datenschmutz - Social Marketing, Pro-Blogging und medien.kultur.technik
1. Mai 2009, SPÖ-Feier in Wien London 2007 Barcamp Vienna 2009 Shoe-Gallery Olaf Nitz Fußgängerbrücke in Lienz
datenschmutz RSS Feed
1,065 zufriedene Leser
RSS jetzt abonnieren
Twitter
48,567 Followers
auf Twitter folgen

Artikel-Schlagworte: „Alleingang“

CD-Review: Billy Idol – Happy Holidays

"Oh Christmas Tree, oh christmas tree... how joyful are your leaves." Jedem hätte man ein Weihnachtsalbum zugetraut, aber Billy Idol? Und was für Töne fabriziert der blonde Hitparaden-Punker unter dem Tannenbaum? Ganz Famose!
Diesen Beitrag weiterlesen »

Fehlgeleitet von Skepsis persönlich

Im Lauf einer Online-Recherche über die guten alten Kristallschädel bin ich auf das Skeptic's Dictionary gestoßen - exzellent, ein Universitätsprofessor, der mal so richtig gründlich mit diversen esoterischen Halbwahrheiten aufräumt: das könnte spaßig werden, dachte ich mir zuerst. Ein ausgewiesener Rationalist, dessen gestählter Geist wie ein flammender Pfeil ins Herz der Leichtgläubigkeit trifft, genau das richtige für den frühen Abend. Der Eintrag über besagte südamerikanische Kristallschädel hielt dann auch weitgehend, was der Titel versprach.

Ich hätte mir dann fast das Buch bei amazon bestellt, allerdings waren eine Reihe von Kundenrezensionen so gar nicht der Meinung, dass Robert T. Carroll hier seriöse Arbeit geleistet habe. Beim Lesen des Artikels zum Thema "Akupunktur" in der Rubrik "alternative" medizine wurde mir in der Tat relativ schnell klar, dass der selbsternannte Skeptiker im wesentlichen genauso unkritisch ist wie die von ihm gegängelten Scharlatane: nur dass er eben vorbehaltlos an alles glaubt, dem gewöhnlich das Attribut "westlich" vorangestellt wird. Oder, wie's auf amazon ein Leser so schön formulierte:

Now, I agree with about 80% of the things the author is skeptical about. I mean, I don't believe in them too. However, the hair starts to go up on the back of my neck when yet another Western white guy dismisses every cultural belief that is not his.

Dem schließe ich mich gerne an - aber zur besseren Illustration zurück zu des Skeptikers Thesen über die Akupunktur. Sie werden lesen: man muss in der Tat kein ausgewiesener Freund dieser Behandlungsmethode sein, um die präsentierte Erklärung zumindest für windig zu halten.

Starke Aussage 1:

Traditional Chinese medicine is not based on knowledge of modern physiology, biochemistry, nutrition, anatomy, or any of the known mechanisms of healing. Nor is it based on knowledge of cell chemistry, blood circulation, nerve function, or the existence of hormones or other biochemical substances. There is no correlation between the meridians used in traditional Chinese medicine and the actual layout of the organs and nerves in the human body.

Mit anderen Worten: die westliche Medizin hat jedes Detail unseres "Funktionierens" geklärt und lässt keine Fragen offen. Andere Aspekte und Zugänge gibt es nicht - wer keine Ahnung hat von zellulären Vorgängen, der hat gefälligst den Mund zu halten. Dass die alten Chinesen keine Ahnung hatten von "moderner" Physiologie und Ernährungswissenschaft ist übrigens eine Tautologie im besten Sinne. Aber es wird noch viel übler:

Starke Aussage 2:

In short, most of the perceived beneficial effects of acupuncture are probably due to mood change, the placebo effect, and the regressive fallacy. Just because the pain went away after the acupuncture doesn't mean the treatment was the cause.

Probably due to? Das scheint mir nicht gerade die angemessene Formulierung zu sein für einen ausgewiesenen Skeptiker. Also da behauptet der gute Mann einerseits, dass systematische Studien über die Akupunktur noch in den Kinderschuhen stecken, dass aber andererseits das ganze sowieso nicht funktioniere.

Auch völlig schleierhaft ist mir, wie der Autor denn den Erfolg medizinischer Behandlungsmethoden generell messen möchte, wenn nicht durch subjektive Besserung des Gesundheitszustands des Patienten? Vermutlich durch "objektive Besserung", aber wie soll man die bloß feststellen? Ah ja - wenige Zeilen später kommt die aufschlussreiche Antwort:

There are difficulties that face any study of pain. Not only is pain measurement entirely subjective, but traditional acupuncturists evaluate success of treatment almost entirely subjectively, relying on their own observations and reports from patients, rather than objective laboratory tests.

