...den man aufmachen muss, bevor der Kragen platzt! Mein Interviewpartner und Keynote-Sprecher auf der Identitat09 ist Facharzt für Innere Medizin, Mitgründer österreichischen Cliniclowns, Vortragender, Seminarleiter, Humorspezialist und Gründer der Eventagentur Happy&Ness. Er sprach in seinem überaus witzigen Vortrag über die Wichtigkeit des Faktors Humor in allen Lebenslagen - und wenn ein Arzt behauptet, dass Lachen gesund ist, dann kann ja wohl nicht bloß die metaphorische Dimension gemeint sein!
Johannes Gutmann von Sonnentor - das klingt ja fast nach einem Adelstitel. Aber weit gefehlt: Sonnentor ist kein altes Herrschergeschlecht, sondern ein recht junger Bioproduzent, den mittlerweile vermutlich jeder österreichische Kräutertee-Trinker mit Qualitätsanspruch kennt. Als ich Johannes zu Beginn des Interviews fragte, wie ich ihn ansprechen soll - als Geschäftsführer, Gründer oder CEO - antwortet er: sag einfach "von Sonnentor". Mit diesem Attribut könnte man auch jeden anderen Mitarbeiter des Waldviertler Bio-Produzenten versehen, und davon gibt's mittlerweile eine Menge. Aber was Johannes vom Rest der Belegschaft unterscheidet, ist die Tatsache, dass er vor einigen Jährchen Sonnentor gegründet: anfänglich schwer unterkapitalisiert und als One-Man-Show.
Letztendlich spielte die Knappheit der Finanzmittel eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung des Businessmodells: die Ressourcen für Lager und Produktionsstätten waren einfach nicht vorhanden, also ließ Johannes Gutmann seine Mitarbeiter Kräuter sammeln, zuhause trocknen und nach seinen Instruktionen zu Tees und anderen Produkten mischen. Das Konzept ging voll auf - und stellte den Gründer vor besondere Herausforderungen beim "Internal Brand Management" - denn in den ersten Jahren gab es ja keine gemeinsame Produktionsstätte, also lautete die Herausforderung, die Mitarbeiter nicht als temporäre Arbeitskräfte zu sehen, sondern sie trotz der räumlichen Verteilung voll in die Firma zu integrieren
Bei der IDENTITAT09 hielt Johannes eine sehr sympathische Keynote, die sich weder auf Theorien noch aufs Buzzword-Dropping konzentrierte, sondern er berichtete einfach nur von seinen beruflichen Erfahrungen. Das Internet spielt für den Sonnentor-Vertrieb mittlerweile eine gravierende Rolle, denn ein beträchtlicher Teil der Produkte wird ins Ausland exportiert - die Sonnentor-Homepage finde ich usability-technisch und grafisch sehr gelungen. Ich habe Johannes im Anschluss an seinen Vortragen einige Fragen zu Sonnentor gestellt und präsentiere nun das erste Video aus einer Serie von Interviews zum Thema Brand Management, die ich im Rahmen der IDENTITAT09 aufgezeichnet habe.
Der nächste Beitrag folgt kommende Woche - ich mach mir jetzt erst mal einen Frühlingskuss-Tee
Gestern vormittag besuchte mich ein Kamerateam von ATV, um ein Statement für einen ATV-Aktuell Beitrag zum Thema "Facebook und der Datenschmutz" einzuholen - Geeks wissen in der Regel recht gut über die drei W's des symbolischen Datentauschs (Welche Daten gebe ich wem und was für einen Vorteil hab ich dadurch?), Otte Normaluser dagegen ist nicht mal unbedingt klar, dass potentiell jeder jede ins Netz gestellte Information finden kann, es sei denn, man trifft explizit Vorkehrunge. Das mag sich ziemlich hypotethisch anhören, Max, Francis und ich bekommen aber immer wieder mal Mails von neu aufgenommenen Piratencharts Blogbetreiber, die vollkommen schockiert drüber sind, dass ihre Blogspot-Seite plötzlich von Technorati und damit auch in weiterer Folge von uns gefunden wird. Ein schwieriges Thema, das sich in kurzer Zeit natürlich nur grob anreißen lässt - aber sehen Sie selbst:
Vergangene Woche hatte ich die Ehre und Freude, meinen ersten Beitrag für die Blogpiloten zu verfassen - und zwar ein Interview zum Themenspecial "Semantic Web". Mein Interviewpartner Andreas Blumauer ist Geschäftsführer der Semantic Web Company: das Unternehmen bietet Firmen und öffentlich-rechtlichen Institutionen Dienstleistungen rund um das Thema Semantic Web, semantische Technologien und Social Software, von Schulung und Consulting bis hin zur Implementation konkreter Projekte. Gemeinsam mit Tassilo Pellegrini stellte er das Text-Kompendium "Social Semantic Web" für den Springer Verlag zusammen - Informationen rund um den Sammelband findet man im zugehörigen Wiki.
datenschmutz: Die Semantic Web Company befasst sich mit Wissenstransfer und mit dem Einsatz neuer Webtechnologien. In den letzten Jahren gab es zahlreiche Konferenzen und wissenschaftliche Papers zum Thema "Semantic Web" - welche Technologien sind bereits konkret im Einsatz?
Andreas Blumauer: RDF als Basis des Semantic Web ist bereits im "Großeinsatz", beispielsweise stützt sich das Metadatenmodell der eben veröffentlichten OpenOffice Suite 3.0 auf RDF. Damit erhöht sich das Volumen an Semantic Web Daten weiter dramatisch.
Im Kern des Semantic Web steckt die so genannte "Linking Open Data Cloud", kurz: LOD-Cloud, die nun schon aus über zwei Billion Triples besteht und eine Reihe interessanter Anwendungen hervorgebracht hat wie z.B. Mobile DBpedia.
Gerade eben hat das W3C nun RDFa, quasi die Microformate des Semantic Web, als Empfehlung verabschiedet. Damit kann man in jedes XHTML Dokument RDF Metadaten einbetten.
Neben Oracle gibt es in der Zwischenzeit bereits auch einige Anbieter ausgereifter Triple Stores (RDF Datenbanken), die Infrastruktur ist nun also da - es ist zu erwarten, dass sich viele Enduser-Anwendungen in den nächsten Monaten dazugesellen werden. Neben Yahoo! SearchMonkey hat sich ja neuerdings auch die Drupal-Community zunehmend den Semantic Web Standards verschrieben und mit einem kleinen Plug-In namens Triplify kann man prinzipiell alle CMS oder Wikis ins Semantic Web einhängen. Ein guter Startpunkt dafür sind jedenfalls auch Semantic Wikis: Die Informationen zu unserem neuen Springer-Band "Social Semantic Web" haben wir beispielsweise mit dem Semantic MediaWiki erfasst und publiziert.
So lassen sich die Zusammenhänge schneller browsen oder mittels facettierter Suche schneller finden. Alle Informationen zu Autoren, Themen oder Artikeln sind außerdem via RDF mit anderen RDF-Quellen leicht zu vernetzen - und darin liegt eigentlich der Mehrwert des Semantic Web.
