Hannes Ametsreiter muss sich was von Chuck Norris abgeschaut haben, denn sein Tag hat definitiv mehr als 24 Stunden. Nach dem Mobbing-Ausrutscher seines Kollegen Schieszler, der auf einer Konferenz im Ausland in grottig schlechtem Englisch detailliert erklärte, wie die Telekom zu teure, ältere Mitarbeiter loszuwerden gedenkt, übernahm der CEO der Telekom Austria AG kurzerhand dessen Personalagenden mit. Aber zukünftig wird Microsoft eine eigenen Outlook-Version rausbringen müssen, denn getreu dem Motto: wer zwei Jobs gut erledigt, kann auch drei machen. Und Boris Nemsic braucht einen Nachfolger, soviel steht fest.
Für Mitarbeiter scheint Hannes Ametsreiter ein gutes Händchen zu haben, zumindest erzählten mir bei der mobilkom diverse Callcenter-Mitarbeit begeistert von der Freundlichkeit des obersten Chef bei der Morgenvisite. Ob Ametsreiter, der nebenbei auch noch Marketingvorstand der mobilkom austria AG ist, dafür zukünftig noch Zeit finden wird, steht auf einem anderen Blatt: denn nur einen Tag nach dem Bekanntwerden von Boris Nemsic' Wechsel zu russischen VimpelCom (die Originalbänder der Nemsic-Fernsehwerbespots werden von CEO-Devotionalien-Sammlern bereits in Tresoren verstaut) wird nun darüber diskutiert, ob HA nicht dessen Nachfolger werden solle. Über die Abfertigung von Boris Nemsic wird, wie das bei jeder U-Bahn Abfahrt aktualisierte Qualitätsblatt "Heute" berichtet, ebenfalls diskutiert.
"Angesichts dieser Zahlen (-438 Mio. in Q4/08) muss es sowohl für den Aufsichtsrat als auch für die Miteigentümerin ÖIAG wichtigere Agenden geben," kritisiert Staatssekretär Andreas Schieder (SPÖ) gegenüber Heute. Er erwarte sich gerade in Zeiten der Krise ein verantwortungsvolles Management, "das nicht über eine Abfertigung für einen freiwillig scheidenden Vorstand diskutiert." [Heute vom 3.3.2009, S.6]
Der hat ja mal keine Ahnung, der Schieder. Aber was sollen Sozialisten auch von der freien Wirtschaft verstehen - man kann doch "in Zeiten der Krise" keinen Vorstand verhungern lassen! Und in Russland sind die Heizkosten bekanntlich hoch. Andererseits haben gelernte Österreicher die Pointe mit "freier" Marktwirtschaft längst bemerkt, denn warum spräche sonst ein Staatssekretär im Namen der ÖIAG? Die Politik sollte sich mal ein Beispiel nehmen: wäre Ametsreiter statt Michaelis auch Chef der ÖIAG und zuständiger Staatssekretär, gingen derartige Entscheidungsprozesse so rasch vonstatten wie derzeit Diskussionen zwischen Personalvorstand und CEO. Und Abfertigungen müsste man künftig auch keine mehr zahlen.
Da drängt sich doch in der Tat nicht bloß dem Schelm der Vergleich mit einer Berufsgruppe auf, die in den letzten Wochen keinen Hehl aus der ihr stets nachgesagten Arbeitsscheue machte: die österreichischen Lehrer wollen keinesfalls bei gleichbleibendem Gesamtkontingent zwei Stunden mehr in der Schule zugunsten zweier Stunden weniger zuhause arbeiten. Die sollen sich mal ein Beispiel an Hannes Ametsreiter nehmen! Der wäre nicht nur Lehrer, sondern Direktor an mindestens drei Gymnasien. Andere wiederum beschweren sich und stellen die Frage: Ist denn ganz Österreich ein einziges BZÖ? Haben wir wirklich so wenig fähiges Personal, dass niemand von unten nachrücken kann? Ich kenn da eine total nette junge Dame von meinem Postamt, die würde auch die Frauenquote in der Führungsetage heben! Also falls zufällig jemand hier mitliest, zum Beispiel der Personalvorstand... ups.
Stammleser der c't Rubrik "Achtung Kunde" sind ja die skurrilsten Service-Odysseen gewohnt. Speziell Online-Händler mit niedrigen Margen sparen nicht selten bei der Serviceabwicklung: da gibt's externe Callcenter mit teuren Einwahlnummern, inkompetente Berater und Verantwortungsdiffusion im Kreis - aber nicht so bei Amazon, wie ich gerade anhand meines ersten nicht angekommenen Pakets erfahren durfte. Und um kein völlig verzerrtes Bild entstehen zu lassen, hier zur Abwechslung mal ein Tatsachenbericht von einem sehr erfreulichen Service-Kontakt.
Im Zuge meines Arbeitsplatzumbaus habe ich mir unter anderem einen Digitus Combo KVM Switch 4Port PS/2+USB bestellt. Mit dieser praktischen Umschaltbox hängt man einen Monitor, eine Tastatur und eine Maus an bis zu vier Rechner, so lassen sich bequem und ohne Umstecken beispielweise zwei Rechner und zwei Laptops zentral steuern. Ich hatte eine Weile recherchiert, um ein Gerät zu finden, das ausreichend hohe VGA-Auflösungen sowie PS2 und USB Eingabegeräte unterstützt, Amazon war der günstigste Anbieter. Am 11. Dezember hatte ich bestellt, am 16. hätte die Box eintrudeln sollen - das tat sie allerdings bis dato nicht.
