten privaten Investoren und innovativen Unternehmern diese Form der stillen Direktbeteiligung auf keinen Fall verwehren. Bisher verweigert die SPÖ auf Druck der Arbeiterkammer die entsprechenden Gesetzesänderungen. Dass Konsumenten vor Betrug und Manipulation geschützt werden sollen, ist jedem völlig klar. Wenn diese Konsumenten allerdings aus Überzeugung in ein Unternehmen investieren möchten und sich des Risikos bewusst sind, fordern sie vom Gesetzgeber Rahmenbedingungen für ein funktionierendes österreichisches Crowdfunding-Ökosystem.

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Trends in Communication: Livestream heute ab 17 Uhr

Kurzfristige Ankündigung: heute um 17 Uhr beginnt an der Fachhochschule Kufstein das Symposium “Trends in Communication – Facebook, Google & Co erobern die Welt”.

Ich halte um circa 18:30 Uhr eine flammende Brandrede gegen Walled Gardens und pro Netzneutralität um gehe auf aktuelle Online-Marketing Trends ein – also, wie er gegensätzlicher nicht sein könnte. Überhaupt hat Martina Lettner, Leiterin des Studiengangs Studiengangsleitung Marketing & Kommunikationsmanagement, ein multi-facettiertes Podium zusammengestellt: Tom Jank von der WK Tirol eröffnet mit Strategien gegen “Die Social Media Bremse – Wie man im Zeitalter von Social Media kreativ bleibt”, weiter geht’s mit Yussi Pick, der den p.t. Publikum einiges über US-Kampagnen erzählen wird und was wir davon lernen können.

Als dritter steh ich auf der Bühne, nach der Pause setzt Kommunikationsforscher Axel Maireder mit “The Daily You & Me – Das Programm von Facebook und Twitter” fort, das Schlusswort hat Manuela Leitner, die aus ihrer Facebook-Spezialisten-Praxis berichtet: “Chef, wir brauchen auch so ein Facebook”.

Die Veranstaltung ist schon längere Zeit ausgebucht, wird aber live ins Netz gestreamt. Ab 16:45 geht’s los – ich sitz gerade im Zug gen Nordtirol und freu mich auf angeregte Diskussionen.

Hashtag zu “Trends in Communication”: #somekomm
Livestream | mehr Infos zur Veranstaltung

Die Tageszeitung Der Standard Kompakt – Das Kleinformat

Was bin ich erschrocken, als heute die erste kleinformatige Ausgabe des neuen Standards für Kurzarmige und Hundebesitzer vor der Wohnungstür lag! Das ist einfach…. nicht richtig. Wie ein Hybridwesen aus dem Labor, Frankensteins Zeitungsmonster: eine Abdomination, erschaffen in bester Absicht, aber doch ein Frevel an der natürlichen Ordnung… ach was, ganz so schlimm ist der Standard Kompakt überhaupt nicht. Die Grafiker dort haben bloß recht wenig Ahnung von A4-plus-ein-bisschen-was-Layouts, deshalb liest sich die Zeitung rein optisch so charmant wie ein Bezirksblatt, das die Anzeigen durch Presseagentur-Meldungen ersetzt hat.

Standard und ÖsterreichDer Standard und eine österreichische Satiretageszeitung im Größenvergleich.

Dabei kannte meine Freude in gewissen Grenzen keine Grenzen, als mir ein sich selbst terminierendes, sechswöchiges Testabo für lau angetragen wurde – denn niemand hasst Großformate mehr als ich: beim Motorradfahren auf der Autobahn fliegen dir ständig große Vögel in die Zeitung, im Bett sieht man beim Umblättern kaum mehr auf den Fernseher. Die große Chance, die sich durch den geringen Umfang des Standard Kompakt böte, lässt die Redaktion leider ungenutzt verstreichen. Ein Beispiel von Seite 20, Rubrik “kurz gemeldet”: 4 Meldungen, 2x APA, 1x DPA, 1x red – letzere mit dem Titel “Erratum”.