?: Für semantische Webtechnologien wurde vor einiger Zeit der Begriff Web 3.0 geprägt - dieser Begriff taucht vor allem im Zusammenhang mit ontologischen Strukturierungsversuchen auf. Sind Ihnen konkrete Anwendungsbeispiele bekannt?
!: Web 3.0 ist nach wie vor ein dehnbarer Begriff - die EU interpretiert diesen z. B. ganz anders als die zB. Web 2.0- oder die Semantic Web Community.
Wir verstehen unter Web 3.0 die Anreicherung (oder Konvertierung) von Web (2.0) - Inhalten um Metadaten, Thesauri und teilweise auch bereits von Logik-basierten Ontologien. Im Sinne des Semantic Web geschieht dies unter Verwendung offener Standards des W3C und teilweise auch in Kombination mit offenen RDF-Datenquellen wie DBpedia oder Geonames.
Konkret verwenden diese Standards und Technologien Social-Tagging Plattformen wie Faviki, Automatische Annotations-Services wie OpenCalais von Thomson Reuters, Websites mit zusätzlichen Navigationsmöglichkeiten wie BBC Music oder Oracle’s Pressroom zur facettierten Suche.
Gerade im letzten halben Jahr wurden viele Anwendungen auf Basis des RDF-Standards entwickelt, wobei in vielen Fällen OWL-Ontologien noch eine untergeordnete Rolle spielen, sondern vielmehr sprachliche Ontologien, um unstrukturierte Texte besser erschließen zu können.
?: Vor kurzem wurde die "semantische" Suchmaschine Cuil gelauncht, die allerdings im praktischen nicht-englischsprachigen Einsatz sehr zu wünschen übrigen lässt. Welche Verbesserungen werden semantische Technologien für die Informationssuche bringen?
!: In vielen Fällen möchte man eigentlich Fragen stellen und Antworten bekommen. Wir sind nach all den Jahren Google gewöhnt, Begriffe einzugeben und Dokumente bekommen, aus denen wir dann die Antworten manuell extrahieren. Oft sind jedoch jene Fakten übers Netz verstreut, die man benötigt, um eine Antwort auf eine etwas komplexere Frage zu bekommen.
Natürlich sind damit nicht alle Suchanfragen gemeint. Wenn man z. B. wissen will, welche Adresse ein Restaurant hat, werden nach wie vor Suchtechnologien á la Google die kosteneffizientesten Services ermöglichen. Spannender wird’s dann schon in komplexeren Wissensgebieten wie z. B. den Lebenswissenschaften. Hier zeigen spezielle, ontologie-gestützte Suchmaschinen wie GoPubMed, wohin die Reise geht. Um diese Services jedoch nutzen zu können bedarf es einiger Einarbeitungszeit. Viele Semantic Web Newcomer beklagen sich, dass semantische Suchmaschinen zu kompliziert wären, und Google oder Yahoo doch deswegen so erfolgreich ist, weil sie so einfach zu bedienen wären.
Das mag in manchen Situationen wie gesagt auch stimmen. Wenn Sie aber wissen wollen, auf welchen Universitäten die Kinder der früheren amerikanischen Präsidenten studiert haben, dann muss man sich schon einige Zeit reservieren, um dies mit gängigen Suchtechnologien herauszufinden. Da bieten Technologien wie Freebase oder Parallax, oder eben Anwendungen im Semantic Web interessante Alternativen an - vor allem auch für das unternehmerische Umfeld.
?: Wird sich durch die starke Dominanz englisch-sprachiger Ontologien die große Internet-Kluft zwischen Europa und den USA noch weiter auftun?
!: Nein. Die Thesaurus-Spezifikation des W3C, nämlich SKOS bietet ja die Möglichkeit an, mehrsprachige Suchmaschinen zu unterstützen. Im medizinischen Bereich z. B. wird mit MeSH beispielsweise ein umfassender Thesaurus angeboten, der mehrsprachig, auch in Deutsch verfügbar ist.
?: Wirft man einen Blick auf Firmen und Institutionen, die sich mit semantischen Technologien beschäftigten, so gewinnt man notwendigerweise den Eindruck, dass die gleichen Aufgaben von zahlreichen Firmen parallel gelöst werden - oder ist dieser Eindruck des Einzelkämpfertums falsch?
!: Ich denke, in der Semantic Web Community gibt es eine gute Mischung aus Kooperation und Konkurrenz. Der Markt für semantische Technologien ist momentan ja stark im Wachsen, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Ein Konsolidierungsprozess ist daher absehbar, noch sind ja viele Unternehmen stark an universitäre Einrichtungen gekoppelt, die über EU-Forschungsprogramme zunächst finanziert worden sind.
Es ist jedoch ein starker Community-Spirit auch in der SemWeb-Community spürbar. Es gibt viele Akteure und Organisationen, die an einem "größeren Ganzen" interessiert sind und nicht einfach den Markt abschöpfen wollen. Es gibt hier viele Parallelen zur Open Source Community: Offene Standards, offene Daten, offene Geister
?: Jeder Vertreter semantischer Technologien, mit dem ich bisher gesprochen habe, hat mir hoch und heilig versichert, dass sein System das leistungsfähigste und einzig logische sei. Auf der anderen Seite konnte mir noch niemand eine so simple Anwendung wie eine Websuchmaschine zeigen, die gegenüber Google irgendeinen Vorteil gehabt hätte. Was würden Sie einem Laien zeigen, um ihn von der Relevanz semantischer Technologien zu überzeugen?
!: Wenn ich 2 Minuten Zeit habe, würde ich verbesserte Suchmöglichkeiten á la Exalead und Reegle demonstrieren. Bei einer 5 Minuten-Demo zeige ich, dass es im Semantic Web vor allem um Zusammenhänge zwischen Dingen geht. (Demo) Wenn ich 15 Minuten Zeit habe, demonstriere ich, dass es weiters um eine bessere Vernetzung von Informationen und die zugrundeliegende semantische Annotation geht. (Demo 1, Demo 2) Wenn ich aber eine Stunde Zeit hätte, dann würde ich erst über das Semantic Web an sich sprechen - dem Web of Data, der LOD Cloud und all den Möglichkeiten und Gefahren, die in den nächsten Jahren auf uns zu kommen werden.
Noch nie wurde abseits des Staatsfunks so engagiert und umfangreich über den Wahlkampf berichtet wie in diesem Jahr. Mit puls4 und ATV hat der unentschlossene Österreicher gleich zweimal die Möglichkeit, Zusatzinformationen einzuholen. Im Gegensatz zu den klassischen Konfrontationen und Elefantenrunden im ORF bemühten sich die privaten Sender um dynamischere Formatgestaltung und vor allem die um direkte Einbeziehung des Publikums über Online-Videos: jeder Zuseher kann via VideoplattformFragen an die Politiker stellen, ein Feature, das der klassischen Selbstdarstellungsplattform Fernsehen eine ganz neue Dimension verleiht.
