Diverse gedruckte Texte werden in ihrer Originalität durch schamlose Online-Publikation gemindert.

Banksy-Originale zu Schleuderpreisen: Kunst und Kontext

“An artist’s residency on the streets of New York” nennt Banksy seine aktuelle Aktion, in deren Verlauf er jeden Tag ein Kunstwerk auf den Straßen des Big Apple präsentiert. Ein Audioguide, zugänglich unter einer Gratis-Nummer, die neben den Graffitis zu finden ist, liefert herrlich skurril aufbereitete Zusatzinfos, in denen der Meister ständig als [bänsk:ei] bezeichnet wird. Alle Aktionen dokumentiert täglich der “Ausstellungskatalog” unter banksyny.com.

Der britische Meister-Ikonograph beherrscht nicht nur sein Handwerkszeug in Perfektion, sondern hat sich in den vergangenen Jahren als wahres Diskurs-Hacking-Genie etabliert. Seine Statements zum Kunstwerk gipfelten 2010 in der grandiosen Mockumentary Exit through the Gift Shop, einer rasanten Achterbahnfahrt durch die Welt der Street Art und ihre komplizierte Beziehung zum Kunstmarkt.

Genau die ist mittlerweile recht gefestigt: wer das Glück hat, einen Banksy auf der eigenen Wand vorzufinden, kann schon mal die Maurer rufen, denn solche “Originale” erzielen bei Kunstauktionen mittlerweile Millionenpreise. Eine Tatsache, die anlässlich der aktuellen NY-Residency bereits Steve Colbert aufgegriffen hat:


Am 13. Oktober bot Banksy eine ganze Reihe von signierten Original-Arbeiten zum Verkauf an – und zwar an einem der vielen Touristenfallen-Stände im Central Park. Der Künstler, der seine Idenität seit Jahren erfolgreich geheim hält, verkaufte die Bilder nicht selbst, sondern überließ einem entspannten älteren Herrn (Name der Redaktion unbekannt) Präsentation und Abwicklung. Pro Bild wollte dieser von potentiellen Käufern 60 Dollar. Bilanz am Ende des Tages: 8 der rund 30 Bilder gingen über den Ladentisch, der Rest wanderte nach Ende der eintägigen, einmaligen Aktion wieder zurück in Banksy’s Atelier.

Den 8 Käuferinnen und Käufern kann ich nur gratulieren – wie oft hat man schon die Gelegenheit, 60$ in wenigen Minuten in mehrere Millionen zu verwandeln? Was für eine poetische Aktion! Das Video “Art Sale” dokumentiert das Geschehen im Central Park:

Luca war leider auch grad nicht in NY *g*

Die Tageszeitung Der Standard Kompakt – Das Kleinformat

Was bin ich erschrocken, als heute die erste kleinformatige Ausgabe des neuen Standards für Kurzarmige und Hundebesitzer vor der Wohnungstür lag! Das ist einfach…. nicht richtig. Wie ein Hybridwesen aus dem Labor, Frankensteins Zeitungsmonster: eine Abdomination, erschaffen in bester Absicht, aber doch ein Frevel an der natürlichen Ordnung… ach was, ganz so schlimm ist der Standard Kompakt überhaupt nicht. Die Grafiker dort haben bloß recht wenig Ahnung von A4-plus-ein-bisschen-was-Layouts, deshalb liest sich die Zeitung rein optisch so charmant wie ein Bezirksblatt, das die Anzeigen durch Presseagentur-Meldungen ersetzt hat.

Standard und ÖsterreichDer Standard und eine österreichische Satiretageszeitung im Größenvergleich.

Dabei kannte meine Freude in gewissen Grenzen keine Grenzen, als mir ein sich selbst terminierendes, sechswöchiges Testabo für lau angetragen wurde – denn niemand hasst Großformate mehr als ich: beim Motorradfahren auf der Autobahn fliegen dir ständig große Vögel in die Zeitung, im Bett sieht man beim Umblättern kaum mehr auf den Fernseher. Die große Chance, die sich durch den geringen Umfang des Standard Kompakt böte, lässt die Redaktion leider ungenutzt verstreichen. Ein Beispiel von Seite 20, Rubrik “kurz gemeldet”: 4 Meldungen, 2x APA, 1x DPA, 1x red – letzere mit dem Titel “Erratum”.

In den besten Momenten reicht die Qualität der Untertitel fast an fellneröses Buntpapier ran, wenn etwa in der Rubrik “Netbusiness / Wissenschaft” der Artikel “Ein Internet für Roboter” mit dem Lead beginnt “Was Roboter Franz nicht kann, lernt er künftig von seinem Kollegen Josef.” Soll der kompakte Standard, was er nicht kann, künftig von seinen Kollegen Österreich und Heute lernen? Ohne wirklich zukräftige Artikelüberschriften wie “Warum Peter Pilz diesen afrikanischen Baum zersägte” (1) wird das nix an den U-Bahn-Stationen.

Aber dort soll der Standard Kompakt ja auch gar nicht aufliegen, vielmehr handelt es sich um einen Testballon, der klären soll, ob Interesse an einem Produkt im kleineren Format besteht. Ich hab darauf eine klare Antwort: ja, wenn’s nix kost…

Outtakes / Making of

Standard Shooting


(1) In Anlehnung an die legendärste Österreich Schlagzeile ever: “Afrikanerin zersägte diesen Straßenbahnfahrer”

He, VISA: 90 von 40 sind wieviel Prozent?

