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Artikel-Schlagworte: „Frank Hartmann“

Über das Neue der Medien

Der folgende Beitrag ist ein Auszug aus Frank Hartmanns Einführungsband Multimedia (UTB, Wien 2008 UTB Profile). Frank Hartmann ist Professor für Visuelle Kommunikation an der Bauhaus Universität in Weimar. Ich freue mich sehr über diesen Gastbeitrag und wünsche viel Spaß bei der Lektüre!

Mit Computer und Netzwerken wurden die Medien innerhalb von zwei Jahrzehnten plötzlich zu "neuen Medien". Unsere Medienkultur ist vielfältig wie nie – wohin geht ihre Entwicklung? Am Anspruch, diese Fragen zu beantworten, scheitern regelmäßig die Bemühungen der Experten. Denn sie nehmen in ihrer Fixiertheit auf die technischen Möglichkeiten nicht in Betracht, worauf es dabei ankommt: auf dich und mich, also die Nutzer, die Anwendungen akzeptieren oder diese gleich neu erfinden. Man müsste also danach fragen, wie die multimediale Nutzerkultur von morgen aussehen könnte. Diesen Beitrag weiterlesen »

Urheberrecht: Erleichterung statt Restriktion

Im Vergleich zur turbulenten Ära von 98 bis 2003 ist die Debatte um die finale Zerstörung der menschlichen Kultur durchs Urheberrechtsverletzungen wieder vergleichsweise still geworden: war Napster noch der Byte-gewordene Gott-sei-bei-uns der Plattenindustrie, hat ein amerikanischer Apfelhändler via iTunes den Netzmusikverkauf profitfähig gemacht (wenn auch über den Hardware-Umweg), seit kurzem zeigt Buchhändler Amazon Verlagen, wie man untote Bäume auf ePaper ausliefert.

Der eine oder andere Murdoch sagt zwar njet, ab und zu wird eine Piratenbucht verklagt, doch der Hype um die Besserung der Welt qua Social Media lenkt temporär den Blick ab vom, wie Frank Hartmann in seiner hervorragenden Analyse Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit auf Telepolis schreibt, "mehr oder weniger offen ausgetragenen Kulturkampf". Diesen Beitrag weiterlesen »

Buchverlosung: 3x Medien und Kommunikation von Frank Hartmann

frankhartmann 150x150 Buchverlosung: 3x Medien und Kommunikation von Frank Hartmann Über dieses Gewinnspiel freue ich mich ganz besonders, denn ich darf der geschätzten Leserschaft nicht nur ein top-aktuelles Buch zu einem meiner Lieblingsthemen dreimal offerieren, sondern ich habe mit Autor Frank Hartmann (der übrigens hier auch schon Gastautor war) auch ein Interview über seinen Einführungsband "Medien und Kommunikation" geführt. Diese Thematik beginnt immer mehr Fächer zu interessieren, denn in der Mediengesellschaft wird die Beschäftigung mit diesem komischen Konglomerat aus Technik, Symbolen und Übertragungswegen zu einer zentralen Wissenschaft.

Die Zeiten, in denen "Irgendwas mit Medien" ein exklusives Forschungsgebiet der Publizistik war, sind lange vorüber. Ein grundlegendes Verständnis von Medien, die Kenntnis gängiger Theorien und Modelle zählen mittlerweile zum Basiswissen zahlreicher Wissenschaften: in einer Informationsgesellschaft ist Medienwissenschaft nicht mehr als Forschungsobjekt-zentriertes Fach, sondern nur als ein Set interdisziplinärer Forschungs-Praktiken sinnvoll institutionalisierbar. "Medien und Kommunikation", erschienen in der neuen UTB-Reihe "Profile", beschränkt sich auf knappe hundert Seiten: zentrale Konzepte der Kulturkritik, Kybernetik und des Konstruktivismus werden umrissen, wer tiefer ein bestimmtes Gebiet einsteigen möchte, findet natürlich weiterführende Literaturverweise. Die klassische Lehrbuch-Gliederung (inklusive Merksätze) hilft vor allem Neueinsteigern, sich rasch einen Überblick zu verschaffen. Wer's genauer wissen möchte, greift besser zu Franks Medienphilosophiepixel, ebenfalls im UTV-Verlag erschienen. Weitere Texte, Vorträge und Biographische Infos findet man auf Frank Hartmanns Homepage Medienphilosophie.net.