In den besten Momenten reicht die Qualität der Untertitel fast an fellneröses Buntpapier ran, wenn etwa in der Rubrik “Netbusiness / Wissenschaft” der Artikel “Ein Internet für Roboter” mit dem Lead beginnt “Was Roboter Franz nicht kann, lernt er künftig von seinem Kollegen Josef.” Soll der kompakte Standard, was er nicht kann, künftig von seinen Kollegen Österreich und Heute lernen? Ohne wirklich zukräftige Artikelüberschriften wie “Warum Peter Pilz diesen afrikanischen Baum zersägte” (1) wird das nix an den U-Bahn-Stationen.

Aber dort soll der Standard Kompakt ja auch gar nicht aufliegen, vielmehr handelt es sich um einen Testballon, der klären soll, ob Interesse an einem Produkt im kleineren Format besteht. Ich hab darauf eine klare Antwort: ja, wenn’s nix kost…

Outtakes / Making of

Standard Shooting


(1) In Anlehnung an die legendärste Österreich Schlagzeile ever: “Afrikanerin zersägte diesen Straßenbahnfahrer”

Günter Wallraff und der Amazon-Shitstorm

Ähnlich wie Uri Geller kraft seines Geistes (und seiner Finger) Löffelchen biegt, entfachte schon so manches Lüftlein des Enthüllungsjournalisten Wallraff einen wahren Sturm der Empörung im Wasserglas des deutschen Arbeitsrechts. Mixt man noch ein wenig ARD-Doku plus die “virale Kraft sozialer Netzwerke” hinzu, dann hat nicht nur die niederösterreichische Leiharbeiter-Firma Trenkwalder möglicherweise in naher Zukunft ein Problem.

Was war geschehen?

Laut der Presse folgendes:

Ein ARD-Bericht über die schlechten Arbeitsbedingungen beim Online-Händler Amazon schlägt hohe Wellen. Das deutsche Arbeitsministerium hat nun die deutsche Tochter der niederösterreichischen Leiharbeitsfirma Trenkwalder im Visier: Am Donnerstag wurde eine Sonderprüfung gegen das Unternehmen eingeleitet, bestätigte eine Sprecherin von Ursula von der Leyen. [...] Trenkwalder war für die Rekrutierung der Amazon-Beschäftigten zuständig. Der Firma droht nun in Deutschland der Lizenzentzug. Welche Folgen das genau hätte, konnte die Sprecherin nicht sagen.

“Hier bin ich in einer anderen Welt, hier muss ich gehorchen, hier gilt meine Würde nicht.” Was sich anhört wie das typische Resümee eines Social Media Praktikanten, bezieht sich auf die Schattenwelt unter respektive hinter der (gar nicht mal so schönen) Oberfläche des mächtigsten unter den Online-Buchhändlern. Denn hier malochen, schikaniert von einem Sicherheitsdienst, dessen Mitarbeitern man Verbindungen zur rechten Szene nachsagt (Welcher Security Firma eigentlich nicht? Der Job zieht nun mal den Bodensatz an.), massenweise Leiharbeiter, die so wenig Geld bekommen, dass sie “teilweise in der Kantine um Kaffee betteln”.

So manches erschließt sich mir auch beim zweiten Anschauen nicht, so etwa der Kommentar des Busfahrers, der das ARD-Team auf die mistigen Arbeitsverhältnisse aufmerksam gemacht hat. Die Leute, so erzählt er, wohnen oft 30 Kilometer vom Werk weg. Er holt sie ab und bringt sie nach ihrer Schicht wieder zurück – für die Leute seien das oft “mehrere Stunden täglich”. Hier könnte ein schnellerer Bus möglicherweise Abhilfe schaffen, anderswo liegt der Umgang mit den humanen Ressourcen so sehr im argen, dass man sich nahezu an Apple’sche Produktionsverhältnisse gemahnt fühlt:

Aus Zuschriften von Betroffenen gehe hervor, dass diese von Kameras überwacht, schon bei kleinen Verschnaufpausen zum Vorgesetzten zitiert würden und mit Repressalien rechnen müssten. In Einzelfällen durften Wallraff zufolge Medikamente, die etwa Diabetiker brauchten, nicht mit ins Lager genommen werden.

