Noch nie wurde abseits des Staatsfunks so engagiert und umfangreich über den Wahlkampf berichtet wie in diesem Jahr. Mit puls4 und ATV hat der unentschlossene Österreicher gleich zweimal die Möglichkeit, Zusatzinformationen einzuholen. Im Gegensatz zu den klassischen Konfrontationen und Elefantenrunden im ORF bemühten sich die privaten Sender um dynamischere Formatgestaltung und vor allem die um direkte Einbeziehung des Publikums über Online-Videos: jeder Zuseher kann via VideoplattformFragen an die Politiker stellen, ein Feature, das der klassischen Selbstdarstellungsplattform Fernsehen eine ganz neue Dimension verleiht.
Wer den Wahlkampf ausschließlich im ORF verfolgt, könnte durchaus auf die Idee kommen, dass es in Österreich nur eine Meinungsforscherin (Sophie Karmasin) und einen Politikwissenschafter (Peter Filzmaier) gibt: nach der jeweiligen Sendungen dürfen die beiden ihre wenig kontroversiellen Statements abgeben, die inhaltliche Oberhoheit in den Diskussionsrunden liegt bei der äußerst kompetenten und angenehmen Diskussionsleiterin Ingrid Thurnherr. Neu waren in diesem Jahr die Jugendrunden, bei denen Schüler live Fragen an Kandidaten der einzelnen Parteien stellten.
Ganz anders präsentierte sich die Vorwahlzeit bei puls4, ATV und Wahltotal.at: Ich habe nicht alle Konfrontationen und Präsentationen verfolgt, muss im großen und ganzen allerdings sagen, dass die private Konkurrenz der Wahlberichterstattung sehr gut tut: vor allem die Zwischenunterbrechungen mit wirklich knackigen Expertendiskussionen auf puls4 gefielen mir ausgesprochen gut, während ATV vor allem mit der geschickten Einbindung von Youtube-Videos punktete. Alexandra Damms, Pressesprecherin von ATV, hat mir im Rahmen einer Mini-Serie einige Fragen zu den Schwerpunkten der Wahlberichterstattung beantwortet. Demnächst folgen ein Interview mit den Machern von Wahltotal und mit Politik-Chefredakteur von Puls4.
datenschmutz: Das duale Fernsehsystem ist in Österreich eine vergleichsweise junge Einrichtung, bislang hatte der ORF das Wahlkampf-Berichterstattungs-Monopol. Das hat sich mit den privaten Sendern geändert - was sind die Spezifika der ATV-Wahlberichterstattung und wodurch unterscheidet sie sich von den klassischen ORF-Runden?
Alexandra Damms: ATV möchte mit dem Konzept die althergebrachte Elefantenrunde wo Fragen von Journalisten beantwortet werden durch einen neuen Zugang ergänzen. Da unser Zielpublikum jünger ist (12-49 Jahre) und auch vor allem bei diesen Nationalratswahlen sehr viele Erstwähler zwischen 16 und 18 Jahren die Möglichkeit haben, mitzubestimmen ist das Konzept frischer und auf jüngere Seher aufgebaut. Die Kandidaten müssen direkt auf Wählerfragen antworten, die diese via YouTube online gestellt haben, bzw. haben wir auch eine Österreich-Tour gemacht, wo Bürger ihre Fragen in die Kamera stellen konnten.
?: Welche Rolle spielt das Internet in der Wahlberichterstattung von ATV?
!: Wie gesagt, durch das Konzept der ATV-Wahlberichterstattung spielt das Internet eine große Rolle dabei.
?: Wie sind Sie mit dem bisherigen Verlauf der Wahlberichterstattung auf ATV zufrieden? Gab es Reaktionen von Seiten des Publikums oder gar parteipolitische Proteste?
!: Bis jetzt sind 171 Fragen online, das ist sehr zufriedenstellend Parteipolitische Proteste gab es nicht, jene Spitzenkandidaten die zugesagt haben, waren sofort dafür bereit.
?: Wie schätzen Sie persönlich den Einfluss der ATV-Berichterstattung ein? Und was sagen Sie zur Weigerung Werner Faymanns, an den privaten "Elefantenrunden" teilzunehmen?
!: Für eine österreichischen Privatsender sind Nachrichten und politische Berichterstattung sehr wichtig, da es auch zu unserer Identität beiträgt und zur Positionierung von Privatsender in Österreich einen wichtigen Beitrag liefert. Wir sehen unsere politische Berichterstattung als Kontrapunkt zu jener des Öffentlich-Rechtlichen, und vor allem auf unsere Zielgruppe zugeschnitten. Werner Faymann ist leider terminlich verhindert, er bleibt bei uns bis zum Sendungsbeginn eingeladen, und wenn wir ihn unterstützen können, seinen Termindruck zu entzerren, wird ATV alle Hebel dafür in Bewegung setzten. Allerdings finden wir es sehr schade, dass er sich die Gelegenheit entgehen lässt, direkt auf Wählerfragen im Fernsehen zu antworten, vor allem da es sich an ein jüngeres Publikum richtet.
| 5. November 2008 | bis | 9. November 2008 |
Unter dem Motto Commonism steht das diesjährige Elevate Festival in Graz. Ich hätte ja bereits im Vorjahr am Lab teilnehmen sollen, allerdings hielt mich eine lästige Grippe recht effektiv von der Anreise ab - umso mehr freue ich mich, dass Simon mich zum diesjährigen Lab eingeladen hat, denn die Diskussionsrunde dürfte äußerst spannend werden: Paul Keller aus Holland will ein geschlossenes Meeting zum Thema "Collecting Societies meets Creative Commons" veranstalten, Georg Pleger von CC-Österreich wird ebenfalls mit von der Partie sein.
Das Elevate08 findet von 5.-9. November statt, Hauptlocation ist wieder der Dom im Berg, mein österreichisches Lieblings-Venue. Ich bin sicher, dass die Kuratoren des Festivals auch in diesem Jahr wieder für ein äußerst spannendes musikalisches Line-Up sorgen, mehr Infos zum Festival gibt's in Kürze auf elevate.at.
Youlivesee.com ist eine Kombination aus Portal und Suchmaschine, die es Webcam-Chattern vereinfachen soll, thematisch passende GesprächspartnerInnen zu finden. Auf unnötigen Ballast verzichtet die angenehme schlanke und schnell ladende Seite vollkommen. So entfällt auch die Installation einer zusätzlichen Software, denn die gesamte Kommunikation wird rein über die Page abgewickelt. Besonders für virtuelle Diskussionsrunden scheint die Seite geeignet: der Initiator kann entweder gezielt Teilnehmer einladen oder es jedem freizustellen, mitzudiskutieren.