100 Prozent von nixAmpere, Volt, Ohm, Watt, (Kilo)Wattstunden, Blind- und Scheinleistung, Wirkungsgrad… niemand behauptet, dass die physikalischen Modelle zur Beschreibung jenes Elektronenflusses, den wir gemeinhin als “Strom” bezeichnen, sich auf simple Rechenoperationen beschränken. Doch trotz aller Komplexität gilt letztendlich: Prozentwerte bleiben Prozentwerte. Ganz gleichgültig, ob wir Wahlergebnisse prognostizieren oder Umsatzsteuer bezahlen. Insofern hat mich die folgende Interviewpassage aus dem Visa-Kundenmagazin “complete” Nr. 03 – September 2010 dann doch sehr verwirrt. Yvonne Schröder spricht mit Wolfgang Anzengruber, dem Vorsitzenden des Verbund-Vorstandes, über Wasserkraft und E-Mobilität. Hier die ersten beiden Fragen:

complete: Herr Anzengruber, wie wir in der Titelgeschichte erfahren, wird es bald zu einem Engpass von Gas und Öl kommen. Als eine Lösung werden erneuerbare Energiequellen angeführt – wie setzt sich eigentlich die Energie, die der Verbund liefert, zusammen?

wolfgang anzengruber: Die Verbund-Kraftwerke decken etwa vierzig Prozent des österreichischen Stromverbrauchs (ca. 70.000 Millionen kWh pro Jahr). Der Wasserkraftanteil liegt bei 90 Prozent.

complete: In der Energiestrategie Österreich wurde festgelegt, dass bis 2020 rund 34 Prozent der Endverbraucherenergie aus erneuerbaren Energiequellen kommen sollen. Was trägt der Verbund dazu bei?

wolfgang anzengruber: Schon jetzt sparen die Verbund-Wasserkraftwerke pro Jahr 22 Mio. Tonnen CO2. Bei der Wasserkraftnutzung hat Österreich aber noch Potential […]

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Fellnerös: Facebook-Sucht und ihre schlimmen Folgen

“Ist es ein Vogel, ist es ein Flugzeug, ist es eine Zombieinvasion?” fragten sich Milliarden Leser des tageszeitungsartigen periodischen Druckwerks “Österreich” diesen Samstag. Mehrere aufgeklärte Computerspieler wollten angesichts der blaßbleichen, orientierungslos umher taumelnden Juhsa mit dem leeren, stierenden Blick sogar ihre Notfall-Holzpflöcke aus dem versperrbaren Waffenschrank holen, inoffizielle Vertreter der katholischen Kirche sprachen vom bevorstehenden Weltuntergang und rieten ihren Gläubigern, die letzten Stunden reichlich Buße zu tun. Erstmals seit Jahren berichteten Augenzeugen von menschlichen Aktivitäten auf Myspace, Mobilfunk-Anbieter mussten 90 Minuten lang Datenverkehr-Umsatzeinbrüche von bis zu 81% hinnehmen. Was war geschehen und wie konnten unsere Kultur, unsere Ökonomie und unser Sinn für Realität so effektiv, so nachhaltig gestört werden – ganz ohne terroristische Einwirkung?

Facebookersatz
Facebook-Junkie bei der Selbst-Medikation – Ärzte befürchten zukünftige Engpässe bei der Versorgung mit Facebook-Ersatz-Serum.

Eines gleich vorweg: Nur dem unermüdlichen Einsatz modernster Technologie haben wir zu verdanken, dass das Zweitschlimmste im vorletzten Moment abgewendet werden konnte. Aber lesen Sie selbst:

Für die meisten gehört Facebook zum Tagesablauf wie Zähneputzen, viele sind süchtig. Donnerstagabend blieb ihr Schirm zumindest vorübergehend schwarz – und das hatte für einige User schlimmer Folgen. Bernd Dillinger, Experte des Institut zur Prävention von Onlinesucht: “Es gibt wenig Erfahrungswerte, aber es ist sehr gut vorstellbar, dass der Ausfall bei süchtigen Menschen Stress auslöst. Sie haben eine Art Entzugserscheinung, wenn sie nicht online sein können. Angstzustände und Nervosität sind die Folgen.”

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Wenn Medien das Medienspiel spielen

Das Profil, ein österreichisches Wochenblatt, feierte dieser Tage seinen 40. Geburtstag. In der aktuellen Ausgabe verraten auf Seite 121 einige Testimonials ihre Zuneigung zu Christian Rainers Magazin, darunter auch UHBP Heifi (Unser Herr Bundespräsident Heinz Fischer). Sein Statement erheiterte mich noch weit mehr als Laura Rudas’ Sager von der vorgestrigen Politik, denn er zeigt scharfe Beobachtungsgabe sowie immensen Sinn für Realismus, den ich dem stets auf Konsens bedachten Heinz Fischer zugegebenermaßen so nicht zugetraut hätte. Mag die Medienschelte auch unfreiwillig geschehen sein, so trifft sie doch des nassen Pudels Kern mitten in die Leber. Sprach der Bundespräsident:

profil soll seine Rolle weiterspielen – nämlich ein kritisches Magazin im Pluralismus der österreichischen Medienlandschaft zu sein.

Das Medien-Rollenspiel Weiterlesen

Die ÖNB bringt 400.000 Bücher online

Rund 400.000 Bücher aus dem Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek sind frei von Urheberrechten. Sind seit dem Todestag des Autors mindestens 70 Jahre vergangen, dürfen die betreffenden Werke frei verbreitet werden, doch die Digitalisierung historischer Bücher verursacht immense Kosten. Diese übernimmt im Rahmen der bisher größten österreichischen Public-Private Kultur-Partnerschaft der Suchmaschinenriesen Google: der längst zur internationalen Medienmogulerie gewachsene Konzern bezahlt für die systematische Transformation von Zellstoff und Tinte in Nullen und Einsen gigantische 30 Millionen Euro. In sechs Jahren soll das Projekt abgeschlossen sein, 2016 wird der gesamte “Open Source” Bestand der Bibliothek der Öffentlichkeit online zur Verfügung stehen, im Volltext und samt Suchfunktion.

Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek
Pressekonferenz im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek.

Heute Vormittag präsentierten ÖNB-Direktorin Dr. Johanna Rachinger, Projektleiter Max Kaiser, Google-Österreich Geschäftsführer Charly Pall und Google-Buchsuche Chefin Annabella Weisl den Digitalisierungs-Fahrplan einer ausgesprochen interessierten Journalistenrunde, und trotz aller sonstigen Bedenken gegen die Quasi-Monopolstellung der “Datenkrake” Google kann ich der Generaldirektorin zu dieser genialen Kooperation nur gratulieren.