In meinem Konto schien die Bestellung als versendet auf, beim Versuch, E-Mail-Kontakt aufzunehmen, erhielt ich den Hinweis, dass ich mich telefonisch ans Service-Center wenden solle. Bei Amazon muss man dazu nicht selbst anrufen, sondern gibt eine Telefonnummer an, unter der man zurückgerufen werden möchte - wahlweise sofort oder innerhalb eines wählbaren Zeitfensters. Nach Aktivierung der Sofort-Option klingelte mein Handy zwei Sekunden später, eine Auswahlabfrage später ich nach insgesamt ca. 10 Sekunden mit einem Servicemitarbeiter verbunden, dem ich das Problem schilderte. Er eruierte sofort die Tracking-Nummer des Pakets und hätte auch sofort weitere Erkundigung eingeholt, allerdings schließt die österreichische Post um 18:00 Uhr. Am Montag werde ich zurückgerufen - entweder bekomme ich das Paket noch zugestellt, sollte es verloren gegangen sein, erhalte ich umgehend eine Ersatzlieferung.
| 18. März 2008 | ||
| 19:00 | bis | 21:00 |
Genauer gesagt: lässt geheime Dinge leben. the Secret life of... das Leben der alltäglichen Dinge heißt die aktuelle Ausstellung, die von 19. März bis 6. Mai den Telekom-finanzierten Digitalkultur-Ausstellungsraum in der Electric Avenue des Musuemsquartiers unsicher macht.
Drei Arbeiten von Christa Sommerer, Laurent Mignonneau und Aaron Koblin bilden die Ausstellung, bei der es um die gezielte Beeinflussung iterativ-generativer Systeme durch menschliche Besucher geht, also mit anderen Worten: man kann irgendwie damit rumspielen und dann passiert irgendwas: "Life Writer" und "Interactive Growing Plant" heißen die beiden diesbezüglichen Interlationen (Kunstwort, gerade von mir gebildet, aus: Installation und Interaktion), "The Sheep Market" von Aaron Koblin desavouiert menschliches Raison'd'etre, indem er den Rechner Humansklaven kleine, simple Aufgaben lösen lässt: also quasi auch gleichzeitig Kapitalismuskritik und Callcentermetapher. Mehr Infos zu den einzelnen digitalen Kunstwerken gibt's auf netculturespace.at, offiziell eröffnet wird am 18. März um 19:00 Uhr.
Drei Tage später - yup, am 21. April - diskutieren dann Christa Sommerer (deren seinerzeitige zweisemestrige Intertwinedness-Lecture Serie, gemeinsam mit Margarethe Jahrmann, mir übrigens für alle Zeiten extrem positiv im Gedächtnis bleiben wird) und Laurent Mignonneau mit Jurymitgliedern des Prix Ars Electronica 2008 über ein alltime Boheme Lieblingsthema: sozialpolitische Relevanz digitaler Kunst. Kommen Sie, lauschen Sie, interagieren Sie! Freibier bei der Eröffnung nicht ausgeschlossen - außerdem sind die KünstlerInnen anwesend und geschliffene Reden werden geschwungen von:
Der investigative Journalistenheld meiner frühen Jugend tut's wieder. Zeitgemäß ermittelte Günter Wallfraff erst einmal im Outbound-Callenter-Milieu. Der 5seitige Bericht in der Zeit lässt an gewohnter Sprachgewandtheit und Schärfe nichts zu wünschen übrig - in mancherlei Hinsicht müsste GW wohl ohnehin als so etwas wie eine Ikone der deutschsprachigen Bloggeria gelten!
Der Meister der atmosphärischen Beschreibung beginnt seinen Bericht wie gewohnt mit der Beschreibung seiner neuen Identität:
Eine automatische Drehtür schiebt mich ins Foyer, vor den Empfang. Ich trage falsche Haare, Kontaktlinsen, habe meinen Schnauzbart abrasiert, und das Marathontraining des vergangenen Jahres hat mich zusätzlich verjüngt. Ich bin 49 und heiße von nun an Michael G. - mein Name, und damit meine Identität, ist von einem Freund geliehen.
Die Formulierkunst des Journalisten, der seinerzeit gegen die mächtige Bildzeitung antrat, sucht imho im deutschsprachigen Raum ihresgleichen:
Es scheint, als seien Callcenter die Bergwerke der Neuzeit: Zigtausende arbeiten im Verborgenen, werden unsichtbar - und ihre Arbeitsbedingungen auch.
[...]
Die Adressen stammen von Menschen, die bei Gewinnspielen angekreuzt haben, dass sie die Weitergabe ihrer Adressen nicht verbieten, "oder die vergessen haben, das anzukreuzen", sagt der Teamleiter mit einem Augenzwinkern. Die könne man anrufen, völlig legal. Eine Auskunft, die definitiv falsch ist.
Unverkennbarer Stil, nicht wahr? Und das beste an der Sache: die Callcenter-Keiler Story scheint nur der Auftakt zu sein, in Zukunft wird GW regelmäßig in verschiedene Rollen schlüpfen in in der Zeit darüber berichten. [via Christian in Wien]