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Eine weitere Diskussionsrunde zum Thema Online-Musikvertrieb - die Redaktion des resident drum'n'bass mag lud eine illustre Runde zu wilden Spekulationen ein - ich hatte die Ehre und das Vergnügen, den Round Table aus Musikern, Labelmanagern und Distributionsexperten zu moderieren. Der Text erscheint in der kommenden resident-Ausgabe, datenschmutz LeserInnen sind natürlich wie immer früher informiert...
Die Zeiten waren immer schon hart, und wir waren stets härter. Doch während die ehemaligen Piraten der Weltmeere kein Königreich zu Fall brachten, sondern lediglich den Staatssäckel lästig piesackten, tun die modernen digitalen Musik-Kopieranten der von ihnen angeblich so geschätzten Kunstform ein Übel an - oder versetzen ihr gar den Todesstoß, darf man den drastischsten Ausführungen der Major Labels glauben.
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| 19. Mai 2008 | ||
| 18:00 | bis | 20:00 |
"Wer kontrolliert die Kontrolleure?" fragt das vierte TU-Forum. Hannes Werthner, Gerald Futschek und Wolfram Proksch diskutieren darüber, ob die Totalüberwachung schon längst aus dem Ruder gelaufen ist, moderiert wird die Diskussionsrunde von Christian Müller (Austria Presse Agentur).
Ort: TU Wien, Prechtl-Saal im Erdgeschoss (Karlsplatz 13, 1040 Wien)
Univ. Prof. Hannes Werthner unterrichtet am Institute of Software Technology & Interactive Systems, sein Spezialgebiet ist das Thema eTourismus, Univ. Prof. Dr. Gerald Futschek gehört der ifs (Information & Software Engineering Group) der TU Wien an und beschäftigt sich in erster Linie mit eLearning-Systemen und Dr. Wolfgang Proksch arbeitet im rechtswissenschaftlichen Bereich der TU Wien. Bei der Diskussion geht's um folgende Themen:
Ort: TU Wien, Prechtl-Saal (4., Karlsplatz 13, EG) Handys orten, Daten absaugen, Computer überwachen - die Novelle zum Sicherheitspolizeigesetz (SPG), per 1. Januar 2008, ermöglicht Eingriffe in die Privatsphäre von BürgerInnen ohne richterlichen Beschluss und somit ohne wirksame Kontrolle. Experten der TU Wien erörtern Methoden, Technik und Recht sowie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen, die die "Datenspuren" in sich bergen. Worin besteht die Gefahr von Datenmissbrauch? Gehen wir in Richtung uneingeschränkte Überwachung?
Übrigens, zum Thema Datenlöschung vs. Speicherung: Aus gegebenem Anlass fällt mir dazu der Amstettner Delinquent ein, der seine Tochter jahrzehntelang im Keller einsperrte. In den RTL-Nachrichten war dazu zu hören, dass der Mann bereits einmal vor 25 Jahren oder so straffällig geworden sei (und zwar im Zusammenhang mit einem Sexualstrafdelikt), dass die Behörden bzw. die Gerichte allerdings keinerlei Kenntnis davon gehabt hätten, da die betreffenden Aufzeichnungen gesetzeskonform längst vernichtet bzw. aus seinem Akt entfernt worden seien. Nun frage ich mich, warum die Beamten eigentlich jetzt nach dem Bekanntwerden des Martyriums der Tochter und ihrer Inzest-Kinder sofort von dem Delikt wissen, wenn doch jegliche Aufzeichnungen aus den Akten verschwunden sind? Würd mich interessieren, ob ein Journalist im Presse-Archiv recherchiert hat oder ob's irgendwo doch noch ein "Backup" gab.
| 11. Juli 2008 |
Roman aka yoda, den eine Grippe leider vom Besuch des letzten Barcamps in Klagenfurt abhielt, und Daniel von DieKreide.net haben vor einiger Zeit ein hochgradig spannendes Projekt angekündigt: das erste World Blog Forum wird Mitte Juli in der Schweiz über die Bühne gehen und soll als Durchlauferhitzer für Vernetzung fungieren:
Das Forum versteht sich als globale Plattform für Blogger und den "artverwandten Publizisten", aber auch für Partner, Sponsoren, Vermarkter, Journalisten und weitere Zubringer und Dienstleister rund um die Welt der Blogger.
[...]
Es dient als Treffpunkt für Menschen, die aus den verschiedensten Gebieten stammen, sich aber gegenseitig unterstützen und von einander lernen und natürlich auch Geld verdienen können. Das Forum selbst ist bloß ein Gefäß, eine Plattform des Treffens und soll nicht weiter als nötig (ver)institutionalisiert werden.
Das zugehörige Blog ist bereits online, und seit der Veröffentlichung der Ankündigung gab's zahlreiche positive Reaktionen aus Blogistan - mehr dazu hier.
Ich finde nicht nur die Idee hervorragend, sondern die beiden Initiatoren sind imho genau die richtigen Personen, um ein derart komplexes Projekt konzipieren und auch auf Schiene halten zu können. Sowas erfordert vor allem viel Ausdauer, Motivation und - ein wichtiger Punkt - keinerlei Berührungsängste mit dem Nachdenken über neue Professionalisierungs- und Kommerzialisierungsmodelle. Das vorläufige Programm sieht einen invitation-only sowie einen offenen Teil vor.
Ich hoffe, ich schaff's im Juli in den Berner Kursaal, denn ich denke, weil ich glaube, dass ein solcher Austausch zwischen "den Bloggern" und "der Wirtschaft" für beide Seiten von großem Vorteil sein kann. Dabei geht's ganz und gar nicht um Überinstitutionalisierung, sondern um die Schaffung eines kreativen und produktiven Umfelds:
Am ersten Forum zu Bern sehen wir zunächst eine Austausch- und Diskussionsrunde mit professioneller Unterstützung aus den Medien und der Vermarktung.
Außerdem ist ein Ausflug ins eidgenössische Nachbarland für mich eh schon längst mal wieder überfällig - spread the word!
Frank Hartmann hat mir gestern den folgenden Gastbeitrag zum neuen Club 2 geschickt. Besagte Fernsehsendung erlangte in den 70er Jahren (nicht zuletzt durch Aktionismus wie Nina Hagens Masturbationsanleitung für Frauen) einen recht legendären Nimbus, von dem die Neuauflage nach dem Willen des ORF zehren soll. Die Live-Erstausstrahlung des neuen Clubs folgt morgen Abend um 23:00 Uhr, Frank wird dort zu Gast sein und stellt im Vorfeld folgende imho sehr spannende Überlegungen zum Thema Fernsehdiskussionen, Rollenverhalten und Medien an - 'njoy the preview!