Dabei muss man gar nicht die Extremfälle bemühen, um schnell zu bemerken, dass hier eine ordentliche Sauerei mit System am Laufen ist: krisengebeutelte Spanier bekommen über Vermittlung der deutschen Agentur für Arbeit respektiven deren europäisches Pendant einen Saisonjob für €1.500,- brutto bei Amazon Deutschland angeboten. Zwei Tage vor der Abfahrt erfahren sie, dass “Amazon nicht in der Lage ist, sie direkt anzustellen” und sie daher über die Leiharbeitsfirma Trenkwalder angestellt werden. Vor Ort bekommen sie einen deutschsprachigen Vertrag, dessen Inhalt sie nicht lesen können: 12 Prozent weniger Lohn als ursprünglich angekündigt, Unterkunft in winzigen Sechser-Appartments bei Kaltverpflegung, die selbst zu bezahlen ist… Leiharbeiter oder Leibeigene, mitgehangen oder mitgefangen, aus dem Ausland mit falschen Versprechungen angelockt – bilden Sie sich selbst Ihre Meinung, die ARD kickt ihre Produktionen nicht wie der geizige ORF nach 7 Tagen wieder vom Server. Hier geht’s zur Doku, die letzten Mittwoch ausgestrahlt wurde: Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon.

Der Beitrag hat eine ganze Slacktivism-Lawine ins behäbige Rollen gebracht: Zweieinhalbtausend tun auf der Facebook-Page amazon? Nein Danke ihren Unwillen kund, etliche Tweets versichern die zukünftige Entsagung vom digitalen Shoppen beim Platzhirsch. Man kann nur hoffen, dass nicht irgendwann mal eine Doku katastrophale Arbeitsbedingungen in einem Facebook-Support-Center ans Licht bringt, denn wo sollten die Wutbürger sich dann noch entleeren?

Wenig überraschend haut der deutsche Buchhändlerverband kräftig in die offene Kerbe, Sybille Hamann romantisiert über Vorteile der Grätzel-Nahversorgung und fährt mit ihrem Beitrag einen Kommentar ein, der das Problem wunderbar auf den wunden Punkt bringt:

[...] Ich werde dort sicher nichts mehr kaufen, auch wenn Amazon jetzt auf Richtigstellung oder gar Einsicht etc machen sollte. Ich habe dort schon viel gekauft, von Spielen über DVD playern bis zu Handys! – no more.
Ich bin aber in der moralischen Zwickmühle, weil ich auch ein Produkt auf Amazon verkaufe, das dort 95% meines Umsatzes einspielt. Wenn ich es schaffe, es dort über meinen Vertrieb abzuziehen, juckt es Amazon nicht, mich aber gewaltig! :-/ man sieht, Geld regiert! [...]

So selbstkritisch ginge Günter Wallraff niemals vor, wie dieser wunderschöne Screenshot der Google-Suche nach “Wallraff Amazon” eindrucksvoll demonstriert – schließlich werben die ja sogar mit seinem guten Namen:

Amazon und Wallraff

Auf Twitter spricht Martin Lindner die Endkonsumenten kollektiv von jeglicher Schuld frei:

Haben die Befürworter “stärkerer staatlicher Kontrollen” recht, wenn sie behaupten, wir leben in einem Wirtschaftssystem, das Unternehmen zu solch – wenn nicht kriminellem, dann höchst unmoralischem Vorgehen zwingt – Machenschaft zwingt, um nicht geradewegs in die Pleite zu rutschen? Oder sollten die Netzgemeinde das Pferd von vorne aufzäumen und Amazon mit Einkaufsfasten zum Einlenken bewegen? Die ARD-Doku legt nahe, dass es sich im vorliegenden Fall um alles andere als eine Verkettung unglücklicher Umstände handelt, sondern um eine untragbare Situation – sicherlich kein Spezifikum des Online-Versandhändlers, und daher umso mehr ein Bereich, in dem dringender Reformbedarf besteht.

Die Tirol Werbung serviert kein Hundegulasch

Der Alanohof bietet neben konsensualen, Rinder-basierten Fleischspezialitäten einen erstklassigen Stein des Anstoßes in Form von Bio Trockenfleisch Dog Jerky, Bio-Dog Ramen und Bio-Alanoschinken, alles aus hauseigener Produktion von glücklichen Montafoner Rindern sowie glücklichen Hunden (“ausnahmslos Molosser, keine Haustierrassen”). Medieninhaber der bereits mehrfrach inkriminierten Seite ist niemand geringerer als Luzius Bernhard, Wien. Da sich der Alanohof in die lange Projektliste der Digitalkunst-Avantgardisten UBERMORGEN.COM einreiht, müssen Hundefleischliebhaber weiterhin die Interconti-Maschine nach Asien nehmen – dies jedoch bloß als Hinweis am Rande für kurz Unentschlossene auf der Suche nach originellen Ideen fürs weihnachtliche Festmahl.