ÖNB Pressekonferenz
Max Kaiser, Johanna Rachinger, Annabella Weisl und Karl Pall.

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AutoRad-Zwitter-Ding und Schweizer Ingenieursgehirn

motorradautoIm Peraves Monotracer sitzt man beengt und ohne Freiluft-Feeling wie in einem Auto, lebt aber dafür so gefährlich wie auf einem Motorrad. Die ganze Konstruktion ist zu breit, als dass man sich bei roten Ampeln elegant zwischen Autokolumnen nach vorne schwindeln könnte, dafür kann man sich nicht in die Kurve lehnen. Diese elegante Kombination der besten Nachteile von Auto und Motorrad in Form eines hässlichen Konstrukts namens Peraves MonoTracer, das aussieht wie ein der Längsachse nach plattgedrückter Smart, war dem Time Magzine einen Eintrag in die Liste der besten Erfindungen des Jahres 2008 wert: die wissen anscheinend nicht, dass die genialen Erfindungen immer am 31.12. kurz vor Mitternacht gemacht werden!

Würden die Amerikaner am 11.11. ebenfalls Faschingsbeginn feiern, dann hielte ich diesen Eintrag fraglos für Realsatire – die Begründung ist einfach nur großartig:

You really need the mind of a Swiss engineer to come up with a vehicle that combines the lithe maneuverability of a motorcycle with the not-getting-rained-on-ability of a conventional automobile.

Die Beschleunigung ist dank BMW-Motor für ein Gefährt, das Leute benutzen sollen, die nicht nass werden möchten, wenn es regnet, dagegen ganz ordentlich: in 4,8 Sekunden quält sich diese Missgeburt bis zum Hunderter und verbraucht vergleichsweise sparsame 3,5 Liter auf hundert Kilometern. Ach ja, falls ich das noch nicht erwähnt habe: ich zähle mich nicht zur Zielgruppe :mrgreen:

Mein erster Leserbrief an den neuen Falter

Vor kurzem gab’s bei der Wiener Stadtzeitung einen äußerst gelungenen Relaunch mit optischer Auffrischung und neuer Klammerung. Meine persönliche Meinung dazu: noch nie habe ich in Österreich einen derart gelungenen Printmedien-Relaunch erlebt. Auf meiner völlig subjektiven “Les-ich-gern-Skala” stieg die letzte brauchbare Wochenzeitung dieses Landes locker um zwei Stufen. Die Digitalia-Kolumne der letzten Ausgabe motivierte mich allerdings ob der hanebüchenen Darstellung der Causa PsykoMaN zu meinem ersten Leserbrief, und zwar als Reaktion auf diese Kolumne (Falter #44/2008, 29.10.2008, S. 23):

falter digitalia

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Heute Abend: Ehrung des großen Bruders

10. Big Brother AwardsWer in Wien zugange ist und noch keine speziellen Pläne für den Samstagabend geschmiedet hat, hätte über eine Abstecher in den Rabenhof intensiv nachdenken sollen: dort wurden gestern ab 20:00 Uhr die jubiläums-lastigen 10. (in Worten: zehnten) Big Brother Awards verliehen. Dagmar Streicher und Thomas Rottenberg moderierten die Gala, als Laudatoren waren unter anderem der FM4-Blumenau, der Hypertext-Hrachovec und die Regie-Minck am Start, ganz zu schweigen vom Kabarett-Nowak von der Format-Mayerl. In das Kostüm des internationalen Special Guests schlüpft Eddan Katz von der Electronic Frontier Foundation.

“Stop Überwachungslawine” lautete das Motto in diesem Jahr, der Eintritt zur Veranstaltung war gratis und ein gewisser Unterhaltungsfaktor garantiert. Selbstverständlich haben die Adepten der fernmündlichen Kommunikation an Zeit-Raum-Paradoxien gedacht und die Action live ins ganz Universum gestreamed, Details auf BigBrotherAwards.at. datenschmutz Leser wissen vermutlich, dass die Veranstaltung nix mit Reality-Shows zu tun hat, Zufalls-Besuchern sei an dieser Stelle nochmal deutlich gesagt: der Name bezieht sich auf den “Großen Bruder” aus Georgie Orwells “1984”, ausgezeichnet werden Personen, Firmen, Institutionen, die in besonderer Art und Weise Grundsätze des Datenschutzes mit den Füßen getreten haben.

Verständlicherweise bleibt so mancher Preisträger der Veranstaltung eher fern – ich glaub, wenn datenschmutz als übelstes deutschsprachiges Blog nominiert wär, tät ich mir die Trophäe auch nicht persönlich abholen. Bei den ersten BBAs habe ich noch ein bisserl mitgearbeitet und kann kaum glauben, dass seither schon wieder neun Jahre ins Land gezogen sind… die Big Brother Awards haben sich jedenfalls seither zu einer fixen Institution entwickelt. Man kann nur hoffen, dass kein medialer Abnutzungseffekt auftritt, denn zum Besseren hat sich in punkto Datenmissbrauch in den letzten Jahren nix gewendet, ganz im Gegenteil. Hier gibt’s die Liste der Preisträger – als persönlich Betroffener find ich die UPC/Nominum Kooperation, bei der aus Domain-Tippfehlern Werbeprofile werden, ganz besonders übel.

gap-Interna: Umfrage über Musikjournalismus

Musikjournalisten-InternaStefan führt für die Musikredaktion von the gap gerade eine interne Umfrage unter allen CD-Rezensenten durch. Die Zeiten, in denen die Crew aus einer äußerst überschaubaren Zahl von Schreiberlingen bestand, sind seit Jahren vorbei, und Präferenzen tendieren bekanntlich dazu, sich im Lauf der Zeit zu verändern. Beim Ausfüllen des Fragebogens ist mir allerdings schlagartig klar geworden, dass ich nicht bloß zur Musik selbst, sondern auch zum Schreiben über Musik mittlerweile eine völlig andere Einstellung als vor 10 Jahren habe. Daher möchte ich die Antworten meiner geschätzten Leserschaft nicht vorenthalten – vielleicht entwickelt sich daraus ja sogar eine kleine Diskussion über Musikreviews auf Blogs, Subjektivität und Konstruktivismus :mrgreen:

Stefan: Seit welcher Ausgabe bei The Gap?
ritchie: #02

?: Nach welchen Kriterien unterscheidest du zwischen guter und schlechter Popmusik?
!: Weiß nicht. Ich kann ja nicht in die eigenen Blackbox reinschauen und meinen atavistischen Geschmacks-Algorithmen reverse-engineeren!