Wer den Wahlkampf ausschließlich im ORF verfolgt, könnte durchaus auf die Idee kommen, dass es in Österreich nur eine Meinungsforscherin (Sophie Karmasin) und einen Politikwissenschafter (Peter Filzmaier) gibt: nach der jeweiligen Sendungen dürfen die beiden ihre wenig kontroversiellen Statements abgeben, die inhaltliche Oberhoheit in den Diskussionsrunden liegt bei der äußerst kompetenten und angenehmen Diskussionsleiterin Ingrid Thurnherr. Neu waren in diesem Jahr die Jugendrunden, bei denen Schüler live Fragen an Kandidaten der einzelnen Parteien stellten.
Ganz anders präsentierte sich die Vorwahlzeit bei puls4, ATV und Wahltotal.at: Ich habe nicht alle Konfrontationen und Präsentationen verfolgt, muss im großen und ganzen allerdings sagen, dass die private Konkurrenz der Wahlberichterstattung sehr gut tut: vor allem die Zwischenunterbrechungen mit wirklich knackigen Expertendiskussionen auf puls4 gefielen mir ausgesprochen gut, während ATV vor allem mit der geschickten Einbindung von Youtube-Videos punktete. Alexandra Damms, Pressesprecherin von ATV, hat mir im Rahmen einer Mini-Serie einige Fragen zu den Schwerpunkten der Wahlberichterstattung beantwortet. Demnächst folgen ein Interview mit den Machern von Wahltotal und mit Politik-Chefredakteur von Puls4.
datenschmutz: Das duale Fernsehsystem ist in Österreich eine vergleichsweise junge Einrichtung, bislang hatte der ORF das Wahlkampf-Berichterstattungs-Monopol. Das hat sich mit den privaten Sendern geändert - was sind die Spezifika der ATV-Wahlberichterstattung und wodurch unterscheidet sie sich von den klassischen ORF-Runden?
Alexandra Damms: ATV möchte mit dem Konzept die althergebrachte Elefantenrunde wo Fragen von Journalisten beantwortet werden durch einen neuen Zugang ergänzen. Da unser Zielpublikum jünger ist (12-49 Jahre) und auch vor allem bei diesen Nationalratswahlen sehr viele Erstwähler zwischen 16 und 18 Jahren die Möglichkeit haben, mitzubestimmen ist das Konzept frischer und auf jüngere Seher aufgebaut. Die Kandidaten müssen direkt auf Wählerfragen antworten, die diese via YouTube online gestellt haben, bzw. haben wir auch eine Österreich-Tour gemacht, wo Bürger ihre Fragen in die Kamera stellen konnten.
?: Welche Rolle spielt das Internet in der Wahlberichterstattung von ATV?
!: Wie gesagt, durch das Konzept der ATV-Wahlberichterstattung spielt das Internet eine große Rolle dabei.
?: Wie sind Sie mit dem bisherigen Verlauf der Wahlberichterstattung auf ATV zufrieden? Gab es Reaktionen von Seiten des Publikums oder gar parteipolitische Proteste?
!: Bis jetzt sind 171 Fragen online, das ist sehr zufriedenstellend Parteipolitische Proteste gab es nicht, jene Spitzenkandidaten die zugesagt haben, waren sofort dafür bereit.
?: Wie schätzen Sie persönlich den Einfluss der ATV-Berichterstattung ein? Und was sagen Sie zur Weigerung Werner Faymanns, an den privaten "Elefantenrunden" teilzunehmen?
!: Für eine österreichischen Privatsender sind Nachrichten und politische Berichterstattung sehr wichtig, da es auch zu unserer Identität beiträgt und zur Positionierung von Privatsender in Österreich einen wichtigen Beitrag liefert. Wir sehen unsere politische Berichterstattung als Kontrapunkt zu jener des Öffentlich-Rechtlichen, und vor allem auf unsere Zielgruppe zugeschnitten. Werner Faymann ist leider terminlich verhindert, er bleibt bei uns bis zum Sendungsbeginn eingeladen, und wenn wir ihn unterstützen können, seinen Termindruck zu entzerren, wird ATV alle Hebel dafür in Bewegung setzten. Allerdings finden wir es sehr schade, dass er sich die Gelegenheit entgehen lässt, direkt auf Wählerfragen im Fernsehen zu antworten, vor allem da es sich an ein jüngeres Publikum richtet.
Die österreichische Journalisten Ute Fuith hat etlichen Kollegen und mir ein paar konkrete Fragen zum "unabhängigen" Journalismus in Österreich geschickt. Natürlich sehe ich mich nicht primär als Journalist, sondern als Blogger - ich hab zwar am Aufbau diverser Online-Redaktionen mitgearbeitet und verdiene als freier Journalist seit über 10 Jahren kein äußerst bescheidene "Anerkennungshonorare", verfüge also durchwegs über rudimentäre Primär-Erfahrungen in der österreichischen Profi-Schreiberlings-Szene. Dass beim Bloggen jegliche externe Zwänge wegfallen, gefällt mir natürlich besonders gut: die einzige Schere befindet sich in *meinem* Kopf, und die lässt sich gut verbiegen und an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen. Und ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich datenschmutz überhaupt nicht als aufklärerisches, sondern als rein kommerzielles Projekt betrachte und betreibe - für mich persönlich stellt sich also die Frage nach externer Einflussnahme nur sehr begrenzt. Dennoch habe ich mich sehr über die Fragen gefreut und bin schon gespannt auf den resultierenden Artikel.
Ute Fuith: Wie frei sind Österreichs Medien wirklich?
ritchie: Ich denke, es gibt keine wirklich "freien" Medien: mit ökonomischen Sachzwängen ist jedes (semi)professionelle Medium konfrontiert, politische Einflussnahmen (nicht selten über parteinahe Anteilseigner) stehen wohl auf der Tagesordnung. Informell und in geselliger Runde weiß fast jeder langjährige Journalist hochinteressante Geschichten zu erzählen - doch ich vermute mal ganz stark, dass die handelnden Personen ihre Agreements weitgehend mündlich treffen und konkrete Recherchen wenig Anhaltspunkte und stichhaltige Beweise fänden. So etwas wie ausgewogene Berichterstattung kann meiner Meinung nach nur eine gewisse Vielfalt von Standpunkten gewährleisten: der Medienkonsument muss sich sozusagen aus verschiedenen "Biases" seinen persönlichen Mittelwert bilden. Nicht nur aufgrund der verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl hat Österreich in diesem Bereich allerdings tatsächlich einige Kuriositäten aufzuweisen: angefangen von einem äußerst halbherzigen implementierten dualen System im elektronischen Bereich bis hin zur weitreichenden Dominanz eines einzigen Printmediums.
?: Welche Tabuthemen gibt es?