Verlosung: 3x "Medien und Kommunikation"

StammleserInnen wissen bereits bescheid, denn es ist immer wieder dasselbe Prozedere: wer eines der drei Bücher gewinnen möchte, hinterlässt ganz einfach einen Kommentar zu diesem Beitrag. Besonders interessiert bin ich natürlich an der Meinung meiner hochverehrten Leserschaft zum Thema "Braucht man Theorie zum Verständnis von Medien?", aber eine bloße Willensbekundung zur Teilnahme tut's natürlich auch. Hier geht's zu den genauen Teilnahmebedinungen, eine Registrierung ist *nicht* erforderlich. Wie üblich gibt's für alle, die datenschmutz-Fans auf Facebook sind sowie für jede Verlinkung und Ankündigung dieses Gewinnspiels ein Extra-Los. Die Verlosung endet am Sonntag, 17. August um 00:00 Uhr - ich wünsche allen TeilnehmerInnen viel Glück.

Interview mit Frank Hartmann

datenschmutz: Dein neues Buch ist eine knappe, aber doch sehr facettenreiche Einführung in das Begriffsfeld "Medien und Kommunikation". An wen richtet sich das Lehrbuch?

Frank Hartmann: An alle, die mit Medien zu tun haben. Mir gefiel, wie der Verlag das Thema vorgab: Klar und knapp das, was man zum Thema wissen sollte. Wenn das nicht eine Herausforderung für jemanden ist, der aus den Geisteswissenschaften kommt ...

?: Wer da heutzutage 'irgendwas mit Medien' macht, liegt offenbar im Trend?

!: Ja, und man glaubt es kaum, aber Medien und Kommunikation waren bei uns bis in die 1960er Jahre Fremdworte, die niemand verwendet hat - heute hingegen "kommunizieren" alle und alles. Neben Jeans und Kaugummi, Sex und Drogen ist Kommunikation einer der prägenden Begriffe des 20 Jahrhunderts geworden.

Von Marshall McLuhan stammt der bekannte Spruch "the medium is the message". Wie siehst du im Internet-Zeitalter das Verhältnis von Technik und Medien? Ich denke nicht, dass die Menschen früher, ohne all die Technik, irgendwie besser kommuniziert haben.

Jeder hatte seinen Platz in der Gesellschaft, niemand hatte eine Meinung, und hinter diesen Strukturen der Macht und den Formeln von Höflichkeit und Etikette gab es kaum individuellen Ausdruck. Das hat sich heute völlig umgekehrt, das Private dringt an die Öffentlichkeit und breitet sich dort oft unangenehm aus. Auf dem Weg in diesen Zustand wirkten die Massenmedien - sie öffneten das Fenster der Wahrnehmung und zeigten andere Wirklichkeiten als die, denen man alltäglich ausgesetzt war. Das ist übrigens immer noch so, ich ziehe jede gut gemachte TV-Reportage über fremde Lebenswelten den neuen Medienangeboten vor, denn asiatische, afrikanische oder hispanische Webseiten und Blogs erschließen sich uns ja nur im Ausnahmefall.

Aber zurück zur Frage nach der Entwicklung - das Recht auf Publizität war einst natürlich ein politisch hart erkämpftes. Als es durchgesetzt wurde, entstand ein kultureller Bedarf, der nur durch fortgeschrittene Technik (ein Beispiel ist die Massenpresse) gedeckt werden konnte. Keine Technik, für die es diesen gesellschaftlichen Bedarf nicht gab, konnte sich je durchsetzen. Setzt sie sich aber durch, dann erzeugt sich auch eine eigene Form der Nachfrage, welche dann auch die mit hineinzieht, die diese Technik gar nicht wollten. Das kann zum Problem für ganze Generationen werden. Ich halte letztlich nicht nur Theorieansätze für falsch, die Technik ausblenden und lieber auf die Menschen und ihre Absichten setzen, sondern auch solche, die Technik zur alleinigen Triebfeder der Geschichte machen.