Aber es dreht sich heute ja gar nicht um den Menüplan, sondern den ungleich geschmacklosere Themenkomplex “Legislatur und Linksetzung”, daher sei an dieser Stelle gesagt: der Diskussion über guten Geschmack mögen andere Legionen von Bildschirmseiten widmen, ich verweise gemäßigte Veganer und gemästete Carnivoren an dieser Stelle bloß auf folgendes Zitat:

Herzog: [...] Diese Tabus sind kulturell, oft religiös bedingt und meistens vollkommen willkürlich, ja sogar unsinnig. Den Massai in Afrika zum Beispiel ist es verboten, Fisch zu essen.

BeobachterNatur: Fisch in der Wüste?

Herzog: Eben. Hindus essen keine Kühe, Muslime und Juden bekanntlich kein Schweinefleisch, und für Katholiken steht freitags Fisch auf dem Menüplan. Rational lässt sich keine dieser Vorschriften erklären.

Rein rational lässt sich allerdings ebenso schwer erklären, warum die Tirol-Werbung nun meint, rechtliche Schritte gegen besagte Homepage unternehmen zu müssen, denn die Betreiber des Alanohofes machen wahrlich keine Mördergrube aus ihren Herzen und listen die Tirol-Werbung auf der Subpage Freunde unter der Kategorie Nicht-Sponsoren und Sites, die wir moegen, die aber uns nicht moegen. Die Vorgeschichte erklärt folgende Pressemitteilung von UBERMORGEN.COM:

Vor einem Jahr haben UM auf freundliche Anfrage der Tirol Werbung GmbH das Tirol Logo von der Alanohof Website entfernt. Nun nutzt die Tirol Werbung die Adventszeit um mit einem neo-juristischen Drohbrief (s. Beilage) und einer sittenwidrigen Unterlassungserklaerung (eine Art Einverstaendniss zur Leibeigenschaft) Tiroler Heimatgefuehl, Gastfreundschaft und Lust auf Skifahren zu erzeugen. Die absurde Forderung: Die Entfernung des Wortes und Links “Tirol” auf der Website www.alanohof.com in der Sektion: “Nicht-Sponsoren und Sites, die wir moegen, die aber uns nicht moegen” –> http://www.alanohof.com/freunde.php

Die Kunst (UM) reichte den kleinen Finger, das Land Tirol glaubt nun die ganze Hand haben zu koennen. Diese billige Abmahnung [pdf] ist eine künstlerische Beleidigung und ein gutes Beispiel struktureller Gewalt.

UBERMORGEN hat daraufhin einen Brief und eine selbstverfertigte Unterlassungserklaerung [pdf] an die TW und deren Anwaltskanzlei geschickt mit der Androhung einer Konventionalstrafe von € 23.000,00 (Euro dreiundswanzigtausend) pro Stunde. Auszug aus dem Brief an die Anwaltskanzlei: “Wir verwehren uns ausdrücklich gegen die von Ihnen vorgebrachten Weisung, diese Ihre Meinung durch uns nur im privaten aber nicht auch im öffentlichen Raum vorzubringen. In diesem Sinne verweisen wir auf die beiliegende Unterlassungserklärung und fordern Sie auf, genannte Erklärung unterfertigt bis spätestens 24. Dezember 2012 (einlangend) an unser Büro zu retournieren”.

Tatsächlich steckt hinter der nur vordergründig Kulinarik-lastigen Auseinandersetzung die Frage um die Legalität des Linksetzens an sich. Ich zitiere weiter aus der Pressemitteilung:

Normalerweise hat UM kein Interesse an Konflikten mit Provinzakteuren. UM wird seit Jahren von Unternehmen und Staaten (OMV, USA, Bundesrepublik Deutschland, FBI, Republik Oesterreich, NSA, Google, Staatsanwaelte in Deutschland, USA, Schweiz, Oesterreich, Bulgarien & England, BKA Deutschland, Amazon, IBM, etc.) juristisch und faktisch bedroht und bekaempft.