!: Tabus ändern sich im Lauf der Zeit - aus Konsumenten-Sicht allerdings habe ich den Eindruck, dass im ORF diese Tabus direkt und unübersehbar mit der jeweiligen Regierungskoalition zusammenhängen, was sich in lächerlich-überdeutlicher Art und Weise an der Personalpolitik abzeichnet: der Legende eines vorgeblich "objektiven" Staatsfunks ist dies sicherlich nicht gerade förderlich.
?: Haben Sie in Ihrer journalistischen Karriere jemals inhaltliche Einschränkungen erlebt, wenn ja welche?
!: Keine drastischen - ich war allerdings zu keinem Zeitpunkt meiner beruflichen Laufbahn Vollzeit-Journalist, sondern habe immer nur als freier Autor gearbeitet; da kann man die Aufträge entsprechend auswählen und auch mal die Ablehnung eines Textes verkraften. Vor rund zehn Jahren wollte ich für die Presse Kulturredaktion einen Bericht über Graffiti schreiben (damals waren gerade drei Sprayer zu sehr hohen Geldstrafen verurteilt worden); ich bekam zuerst das ok und einen Tag später die Ergänzung: "Graffiti muss aber schon negativ und als Sachbeschädigung dargestellt werden." Den betreffenden Bericht habe ich nicht geschrieben. In der politischen Berichterstattung ist das Problem sicherlich virulenter, in diesem Bereich war ich allerdings nie redaktionell tätig.
?: Sind Ihnen Fälle vorauseilenden Gehorsams in Punkto Inhalt bekannt? Welche?
!: Ich denke, die Grenzen zwischen vorauseilendem Gehorsam und der Einhaltung der Blattlinie sind fließende; man spricht ja häufig von der "Schere im Kopf". Ich kenne keine konkreten Fälle, schreibe aber selbst Texte über dasselbe Thema beispielsweise für mein Blog recht anders als etwa für eine Tageszeitung; das hat allerdings mehr mit formellen als mit inhaltlichen Kriterien zu tun. Im Kulturjournalismus tritt dieses Problem allerdings, behaupte ich mal, seltener auf als in anderen Genres.
?: Wurden Ihre Artikel jemals so umgeschrieben, dass sie sie nicht wiedererkannt haben? Oder kennen Sie Fälle, wo das passiert ist?
!: Es gab eine relativ irrelevante Geschichte, bei der ein Festivalbericht, den ich über Holzstock geschrieben hatte, einen meiner Meinung nach etwas sexistischen Titel, den ich so nie gewählt hätte, bekam. Ganze Artikel wurden jedoch nie derart umgeschrieben. Ich erwarte mir zumindest eine "Feedbackschleife"; auch wenn das auktoriale Prinzip ein Relikt der Vor-Postmoderne sein mag, soviel Professionalität und Respekt, gegebenenfalls nochmal nachzufragen, erwarte ich mir auf jeden Fall. Bei jenen Medien, für die ich regelmäßig tätig bin oder war, hab ich in dieser Hinsicht allerdings durchwegs positive Erfahrungen gemacht.
| 5. November 2008 | bis | 9. November 2008 |
Das Elevate Festival gehört zu meinen Top-Favoriten unter Festivals, weil die wenigsten Veranstalter mehrtätiger elektronischer Tanzmusiken sich die Mühe machen, intensiv über den kommerziellen Tellerrand hinaus zu blicken. Das war beim Elevate von Beginn an diametral anders: neben den Big Names fanden am Dancefloor stets hochinteressante Exoten ihren Bühnenplatz, zugleich nehmen das nicht-nächtliche Workshop-Geschehen und die reflexive Ebene eine angenehm wichtige Stellung ein. Etliche Highlights der dritten Auflage, die in diesem Jahr unter dem Motto "Commons" (Gemeingüter) steht, sind bereits fixiert, nähere Details zum Programm finden Festival-Reisende auf Elevate.at. Ich habe das Organisationsteam des Festivals befragt, was den Event, der rund um den Grazer Schlossberg angesiedelt ist, von der "Konkurrenz" unterscheidet.
Dass darunter der Partyfaktor leidet, muss niemand befürchten, ganz im Gegenteil: während beim Spring Festival - zumindest für meinen Geschmack - etliche Lückenfüller und eher rückwärtsgewandte Acts am Start waren, beginnen meine Tanzbeine schon beim Blick aufs diesjährige Line-Up zu zucken: DJ Spooky wird sowohl einen Workshop abhalten als auch den Dancefloor rocken (auf das Interview, sozusagen eine "Fortsetzung" unserer ersten Unterhaltung in Linz, freu ich mich schon sehr), und wenn ich schon Senor Coconut gleich zweimal verpasst habe, so werd ich beim Elevate endlich mal Mr. Atomheart spielen hören. Außerdem hat mich Simon zu einem Commons-Workshop eingeladen - da ich das Elevate im letzten Jahr ja leider grippe-halber verpasst hab, freu ich mich umso mehr auf die 2k8er Auflage. Und dass der Dom im Berg meine österreichische Lieblings-Location ist, hab ich an dieser Stelle sowieso schon mehrmals erwähnt.
Zeit und Ort: elevate Festival, 5.-9. November, in und rund um den Grazer Schlossberg
[wp_geo_map]
datenschmutz: Was unterscheidet das Elevate-Festival von anderen Parties mit elektronischer Tanzmusik, z.B. dem Spring Festival in Graz?
Elevate-Team: Das Elevate Festival unterscheidet sich wesentlich von anderen Festivals, allein schon durch die besondere Kombination aus Musik und Kunst mit politischem Diskurs, die aus unserer Sicht als einzigartig zu bezeichnen ist. Dass Elevate sich auch musikalisch stark von anderen Festivals unterscheidet, liegt vor allem auch an unserem eigenen Anspruch und unserem Interesse, zum Teil wenig massentaugliche, dafür umso interessantere Musik in der intimen Atmosphäre einzelner Clubnächte / Konzerte zu präsentieren, Qualität statt Quantität ist da unsere Devise.
?: Die Spaß-Rave-Kultur hat ihren Zenit überschritten, digital Culture beschränkt sich längst nicht mehr bloß auf das Thema Musikproduktion. Wie geht man als Festivalveranstalter mit dieser Situation um?
!: Wir thematisieren es! Das Elevate Festival 2008 setzt sich (wie auch schon in den Jahren zuvor) mit politischen Inhalten auseinander, die oft auch eine Schnittstelle zum Thema Kunst und Musik bilden. Ob digitales Videostreaming und freie Medien im Jahr 2006 oder freie Netzwerke und open-source Softwareentwicklung im Jahr 2007 - Elevate hat und hatte immer auch einen starken Fokus auf Technologie. 2008 ist die Verschränkung von Musik, Kunst und dem diskursiven Bereich so eng wie nie, denn Commons sind überall – siehe z.B. Creative Commons.
?: Gibt es aufs Elevate Festival ausreichend mediale Resonanz, oder beschränkt sich die Wahrnehmung der Mainstream-Medien nach wie vor auf die ars electronica?