?: Du bist - formal betrachtet - kein Kommunikationswissenschaftler, sondern ein Medienphilosoph, bearbeitest also ein Teilgebiet der Philosophie. Hat genuine Medientheorie oder Medienwissenschaft, wie sie in Form zahlreicher Institute im universitären Curriculum verankert wurde, überhaupt eine Daseinsberechtigung?

!: Richtig, ich bin ein promovierter Philosoph. Nach Hegel besteht die Aufgabe der Philosophie darin, das, was an der Zeit ist, in Gedanken zu erfassen. Was liegt dann näher als der Versuch, sich heutzutage mit Medien zu beschäftigen? Medienwissenschaft ist natürlich wichtig, denn Medien lassen unsere Gesellschaft funktionieren, sie sind zur wichtigsten Produktivkraft unserer Kultur geworden. Man könnte aber mit einigem Recht auch sagen: Medien funktionieren in der Praxis recht gut, wozu also Theorie? Tatsächlich kreist so manche Medientheorie nur um diffuse Begrifflichkeiten, vor allem an deutschen Universitäten - das ist dann auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Die Berechtigung von Medientheorie kann man damit begründen, dass es hier eben nicht nur um kommunizierende Menschen geht, sondern um Informationsverarbeitung, technische Schaltungen und Datenströme. Es gehört eigens diskutiert, was das für unsere Kultur bedeutet.

?: "Medien und Kommunikation" skizziert einen weiten Horizont und bietet Überblick über die Entwicklung einer ganzen Disziplin, der du ja selbst auch angehörst. Gerade ein solches einführendes Werk soll einerseits Orientierung verschaffen, andererseits ist Objektivität ein fragwürdiges Konstrukt der Moderne. Wie geht man als Autor eines Medien-Lehrbuchs mit dieser Situation um?

!: Sicher gibt es keine definitiv objektive Darstellung, aber das ist eher eine politische Frage. Man übersieht leicht, dass Theorien sehr oft verdeckte Verpflichtungen - auf eine Schule, bestimmte Autoren, Begrifflichkeiten und Ideologien - in sich tragen. Ihre Durchsetzungskämpfe bestimmen den Sachbuchmarkt. Ich halte mich aus Glaubensfragen strikt heraus, schreibe also nicht als "Marxist" oder so, obwohl das oft leichter wäre. Jetzt wird natürlich ein marxistischer Leser beispielsweise seine Helden in meinem Buch vermissen, aber damit kann ich leben. Problematisch ist eher die Beschränkung im Umfang, die man mit einer Produktion wie der vorliegenden eben hat. Bestimmte Aspekte von Multimedia etwa, und fast alles, was mit computermediatisierter Kommunikation und Interfaces zu tun hat, musste ich weglassen - aber nicht wegstreichen, denn dazu entsteht gerade eine weitere Einführung. Übrigens ist es Teil des Konzepts dieser Reihe (UTB Profile), dass die einzelnen Bände wie Module eines größeren Ganzen funktionieren. Eine gewisse Objektivität ist damit schon zu erreichen. Es gibt dann nämlich eine Einführung zu Marx, der ich auch viele Leserinnen wünsche.

?: In deiner vorigen Publikation "Globale Medienkultur" hast du dich anhand der drei Übertragungswege Kabel, Wireless und Online mit dem Wandel der Industrie- zur Mediengesellschaft befasst. Welche technologischen und theoretischen Entwicklungen haben unser Verständnis von Medien am nachhaltigsten beeinflusst?