Club 2 - jetzt also wird die Fernsehlegende wiederbelebt. Hallo, ja, es klingt recht vernünftig, was Lorenz Gallmetzer mir telefonisch zu seinem Konzept mitteilt, nun gut, er lädt mich ein - Was? Aber nein, der Villacher Hausphilosoph sei nicht akut erkrankt, er lädt schon 'mich' ein, also sage ich zu, ich bin ein höflicher Mensch. Es ist natürlich ein Paradox - es soll um Medienmacht und Meinungsbildung gehen: "Die Meinungsfabriken. Wie prägen Zeitungen, Radio, Fernsehen, aber auch Internet Musikvideos, Werbung und Hollywood unser Denken, unsere Anschauungen, unsere Moden, unseren Geschmack? Wer sind heute die Meinungsmacher? Wie frei können wir noch denken?"
Das entnehme ich der Presseaussendung, ein 'Briefing' für die Teilnehmer scheint es nicht zu geben. Also ein Paradox, denn eine generelle Funktion der Medien ist die Ermächtigung, das heisst dieser Apparat lässt Aussagen zu (oder verhindert sie) und gewichtet dadurch ganz vehement die Fiktion 'öffentlicher Diskurs'. Nur deswegen können die Betriebsfunktionäre aus Politik, Wirtschaft und Kultur ihren fortgesetzten Nonsens verbraten, nur deswegen hört diese öffentlich-rechtliche Endlosschleife nie auf. Ein Paradox auch im performativen Sinn, denn wie lässt sich im Medium eine Aussage gegen das Medium treffen? Nun bin ich denn gespannt, welche Rolle die Medienmacher einnehmen werden, die eingeladen wurden. Mediaprint! Nur vom Feinsten, wenn man das so sagen darf ...
Übrigens, vorbei die Zeiten, als das Performative an einer solchen Teilnahme noch aktionistisch erledigt werden konnte (jaja, Provokation war schon geil, aber nein, man sollte Posen niemals übernehmen, und ich wüsste auch gar nicht, wie). Lässt sich die versteckte Normativität von Medienbotschaften artikulieren, ohne dass man kulturpessimistische Kalauer verbrät? Wie kritisiert man die ökonomisch und politisch abgesicherte Macht ("Medien" - ein Abstraktum, ihre Manager - das Konkretum), die längst alle Züge von Selbstimmunisierung aufweist? Wie die Saturiertheit eines gebührenzahlenden Publikums, das all diese "Shows", "Serien" und "Dokus" samt Werbung und reichlich Eigenwerbung in sich hineinfressen muss, ohne jemals kotzen zu können? Vielleicht indem man auf die Mechanismen der Produktion und die Materialitäten dieser konkreten Wiederbelebung hinweist: denkt man beim ORF eigentlich nicht über die Polstergarnitur hinaus? Gibt es denn dort keine originellen Menschen, die bereit sind, ausserhalb ihres Programmschemas der veränderten Medienwirklichkeit zu entsprechen, die seit den seligen Zeiten des ORF-Monopols ausgebrochen sind? Zumindest als Online-Ergänzung der Diskussion (die wird als "Open End" angekündigt, aber wie soll das gehen)? Das wäre es vielleicht gewesen: ein "Club 2.0"!? Vielleicht. Man wird ja sehen [Club 2, auf Sendung heute Abend 23:00, ORF2].
Mein Interesse an digitalen Medien beschränkt sich keineswegs auf dieses Blog hier. Ich bin seit fünf Jahren selbständiger Berater und habe mich auf den konzeptionellen Produktionsbereich, auf strategisches Marketing und Social Networks spezialisiert. Die Auftragslage in diesem Bereich ist dank des Web 2.0 Booms - vorsichtig ausgedrückt - hervorragend.
Und obwohl auf meine Beratungsjobs tendenziell nur der erste Teil des bekannten Anti-Schuppen-Shampoo Slogans zutrifft (wirken: ja. sauteuer: nein.), war ich heute trotzdem einigermaßen über die folgende E-Mail verwundert, die ich von Mitarbeiter eines Mobilfunkunternehmens erhielt:
Wie du vielleicht weißt arbeite ich für xxx (im xxx Team). Wir planen nächste Woche zwei Diskussionsrunden zum Thema User Generated Content auf kommerziellen Plattformen abzuhalten. Im Vorfeld würden wir dazu gerne die Meinung von Experten einholen, und einer davon wärst du ... Als kleines (leider wirklich nur kleines...) Zuckerl könnte ich dir 35 Euro für die Teilnahme anbieten.
lG, XXX
Ich verstehe ja durchaus, dass die Mobilfunkprovider zunehmend panischer werden, weil niemand für 10 Euro im Monat 20 digitale Sender am Handy schauen will und die derzeit noch künstlich aufrecht erhaltene Trennung zwischen Sprach- und Datentelefonie auch nicht auf Dauer bestehen bleiben wird... aber den Teil mit den 35 Euros kapier ich trotzdem nicht. So unrosige Zeiten am .at-Mobilfunkmarkt? Meine Tages- und Stundenhonorare sind eh sehr günstig, und über gratis Einladungen kann man auch jederzeit sprechen... aber bei 35 Euro fühl ich mich ver-a-wortet. Der beste Kommentar stammte von einem Kollegen, der meinte: "Ist doch eh eine angemessene Bezahlung... geh doch einfach hin und sag: das ist alles sehr kompliziert. Und aus." Im Übrigen handelt sich's um dieselbe Firma, die Ballonfahrern für motivierende Vorträge Honorare von einigen 10.000 Euros bezahlt. Wer also in der Mobilfunkbranche sein Auslangen finden will, der sollte besser Ballonfahren üben, statt sich auf Social Media zu spezialisieren
Oder: andertags bei Max: Hannes, Heinz, der Gastgeber und ich begaben uns auf die Kossatz'sche Couch - ganz ohne Therapeut, dafür mit Kamera. Projektname: Club 2.0. Mission: ein Videopodcast zu unseren Lieblingsthemen.
Unsere erste Unterhaltung spannte den Bogen von Hasstiraden für und wider Apple über Xing-Absonderlichkeiten bis hin zum Facebook Hype. Die erste Sendung geht demnächst Online - und während normalerweise das Making Of erst nach dem Release folgt, machen wir's Web 2.0 Style umgekehrt und Bottom Up: hier also erstmal die zeit-geraffte Entstehung unseres ersten Club 2.0, minütlich festgehalten von einer Webcam.
PS: Nein, ich hab's nicht mehr rechtzeitig zum Friseur geschafft.