!: MedienpartnerInnen wie die Kleine Zeitung, ORF, Falter, FM4 und The Gap zeigen, dass das Elevate Festival eine sehr positive Resonanz bekommt, Tendenz steigend!
?: Was sind eure Erwartungen ans Festival? Oder anders gefragt: was sollen Besucher des Elevate nach dem Festival mit nachhause nehmen?
!: BesucherInnen des Festivals sollen auf positive Weise motiviert werden, sich mit den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Heuer wollen wir das Bewusstsein für "Commons", also Gemeingüter schärfen und die Wichtigkeit des aktuellen Diskurses klar machen. Was den musikalischen Teil des Programms betrifft, ist es uns ein großes Anliegen, neue KünstlerInnen und Strömungen abseits des Mainstreams zu präsentieren, auch eine direkte Miteinbeziehung der lokalen und nationalen Musikszene ist uns wichtig.
?: Was sind eure persönlichen Highlights im diesjährigen Line-Up?
!: Fans experimenteller Gitarrenmusik und Noise sei die von DJ Scotch Egg kuratierte Bühne in der Uhrturmkasmatte am Festival- Freitag wärmstens empfohlen. Persönlich freuen wir uns auf die Mischung aus alten Helden wie Felix Kubin, Atom Heart, DJ Spooky und Scorn mit interessanten Newcomern á la Fuck Buttons, Danton Eeprom, Rustie, Deadbeat sowie heimischen Talenten wie Dorian Concept, Clara Moto und vielen mehr. Generell denken wir, dass Elevate auch heuer wieder ein spannendes Programm mit sehr vielen Highlights und Überraschungen bereithält!
Frage an Radio Eriwan: Was ist konservativer Feminismus? Antwort: wenn Alt-Bundeskanzler Kohl Alice Schwarzer Rosen schickt. Contradictio in adjecto? Nein, sagen die Herausgeber der "Stichwortgeberinnen": Carmen Wappel, Peter Danich, Dietmar Halper und Christian Sebastian Moser haben 14 Frauen aus Politik und Wirtschaft portraitiert. Das Buch erschien in der edition noir, hat aber trotzdem einen grünen Umschlag - Verwirrung allenthalben, die sich aber schnell klärt, wenn man einen Blick auf die Portraits von Angela Merkel, Maria Schaumayer, Schester Maria Restituta oder Ursula Plassnik wirft: es handelt sich um eine Art ideologischen Leitfaden zur ÖVP-Frauenpolitik. "Alice Schwarzer ist eine konservative Feministin, liberal-konservativer Feminismus steht für gute Manieren und ökonomische Selbstermächtigung" - ich freue mich schon sehr auf Diskussionsbeiträge zu dieser Story! Von Mao habe ich drei Exemplare zum Verlosen bekommen und ich habe mit ihm ein Interview geführt, das genausogut in der Emma erscheinen könnte
Achtung, hochverehrte junge Leserin: falls Sie bislang ziellos durchs Leben irrten, dann dürfen Sie sich dieses Gewinnspiel keineswegs entgehen lassen:
In 14 Portraits werden eroflgreiche Frauen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kirche und den neuen sozailen Bewegungen vorgestellt. Die Stichwortgeberinnen zeigen jungen Frauen positive und visionäre Rollenmodelle. Das Buch will junge Frauen ermutigen, eigenständige Karriern. einzuschlagen - Vorbilder gibt es dank der Stichwortgeberinnen ab jetzt genug. Die Lebensläufe der Stichwortgeberinnen belegen eindrucksvoll, dass konservativer Feminismus mehr als nur ein Schlagwort ist.
Wer gewinnen möchte, teilt dies via Kommentar mit - es gelten dieselben Teilnahmebedingungen wie immer, sprich: wer das Gewinnspiel ankündigt (Blog, soup, Tumblr, Twitter...) und/oder datenschmutz-Fan auf Facebook wird und mich dies im Kommentar wissen lässt, erhält ein Extra-Los, das Gewinnspiel endet am 7. September.
"Ich würde Alice Schwarzer als konservative Feministin bezeichnen", sagt Christian Moser im Interview. Ob die Gründerin der Emma dem wohl zustimmen würde? Mehr knackige Aussagen zum Thema Frauen, Rap und der ganze Rest im folgenden Interview - ohne Maulkorb und dritten Boden: denn in Zeiten wie diesen muss man über jeden Beitrag zur Wahlorientierung froh sein...
ritchie: Dem Projekt, eine konservative Textsammlung feministischer Lebensentwürfe zusammen zu stellen, wohnt eine gewisse Schizophrenie inne - etwa vergleichbar mit einer Onthologie über die Rolle psychoaktive Drogen in völlig abstinenten Religionsgemeinschaften. Und zwar deshalb, weil Feminismus - zumindest im nicht biologischen Sinne - ein ganz klar links-ideologisches Konzept darstellt, was auch der Klappentext fast rechtfertigend gesteht: "Die Lebensläufe der Stichwortgeberinnen belegen eindrucksvoll, dass konservativer Feminismus mehr als nur ein Schlagwort ist." Warum der plötzliche Versuch einer Umdeutung? Die ÖVP steht doch für traditionelle Mann-Frauen-Rollen, die mit dem Konzept des Feminismus völlig unvereinbar sind? Kann man sich denn auf gar keine unverrückbaren Positionen im politischen Spektrum mehr verlassen?
Christian Moser: Also wenn ich mir Bruno Kreiskys Begründung zur Ablehnung von Hertha Firnberg vergegenwärtige, wäre es mir neu, dass Feminismus etwas linkes ist. Machotum und Sexismus sind nicht links oder rechts, sondern Persönlichkeitsdefizite. Wenn Feminismus für Zwangsquoten und von Steuergeldern alimentiertes Moralisieren steht, ist er sicher links. Wenn Feminismus für ökonomische Selbstermächtigung, Höflichkeit und gute Manieren steht, ist er mit Sicherheit bürgerlich liberalkonservativ.
In einer Gesellschaft ohne Traditionen kann konservativer Feminismus nicht mehr heißen, untergegangenen Weltbildern nachzutrauern. Bei einer Frauenerwerbsquote von über 70 Prozent und Scheidungsquoten von mehr als 50 Prozent gibt es keine traditionelles Mann-Frau-Rollenbild mehr, schon seit den Siebziger des letzten Jahrtausends nicht. Im Unterschied zu damals kommen Familien ja auch nicht mehr mit einem Einkommen aus. Der nächste Schritt heißt jetzt, Vater-Sein in der Gesellschaft als sexy und erstrebenswert zu verankern. Brad Pitt hat da einiges an Pionierarbeit geleistet. Frau von der Leyen hat sicher recht: Es ist eine Witz, dass Frauen und Männer sich noch immer für Karriere oder Kinder entscheiden müssen. Kinder und Karriere als natürliche Symbiose und Einheit zu begreifen ist das Kernanliegen eines konservativen Feminismus.