!: Menschen existieren in einem biologisch recht eng begrenzten Fenster, das sie immer schon zu erweitern suchten. Sensationell finde ich hier die Entwicklung der Telekommunikation auf Grundlage der Elektrizität. Die meisten denken bei diesem Thema an das künstliche Licht, aber das kam erst viel später. Die erste Anwendung von Elektrizität war der Telegraph, und mit den telegraphischen Netzen ging die Welt ab ca. 1850 online und ist es seither geblieben - und zwar auf denselben Leitungsstrecken bis ins Internet-Zeitalter! Im Nachhinein betrachtet sieht es so aus, dass die Wurzeln der Informationsgesellschaft schon in der Frühphase der Industrialisierung erkennbar sind. Ich zweifle da an dem radikalen Bruch, den manche Theorien mit der Computerisierung setzen.

?: Jede Untersuchung der Medien befindet sich in der paradoxen Situation, dass sie das eigene Forschungsobjekt zugleich als Werkzeug benutzen muss, weil ja wiederum jegliche Meta-Kommunikation über Medien notwendigerweise durch selbige vermittelt wird. Meiner Meinung nach ist die Kybernethik - zumindest in jener Ausprägung, wie sie Heinz von Foerster geprägt hat - die einzige Metatheorie, die diese Tatsache nicht nur ernst genommen hat, sondern auch produktiv zu nutzen wusste. Besitzt die Kybernethik deiner Ansicht nach immer noch Erklärungspotential?

!: Einer der produktivsten Ansätze war Gregory Bateson, der kybernetisches Denken in die Psychologie eingebracht und etwa Beziehungsprobleme als Kommunikationsprobleme betrachtet hat. Ab 1950 begann eine ganze Generation, sich vom linearen Denken in Kausalitäten ab- und systemischem Denken zuzuwenden. Ob von Foerster da wirklich so produktiv zu sehen ist? Generell ziehe ich die Ethik ein wenig in Zweifel - das hat so etwas Unverbindliches, ist ein Religionsersatz. Aber natürlich darf man die sich verändernden Werte nicht vergessen. Unsere Zeit unterwirft alles dem Profitinteresse, jede Kreativität und auch Sozialbeziehungen haben nach Aspekten der Verwertbarkeit zu funktionieren. Dieser universale Imperativ des Marketings ist völlig pervers. Mir scheint es definitiv so zu sein, dass die Ethik gegenwärtig eher bei Hackern und bei Betreibern von Torrent-Seiten zuhause ist, die in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch eher nicht so gut dastehen. Heinz von Foerster hätte aber genau das gefallen!

?: Dein früheres Buch "Medienphilosophie" erschien soeben auch in koreanischer Übersetzung; als Medienphilosoph beschäftigst du dich ja schon seit Jahren auch mit dem Thema "Codesysteme" - was ist das für ein Gefühl, sein eigenes Buch in der Hand zu halten und die Schriftzeichen bloß nach ästhetischen Kriterien beurteilen zu können?

!: Überall auf der Welt werden verschiedene Sprachen gesprochen, aber alle sitzen an den gleichen Apparaten, die mit identischen Betriebssystemen laufen. Das ist schon interessant. Die Technik standardisiert, während die Menschen immer darauf aus sind zu differenzieren. Korea ist ein High-Tech Land, das alles Neue aufsaugt, so kam es auch zu der Übersetzung, aus dem dortigen Interesse am Neuen. Die koreanische Fassung meiner Medienphilosophie ist wunderschön produziert, ein Objekt der Freude für jeden Bibliophilen: Hardcover, Lesebändchen, hervorragende Papier- und Druckqualität. So schöne Bücher gibt es bei uns wirklich kaum mehr. Als ich mein Exemplar aus dem Postkasten nahm, da wollte ich mir vor lauter Ehrfurcht gleich meine Krawatte zurechtrücken (nach einer Beobachtung, die Walter Benjamin gegenüber dem gedruckten Buch einst festgehalten hat). Nur kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt so ein Ding getragen hätte... soviel zum Codesystem, das sich in ständiger Metamorphose befindet.