Barcamps nennt die New Media Branche ihre informalen, selbstorganisierten Treffen: der Ideologie des Web 2.0 gemäß werden solche auch als Unkonferenzen bezeichneten Veranstaltungen zumeist via WIKI organisiert, die Programmkoordination der einzelnen Vorträge und Diskussionsrunden erfolgt vor Ort. [erschienen auf oe1.orf.at]
Der Name, so die Gründungslegende, leite sich von "foobar" her: diese Bezeichnung verwenden Programmierer bevorzugt für sogenannte metasyntaktische Variablen oder einfacher ausgedrückt: Platzhalter. Wenn Programmierer sich über Ablaufdiagramme und Algorithmen austauschen, dann bezeichnet foobar also nicht mehr und nicht weniger als das umgangssprachliche "Dingsbums". Barcamps blühen, seit sich die Internet-Ökonomie von ihrer tiefen Krise Ende Neunziger Jahre einigermaßen erholt hat und Investoren erneut bereit sind, Risikokapital in Start-Up Unternehmen zu pumpen. Mit konventioneller Konferenzorganisation hat der Ablauf eines Barcamps indessen wenig zu tun:
Barcamps sind aus dem Bedürfnis heraus entstanden, daß sich Menschen in einer offenen Umgebung austauschen und voneinander lernen können. Es ist eine intensive Veranstaltung mit Diskussionen, Präsentationen, und Interaktion der Teilnehmer untereinander. (Barcamp.at: Was sind Barcamps?)
Von allen TeilnehmerInnen wird erwartet, daß sie sich aktiv in das Programm einbringen: sei es durch einen Vortrag, durch Mithilfe bei der Organisation oder durch Bewerben der Veranstaltung im eigenen Blog und/oder Bekanntenkreis. Seit der ersten Veranstaltung im Jahr 2005 im kalifornischen Palo Alto manifestierte sich die Barcamp-Idee in weltweit rund fünfzig Städten.
Am 29. und 30. September trafen sich Informationsarbeiter aus dem Überschneidungsbereichen von Technik, Journalismus, Werbung, Medienwissenschaft und Politik zum bereits zweiten Wiener Barcamp in diesem Jahr. Sponsor Microsoft sorgte für die Räumlichkeiten, in denen rund 100 Unkonferenz-TeilnehmerInnen an einem besseren virtuellen Morgen bastelten.
Ganz oben auf der Tagesordnung stand die sogenannte "Blogosphäre", so die Bezeichnung für die Gesamtheit aller Weblogs. Hannes Offenbacher will mit seiner Blögger-Initiative die heimischen Mikromedien besser vernetzen und sichtbar machen, Martin Staudinger sprach gemeinsam mit dem Autor dieser Kolumne über das Thema "Monetarisierung von Weblogs" und zahlreiche Diskussionsrunden beschäftigten sich mit der Frage nach der Positionierung von Blogs in Kanon der (Massen)Medienlandschaft. Meral Akin-Hecke präsentierte ihre neue Veranstaltungsreihe Digitalks, bei der Experten aus der Blogger-Szene im Wiener Museumsquartiert interessierten Laien den Einstieg ins digitale Publizieren erleichtern sollen.
Ebenfalls auf breiter Basis diskutiert wurde das Thema "Accessibility: wie können Webseiten gestaltet werden, um für möglichst alle Besucher zugänglich zu sein, unabhängig von allfälligen sensorischen Behinderungen? In diesem Bereich sind noch riesige Anstrengungen zu leisten, wie die Diskussion mit den Fachleuten von MAIN (Medienarbeit Integrativ) schnell klar machte. Die heute gestartete Blog-Aktion, die Ideen zum Thema "integrative Mediengestaltung" sammelt, entstand im Rahmen dieses Themenblocks.
Natürlich dürfen auf keinem Barcamp die neuesten Web 2.0 Applikationen fehlen: YEurope Gründer Paul Böhm zeigte ein neues Aggregations-Tool namens Soup.io, das es spielerisch einfach ermöglicht, verschiedenste Inhalte völlig ohne Programmierkenntnisse zu einer eigenen Internetseite zu kombinieren, zahlreiche TeilnehmerInnen führten ihre aktuellen Beta-Applikationen auf mitgebrachten Laptops vor. Den Schwerpunkt des Wochenendes bildeten allerdings weder Start-Up Gründen noch neue Businessmodelle: Vernetzung und Netzkultur stießen auf weit mehr Aufmerksamkeit als alle Investor-Talks: Vom Vortrag über das Web 2.0 in China bis zur gemeinsamen Planung einer Blog-Demo zu "Free Burma" reichte das Spektrum der politischen Inhalte.
Am vergangenen Wochenende steckten fast 300 Web-Bastler ihre Köpfe in München zusammen, für die im November geplante Veranstaltung in Berlin sind bereits jetzt fast fünfhundert TeilnehmerInnen angemeldet. Dass mit dem Wachsen der Szene die Unkonferenzen ihren informellen Charakter beibehalten, scheint derzeit aber sehr unwahrscheinlich: in Deutschland werden paradoxerweise bereits erste Stimmen aus der Community selbst immer lauter, die vehement Eintrittspreise fordern: denn nur so könne man dem Problem begegnen, dass sich präventiv mal zahlreiche Interessenten anmelden, die dann aber gar nicht kommen und anderen die potentiell limitierten Plätze wegnehmen.
Wer bottom-up organisiert, sollte sich indessen darüber klar sein, dass fehlende organisatorische Strenge nun mal eine gewisse Unschärfe mit sich bringt. Jede Fluglinie kennt ihre statistischen Passagier-Ausfallsdaten und überbucht Flüge entsprechend - vielleicht eine Option für zukünftige Barcamps. Denn wo man Eintritt zahlt, da führt der nächste logische Schritt zum Honorar für Vortragende, und von diesem Zeitpunkt an wäre es nicht mehr weit her mit der "Unkonferenz". Sicher ist allerdings eines: beim nächsten österreichischen Barcamp "Senza Confini" (Klagenfurt, 2./3. Februar 2008) stehen derartige Professionalisierungsüberlegungen zum Glück noch nicht auf der virtuellen Agenda.
Das elevate Festival in Graz habe ich bereits angekündigt. Für die Festivalhomepage bzw. den Katalog habe ich den folgenden kurzen Text geschrieben. Anregungen, Ideen und Fragestellungen für die Diskussionsrunde sind natürlich jederzeit willkommen, und natürlich freue ich mich, wenn der eine oder andere Blogleser* zum Festival nach Graz schaut - das komplette Line-Up kenne ich noch nicht, die Homepage sollte aber dieser Tage online gehen.
In Kürze feiern die Klagen der Major-Labels über den Internet-bedingten Niedergang der Popkultur ihr 10jähriges Jubiläum, und trotzdem ist das Gedränge im Frequenzband der globalen Popkultur nicht geringer geworden. Denn wo Apokalyptiker, da auch Integrierte: und zweitere sehen in mp3 und seinen Nachfolgeformaten, im Filesharing und in einer neuen Vertriebsstruktur keine Bedrohung, sondern eine riesige Chance.