Ja wo kommen wir denn da hin, wenn wir die subjektive Meinung des Patienten höher bewerten als eindeutige Laborbefunde! Schmerz lässt sich im Labor ja bekanntlich so wunderbar mittels der nach oben offenen "blackbox-Skala" messen. Kurz darauf widerspricht sich das offensichtlich sehr hastig zusammengetragene Pamphlet übrigens nachdrücklich selbst:

Nevertheless, it is possible that sticking needles into the body may have some beneficial effects. The most common claim of success by acupuncture advocates is in the area of pain control. Studies have shown that many acupuncture points are more richly supplied with nerve endings than are the surrounding skin areas.

Zur Erinnerung - wenige Absätze früher hieß es noch

There is no correlation between the meridians used in traditional Chinese medicine and the actual layout of the organs and nerves in the human body.

Damit erweist man der weltweiten Vereinigung skeptischer Denker eher eine Bärendienst, behaupte ich - und auch die Formulierung des Abschlussabsatzes lässt an Borniertheit kaum etwas zu wünschen übrig:

There have been some reports of lung and bladder punctures, some broken needles, and some allergic reactions to needles containing substances other than surgical steel.

Wie war das noch gleich mal mit dem guten alten "Totschlagargument"? Der Autor, der Kritikfähigkeit und Rationalismus fordert, spricht ganz pauschal von "some dangers". Ich glaub, ich kauf mir lieber ein seriöses Buch über TCW und spar mir die selbstgerechten und äußerst unreflektierten Ausführungen.

Heutigentags: Die zweiten Sensationen im Alleingang

Untrügliches und notwendiges Merkmal einer Sensation: es wird über sie gesprochen - ausführlich, ausschmückend, erinnernd. Meist dient diese Art der Kommunikation weniger dem Erzählen denn vielmehr der Bestätigung, dass man selbst dabei war. Ob solcherlei Überlegungen die Wiener Künstler Herwig Kopp und Moritz Majce dazu animiert haben, ihre "Sensationen im Alleingang" zu konzipieren, sei dahingestellt: das Setup liefert jedenfalls eine starke Antithese zur klassischen Kunstrezeption.

Wer sich im Ereignissraum befindet, kann nicht nicht teilnehmen. Uns geht es um eine Verrückung des üblichen Kunstbetrachtens hin zu einem Kunsterleben, das die Sinne öffnet und bereit macht für eine Erfahrung des Augenblicks, in dem Kunst geschieht und so wieder zu etwas Überraschendem werden kann. Aus vormaligen Betrachtern und Beobachtern wird so ein einmaliger Mitwirkender, ein Komplize, ein Akteur.

Wer die untypische und sehr temporäre Ausstellung besucht, findet sich in einem sogenannten "Zwischenraum" ein. Von dort werden die Besucher via Taxi zu den einzelnen Locations der Ausstellung gebracht. Diese "Ereignisräume" verteilen sich über ganz Leopoldstadt. Neben der Fragmentierung tritt noch eine besondere Strategie der Verknappung hinzu: jeder Teilnehmer muss sich für einen einzigen Raum entscheiden. So bleibt sichergestellt, dass allein die Künstler die Zentralperspektive einnehmen, ganz gemäß dem Motto des Konzepts:

Sensationen im Alleingang erlebt man nur allein.
Was hier geschieht, geschieht nur ein Mal.
Was man hier erfährt, erfährt man nur zum Teil.

Die ersten "Sensationen im Alleingang" fanden am 28. Oktober in den Räumen des Cabaret Renz statt, wer damals nicht dabei war, bekommt heute erneut eine Chance: wiederum dient der 2. Wiener Bezirk als Schauplatz, rund um den Karmelitermarkt wird sich morgen niemand ein vollständiges Bild machen können:

SENSATIONEN IM ALLEINGANG 2
Arealistische Einzelaktion

Ort: Tachles, Karmeliterplatz 1, A-1020 Wien
Zeit: 10. Oktober 2006, 18.00-24.00 Uhr
Konzept und Inszenierung: Moritz Majce + Herwig Kopp
Teilnehmende KünstlerInnen: Catrin Bolt, Andreas Duscha, Marlene Haring, Ronald Kodritsch, Herwig Kopp, Moritz Majce, Rüdiger Reisenberger

Mehr dazu gibt's auf der Sensationen-Homepage.