Der Verein Tirol Werbung (Obmann LH Guenther Platter, gleichzeitig Verteidigungsminister & Innenminister, Schuessel II) hat bei UM jetzt aber den richtigen Nerv getroffen, und das in der Vorweihnachtszeit und “zum Nutzen der Tiroler”. –> http://www.tirol.at/de/impressum

Ein interessanter Aspekt dieser Auseinandersetzung wird die neue Rechtsprechung im Bereich “Haftung für Links auf fremde Seiten” werden. Das Setzen von Links ist nach österreichischem Recht weder ausdrücklich verboten (obwohl einige ältere Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes dies vermuten lassen), noch ausdrücklich erlaubt. Da das WWW ohne Linksetzen nicht denkbar ist, kann aber davon ausgegangen werden, dass das Setzen von Links grundsätzlich erlaubt ist. Allerdings sind einige gesetzliche Spielregeln zu beachten.
–> WKO: http://bit.ly/WgqOc6

Wenn die Tirol Werbung versucht, ausgerechnet Hans Extrem und Liz VLX das Hyperlinken zu verbieten, dann haben die alpinen Werber und Juristen zweifelsohne keine Ahnung, sowohl worauf als auch mit wem sie sich da einlassen… sprich: die Feiertage könnten im Herzen der Alpen noch reichlich spannend werden, denn:

UBERMORGEN wird die Drohung dennoch einigermassen ernst nehmen und (quid pro quo) Tirol Werbung und ihre Rechtsanwalts-Armada mit einem Overkill an rechtlichen und technischen Mitteln bekaempfen – selbstverstaendlich alle im Rahmen der Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit, Freiheit der Kunst, Boykotte, Negativ-Kampagnen in Oesterreich, der Schweiz und Deutschland, gewaltlosen Widerstands und des zivilen Ungehorsams. Eine Kampagne auf der Facebookseite “Tirol – Herz der Alpen” markiert den Beginn einer langen und schmerzhaften Reise –> http://www.facebook.com/tirol

Dass die beiden Künstler gute Chancen haben, legt der rechtliche Status Quo des Verlinkens durchwegs nahe, denn die oben erwähnten “zu beachtenden Einschränkungen” beziehen sich primär auf fremden Federschmuck: fremde Inhalte dürfen nicht als eigene ausgegeben werden, ferner darf nicht der Eindruck einer “unerwünschen Nahebeziehung” erweckt werden:

Offen ist auch, ob ein Website-Betreiber eine Verlinkung auf seine Website verbieten kann. Dies wird jedoch dann zu bejahen sein, wenn ein berücksichtigungswürdiger Grund vorliegt, eine Verlinkung zu unterlassen oder einen Link zu entfernen. Ein solcher Grund könnte zB darin bestehen, dass durch eine Verlinkung der Eindruck einer unerwünschten Nahebeziehung zwischen zwei Website-Betreibern erweckt wird.*

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Haustierhund, nicht zum Verzehr bestimmt.

Ich bin noch immer kein Jurist, aber dass durch die Kennzeichnung eines Hyperlinks mit den Worten “Seiten, die wir mögen, die uns aber nicht mögen” ein Naheverhältnis suggeriert wird, darf wohl getrost verneint werden. Falls nicht, so schafft die Rechtssprechung einen Präzendenzfall, der ordentlich an den Eckpfeilern des Internet rüttelt: denn bliebe es dem Betreiber einer Webseite überlassen zu entscheiden, wer auf seine Page verlinken darf und wer nicht, der Betrieb einer jeden Webseite über Nacht ganz schön teuer werden. Und sämtliche Online-Shops und Bewertungsplattformen sollten bei nicht vorbehaltlos lobpreisenden Postings sicherheitshalber auch Verlinkungen verzichten… Weave sieht das ähnlich:

Ich bin gespannt, wie sich die Causa “digitales Hundefleisch vs. Tirol Werbung” weiter entwickelt und ob der Schweizer Kanton Graubünden als dritte Partei in die juridische Schlacht zieht, immerhin bietet der Alanohof ja auch Bio Bündner-Fleisch an.


