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Artikel-Schlagworte: „DIY-Szene“

Tun Sie morgen selbst diskutieren!

3. Juni 2008
19:00bis22:00

diydiskussion Tun Sie morgen selbst diskutieren!Immerhin heißt das Thema ja Do it yourself, kurz DIY. Im Raum D [Q21] im Wiener Museumsquartier diskutieren heute im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung Karel Dudesek (TakeAway, London), Gerin Trautenberger (Industriedesginer, Wien) und Bircsák Eszter (Kitchen, Budapest) über selbstgebaute Zeit- und Espressomaschinen. Die Veranstalter sehen in der Ärmel-Hoch-Mentalität des Web 2.0 einige Parallele zur Baumarkt-Bewegung und Bastler-Vers(t)andhäuser der 50er, 60er und 70er Jahre.

Die Wikipedia schreibt dazu:

DIY heißt für seine Anhänger oft, den Glauben an sich selbst und die eigene Kraft als Triebfeder für Veränderungen zu sehen. Die Do-it-yourself-Bewegung der 60er und 70er war geprägt von einem Glauben an Selbstermächtigung, Selbstorganisation, Improvisation, Eigeninitiative, und oft einem Misstrauen gegenüber etablierter Autorität, gegenüber passivem Konsum, Produkten der Industrie und Vorgaben der Medien. Oftmals sind aber auch einfach Spaß, Kreativität oder wirtschaftliche Gründe der Anlass, Dinge selber zu machen.

Ich werd nie erfahren, ob sich die Diskussion um bloße Affirmation dreht oder ob das Panel über die meiner Meinung nach spannende Frage, wie und in welcher Form kapitalistische Produktionsstrukturen Selbstermächtigungs-Philosophien strukturell assimilieren (können) - und ob DIY in unserer modernen, hochkomplexen Welt überhaupt einen alternativen Produktionsansatz darstellen kann.

Das mag jetzt ein wenig (zu) negativ rüberkommen - und um keine falschen Eindrücke zu wecken: meine Lötstation ist nach wie vor einsatzbereit, und ein analoges Radio oder ein Filter-Netzteil zu reparieren: kein Thema. Aber ich hab halt noch nie jemanden getroffen, der im eigenen Arbeitszimmer einen brauchbaren Silikon-Wafer, geschweige denn eine CPU hergestellt hat. Vielleicht bin ich aber auch nur ein bisschen Kittler-geschädigt von wegen "es gibt keine Software" - aber andererseits kann man ja nicht dauernd nur die Tastatur bedienen. Ab und an ein wenig im metaphorischen Gatsch zu wühlen, tut der eigenen Ausgeglichenheit bekanntlich sehr wohl.

Do it yourself: Interview mit Karel Dudesek

Do it yourselfDie DIY (Do it yourself) Bewegung schwappt von den USA nach Europa über: sie lässt Heimwerken unter veränderten Vorzeichen plötzlich wieder en vogue werden. Zu je komplexeren und undurchschaubareren Konfigurationen sich Technologie auf der einen Seite hin entwickelt, desto größer wird auf der anderen Seite offensichtlich das Bedürfnis, einen Blick hinter die Maske namens Oberfläche zu werfen. Denn selbst im Zeitalter der allumfassenden Digitalisierung macht es manchmal Sinn, das "Begreifen" wörtlich zu verstehen.

Nicht zuletzt das amerikanische Make Magazine hat den Trend zum Do-it-Yourself entscheidend mitgeprägt. Während die einen in die Disko kroch'n gehen, schrauben die anderen aus purer Entdeckungslust an Klospülungen rum - höchste Zeit also für the gap, einen Blick unter die Haube der DIY-Szene zu werfen. Für die derzeit im Druck befindliche Ausgabe habe ich ein Interview mit Karel Dudesek geführt: der Medienkünstler, Medienkunstprofessor und Musiker organisiert in England das Takeaway Festival und hat ganze Generationen von Studenten an der Angewandten in Wien unterrichtet. Eine Biographie findet auf Kunstradio.at. Herzlichen Dank an Klaus Kraigher für die Fotos!

Audiointerview mit Karel Dudesek

Exklusiv hier auf datenschmutz gibt's das Interview in voller Länge als Streaming Audio - im Gespräch schneidet Prof. Dudesek einige hochinteressante Themen an, die ich im Artikel aus Platzgründen weglassen musste. Et voilá: Digital Crafts, Kunst und Handwerk und die Entwicklung der Medienkunst der letzten Jahre: Professor Karel Dudesek im Gespräch mit dem Autor. (Bitte die suboptimale Audioqualität zu entschuldigen; ich hatte meine externe Soundkarte nicht zur Hand und der eingebaute Mic-In besitzt einen nicht abschaltbaren Dynamikfilter aus der Hölle. Trotzdem Hörspielpflicht für alle Medienkunst-Freaks!)