?: Inwiefern richten sich deine Plattenkritiken/Rezensionen in The Gap nach den Wünschen der Zielgruppe?
!: Indem ich über CDs schreibe, die Labels zum gap schicken, welche vermuten, dass die Zielgruppe passen könnte. Aber von den Wünschen der Zielgruppe hab ich keine Ahnung, dazu bin ich auch schon viel zu alt.

?: Wie viel Fachkompetenz benötigt ein Journalist, um über Musik zu berichten?
!: Gar keine. Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen und so… Manchmal könnte Kompetenz allerdings beim Füllen der Zeilen hilfreich sein, allerdings sind CD-Reviews meist so kurz, dass selbige nicht unbedingt erforderlich ist. In Zeiten der Wikipedia kann sowieso jeder Dillwhip mit unglaublichem Faktenwissen glänzen. Müssen eigentlich schwere Zeiten sein für die Die-Hard Fan-Fraktion, die früher jeden Spex-Artikel auswendig gelernt hat.

?: Welche Kriterien setzt du zur Bewertung von Musik an?
!: Primäres Kriterium ist der Klang :mrgreen: Wenn sie mir gefällt und der Bass angenehm meine Hypophyse massiert, dann muss es ja wohl gute Musik sein. Wenn ich gleich zum nächsten Track skippe oder das Hirschfilet sich im Magen umdreht, dann nicht. Der nächste Rezensent mag aber wiederum ganz anders drüber denke – ich etwa kann mit Emo noch immer nix anfangen und finde alle Emo- und Brit-Pop Platten voll scheiße.

?: Wie sieht dein persönliches Rechercheverhalten aus?
!: Lange Beine, kurzer Rock, Lackstiefel, eventuell Netzstrümpfe. Haarfarbe egal. Ne, im Ernst: es geht nix über Primär-Recherche, am besten immer die Musiker selber sprechen lassen. Das Netz hilft ebenfalls, und weil man jedem im Leben mindestens zweimal begegnet, würd ich das eigene Archiv auch nicht unterschätzen wollen.


Fotocredits:
von Schwamby3/ pixelio.de

 

Mediaprint: Personalisierte Print-Kampagne ohne Absender

Mediaprint Kampagne ohne AbsenderDen nebenstehend eingescannten Flyer fand ich vor einigen Tagen in meinem Briefkasten und zwar in einem handbeschrifteten Umschlag ohne Absender. Die Rückseite des Papiers ist – blütenweiß. Sowas erregt natürlich Neugier, und ich vermute mal, dass so ziemlich jeder netzaffine User die URL mal eintippt, um zu sehen, wer hinter dieser Mailing-Aktion steckt. Umso größer war mein Erstaunen, als ich zu einer Online-Umfrage gelangte, deren Impressum verriet, dass ich mitten in eine Kampagne des Mediaprint-Verlags gestolpert war: der User beantwortet online eine Reihe von Fragen und landet schließlich bei einem 2wöchigen-Abo-Testangebot von Kronenzeitung oder Kurier. Die einzelnen Screens der Aufnahme sehen folgendermaßen aus:

mediaprintkampagne

Fast schon viral

Diese Kampagne wirft einige Fragen auf: denn soweit ich weiß, sind Werbesendungen völlig ohne Absenderkennzeichnung auf jeden Fall rechtswidrig. Bei der Online-Recherche habe ich allerdings nur eine diesbezügliche Entscheidung des deutschen LG Hamburg gefunden:

In einer aktuellen Entscheidung hat das LG Hamburg (Beschl. v. 12.9.2003 – Az.: 312 O 707/03) bestätigt, dass durch die Änderung des § 28 Abs. 4 Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) bei persönlich adressierten Werbeschreiben auf das Widerspruchsrecht hingewiesen und die Adresse benannt werden muss, an die der Widerspruch geschickt werden kann.

Dies mussten in der Vergangenheit schon die Tages-Zeitungen “Handelsblatt” (LG Düsseldorf, Beschl. v. 16.7.2003 – Az.: 12 O 217/03) und die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” (LG Frankfurt a.M., Beschl. v. 17.6.2003 – Az.: 2 06 O 247/03) erfahren.

Weiß da jemand genaueres in punkto österreichische Rechtslage? Die Arbeiterkammer unterscheidet zwischen der sogenannten unadressierten Werbung (“an einen Haushalt”) und adressierter Werbung, konkrete Infos zur Erforderlichkeit des Absenders hab ich allerdings keine gefunden – mich interessiert einfach, ob der größte österreichische Verlag (die Krone besitzt ein .at ja (zumindest ein unterstelltes) Quasi-Tageszeitungsmonopol) sich in der Hoffnung auf eine höhere Conversion-Rate einfach über die geltende Rechtslage hinwegsetzt.

