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Lienz und das MA99: Ein Lehrstück in Stadtentwicklung

Lienz und das MA99Im sonst so friedlich-beschaulichen Dolomitenstädtchen Lienz herrscht Krieg. Die beiden Fronten kämpfen und jenes Stück Land, auf dem derzeit die alte Kunstmühle steht. Dieses Areal sowie einige umliegende Grundstücke sollen nach dem Willen der Projektbefürworter das größte Osttiroler Einkaufszentrum aller Zeiten, genannt M99, beherbergen. Die Gegner bezeichnen das Bauprojekt als Monster, befürchten erhöhtes Verkehrsaufkommen und eine Austrocknung der Innenstadt. Jene, die so schnell wie möglich bauen möchten, sprechen von einer essentiellen Investitionsspritze in Krisenzeiten.

Die Gräben sind tief, angeblich ist ein Teil der Gelder bereits geflossen und einige Genehmigungen wurden erteilt und vermutlich wäre längst der Spatenstich erfolg, befände sich nicht der Lienzer Bürgermeister Dr. Hibler von der Mehrheitspartei ÖVP auf der Seite der Projektgegner, die sich in der unabhängigen Bürgerinitiative “Stoppt Monster 99″ organisiert haben. Sie treten gegen eine seltene Allianz aus SPÖ, FPÖ und den Grünen an – man wundert sich. Argumentative Annäherungen sind längst gescheitert, am 8. Februar findet daher in Lienz eine Volksbefragung statt – eine Premiere für die Dolomitenstadt, deren Bürger noch nie ihre Meinung kundtun sollten. Eine solche Volksbefragung auf lokaler Ebene hat, anders als Kommunalwahlen, zwar keinen rechtlich bindenden Charakter, würde dem Bürgermeister jedoch im Fall großflächiger Ablehnung ein starkes Argument in die Hand geben.

Entnommen habe ich diese Kurzfassung der aktuellen Ausgabe des Osttiroler Boten, in der Günther Bachmann, Geschäftsführer der Brauneck-Gruppe, die als Investor auftritt, und Dr. Hibler ihre Sicht der Dinge jeweils in einem einseitigen Interview kund taten. Außerdem flatterten den Lienzer Haushalten in den vergangenen Tagen weit mehr Flugblätter ins Haus als üblich. Was den Bauplänen besondere Brisanz verleiht, ist in erster Linie die Lage: das geplante Einkaufscenter soll als siebenstöckiges Monument das Lienzer Stadtbild ausgerechnet am Beginn der Altstadt prägen. In der Innenstadt ansässige Kaufleute befürchten wohl zurecht die Austrockung der Altstadt, Anrainer rechnen mit gravierend erhöhtem Verkehrsaufkommen.

Um die Vertracktheit der Situation besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf demographische Statistiken zu werfen: der Bezirk Osttiroler schlägt sich nicht nur mit dem burgenländischen Oberwart um die Krone der Arbeitslosenstatistik – ökonomische Kennzahlen bescheinigen der Gegend auch extrem niedrige Durchschnittseinkommen. Die Befürworter erhoffen sich von der Investition einen Belebung der einheimischen Wirtschaft, über 100 Arbeitsplätze sollen durch das Center geschaffen werden. Dass die 300 geplanten Stellplätze für den Auto-Ansturm ausreichen werden, bezweifeln wiederum die Gegner. Die Verkaufsfläche von knapp 9.000m2 soll zur Hälfte mit drei Großmietern aus den Bereichen Lebensmittel (da kommt wohl nur Interspar oder Merkur infrage, ersterer betreibt allerdings einen Großmarkt knapp außerhalb von Lienz), Elektro/HiFi (vermutlich wohl Saturn oder Media Markt) und Bekleidung. Gastronomie und diverse Filialen bisher noch nicht in Lienz vertretener Ketten sollen den restlichen Platz füllen:

Das geplante MA99 Einkaufszentrum

In der Tat eine schwierige Entscheidung – zumindest allerdings scheinen die Befürworter des MA99 amerikanische Studien nicht zu kennen, die großen Einkaufscenter eine katastrophale Wirkung auf umliegende kleinere Einkaufsstrukturen nachweisen. Ich kenne im Detail die Position der Tiroler Wirtschaftskammer nicht. Deren Wiener Pendant respektive Brigitte Jank beteuern allerdings (zu Recht) bei jeder Gelegenheit die Bedeutung von KMUs für den Wirtschaftsstandort Österreich. Dass die Ruine der alten Kunstmühle, die dem MA99 weichen soll, ein architektonischer Schandfleck deluxe ist, dessen zerborstene Fenster an ein postapokalyptisches Szenario erinnern, bleibt unbestritten.

Kunstmühle Lienz

Das sieht aber auch die Bürgerinitiative so, die keineswegs als Verhinderer auftreten wollen. Unter Mitwirkung des Münchner Städteplaners Eckart Zurmöhle arbeiteten diverse Lienzer Architketurbüros einen Alternativentwurf aus, dessen Fokus auf Nahversorgung und Erhaltung der altstädtischen Lebensqualität liegt. Wie die Finanzierung dieses Umbaus erfolgen soll, bleibt indes offen.

Architektonischer Denkanstoss

Am Sonntag jedenfalls soll die Lienzer Bevölkerung erstmals ihre Stimme bei einer Volksbefragung abgeben. Bedauerlicherweise hab ich meine Glaskugel nicht im Reisegepäck, aber ich würde mal stark drauf tippen, dass die Lienzer dem für lokale Verhältnisse wahrhaft gigantomanischem Vorhaben eine deutliche Absage erzielen. Wenn ich meine Hauptwohnsitz in Lienz hätte, würd ich auch dagegen stimmen – denn es wär schade um die Lienzer Altstadt, die ist wirklich hübsch.