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Mach's dir selber

Die Lust am Basteln erlebt eine digitale Renaissance.

Einen wesentlichen Kristallisationspunkt fand die DIY-Bewegung im us-amerikanischen Make Magazine: die erfolgreiche Printpostille mit stark bevölkerter Community-Seite stellt so etwas wie die moderne Gegenthese zu Tim Taylor dar: Motor und Kraftquelle ist primär die Lust am Sinn-Losen, Anleitungen für effektivere Stauraumgenerierung oder klassische Haushaltstipps wird man hier nur ein Ausnahmefällen finden. Dafür erklären Redakteure etwa anhand eines detaillierten Films, wie man aus Haushaltsmaterialien einen ferngesteuerten Ornithopter baut oder wie man eine Violine ein USB-Instrument umfunktioniert. Natürlich gehört dazu auch ein nahezu täglich aktualisiertes Blog - und in der Tat erscheint kaum ein Thema so unerschöpflich und variantenreich wie der Einsatz von Technik in der und vor allem gegen die Intention ihrer Schöpfer. Das Web 2.0 mit seinen Social Networks wie Facebook, Myspace oder StudiVZ und den zahllosen Mikromedien-Channels von Weblogs über Twitter-Profile bis zu Youtubes Accounts bietet der Do-it-yourself Kultur die perfekte Selbstdarstellungsplattform. Denn die Freude am selbstgebastelten USB-Mini-Heißwasser Boiler respektive die Motivation, ihn überhaupt erst zu bauen, steigen zum Quadrat, wenn eine potentiell interessierte Weltöffentlichkeit zum Voyeur der eigenen Ingenieurskunst wird.

diyDass dieser Paradigmenwechsel am Kunstbetrieb längst nicht spurlos vorüber geht, weiß jeder, der in den letzten Jahren die ars electronica besucht hat. Seit der russische net.artist Alexej Shulgin im Jahr 2000 mit seinen 10 in Steintafeln gravierten Gesetzen das Genre der net.art für verblichen erklärte, wich das analytische Paradigma auch im medien-artistischen Bereich einem Hands-On Ansatz, der den User mehr oder weniger radikal von der passiven Rezipientenrolle in die des Créateurs versetzt.
Universitätsprofessor Karel Dudesek befasst sich seit mehreren Jahrzehnten mit dem Themenkomplex Medienkunst und organisiert in London das Takeaway Festival, eine Mischung aus Konferenz, Ausstellung und kollektivem Bastelworkshop. Der mittlerweile in England, Deutschland und Österreich tätige Theoretiker und Aktivist gestaltete die ars electronica mit, prägte durch seine organisatorische und/oder kuratorische Tätigkeit zahllose Medienfestival und sensibilisierte Generationen von StudentInnen im Umgang mit diesem eigenartig-immersiven Medien-Dingsda*, das sich sowohl im akademischen als auch im künstlerischen Bereich stets so elegant dem finalen Zugriff des Betrachters entzieht. Medien, das predigte McLuhan Zeit seiner Lehrtätigkeit, bilden einen integrativen Teil des uns umgebenden Lebensraums. Wir können sie nicht im klassischen Sinne analysieren, da der nötige Abstand zwischen Betrachter und Subjekt schlicht nicht herzustellen ist - also bleiben uns nur die sogenannten "Probes", also Sonden, die einzelne "Medienproben" liefern, aus denen wir Rückschlüsse begrenzter Gültigkeit ziehen können.

Zu Abstrakt? Genau um dieses invasive Hinter-die-Maske-Schauen einerseits und um ein altes Spannungsfeld zwischen Kunst und Kunsthandwerk andererseits dreht sich der aktuelle Diskurs der Medienkunst, wie Karel Dudesek erklärt: "Was komplexer wird, kommt von Natur aus auch in die Krise. Und in dieser Krise modifizierte sich die Medienkunst zu einer Art Designkunst. Die ars electronica und andere Festivals mutierten zu Design-Präsentationen; ob Open Source oder nicht, sei mal dahingestellt. Das hat natürlich dazu geführt, dass in der Spannung zwischen Kunst und Design - also zwischen Kunst und Handwerk, diese Spannung gibt es ja nach wie vor - die handwerkliche Seite in Form der 'digital crafts' plötzlich sehr stark die Oberhand gewonnen hat."