Das Elevate Festival wirft in diesem Jahr einen genaueren Blick auf jene Reibungsflächen, die notwendigerweise entstehen müssen, wenn Kultur zum internationalen Handelsgut Pop wird und ein vergleichsweise anarchisches Netzmedium eine gut geölte Maschine blitzartig verrosten lässt. Denn das Internet verweigert sich hartnäckig der Einsortierung in den Kanon gut kontrollierbarer Distributionsmedien, es weigert sich, das effektivere Formatradio zu sein und kopiergeschützte Files schmecken den UserInnen auch nicht so recht. Zugleich boomen netlabels und Musiker werden zu ihren eigenen A&Rs und Vertriebsspezialisten in Personalunion. Die neue Pop-Vielfalt oder das beklagenswerte Ende einer Industrie?
*) Splitting: normalerweise ja. Bzw. dort, wo sinnvoll möglich. Aber "die/der eine oder andere BlogleserIn" geht nicht. Das holpert zu übel, natürlich sind aber auch Leserinnen mit kleinem i herzlichst willkommen.
| 26. Oktober 2007 | ||
| 20:00 | bis | 22:00 |
Wege aus dem Dilemma der Musikindustrie - oder wer hat eine Krise? lautet der Titel der elevate_lab Diskussion, die im Rahmen des gleichnamigen Festivals am Grazer Schlossberg über die Bühne geht. Ich habe die Ehre und das Vergnügen, selbige Diskussion zu moderieren und hoffe auf mindestens so spannende Dialoge über Sinne und Krisen wie bei Star Trek zwischen Spock und Pille. Außerdem bin ich schon gespannt auf das musikalische Line-Up des ambitionierten Festivals - nähere Informationen folgen in Kürze. Sämtliche Zusammenhänge mit Militärparaden und dem österreichischen Nationalfeiertag dementiert die ds Blog-Investors Relations Abteilung indessen aufs Heftigste.
elevate_lab im Rahmen von elevate.at
Freitag 26.10.2007, 20:15 - ca. 22:00
"Ways out of the music industry's dilemma" lautet die englische Übersetzung des Titels, wobei der relativierende Teil sicherlich eine gravierende Rolle spielt - die Frage ist ja weniger, ob die Musikindustrie "überlebt", sondern wie der Wandel, den die Musikbranche gerade durchmacht, auf längere Sicht zu gravierenden strukturellen Änderungen führt. Dazu gibt's viele Ansätze und Ideen, vom Ende des "Starsystems" bis hin zum Musiker als Einzelunternehmer, der seine Alben im Wohnzimmer eintütet und selbst verschickt. Ich hab ja nicht zuletzt durch the gap und meine Zuständigkeit für die seinerzeitige mp3-Seite am legendären lion.cc Dampfer seit einigen Jährchen mit der Musikbranche zu tun und sehe durchwegs eine grundsätzlich erfreuliche Entwicklung hin zu mehr Vielfalt und leichterem Zugang zu einer größeren Menge an Musik als je zuvor... und sollten ein paar Major Labels zusperren müssen, dann werde ich persönlich ihnen gewiss keine Träne nachweinen.
Und so sieht unsere illustre Runde im Detail aus:
Angefragt wurde weiterhin bei Andreas Kolm (AKM, Bereich Online), der noch nicht genau weiß, ob er Zeit hat, aber sicherlich eine sehr interessante Erweiterung für die Runde wäre, eventuell schaut auch jemand aus dem Datendunstkreis der q/uintessenz vorbei. Zweifellos wäre ein Vertreter eines Major Labels höchst willkommen, mal sehen, ob jemand vorbeischaut.
Die 2007er elevate-Homepage ist noch nicht online, die an der grundsätzlichen Mission hat sich im Vergleich zum Vorjahr allerdings nichts geändert:
Vier Tage und Nächte voller Konzerte, Live-Acts und DJ Lines, Installationen, Performances, Diskussionen und Workshops - von und mit unabhängigen Initiativen, Labels und KünstlerInnen am und im Grazer Schlossberg.
Das Programm des elevate-Labs umfasst ein weites Themenspektrum: Al Haca halten einen Ableton-Workshop, Sven König spricht über Hacks, Permanent Unit beschäftigen sich mit Street Art, Mike Dred spricht über Sounddesign und Strukt führen in die Welt der Visuals ein - das und noch viel mehr in der Hauptstadt des Kernöls. Sehr gespannt bin ich auf das abendliche Line-Up... das wird mein erster elevate-Besuch, aber aus den Vorjahren hab ich nur das Beste gehört und freu mich auf ein paar entspannende Tanzschritte im Anschluss an unsere kleine Talkrunde.
Mit seiner rasanten Entwicklung vom kleinen Start-up zum größten Internetunternehmen der Welt hat Google eine märchenhafte Erfolgsstory vorzuweisen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und einige Schatten, die Google wirft, sind sogar recht dunkel. Werner Reiter versucht, die Story in einer Diskussionsrunde ein Stück weiter zu erzählen, fotografiert hat Florian Auer. "Der Google Zauberbesen" erscheint in der gerade frisch gedruckten Ausgaben von the gap in leicht gekürzter Form - datenschmutz LeserInnen erfahren die ganze Wahrheit über den gefährlichen Suchmaschinenmoloch, der unser tägliches Leben so sehr erleichtert.
Im Jahr 1998 gründen zwei junge Studenten mit einer damals revolutionären Suchtechnologie eine Internetfirma. Dem Märchenklischee entsprechend dienen billige IBM-PCs als Infrastruktur und eine Garage als Firmensitz. Das Ende ist noch offen. Aus heutiger Sicht lassen sich je nach Geschmack zwei mögliche Schlüsse erzählen. Der eine ist voller Superlative: wertvollste Marke der Welt, meistbesuchte Internetseite, Weltmarktführer bei Online-Werbung ... ad infinitum. Der zweite - vorläufige - Schluss erkennt in all der Größe eine massive Gefahr: Wir alle sind Googles Zauberlehrlinge und werden die gerufenen Geister nicht mehr los. Schließlich ist Google nicht irgendwo groß, sondern am Lebensnerv der modernen Gesellschaft: der Information, genauer gesagt deren Aggregation und Aufbereitung.
Natürlich war auch ein Vertreter von Google Österreich eingeladen. Wichtigere und zeitkritische Projekte standen einer Teilnahme leider im Wege und man überließ es uns, die Diskussion aus der Außenperspektive zu führen. Nicht weiter schlimm, wird doch ohnehin jeder User täglich von den Annehmlichkeiten kostenloser Google Services überzeugt. Bemerkenswert bleibt aber, dass kritische Geister und Datenschützer weit eher bereit sind, Diskussionseinladungen zu folgen. Und dass jene, die Google ob seiner ungebrochenen Innovationskraft bewundern, diesen Aspekt nicht wirklich in den Diskurs einbringen wollen. Christopher Sima, Geschäftsführer des Online-Vermarkters AdLink, ist unserer Einladung gefolgt und hat die etwas undankbare Rolle des Google-Verteidigers brilliant übernommen.