?: "Das Buch will junge Frauen ermutigen, eigenständige Karrieren einzuschlagen - Vorbilder gibt's dank der Stichwortgeberinnen jetzt genug", sagt der Klappentext. War das vorher anders? Oder anders gefragt: was unterscheidet die ÖVP-Vorbildnerinnen von den Heldinnen der Arbeiterklasse?
!: Zur besseren Illustration möchte ich das mit einem Vergleich aus der Rapwelt verdeutlichen: Bürgerliche Frauen argumentieren wie Kit Kat oder Missy Elliot über ökonomische Selbstermächtigung und die Schönheit, eine Frau zu sein, grüne Frauen rappen wie Lady Bitch Ray und Texta ohne Flow und rein akademisch von oben herab und haben keine Ahnung, wie der Alltag der meisten Menschen aussieht und sozialdemokratischer Feminismus klingt wohl am ehesten wie Mieze Medusa : immer leicht neben dem Takt. [AdB - Anmerkung des Bloggers: Ich distanziere mich hiermit deutlich von der Aussage, dass Lady Bitch Ray keinen Flow hat.]
Konservativer Feminismus hat ja auch was mit Style, Ästhetik, Mode, Weiblickeit und ökonomischer Selbstermächtigung zu tun. Es ist seit jeher ein konservatives Anliegen, dass mehr Frauen als selbständige Karrieren machen. Und wenn eine Dame gerne High Heels trägt, ist das nicht sofort eine strukturelle Ausbeutung. Linker Feminismus hat für mich immer was mit Blockwärtermentalität und Sinnesfeindlichkeit zu tun. Und was noch erschwerend hinzukommt: Linke Feministinnen argumentieren meistens mit Steuergeldern alimentiert (wie viele linke Feministinnen gibt es, die in der Privatwirtschaft ihr geld verdienen?) und mit moralischem Impetus, auf der richtigen Seite zu stehen. An diesem hohepriesterlichen Moralingeseier wird die Welt sicher nicht genesen. Für bürgerliche Feministinnen sind hingegen getting paid und ökonomische Selbstermächtigung zentrale Kategorien. Quoten sind aus konservativer Sicht leistungsfeindlich, wir betrachten Frauen nicht als extra förderungswürdig.
?: Elisabeth Noelle-Neummann, die du im Buch protraitiert hast, kennen wir beide aus dem Studium der Kommunikationswissenschaft. Die Erfinderin der "Schweigespirale" war für mich immer eine der überzeugtesten Anhängerinnen einer "objektiven" Wissenschaft, die eine konstruktivistische Weltsicht sicherlich scharf verurteilt hätte. Am Ende des Kapitels folgen einige ihrer Zitate, die für mich - pardon, Frau Noelle-Neumann - fast nach Satire klingen wie "Die Demoskopie kann schreiben, was sie will, sie ändert doch nichts an den Realitäten" oder "Aussagen über alle sind nicht Aussagen über jeden". Warum hast du gerade sie ausgewählt als Rollenmodell für kontemporäre junge Kommunikationswissenschaftlerinnen? Wäre da eine Sherry Turkle, die sich mit komplexen Gender-Konstruktionen in Medien auseinander setzt, nicht ein lohnenderes Studienobjekt gewesen?
!: Noelle-Neumann hab ich vor allem wegen ihrer herausragenden Entrepreneurskills ausgewählt. Sie hat ja ihre erste Firma in einer Garage gegründet. Was Frau Neumann darüber hinaus interessant macht, sprichst du mit deiner Frage an: in ihrem Werk und in ihren Büchern ist sie meist eben nicht straight objektivistisch, sondern lappt immer wieder mal ins Esoterisch-Metaphysische ab. Sie weiß eben genau, dass sich die soziale Wirklichkeit nicht a la Comte rein mit Positivismus deuten lässt, eine so verstandene Sozialwissenschaft artet meist in wenig ergiebiger Materialhuberei aus. Das Transzendente und Irreale sind ja zentrale Kategorien für das konservative Weltbild, die Reduktion auf materialistische Kategorien ist ja eine Reductio ab absurdum aus dem linken Theorielabor, die viel Leid und Totalitarismus in die welt gebracht hat.
?: Das knappe Vorwort suggeriert, dass die allfällige Benachteiligung von Frauen einzig und allein auf das bisherige Fehlen von Rollen-Vorbildern zurück zu führen sein. Wie haben nicht-konservative Feministinnen bisher auf das Buch reagiert?
!: Im Standard und im Deutschlandfunk gab es recht positives Feedback. Ich hoffe, dass es noch weitere inhaltliche Auseindersetzung geben wird.
?: Siehst du Alice Schwarzer auch als konservative Feministin?
!: Klar würde ich Alice Schwarzer als konservative Feministin bezeichnen: sie tritt für Entscheidungsfreiheit ein und für den freien Willen, nein zu sagen. Mit ihrem entschiedenen Eintreten gegen Pornographie vertritt sie zudem eine genuin konservative Position.
?: Du sagst oben weiter, dass High Heels nicht gleich strukturelle Ausbeutung bedeuten müssen. Wie geht das mit einem generellen Porno-Verbot zusammen? Denkst du, dass Michaela Schaffrath oder Dolly Buster strukturell ausgebeutet wurden? Oder anders gefragt: gibt es außer moralischen Gründen noch andere, um Pornographie abzulehnen, sofern es sich bei allen Beteiligten um "consenting Adults" handelt?
!: Schwierige Frage nach den consenting Adults. Pornographie, die Frauen freiwillig machen bzw. als emanzipatorisch sehen, halte ich selbst schon für einen patriarchalen Mythos bzw. männliches Wunschdenken. Sex zu verkaufen ist einfach kein ethisch nachhaltiges Investment, ähnlich wie der liberale Konservative an der Börse keine Waffenfabrikanten handelt, wird er auch versuchen, Pornographie nicht zu konsumieren und zu fördern. Das heißt, dass jeder Mann/Frau in seinem Umfeld versuchen sollte, aktiv gegen Pornographie einzutreten.
Die Viral Marketing Agentur Unruly Media ist spezialisiert auf das Seeding (=Verbreitung) von Videokampagnen. Ich wurde vor einigen Wochen von den Betreibern angeschrieben und gefragt, ob mich das Angebot interessiert - und ich kann nur sagen: Volltreffer. Vom sauber und übersichtlich programmierten Backend über den raschen und freundlichen Support bis hin zur - und das ist der wichtigste Punkt - Qualität der Video-Inhalte bin ich von dieser Werbeform ziemlich begeistert. Durchdachte und funktionierende Longtail-Werbeangebote sind in Europa nämlich beängstigend dünn gesät, daher war ich sehr daran interessiert, ein Interview mit Scott Button, CEO von Unruly Media, zu führen. Vielen Dank an Vivian Wagner (Campaign Manager Deutschland) für das Übersetzen des Videos! Die englische Originalversion des Interviews gibt's übrigens auf datadirt.