Vorteile der Kampagne für die Mediaprint

Wenn die Auswertungsapplikation sauber programmiert ist, dann erkennt der Mediaprint Verlag anhand der Fragen eine Menge Präferenzen des jeweiligen Users, denn die Seite wird ja mit der Namens-Subadresse aufgerufen. Außerdem überlebt der Brief die Postkasten-Filterung: wer einen Sticker am Postkasten mit dem Aufdruck “Ablegen von Werbematerial ist verboten” oder dergleichen anbringt, erhält nämlich keinen Print-Spam. Außerdem bewirkt dieser Call-to-Action mit Sicherheit aus den oben geschilderten Gründen eine hohe Response- und damit vermutlich wohl auch eine überdurchschnittlich hohe Conversion Rate. Allerdings frage ich mich, wo die betreffenden Adressen herkommen und ob das Weglassen des Absenders rechtlich zulässig ist. Liebe hier mitlesende Anwälte/Juristen/Medienrechtler: darf die Mediaprint das denn? Falls ja, dann such mir Adressen aus dem Telefonbuch und verschicke in Zukunft datenschmutz-Briefe :mrgreen:

Symposion: Googles Vorgänger

Symposion: vor GoogleNächste Woche findet in Wien ein für Cyberpunk-Historiker äußerst interessantes Symposion statt: Drei Tage lang beschäftigen sich interdisziplinäre Forscher in zahlreichen Vorträgen mit dem Thema Vor Google – Suchmaschinen im analogen Zeitalter. Beim Blick zurück sieht man bekanntlich immer ein völlig anderes Bild als seinerzeit, die Herstellung Retro-Rückbezüglichkeiten zwischen DMOZ und Metternichs Melderegister (Gemeinsamkeit: die ausführenden Organe befürworten ein strenges Regime) finde ich ein ausgesprochen spannendes Thema.

Alle Vortragenden aufzuzählen würde den Rahmen dieses Postings sprengen, dass die Fetzen nur so fliegen – organisiert haben das hochkarätige Get-Together Anton Tantner und Thomas Brandstetter, Veranstaltungsort ist die Wienbibliothek im Rathaus. Einen Timetable aller Vorträge mitsamt Abstracts bietet die Symposions-Homepage, der Zugang ist – sofern ich nix überlesen habe – ohne Anmeldung frei möglich. Ihr Thema umreißen die Veranstalter folgendermaßen:

Das Internet-Zeitalter beginnt seine Vorgeschichte zu schreiben: An Stelle der “politischen Haupt- und Staatsaktionen” rücken zunehmend Medien ins Zentrum des historischen Interesses, es werden Aufschreibesysteme, Datenverarbeitung und Übertragungstechnologien untersucht. Zu diesen Forschungen möchte das Symposion einen Beitrag leisten, indem es sich mit jenen Einrichtungen, Personen und Techniken beschäftigt, die als “Vorläufer” heutiger Suchmaschinen betrachtet werden können, seien es Staatshandbücher, Diener, Bibliothekskataloge, Fragebögen oder Zeitungskomptoire. Welche strukturellen Ähnlichkeiten gibt es zwischen diesen vergangenen und den heutigen Suchmaschinen? Welche Unterschiede lassen sich feststellen? Welche Utopien knüpften sich an die Suchmaschinen des analogen Zeitalters? Welche Formen von Kontrolle ermöglichten sie?

Auf jeden Fall ein Highlight: am Samstag spricht der ehemalige Leiter der Sonderkommission medianexus.net, Bernhard Rieder vom Département Hypermédias, Université de Paris 8, über ein nicht unsperriges Thema: “Zentralität und Sichtbarkeit. Mathematik als Hierarchisierungsinstrument am Beispiel der frühen Bibliometrie.” Das klingt doch sehr nach einem Keyword-Dichten-Vortrag, bei dem SEOs noch was lernen könnten.

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Wie frei sind Österreichs Medien wirklich?

illu-zensurDie österreichische Journalisten Ute Fuith hat etlichen Kollegen und mir ein paar konkrete Fragen zum “unabhängigen” Journalismus in Österreich geschickt. Natürlich sehe ich mich nicht primär als Journalist, sondern als Blogger – ich hab zwar am Aufbau diverser Online-Redaktionen mitgearbeitet und verdiene als freier Journalist seit über 10 Jahren kein äußerst bescheidene “Anerkennungshonorare”, verfüge also durchwegs über rudimentäre Primär-Erfahrungen in der österreichischen Profi-Schreiberlings-Szene. Dass beim Bloggen jegliche externe Zwänge wegfallen, gefällt mir natürlich besonders gut: die einzige Schere befindet sich in *meinem* Kopf, und die lässt sich gut verbiegen und an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen. Und ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich datenschmutz überhaupt nicht als aufklärerisches, sondern als rein kommerzielles Projekt betrachte und betreibe – für mich persönlich stellt sich also die Frage nach externer Einflussnahme nur sehr begrenzt. Dennoch habe ich mich sehr über die Fragen gefreut und bin schon gespannt auf den resultierenden Artikel.

Ute Fuith: Wie frei sind Österreichs Medien wirklich?

ritchie: Ich denke, es gibt keine wirklich “freien” Medien: mit ökonomischen Sachzwängen ist jedes (semi)professionelle Medium konfrontiert, politische Einflussnahmen (nicht selten über parteinahe Anteilseigner) stehen wohl auf der Tagesordnung. Informell und in geselliger Runde weiß fast jeder langjährige Journalist hochinteressante Geschichten zu erzählen – doch ich vermute mal ganz stark, dass die handelnden Personen ihre Agreements weitgehend mündlich treffen und konkrete Recherchen wenig Anhaltspunkte und stichhaltige Beweise fänden. So etwas wie ausgewogene Berichterstattung kann meiner Meinung nach nur eine gewisse Vielfalt von Standpunkten gewährleisten: der Medienkonsument muss sich sozusagen aus verschiedenen “Biases” seinen persönlichen Mittelwert bilden. Nicht nur aufgrund der verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl hat Österreich in diesem Bereich allerdings tatsächlich einige Kuriositäten aufzuweisen: angefangen von einem äußerst halbherzigen implementierten dualen System im elektronischen Bereich bis hin zur weitreichenden Dominanz eines einzigen Printmediums.

?: Welche Tabuthemen gibt es?

!: Tabus ändern sich im Lauf der Zeit – aus Konsumenten-Sicht allerdings habe ich den Eindruck, dass im ORF diese Tabus direkt und unübersehbar mit der jeweiligen Regierungskoalition zusammenhängen, was sich in lächerlich-überdeutlicher Art und Weise an der Personalpolitik abzeichnet: der Legende eines vorgeblich “objektiven” Staatsfunks ist dies sicherlich nicht gerade förderlich.