*) Ein anderer könnte auch in der intentionalen Verwendung konkurrenz-schädigender Backlink-/Keyword-Kombinationen liegen, aber soweit hat sich vermutlich noch kein Richter in die Untiefen des Blackhat-SEO vorgewagt.

Über FlattR und Co

Nix gegen Micropayments. Nix gegen Werbung. Dass ich dieses Blog betreibe, um eine breite Palette persönlicher und geschäftlicher Vorteile daraus zu ziehen, habe ich von Beginn an gesagt, was mir vor einigen Jahren teils nicht gerade freundliche Kommentare eingebracht hat. Egal, datenschmutz hat sich als kombinierte Forschungs- und PR-Abteilung meines Ein-Personen-Unternehmens hervorragend bewährt. Aber FlattR, “Spenden Sie für dieses Blog” und Co? Ey Manno. Fehlt bloß noch, dass Corporate Blogs nachziehen… Wie schon ein altes amerikanisches Sprichwort sagt: Die eigenen Blogleser um finanzielle Unterstützung zu bitten ist das gleiche, als würde man vom Kellner im Steakhouse nach dem Essen Trinkgeld verlangen. Weiterlesen

Stephen Elop über Microsofts Business Visionen

usaDieser Beitrag ist auch auf Englisch verfügbar.

Bill Gates schickt, anders als Ex-Kanzler Franz Vranitzky, Mitarbeiter mit Visionen nicht notwendigerweise zum Arzt. Ganz im Gegenteil: Stephen Elop, Präsident von Microsofts Business Division, erzählt im folgenden Interview, in welche Richtung sich Business-Kollaboration seiner Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln wird:

Weiterlesen

Gapminder.org: Neues Interface

Berühmtheit in der Netz-Community erlangte Hans Rosling durch seine TED-Vorträge über Weltgesundheit und Demographie. Zur Visualisierung seiner Thesen entwickelte der schwedische Professor für Internationale Gesundheit eine Software namens Gapminder, die auf elegante Weise elementare Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen, demographischen und gesundheitlichen Parametern veranschaulicht.

gapminder

Diese Woche präsentiert Hans Rosling eine überarbeitete Version der Online-Version Gapminder.org mit einem verbesserten Interface, zahlreichen neuen Funktionen und Ressourcen speziell für Lehrkräfte. Weiterlesen

Video-Podcast: Interview mit Matthias Lüfkens

Matthias Lüfkens hielt am eDay 2010 vergangene Woche die Keynote: der Social Media Experte des World Marketing Forum Davos rät Unternehmen, auf die eigenen Mitarbeiter als wertvollstes Web 2.0 Kapital zu setzen und sich nicht von (weitgehend unbegründeter) Angst vor negativen Konsequenzen und Kontrollverlust zu fürchten.

Im Video-Interview, das sich *kein* Social Media Berater (und die gibt’s mittlerweile ja wie Sand an der Strandbar Hermann) entgehen lassen sollte, erzählt Matthias, den ich beim World Blogging Forum in Davos kennen gelernt habe, worauf Unternehmen bei ihren Social Media Marketing Aktivitäten achten sollten und woher der Trend-Wind 2010 weht:


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Agentur.Biz: Digital Affairs legen heute los

Digital AffairsJudith Denkmayr, “in der Webszene als Linzerschnitte bekannt”, wie das Wirtschaftsblatt schreibt (datenschmutz-Lesern als Ko-Autorin des Blogistan-Panoptikums im Gedächtnis) und Gerald Bäck gründeten gemeinsam die Social Media Agentur Digital Affairs – ab sofort Österreichs führende Full Service Agentur für erfolgreiches State-of-the-Art Social Media Marketing.

Neben den beiden Geschäftsführern sind PR-Guru Dietmar Ecker, Gründer und Chef von Ecker und Partner ebenfalls mit 30% und Markus Höfingers PXP mit 10% an der neuen Agentur beteiligt. Schwerpunkt der Firmenstrategie ist es, Firmen den kommerziellen Nutzen sozialer Netzwerke näher zu bringen und effiziente Marketing-Lösungen fürs Web 2.0 zu entwickeln. Weiterlesen