Doch der Reihe nach: Beweggrund, die Diskussion zu veranstalten, war die Tatsache, dass Google mittlerweile eine zentrale Rolle in der Internetwelt einnimmt. Nicht nur die Mehrzahl der User wählt Google als Einstiegspunkt, auch zahllose Webmaster bauen Google Analytics als Analysetool und AdSense (kontextsensitive Werbeanzeigen in Textform) als komfortable Verdienstmöglichkeit ein. Damit nicht genug, steckt Google mit Toolbar und Desktop Search in Millionen PCs und mit Messaging-Services wie Gmail und Google Talk hat sich der Internet-Riese noch mehr Möglichkeiten geschaffen, Daten zu sammeln und Userprofile für die Werbewirtschaft zu generieren.
"Es ist schwierig, gegen Google zu argumentieren, weil's einfach so praktisch und noch dazu kostenlos ist." Monika Bargmann über geschenkte Gäule
Ein einfaches Experiment zeigt ein interessantes Ergebnis: Der Suchbegriff "Internet" bringt auf Google knapp zwei Millionen Treffer, der Begriff "Google" etwas mehr als die Hälfte. Eine Suche auf Yahoo bringt ein ähnliches Resultat. Selbst wenn MSN Search es etwas anders sieht und Googles Anteil auf 12% reduziert, ist die Frage zulässig, ob Google die Regeln des Internet zu einem großen Teil bestimmt. Neuerdings wird das ebenso simple wie erfolgreiche AdSense-Konzept zur Online-Vermittlung von Werbeanzeigen auf klassische Medien wie Print, Radio und TV ausgerollt und erstmals gelingt es einer Internet-Company, auch die klassische Marketingwelt empfindlich aus dem Gleichgewicht zu bringen.
"Democracy on the web works" und "The need for information crosses all borders" lauten Nummer vier und acht der zehn Gebote, die Google sich als Firmenpolicy auferlegt hat. Sie beschreiben ein Versprechen aus der Frühzeit des Web: Wo Information frei zugänglich ist, wird Demokratie ermöglicht. Von Beginn an war es Googles Credo, alle im Internet verfügbare Information für die User nutzbar zu machen. Mittlerweile bedient das Unternehmen aus Mountain View das Informationsbedürfnis der Massen und ist dabei so groß geworden, dass die politischen Eliten ihre Einflusssphäre bedroht sehen.
"Irgendwann sind sich alle Monopole nicht nur ihrer eigenen Macht bewusst. Auch fremde Interessen wissen, dass sie den Hebel nur mehr an einer Stelle ansetzen müssen, um etwas zu bewirken." Adrian Dabrowski über simple Wirtschaftsphysik
Die von Google gefilterten Suchergebnisse als Zugeständnis an die chinesische Regierung werden nicht nur in unserer Expertenrunde massiv kritisiert. Wobei alle Diskussionsgäste von weiteren Beispielen wissen, in welchen Google anderen Staatsobrigkeiten gegenüber - zum Teil vorauseilenden - Gehorsam zeigt. Der Medientheoretiker Ritchie Pettauer meint, dass es ohnehin nie auf der Agenda stand, als Suchmaschine Dinge im Sinne der Allgemeinheit zu regeln. Als börsenotiertes Unternehmen regle Google Dinge im Sinne seiner Shareholder. Warum sollte ein Unternehmen auch für mehr Demokratie sorgen als (gewählte) Regierungen? Problematisch sei höchstens die "verdeckte Zensur", wie Adrian Dabrowski von q/uintessenz formuliert: die mangelnde Transparenz, dass - und aufgrund welcher Kriterien - Ergebnisse gefiltert wurden.
Die Bereitwilligkeit, sich wirtschaftlichen Erfolg durch politisches Wohlverhalten zu sichern und Googles Monopolstellung bringen ein interessantes Phänomen hervor: Plötzlich hat ein Unternehmen die Möglichkeit, die Realität für große Teile der Informationsgesellschaft zu definieren - das allerdings nicht wie bei klassischen Medienunternehmen durch die Produktion von Information, sondern durch Filterung und Aggregation von Material, das andere produziert haben. Pettauer meint, dass Google nur einem Trend folge, welchen Medienwissenschaftler schon seit 15 Jahren beobachten: Transnationale Konzerne hätten schon seit längerem die Definitionsmacht und damit die Rolle der Kirchen übernommen. Google mache das aufgrund seines Geschäftsgegenstandes nur etwas unmittelbarer. Etwa wenn in Google Earth Aufnahmen unkommentiert durch ältere ersetzt werden - wodurch der Zoom aus dem Weltall auf globale Krisenregionen schon mal als heil darstellt, was längst zerbombt ward.
"Man darf nicht vergessen, dass Google diese Monopolstellung nur erreicht hat, weil es viele Dinge die es macht, sehr gut macht." Ritchie Pettauer bestätigt Google Gebot Nummer zwei
In der Runde herrscht dennoch Einigkeit, dass Google Services für die Enduser in erster Linie praktisch und noch dazu kostenlos sind. Und beides wohl auch weiterhin bleiben werden, analysiert und filtert die Datenkrake unser Such- und Kommunikationsverhalten doch ganz genauso wie sie es auch mit anderen Informationen tut - um sie dann verkaufen zu können. Registrierungsdaten, Cookies und Log-Daten ergeben einen Rohstoff, der nur entsprechend aufbereitet werden muss, um die Träume aller Werbetreibenden wahr werden zu lassen: Targeting auf höchster Granularitäts-Stufe. Christopher Sima von AdLink steigt erst an diesem Punkt der Diskussion ein und bricht eine Lanze für das Datensammeln und Profil-Erstellen der Internetgiganten. Es ermögliche letztlich eine Werbeeffizienz, die vor zehn Jahren noch undenkbar war. Verschwörungstheorien erteilt er eine Abfuhr, da es im Marketing durchaus ausreiche, eine Gruppe von Usern mit einem definierten Profil zu erreichen und nicht die jeweiligen Einzelpersonen.
"Die Hauptarbeit, die Google zur Zeit leistet, ist Clickfraud hinterher zu jagen." Christopher Sima über die illegale Manipulation der Klickraten
Trotzdem: Je besser die Profildaten, umso höher ihr Wert und umso effizienter können Werbebudgets eingesetzt werden. Genau in diese Richtung geht der Trend: Die neuen Zauberworte der Branche lauten Behavioral Targeting (also die gezielte Ansprache der User aufgrund messbarer Verhaltensmuster) und Abrechnung nach Conversions (also Bestellungen, Anmeldungen oder dergleichen).
Durch den Kauf von DoubleClick, einem der weltweit größten Anbieter von Online Marketing Lösungen, hat Google neben Keyword Advertising (kontextspezifische Textanzeigen) auch eine Vormachtstellung im klassischen Display Advertising (Banner, Pop-Ups und ähnliches) erlangt. Damit landen userbezogene Daten aus zwei unterschiedlichen Werbemodellen im selben Speicher: einmal die Klicks aus klassischer Onlinewerbung, die Awareness schafft und ein anderes Mal die Keywords, die einen Informationsbedarf abdecken. Werberherz was willst du mehr?