?: Haben Sie in Ihrer journalistischen Karriere jemals inhaltliche Einschränkungen erlebt, wenn ja welche?

!: Keine drastischen – ich war allerdings zu keinem Zeitpunkt meiner beruflichen Laufbahn Vollzeit-Journalist, sondern habe immer nur als freier Autor gearbeitet; da kann man die Aufträge entsprechend auswählen und auch mal die Ablehnung eines Textes verkraften. Vor rund zehn Jahren wollte ich für die Presse Kulturredaktion einen Bericht über Graffiti schreiben (damals waren gerade drei Sprayer zu sehr hohen Geldstrafen verurteilt worden); ich bekam zuerst das ok und einen Tag später die Ergänzung: “Graffiti muss aber schon negativ und als Sachbeschädigung dargestellt werden.” Den betreffenden Bericht habe ich nicht geschrieben. In der politischen Berichterstattung ist das Problem sicherlich virulenter, in diesem Bereich war ich allerdings nie redaktionell tätig.

?: Sind Ihnen Fälle vorauseilenden Gehorsams in Punkto Inhalt bekannt? Welche?

!: Ich denke, die Grenzen zwischen vorauseilendem Gehorsam und der Einhaltung der Blattlinie sind fließende; man spricht ja häufig von der “Schere im Kopf”. Ich kenne keine konkreten Fälle, schreibe aber selbst Texte über dasselbe Thema beispielsweise für mein Blog recht anders als etwa für eine Tageszeitung; das hat allerdings mehr mit formellen als mit inhaltlichen Kriterien zu tun. Im Kulturjournalismus tritt dieses Problem allerdings, behaupte ich mal, seltener auf als in anderen Genres.

?: Wurden Ihre Artikel jemals so umgeschrieben, dass sie sie nicht wiedererkannt haben? Oder kennen Sie Fälle, wo das passiert ist?

!: Es gab eine relativ irrelevante Geschichte, bei der ein Festivalbericht, den ich über Holzstock geschrieben hatte, einen meiner Meinung nach etwas sexistischen Titel, den ich so nie gewählt hätte, bekam. Ganze Artikel wurden jedoch nie derart umgeschrieben. Ich erwarte mir zumindest eine “Feedbackschleife”; auch wenn das auktoriale Prinzip ein Relikt der Vor-Postmoderne sein mag, soviel Professionalität und Respekt, gegebenenfalls nochmal nachzufragen, erwarte ich mir auf jeden Fall. Bei jenen Medien, für die ich regelmäßig tätig bin oder war, hab ich in dieser Hinsicht allerdings durchwegs positive Erfahrungen gemacht.

Walter Reiterer gewinnt Sportjournalistenpreis 2008

Walter Reiterer bei der ArbeitGemeinsam mit Walter habe ich seinerzeit per mp3.lion.cc der AUME und der AKM schlaflose Nächte bereitet und die erste mp3-Seite Österreichs hochgezogen. Nach dem raschen Dotcom-Tod (oder in dem Fall: dot.cc Tod) trennten sich unsere berufliche Wege auf erstaunlich symmetrische Weise – wir hämmern beide nach wie vor als selbständige Unternehmer viel zu viel Datenschmutz in die Tastatur, ich über die Blogosphäre, und Walter über österreichischen Football. Mit seinem Herzblutprojekt Football Austria hat Walter nun den “Sports Media Austria Preises für Journalisten 2008″ gewonnen, und zwar in der Kategorie “beste Website”. Dazu möchte ich ganz herzlich gratulieren – Football-Fans die Seite zu empfehlen hieße wohl, Eulen nach Athen zu tragen, denn wer sich Österreich für das Spiel mit dem ovalen Bällchen interessiert, dem ist Football-Austria.com sowieso längst ein Begriff.

In seinem Statement dankte Walter der Jury und wies nachdrücklich darauf hin, dass F-A keineswegs eine One-Man-Show ist:

Der Preis ist ein schöner Punkt im Lebenslauf. Darüber bin ich natürlich erfreut. In erster Linie sehe ich es aber als Auszeichnung für den Football und daher für viele Menschen. Für mein Team, den Redakteuren, Fotografen und Kolumnisten von FA, im besonderen aber auch für die Spieler, Trainer und Funktionäre in den Vereinen und im Verband. Den Sportjournalistenpreis mit einer Football-Webseite zu gewinnen, war vor fünf Jahren ca. so realistisch, wie den Literatur-Nobelpreis mit einem Limerick zu ergattern. Es ist also auch der Sport, vor dem man sich hiermit verbeugt, eine Ehrung der guten Arbeit, die geleistet wurde, um Football ein ganz kleines Stück weit weg vom Rand zu bringen. Dafür danke ich allen, die daran beteiligt waren und sind.

Den Spartenpreis hat Walter also bereits in der Tasche, aber die Spannung steigt heute abend nochmal ganz gewaltig, denn FA ist auch für den Gesamtsieg nominiert – in der Jury sitzt ein Journalist, den Captain Reiterer ausgesprochen schätzt:

Es ist mir eine Freude, dass ich Football-Austria in so einem tollen Rahmen präsentieren darf, sollte jetzt noch etwas dazu kommen, wäre das wohl mehr als eine Überraschung. Ich bin glücklich, einen “Oscar” für die beste Webseite mitnehmen zu können, ob der für die beste Regie dazukommt, das wage ich zu bezweifeln. Falls dem so ist, dann werde ich ihn allerdings nicht ablehnen. Mein einziger Wunsch ist es, das Jury-Mitglied Dr. Sigi Bergmann persönlich kennen zu lernen. Er ist für mich der beste und gleichzeitig unterhaltsamste Sportjournalist im deutschsprachigen Raum. Ich schaue mir die olympischen Spiele quasi ja nur wegen seiner Kommentare an. Mutterwitz, Ironie und Fachwissen in Personalunion – da bekomme ich ein stets eine Gänsehaut.”

illu-walter2Ich persönliche finde Walters Schreibstil großartig und hab auch die Evolver-Stories immer sehr gern gelesen. Mit American Football hab ich zwar in etwa so wenig oder so viel am Hut wie mit Fußball, aber dass ein journalistischer Autodidakt, der längst zu einem Profi geworden ist, in einer Liga mit ebendiesen mitspielt, freut mich sehr – und ich würde mich noch mehr freuen, wenn heute Abend noch der Gesamtpreis hinzu kommt: denn das wäre nicht nur eine tolle Ehre für den Ausgezeichneten, sondern auch ein imposantes Signal für den Stellenwert des Online-Journalismus in der Welt des Sports. Weiter so, Walter!