Nach der Registrierung kann man beliebig viele Seiten eintragen - jeder Adresse wird dabei ein primäres "Zielgebiet" zugeordnet, denn Unruly Media teilt die Kampagnen nach Ländern ein. Auf Wunsch wird man via E-Mail verständigt, sobald ein passendes Video verfügbar ist, der Einbau des Players erfolgt über einen simplen JavaScript Code.
Jeder Kampagne ist dabei ein bestimmtes Gesamtbudget zugeordnet, die Übersichtsseite zeigt den Pay-per-View Preis des jeweiligen Videos sowie das verbleibende Guthaben als Balkengrafik - ist das Budget verbraucht, bleibt das Video zwar online, bringt jedoch kein Einkommen mehr. Manche Videos werden ausschließlich nach Clicks bezahlt, manchmal gibt's aber eine zusätzliche Einmalzahlung fürs Onlinestellen. Unruly wirbt für namhafte Kunden wie MTV, die Sony Playstation der Nokia - entsprechend aufwändig und unterhaltsam fallen die meisten Videos aus. Wer sich nicht um Kampagnen-Updates kümmern will, verwendet das "AutoUnit", in dem automatisch die aktuellsten Kampagnen bzw. ein Fallback-Inhalt, der vom User frei wählbar ist, gezeigt wird. Bei mir ist die durchschnittliche View-Rate mit 20% recht hoch - wesentlich lukrativer als Adsense sind die Videos auf jeden Fall.
Einziger Nachteil: Unruly Media betreibt (derzeit) kein Affiliate Marketing System - gerade bei Video würde aber eine Embed-Funktion im Player hochgradig Sinn machen. Und die meisten Videos zielen auf den englischen Markt ab, aber bei der derzeitigen großen Nachfrage vermute ich ganz stark, dass sich dies in Kürze ändern wird.
Unruly Media funktioniert meiner Ansicht nach deshalb so gut, weil es sich bei der "Werbung" großteils um Videos handelt, die so originell und/oder skurril sind, dass ich (und viele Blogger denken da sicherlich ähnlich) sie auch ohne Bezahlung online stellen würde. Unruly bringt seine Longtail-Werber damit gar nicht erst in den Gewissenskonflikt "nervige Werbung vs. Monetarisierung" und setzt auf Originalität - selbstverständlich kann jedes Video vor dem Publishen im Backend begutachtet werden. Der Player selbst kennzeichnet außerdem das Video als bezahlte Werbung, hier fliegt also niemand unterhalb des Legalitätsradars dahin. Soviel zum Background - und jetzt geht das Wort an Scott Button, CEO und Unruly Media.
datenschmutz: Wann und mit welcher Intention wurde Unruly Media gegründet?
Scott Button, CEOScott: UnrulyMedia wurde in Januar 2006 gegründet. Wir haben erst mal damit angefangen, die coolsten Videos im Web zu sammeln und haben dann im September 2006 viralvideocharts.com ins Leben gerufen. Die Webseite verwendet eine Art Blogsuchmachine, die herausfinden kann, welche Videos am schnellsten von Bloggern verbreitet werden und wer sie verbreitet und erstellt dann daraus eine TOP 20 der populärsten Videos im Internet.
Das hat uns dann 2007 veranlasst, in den Vertrieb von Videos einzusteigen, weil es auch eine gute Möglichkeit war, das Projekt Viralvideocharts.com finanziell zu unterstützen, außerdem war die Nachfrage so riesig, dass wir eine Art Online Werbeagentur eröffnen konnten.
Heute haben wir eine Network von über 3000 Webseiten und Bloggern in ganz Europa und Nordamerika, die damit Geld verdienen können, Videos, Film- und Spieletrailer auf ihren Seiten zu zeigen.
?: Wie schätzen Sie die Zukunft des Video-Seeding ein?
!: Ich denke wir werden von den Begriffen "Viral Marketing" wegkommen. Wir sehen einen natürlichen Wechsel von 30-Sekunden Spots zu 60 bis 100-Sekunden Inhalt, damit es noch mehr Spaß macht und vor allem für Zuschauer unterhaltsamer gestalten werden kann.
Zuschauer mit kurzen kommerziellen und störenden Spots zu bombardieren wird jedes Jahr teurer und ist nicht mehr sehr effektiv oder attraktiv. Es wird selbstverständlicher werde, dass die Marken für Ihre Zuschauer etwas mehr bieten und etwas, was die Kunden und Fans auch wirklich sehen wollen.
Was uns angeht, wir bieten einfach eine Plattform, die qualitativ hochwertige Videos für Zuschauer anbietet, die ehrlicherweise daran interessiert sind diese zu sehen.
Natürlich werden das auch viele "klassische" Videos sein, die auf Sex und Witz setzen, aber es wird auch viele Videos geben, die außergewöhnliche Informationen bieten; etwa die so genannten "Infommercials", die spezielle Inhalte habe analog zu Filmvorschauen oder Spieletrailer.
?: Welche Reaktionen gab es bisher von Bloggern bzw. Webmastern, die als Affiliates am Netzwerk teilnehmen?
!: Wir bekommen jede Menge positives Feedback. Natürlich müssen wir das sagen! Aber im Ernst: Bloggers und Webmasters lieben wirklich unsere Model [1. Anmerkung von ritchie: Yup, kann ich mir vorstellen. Ich bin auch ziemlich angetan vom Unruly Network.].
Sie lieben es eben, ihren Lesern gute Inhalte zu bieten und keine langweilige Werbung und dafür noch bezahlt zu werden. Sie mögen es, dass die Besucher auch tatsächlich auf ihrer Seite bleiben, wenn sie Interesse an dem Video haben. Und unsere Blogger schätzen selbstverständlich die Tatsache sehr, dass Sie mehr verdienen können als bei AdSense oder anderen Anbietern.
?: Unterscheidet sich der deutschsprachige Viral-Marketing Markt vom amerikanischen. (z.B. in Bezug auf die Bereitschaft von Bloggern, bezahlte Postings online zu stellen.)
!: Wir finden, dass der deutsche Markt etwas schwerer zugänglich ist als der englische oder amerikanische Markt. Das ist aber durchaus unser Fehler. Obwohl wir deutschsprachige Mitarbeiter haben, die den diesen Markt betreuen, ist unser Network ausschließlich in englischer Sprache und mit US-Dollar als Währung verfügbar. Wir verstehen, dass das deutsche Kunden möglicherweise abschreckt, aber wir hoffen, dass wir dies in näherer Zukunft ändern und auf die jeweils nationale Sprache umstellen können.
?: Was sind Ihrer Meinung die Voraussetzungen für eine erfolgreiche virale Videokampagne?