"Wahnsinnig nützlich, aber zu mächtig! Alternativen braucht die Welt!" Marie Ringler, Grüne Gemeinderätin und Landtagsabgeordnete in Wien
Auch wenn Datenschutzorganisationen wie etwa Privacy International und neuerdings auch EU-Experten dagegen Sturm laufen: Dieser Praxis ist - mit Ausnahme komplizierter wettbewerbsrechtlicher Verfahren - nicht wirklich beizukommen. Monika Bargmann, die sich bei VIBE!AT für den bewussten Umgang mit dem Internet engagiert, fielen zwar etliche Argumente ein, doch die erreichen die meisten Usern nicht. Der Zauberbesen könnte nur durch einen anderen Zauberbesen ein wenig zurück in die Ecke gedrängt werden. Hätte Google relevante Mitbewerber, wäre nicht nur ein Monopol gebrochen, auch das Interesse von Geheimdiensten, Regierungen und Klickbetrügern würde sich auf mehrere verteilen und Google hätte wieder die Möglichkeit, den Algorithmus für die User anstatt gegen die Parasiten zu optimieren und müsste vielleicht nicht mehr dazu aufrufen, die Klickbetrüger anzuschwärzen.
The Gap hat noch andere Expertenmeinungen zu Google eingeholt. Alle eingetroffenen Statements oszillieren zwischen Bewunderung und einem mehr oder weniger starken Unwohlsein, das in der Vormachtstellung des Unternehmens begründet ist. Der wohl interessanteste Beitrag kam von Franz Manola, der Google schon vor zehn Jahren als Suchtechnologie auf den Seiten des ORF einbauen ließ. Franz Manola war von 1996 bis 2007 Gründergeschäftsführer von ORF ON und ist derzeit in der Generaldirektion des ORF verantwortlich für ein neues Corporate Design und den HDTV-Einstieg des Unternehmens:
Das Phänomen Google lässt sich als Kulminationspunkt von 500 Jahren abendländischem Denken lesen. Mit der Renaissance setzt die Vorstellung ein, dass der Mensch allen Aspekten seines Lebens mit Rationalität begegnen muss und kann. Die Jungs und Mädels von Google sind besessen von mathematischen Meisterdenkertum. Sie sind der unerschütterlichen Überzeugung, dass sich jedes Problem auf eine mathematische Formel verdichten und damit lösen lässt. Sie haben innerhalb von zehn Jahren ein, zwei Hefte mit solchen Algorithmen in einen Unternehmens-Giganten verwandelt, den die Börsianer, ihrerseits besessen von angewandter Mathematik, höher bewerten als jede andere Firma der Welt.
Die vielleicht zentrale Errungenschaft der Renaissance, kulminierend in der bürgerlichen Revolution, ist die Vorstellung, dass das Ich mindestens so hoch zu bewerten ist wie das Wir, dass das Ich einen besonderen Schutz vor dem Wir und Uns verdient. Das Private - von der Privatsphäre bis zum Privateigentum - definiert das Subjekt in der westlichen, marktwirtschaftlichen Demokratie wie nichts Zweites.
Die Abschaffung des Privaten
Die Ironie des Phänomens Google - jedenfalls seiner zentralen Suchalgorithmen - ist die Abschaffung des Privaten, also ein Angriff auf den Kern der Errungenschaften der Moderne. Seit wir vernetzt sind, hinterlässt jeder von uns eine Datenspur, die von allen möglichen Agenturen - von der NSA bis Microsoft - abgelegt und durchforstet wird. Aber davon wissen meist wir selbst nichts, geschweige unser Nachbar. Google aber hat unsere Datenspur nach außen gestülpt. Inklusive der Datenschleimspur, die andere im Zusammenhang mit unserem Namen abgesondert haben. Solange eine noch so fiese Denunziation anonym auf einem noch so obskuren Bulletin Board abgelegt in einem Rechner-Cash zu finden ist, wird sie Google bis in alle Zukunft zu Tage fördern.
You never have a second chance to make a first impression - das war gestern. Heute und in alle Zukunft gilt: Du bist gegoogelt lange bevor du die Chance gehabt hättest, einen unvermittelten persönlichen Eindruck zu hinterlassen. Wir sind wieder im Dorf gelandet, im globalen Dorf, wo jeder über jeden alles zu wissen glaubt und das Wir wieder entscheidet, was das Ich darf und ganz besonders was es nicht darf. Google verletzt potenziell die Privatsphäre von jedem einzelnen in einem noch vor zehn Jahren unvorstellbaren Ausmaß. Im kalifornischen Mountain View ist - nicht zum ersten Mal - ein Weltformel-/Meisterdenkerkonzept an die Wand seiner eigenen Widersprüchlichkeit gefahren. Zu Ende gedacht, ist das kein mathematisches, sondern ein politisches Problem. Wie es damals der Feudalismus war, gegen den sich die Ichs erhoben haben.
Franz Kröpfl, Leiter der Abteilung Innovation Marketing bei mobilkom austria, fasste folgende drei Punkte über Google zusammen:
- Einer der wenigen Angreifer, der zum Angegriffenen wurde. (Google verteidigt seine Position nach wie vor erfolgreich.)
- Nach wie vor innovativ; "Geht nicht" gibt es nicht, sofern es sich um Dinge handelt, die die Welt braucht. Um zu forschen, werfen sie auch alte "Don'ts" über Board
- Was sie machen, machen sie mit vollem Ernst und haben scheinbar auch noch Spaß dabei (Zukunft und Wachstum sind nicht trennbar).
Der Metaphoriker spricht vom "Rauschen", das durch den Blätterwald geht. Im Fall von Blogs sollte es vielleicht eher Raunen, wenn nicht gar Raunzen heißen, meint First Generation Blogger David Winer: auf Kommentare könnte man gut und gerne verzichten, so David. Das passt zur Greater Internet Shitwad Theory, kann aber nicht ganz unwidersprochen hingenommen werden.
Die wesentliche Eigenschaft eines Blogs sei die Wiedergabe einer authentischer Meinung, unverfälscht durch Gruppendruck, Konformitätszwang und massenmediale Spielregeln. Die Kommentare spielten dabei angeblich eine untergeordnete Rolle. Wer etwas zu sagen hat, der kann sich ja ohne weiteres selbst ein Blog anlegen, so die Logik des schreiberischen Solipsismus:
Do comments make it a blog? Do the lack of comments make it not a blog? Well actually, my opinion is different from many, but it still is my opinion that it does not follow that a blog must have comments, in fact, to the extent that comments interfere with the natural expression of the unedited voice of an individual, comments may act to make something not a blog.