Die digital-crafts Bewegung existiert seit rund fünf Jahren und zeigt neue Varianten interaktiver Interfaces, die in der "klassischen" Medienkunst schlicht keinerlei Beachtung mehr fanden: "Designer haben per definitionem keine politische oder kulturelle Selbstaufgabe. Daher auch dieser Begriffsbogen von wegen 'knitting', 'do-it-yourself' und so weiter. Diese neue technologische Situation erlaubt einem viel weiteren Personenkreis, eigene Projekte zu entwerfen und in weiterer Folge auch Geld damit zu verdienen, was natürlich völlig legitim ist. Die Universitäten in Europa haben diese Entwicklung weitgehend verschlafen und beschäftigen sich nach wie vor mit einem tradierenden Kunstbegriff, der mit dieser neuen Form der medienkulturellen Produktion einfach nicht mehr funktioniert."

loetenTechnologien beziehungsweise Werkzeuge formen stets den mit ihnen generierten Output: das Vektor-Grafikformat Flash von Adobe etwa gibt bis zu einem hohen Grad das mit ihm realisierbare Endprodukt vor - eine scheinbar paradoxe Situation, die Prof. Dudesek mit dem in Europa lange Zeit sehr beliebten "Stricken nach Zahlen" vergleicht. Studenten sollen an Kunsthochschulen für diese Situation sensibilisiert werden und durch den Blick unter die Oberfläche ihre Werkzeuge im Flusser'schen Sinne als Dispositive des Kunsthandwerks verstehen. "Tools framen die Ästhetik," erklärt Dudesek, "und die Beschäftigung des Künstlers endet ja nicht an der Oberfläche, sondern es geht darum, diese Interface-Systeme von der intellektuellen Seite her zu kapieren: denn dieses Verständnis spielt ja wieder eine beträchtliche Rolle im kreativen Bereich."

Für die Einwohner des klassischen Kunstestablishments müssen die Credos der jungen Medienkünstler-Generation wie Altarfrevel erscheinen: wo das Establishment Sicherheit an Ölgemälden in historischen Säulenhallen festmacht, richtet sich die Aufmerksamkeit der jungen Medienkunst auf iPhones, digitale Klospülungen und so ziemlich jede Blackbox, deren unter der Haub verborgener Hard- oder Software-Schaltplan sich neu verdrahten lässt. Was im Bereich elektronischer Musik modifizierte Klangerzeuger-Hardware bedeutet, davon weiß jeder Synthie-Sammler ein Lied zu singen - ob der Do-it-Yourself Schock als nachhaltiger künstlerischer Paradigmenwechsel gelten wird, das kann aber nur eine entscheiden: und zwar die Nachwelt.

Dass (digitale) Re- und Produktionstechniken den Fokus ästhetischen Schaffens auf die Beschäftigung mit den Implikationen der Hard- und Software lenken würde, erkannte in den zwanziger Jahren bereits Walter Benjamin in seinem hellsichtigen - und vielfach zu Unrecht als kulturpessimistisch bezeichneten - Kunstwerksaufsatz (Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeialter seiner technischen Reproduzierbarkeit). Ein berechtigter Zweifel an der Hoffnung auf lustvolle Aneignung der mediengesellschaftlichen Infrastruktur macht sich aber trotzdem breit: noch nie wurden so viele Kochbücher und -sendungen produziert und konsumiert wie in den Nuller-Jahren des neuen Jahrtausend - während zugleich noch nie in der Geschichte Westeuropas privat so wenig gekocht und soviele Fertigprodukte konsumiert werden. Anstatt die guten alten Zeiten elitärer Kunstproduktion zurück zu sehnen, bleibt also nur zu hoffen, dass der hohe Spaßfaktor der Do-it-yourself Philosophie auf breiter Ebene nicht bloß verkleidete Kapitulation vor znunehmend undurchschaubareren Blackboxes symbolisiert.

* Unter anderem auch den Herausgeber des Pamphlets; sowas kommt also dabei raus, wenn man zu lange über dieses Medienzeugs nachdenkt.


Fotocredits:
Bild 1 - Alix-Gehäuse: Roland Alton Scheidl, net culture lab
Bild 2 - Ncl_Radicla Chic: Telekom Austria TA AG
Bild 3 - Löten: David Cuartielles