Schreib.Stilistik: Der Blogger und sein Journalist

journostyleIch war immer der Meinung, dass es nur eine einzige Möglichkeit gibt, so richtig zu schreiben zu lernen: und zwar durchs Schreiben. Durch Übung, Übung, Übung. Zumindest ich hab noch niemanden mit einem angeborenen Schreibtalent getroffen. Gewöhnt man sich an, aufmerksam zu lesen, auf Formulierungen zu achten und regelmäßig selbst die eigenen gedanklichen Ergüsse in Buchstabenform zu verewigen, dann stellt sich der passende Flow irgendwann ganz von selbst ein. Regeln sollte man kennen, klar – schon allein, um sie gezielt überschreiten zu können. Aber die klassischen journalistischen Textformate bzw. ihre einwandfreie Beherrschung werden im Netz grenzenlos überbewertet.

Der Beitrag Mehr Format wagen! von Klaus Jarchov auf Medienlese schlägt in eine meiner schon lange schwelenden Kerben: journalistische Schreib-Skills aus einer anderen, papiernen Welt werden hochgehalten. Anstatt neue Formate auszuprobieren, halten sich viele Onliner lieber an inadäquate Formalismen, die in keinster Weise zum neuen Medium passen:

Ob Buchdruck, Rundfunk oder TV – neue Medien brauchen neue Formate. Kaum ein Satz erscheint einleuchtender. Und kaum ein Satz wird im Falle des Web 2.0 weniger befolgt. Blogger müssen sich hier von Journalisten im Netz belehren lassen, dass sie doch – bitteschön! – erst einmal die grundlegenden journalistischen Stilformen aus der Holzhausener Schule pauken möchten, bevor sie sich in den Diskurs der Granden einzumischen wagen.

Dann folgen einige sehr gute Gegenbeispiele zu verbreiteten Schnapsideen wie dieser, die ich mir auch schon viel zu oft anhören musste: “KISS. Keep it simple stupid.” Denn kein Mensch würde am Bildschirm lange Texte lesen. Das stimmt nicht, dieser persönlichen Erfahrung des Autors kann ich mich nur anschließen… zum Thema SEO habe ich naturgemäß allerdings eine diametral andere Meinung – aber es macht natürlich einen Riesenunterschied, ob man ein Blog zum Spaß oder mit finanziellen Intentionen betreibt, außerdem besteht SEO nicht bloß aus Überschriften.

Der Journalist in mir

Persönlich sehe ich mich aus dieser Debatte naturgemäß völlig ausgeklammert: da meine textuellen Elaboraten schon lange vor meinem Publizistikstudium jenen journalistischen Stilformen entsprachen, die österreichische Tageszeitungen als adäquat ansehen, gehe ich davon aus, dass ich diesen impliziten Regelkanon von wegen wie schreibt man eine Nachricht, eine Glosse, eine Kolumne, ein Interview pi-pa-po ausreichend verstanden habe. Das mit dem Bloggen begann dann erst 15 Jahre später, und das ist sicherlich ein Mitgrund, wieso ich mich gerade gezielte Regelverletzungen, Subjektivität und experimentelles Schreiben so sehr reizen; dazu hat Christian Jakubetz neulich ein paar sehr interessante Gedanken veröffentlicht.

Ein Blick in die Medienhistorie ist ebenfalls sehr hilfreich: wann immer ein neues Massen-Distributionskanal auftauchte, wurde er anfänglich mit der Stilistik seines Vorgänger-Leitmediums bedient: die ersten Radioreportagen waren schlichtweg vorgelesene Reportagen, und bis Fernsehmacher checkten, dass spoken words im TV anders funktionieren als im Radio, mussten auch erst einige Jahre vergehen. An diesem Wendepunkt befindet sich zurzeit das Netz: ein beträchtlicher Teil aller textlichen Inhalte unterwirft sich mehr oder weniger freiwillig (semi)journalistischen Kriterien*, während bereits eine beachtliche Latte neuer Formate in ungeschützten Biotopen ans Licht der sumpfigen Wasseroberfläche trieben. Gewiss hat die Technologie ihren beträchtlichen Anteil daran: wer weiß, ob nicht zukünftige Literaturwissenschaftler Soups oder Friendfeeds als wertvolle literarische Äußerung jener paar Blogger, die später mal berühmte Autoren gewesen sein werden, mit Begeisterung und Akribie auswerten. Schreiben im und fürs Netz ist viel mehr als “nur” Multimedialität oder Hyperlinks: in welche Richtung sich das ganze entwickeln wird, zeigt sich bereits jetzt in Ansätzen. Und Vielfalt kann nicht nur King Content, sondern Queen Stil nur gut tun.

*) 1 davon find ich übrigens völlig zeitlos: korrekte Recht-, Großschreibung und Grammatik rocken fett, weil sie Texte einfach *viel* schneller lesbar machen. Speedreading-Enabling auf Produzentenseite quasi.

Buchtipp: Wolf-Dieter Storl: Mit Pflanzen verbunden

storlAm Wochenende hab ich Ich bin ein Teil des Waldesteil des waldes gelesen, die Autobiographie von Wolf-Dieter Storl, der gerne als der “Schamane aus dem Allgäu” tituliert wird. So ehrenvoll und gerechtfertigt diese Bezeichnung auch sein mag, sie sollte jene nicht abschrecken, die beim Auftauchen dieses Begriffs sofort an esoterische Scharlatanerie denken. Wolf-Dieter Storl ist ein weitgereister, kluger und weiser Mann: der promovierte Ethnologe weiß weit mehr über einheimische Pflanzen als viele Biologen. Was Storl für mich aber mehr als jeden anderen Autor auszeichnet, ist sein ruhig-besonnene, nicht-urteilende Darstellung verschiedener Weltbilder, Religionen und Realitätskonstruktionen.