Als weiteren Punkt gegen Kommentare führt David auch das altbekannte Argument von der Selbstreferenzialität ins Feld: "People use blogs primarily to discuss one question -- what is a blog? The discussion will continue as long as there are blogs." Dem kann ich nur zustimmen - ein Teil des permanent mitschwingenden Metadialogs mag durchwegs der Neuheit des Mediums geschuldet sein, ein anderer, aber verschwinden wird das Thema nicht: Mikromedien machen ihre Herausgeber eben zu Haustechniker, Serverexperten, Chefredakteuren, rasenden Reportern, Layoutern usw... in einer Person, das schreit geradezu nach Austausch und Metadialog.
Konsequenterweise drehte der Autor die Kommentarefunktion am eigenen Blog ab, und Joel Spolsky, amerikanischer IT-Journalist, greift die ausgesprochen konträre Argumentation freudig auf und geht gleich noch ein Stück weiter:
The important thing to notice here is that Dave does not see blog comments as productive to the free exchange of ideas. They are a part of the problem, not the solution. You don't have a right to post your thoughts at the bottom of someone else's thoughts. That's not freedom of expression, that's an infringement on their freedom of expression.
Starker Tobak - Kommentare also als Behinderung der freien Meinungsäußerung? Mein Problem mit dieser Sichtweise liegt ganz einfach darin, dass sie für manche Blogger durchwegs passen mag - das hängt aber in erster Linie wohl vom eigenen Menschenbild ab und davon, ob man sich erwartet, unwidersprochen seine Weisheiten in die Welt hinaus posaunen zu dürfen. John Gabriels Greater Internet Fuckwad Theory, die besagt, dass sich ganz normale, nette Kerle unter dem kombinierten Einfluss von Öffentlichkeit und Anonymität in beleidigende Verbalbestien verwandeln, mag Winer ja auf den ersten Blick recht geben. Meine persönlichen Erfahrungen in Blogistan sind da ganz andere: wie wenigen Hatemongers bringen mich bloß zum Lachen, niemals möchte ich wegen ein paar, auf gut Wienerisch "Wapplern", auf all die konstruktiven Beiträge und die virtuellen Gespräche mit meinen LeserInnen verzichten.
Denn blickt man etwas differenzierter auf die kommunikativen Verästelungen Blogistans, dann stellt sich die Kommentarefrage ohnehin nicht mehr so schwarz/weiß dar: Denn der Verzicht auf Kommentare rückt ein Blog ein ganzes Stück weit in Richtung Web 1.0 Seite - nicht technologisch, sondern ideologisch: für viele BloggerInnen (und da schließe ich mich ein) sind Feedback der LeserInnen Hauptmotivation dafür, überhaupt ein Blog zu schreiben. Die Frage, ob's aus Google-taktischen oder anderweitigen Überlegungen besser wäre, Kommentare abzudrehen, stellt sich überhaupt nicht: so lästig Spam und so aufwändig Antispam-Maßnahmen sind, so hoch die Wahrscheinlichkeit auch sein mag, früher oder später einem Troll zu begegnen: was wären Blogs ohne das direkte Feedback, ohne diesen großartigen direkten Kommunikationskanal zur Leserschaft, der Blogger von Journalisten unterscheidet? In wenigen, ausgewählten Fällen mag ein Verzicht auf die Kommentarfunktion ja Sinn ergeben, eine "golden rule" draus zu machen und speziell Newbie-Blogger zu verunsichern, halte ich allerdings für ausgemachten Quatsch. Und Gründe, von seinen Lesern öffentlich kontaktiert werden zu wollen, gibt es viele:
Das Argument der kommunikativen Demokratie möchte ich freilich nicht bemühen: letztendlich sitzt der Blog-Autor am langen Hebel, löscht, editiert und filtert, wie's im passt. Doch wie man's auch dreht und wendet: ein Blog ist keine statische Seite, sondern eine kleinere oder größere Community. Die zitierte Scheu vor Kommentaren resultiert einerseits aus dem angesprochenen unlustigen Menschenbild ("alle anderen außer mir sind Idioten und haben sowieso nix brauchbares beizutragen") und andererseits aus der Angst vor schrecklicher Kritik, die auf einen niederprasseln könnte. Dabei bieten alle gängigen Blogsysteme hervorragend abgestufte Möglichkeiten: von der ungeprüften Veröffentlichung über das Festhalten jeden Kommentars in einer Moderationsschleife ist so gut wie alles möglich - freiwillig auf Blog-Kommentare zu verzichten kommt mir ein bisschen so vor, als ob man sich ein Motorrad kauft, den Motor deaktiviert und seine Kiste einfach nur im Leerlauf durch die Gegend schiebt - passieren kann dabei nicht viel, Spaß hat man allerdings auch keinen.
Letzte Woche hat Werner Reiter wieder eine Diskussionsrunde einberufen. Nach den Artikeln über Online-Musikvertrieb und Web 2.0 stand diesmal Google im Fokus unserer Betrachtungen. Zur Abrundung seines Berichts führt Werner gerade eine kleine Meinungsumfrage durch - wär super, wenn hier jemand dazu kommentiert und seine drei Google-Assoziationen postet.
Von Google Österreich wollte uns aus "Zeitnot" leider niemand beehren; zum Glück war Christopher Sima, Managing Director von Adlink, Werners Einladung gefolgt - sonst wäre die Diskussion über die Ambitionen des Google-Kraken wohl etwas einseitig geblieben. Für mich persönlich lautet das Fazit jedenfalls: Google ist eine gewinnorientierte Firma und keine Wohlfahrtsinstitution. Wenn die Wahl "entweder Zensur oder Verbot in China" lautet, dann zwingt das Gesetzt der Gewinnmaximierung eben zum Filtern. Problematisch wird's halt durch die zunehmend stäkere Monopolstellung: und hier zeigt sich deutlich, dass gegen multinationale Konzerne staatliche Gesetzgebungen recht machtlos sind... aber zurück zum Thema. Werner hat mir geschrieben:
Ich würde möglichst viele namhafte Personen bitten, mir 3 Begriffe zu schicken, die sie mit Google assoziieren. Diese Quasi-Meinungsforschung würde dann das Bauchgefühl der Kenner noch ein wenig quantifizierbar machen. Was hältst du davon? Könntest du da auch einen Aufruf in deinem Blog publizieren?
Ich find's eine sehr gute Idee - insofern, verehrte LeserInnenSchaft, bitte ich um das Kundtun der eigenen Meinung in den Kommentaren! Mir fällt zu Google ein: Finger-im-Po, Datenkrake, innovativer Dienstleister mit Realitätsverlustsyndrom.
Eine Bitte noch wider die Anonymität: Bitte beim Aufruf auch den Hinweis platzieren, dass ich mich über personalisierte Beiträge am meisten freue (=voller Name und Beruf).