!: Um erfolgreich zu sein, muss eine Kampagne besonders gut in einem der folgenden Features sein: Sex, Humor, Horror, Originalität, spektakuläre oder inspirierende Geschichten. Das sind die primären Gründe, warum ein Video verbreitet wird. Danach muss die Kampagne demographisch richtig vermarktet werden, meist an tausende User, für die die jeweilige Botschaft von Interesse sein könnte. Und natürlich muss das Video leicht zu verbreiten sein, besonders unter Bloggern; ein einfacher Code, der ohne besonders technisches Know-How problemlos auf jeder Seite platziert werden kann.
?: Wie wird die Zukunft aussehen und wie werden sich Ihrer Meinung nach in den nächsten 12 Monaten die Preise am Viralmarkt entwickeln?
!: Es wird viel mehr Inhalt geben, viel mehr Trubel. Die Sache ist doch, dass es immer schwieriger wird sich Gehör zu verschaffen. Ich meine, es ist schon jetzt sehr schwer, pro Tag werden alleine 30000 Video auf Video-Sharing Seiten hochgeladen. Aber wir haben noch lange nicht alles gesehen.
Vivian Wagner, CampaignAuf der einen Seite wird der Bedarf für mehr Werbung die Preise in die Höhe treiben. Ich denke, dass der Fokus jetzt mehr auf die Qualität von Webseiten gerichtet wird, vor allem auf solche Seiten, die eine hohe Zahl an Besuchern aufzeigen können. Auf der anderen Seite wird ein Kunde, der aktiv an einem Video teilnimmt, weiter an Bedeutung gewinnen. Denn interessierte Kunden stellen eine lukrative Wechselwirkung zwischen Verkauf und Kundenzufriedenheit her. Das wird wiederum die hohen Preise der Werbung ausgleichen.
CPMs (Cost per 1000) sind jetzt schon in schaurige Höhen gestiegen, lassen sich aber trotzdem nicht vergleichen mit den Preisen, die etwa für Werbezeiten im Fernsehen kalkuliert werden müssen. Dazu kommt noch, dass ein Kunde, der sich entscheidet, einen 2-min Clip freiwillig anzuschauen, indem er drauf klickt, wesentlich wertvoller ist als ein Zuschauer vor dem Fernseher, der bei einem 30-Sekunden Werbespot durchaus auch gerade abgelenkt sein kann und womöglich gar nicht hinschaut. Wie gesagt: ein Kunde, der im Internet aktiv teilnimmt, ist besser als jemand, der vielleicht gerade aus dem Zimmer geht, dafür wird man dann auch in Zukunft gerne mehr zahlen.
Zusätzlich muss auch gesagt werden, dass der Werbemarkt im Internet viel ethischer und durchsichtiger werden wird. Wir sind besonders glücklich darüber, dass die EU Richtlinien für unerlaubte kommerzielle Tätigkeiten jetzt auch wirklich in fast jedem Mitgliedsstaat eingeführt hat. Das bewirkt, dass unethische und falsche Marketing Praktiken endlich unterbunden werden können. Darüber sind wir sehr froh, denn solche falschen Marketingstrategien gehen oft als "Viral Marketing" durch und ziehen damit Firmen, die ehrliches "Viral Marketing" betreiben, mit in den Dreck. Somit wird hoffentlich die Zukunft des Internets frei von Schleichwerbung, falschen Votings, geheuchelter Publicity und unlauterem Wettbewerb sein und Platz für fantastische Inhalte und durchschaubare Distributionswege bieten.
Ich hab bei Dirk die erste methodisch saubere, großangelegte Umfrage zur intrinsischeh Motivation von Alphabloggern gefunden. Die Studie leitet Prof. Dr. Sören zu Fall von der parapsychologischen Fakultät der Bürgeruniversität von Floridsdorf - dieses Stöckchen schnapp ich mir doch glatt.
1. Was war der entscheidende Grund, mit dem Bloggen anzufangen?
Eigentlich wollte ich schon seit Jahren einen aktuellen Online-Pressespiegel für meine diversen journalistischen Veröffentlichungen zusammenstellen; in statischem HTML ist das relativ mühsam, und WordPress erschien mir dabei als geeignetes CMS. Meine erste eigene Online-Publikation war übrigens ein Newsletter zum Thema Napster, Online-Musikdistribution und Co., der damals sogar in der c't bei den Linktipps erwähnt wurde. (d-news, 1998-2001). Die Jahre davor startete ich gemeinsam mit StudienkollegInnen das "Gray Literature" Projekt medianexus.net, später dann habe ich eine Weile phpBB verwendet, um auf medianexus.net ein Forum zu betreiben.
Diesen Beitrag weiterlesen »
Seite berichtet über aktuelle Zusatzservices rund um den beliebtesten aller Microblogging-Anbieter (aktuell z.B. Tweetparty und Summize), aber auch über diverse Kuriositäten, aktuelle Trends und technische Probleme der perma-überlasteten Infrastruktur. Kurz gesagt: es gibt viel zu berichten und jeder Fan des 140-Zeichen Kults sollte die Seite in seinen RSS-Reader aufnehmen. Ich hab mit Metty ein kurzes ICQ-Interview zu seiner neuen Seite geführt:
datenschmutz: In den letzten Monaten hat Twitter auch im deutschsprachigen Raum einen enormen Popularitätsschub erlebt. Warum sind deiner Meinung Micro-Formate so populär?
Metty: Warum das im Allgemeinen so populär geworden ist kann ich nicht beantworten, ich kann nur für mich sprechen. Twitter habe ich vor ca. einem Jahr erstmals getestet aber ich bin absolut nicht damit warm geworden. Mittlerweile hat sich das geändert, second chance, und ich bin zum Fanboy geworden. Wirklich sinnlos ist es nicht, aber den Sinn kann man nicht erklären. Die Aktuelle Stunde hat es mal auf den Punkt gebracht, muss es einen Sinn ergeben solange Leute daran Spaß haben?
Es ist die Schnittmenge aus kurzem Mitteilungsbedürfnis, Voyeurismus, Interesse an neuen Trends, oder einfach nur der daily-hippe heiße Scheiß. In Summe eine Mischung aus IRC, Newsreader und Messenger.
?: Warum hast du das Twitter-Log begonnen? Liegt der Schwerpunkt eher auf technischen oder inhaltlichen Aspekten?
!: Mir ist aufgefallen das viele in ihren Blogs vermehrt nur noch über Twitter schreiben oder die Blogposts fast ausschließlich aus den gesammelten Tweets bestehen. Auch bei mir waren Ansätze erkennbar, da ich das jedoch nicht wollte musste ein eigenes Blog dafür her. Twitter biete einfach zu oft zu Interessantes das es einfach im Byte-Nirwana verschwindet.
Ich versuche auf Twitter-Log die Trends der Twittosphäre zu erfassen, wobei mein Augenmerk eher auf dem inhaltlichen als auf dem technischen Aspekt liegt. Klar, technisches gibt es auch, z.B. Tools rund um Twitter, aber dann doch eher vom Nutzen betrachtet als auf die technische Realisation.
?: Wer sollte das Twitter-Log lesen?
!: Jeder
Naja Jeder mit einem Herz für Twitter und den Fail-Whale!