Storl hat selbst einen beträchtlichen Teil seines Lebens “zwischen den Stühlen” als Schüler unterschiedlicher Kenner ihrer Gebiete gelebt: er wanderte mit dem legendären indianischen Medizinmann und Pflanzenschamanen Bill Tallbull durch die Big Horn Mountains, lernte auf dem Bergbauernhof vom Schweizer Pionier Arthur Hermes auf dessen Einsiedlerhof die Grundlagen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und lebte lange Zeit in Indien, bevor er mit seiner Frau auf einen Bauernhof im Allgäu zog. All diese Lebensabschnitte sind, gepaart mit Anekdoten und einem beeindruckend lebendigem spirituellen Wissen in Storls Autobiographie vertreten. Das Buch ist nicht nur wahnsinnig informativ, sondern äußerst spannend, und ich war fast enttäuscht, als ich bei der letzten Seite angelangt war.

Zum Glück stehen aber bereits weitere Werke Storls, der mir vor einigen Jahren von Hannes Erler empfohlen wurde (danke dafür! :mrgreen:), in meinem Buchregal. Kräuterkunde, Naturrituale… Storl beschreibt dies alles mit einer Intensität, die – aber nur fast – an seinem eigenen Grundsatz zweifeln lässt: alles, was man lernen und verstehen möchte, muss man erleben. Dieses Pflanzen-Heilwissen, das über Jahrtausende nur im direkten menschlichen Kontakt überliefert wurde, steht wie so viele anderen, vor wenigen Jahrzehnten noch “streng geheime” Text, auf Amazon abrufbereit.

Als Blueprint zum eigenen Experimentieren, als Augenöffner für den unglaublichen Reichtum an persönlicher Freiheit und Realitätskonstruktion, der uns abseits der westlichen Rationalität zur Verfügung steht, sind sie Gold wert. Und was Wolf-Dieter Storls Bücher so besonders macht, ist die unmittelbare Nähe des Mitteleuropäers zu jener Fauna und Flora, die er in seinem Büchern in all ihrer facettenreichen Erscheinung beschreibt – jedem Pflanzen- und Naturfreund kann ich das Buch nur wärmstens ans Herz legen! Soviel zur Theorie – ich schmeiß ich jetzt auf mein Motorrad und werd die nächsten drei Tage in den Waldviertler Wäldern verbringen.

Buchverlosung: Die Googlefalle

googlefallecoverLiebe Wochenend-LeserInnen, bleiben Sie entspannt – liebe mobile UserInnen, bitte halten Sie Ihr Handy gut fest, denn es folgt ein besonderes Sonntagszuckerl : ich verlose 1 Exemplar von Gerald Reischls Die Googlefalle. Der IT-Ressortleiter der österreichischen Tageszeitung Kurier rückt in seinem umfassend recherchierten Portrait die bei weitem populärste Suchmaschine der Welt allerdings in kein günstiges Licht, sondern stellt eine brisante Frage: welche datenschmutztechnischen und sonstigen Gefahren gehen von der beispiellosen Monopolstellung Big G’s aus?

Bloßes Kommentieren reicht nicht, diesmal gibt’s nämlich eine Gewinnfrage: Welche Daten überträgt Google Analytics? Der Gewinner oder die Gewinnerin bekommt von mir die Hardcover-Ausgabe zugeschickt. Eine “richtige” Antwort gibt’s natürlich nicht (was man Geralds Buch ebenfalls entnehmen kann), daher gewinnt der (völlig subjektiv) absurdeste Beitrag den Hauptpreis. Das Gewinnspiel dauert 1 Wochen, endet also am kommenden Sonntag, dem 3. August 2008, es gelten die datenschmutz Gewinnspiel Teilnahmebedingungen.

Trostpreis Eintrag im Linkverzeichnis

Jede/r, der eine (ebenfalls *extrem* subjektiv) besonders originelle Antwort gibt und sein Blog oder seine Homepage angibt, bekommt einen Platz im datenschmutz Linkverzeichnis (Pagerank 4) (ausgenommen natürlich “Bad Neighbourhood Kandidaten”).

In die Googlefalle stolpern

Über die Googlefalle: Gerald Reischl betreibt ein gleichnamiges Blog, das auch in Englisch verfügbar ist. Wer sich immer schon mal Sorgen gemacht hat über die immer beängstigendere Vormachtstellung Googles (neben dem Online-Bereich streckt die börsennotierte Firma ja schon längst ihre Finger nach (amerikanischen) “alten” Medien aus) sollte öfter mal einen Blick reinwerfen: Gerald untermalt die zentrale These seines Buches, dass Google ein supranationaler, unkontrollierbar Moloch geworden ist, der sich von keiner Kontrollinstanz in die Karten schauen lässt, mit beeindruckenden Zahlen – etwa zu Big G’s Marktanteilen in verschiedenen Ländern.

Längst ist Privacy-Schützern die Google-typische Intransparenz, die Datensammel- und Speicherwut des Marktführers, zu viel geworden. Jene genauen Nutzungsdaten, auf die diverseste Regierungen so gerne unbeschränkten Zugriff haben – Google hat sie zur freien Verfügung, und keiner weiß, was genau damit gemacht wird. Dass das Thema Datenschutz in der öffentlichen Debatte inzwischen eine gravierende Rolle spielt, zeigt etwa die Unruhe, die der deutsche “Bundestrojaner” auslöste: das Problembewusstsein sein da, Google jedoch wird von den wenigsten Usern als Bedrohung empfunden – ganz im Gegenteil: aber diese Fehleinschätzung ändert sich nach der Lektüre der Googlefalle mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.