Medientheorie-Buchtipps im Doppelpack

kinoapparat Medientheorie Buchtipps im DoppelpackGestern wurden in der Cafeteria der Akademie der Bildenden Künste in Wien zwei Bücher vorgestellt, die sich mit spezifischen Aspekten der Medientheorie des 20. Jahrhunderts befassen. Meine ehemalige medianexus-Kollegen Eva Tinsobin hat ihre Dissertation im Verlag Werner Hülsbusch veröffentlicht: "Das Kino als Apparat. Medientheorie und Medientechnikim Spiegel der Apparatusdebatte" vorgestellt. Im gleichen Verlag erschien dieser Tage Thomas Schindls "Räume des Medialen. Zum spatial turn in den Kulturwissenschaften und Medientheorien".

Eva, die als freie Autorin und Redakteurin unter anderem für Die Presse arbeitet, beschäftigt sich mit der Verhältnis von Technik und Massenmedien:

Welchen Anteil nimmt die Technik in Fragen der Medialität ein? Bereits im Frankreich der frühen 1970er Jahre eine brisante Frage, wo Marcelin Pleynet, Jean-Louis Baudry und Jean-Louis Comolli den Kino-Apparat losgelöst von seinem Inhalt Film als Apparat zur Vermittlung bürgerlicher Ideologien erkennen und die Apparatusdebatte begründen. Heute ist die Apparatusdebatte weitgehend in Vergessenheit geraten und doch in aktuelle Medientheorien eingeflossen. Deshalb wirft das Buch folgende Fragen auf:

  • Was geschah nach dem Ende der Apparatusdebatte 1986?
  • Inwieweit beeinflusste sie spätere medien- und techniktheoretische Diskurse?
  • Ist sie in aktuellen Medientheorien zu finden?
  • Handelt es sich um ein Relikt oder um einen Ansatz mit Diskussionspotenzial?

Thomas Schindl behandelt den Umgang der Sozialwissenschaften mit dem ausgedehnten Phänomen Raum. (Sorry, dieser Kalauer war wirklich nicht vermeidbar.)

Ob nun als spatial turn, topographical turn oder topological turn — seit einiger Zeit wird Raum wieder vermehrt zu einem zentralen Thema von Kulturwissenschaften gemacht. Einen besonderen Stellenwert nehmen diesbezüglich die Auseinandersetzungen mit unterschiedlich ausgeprägten Formen von Räumlichkeit im medientheoretischen Diskurs ein.

Für die Medienwissenschaften stellt Raum eine grundlegende medienästhetische Kategorie dar, deren Brisanz gerade aus dem Versuch entsteht, die individuelle Erfahrbarkeit von Wirklichkeit am kollektiven Umgang mit Wissen und Information dingfest zu machen.

Dabei erscheint die Ausgangslage zunächst keinesfalls eindeutig: Seit jeher besteht eine wesentliche Funktion von Medien und Kommunikation darin, Raum zu überwinden, während sie zugleich stets neue Räume technischer Vermittlung, sozialer Interaktion und kultureller Praxis entstehen lassen (z. B. im Cyberspace, aber auch in Gestalt ökonomischer und kultureller Globalisierung).

Die vorliegende Arbeit versucht wesentliche medientheoretische Positionen zu rekonstruieren, die in der gegenwärtigen Debatte zum Tragen kommen. Raum wird dabei nicht nur als ein ästhetischer Begriff im Schnittfeld von Kultur und Technik angesiedelt, sondern auch im Hinblick auf Geografie, Ökonomie und Politik entworfen.

Einleitende Worte zur Präsentation, die ich Pecha-Kucha-Night-bedingt (sehr spannend fand ich den Vortrag über Picidae, demnächst mehr) versäumte, sprach Frank Hartmann - ich bin gespannt auf die beiden Bücher, die auch schon bei Amazon gelistet sind:

Das Kino als Apparat: Medientheorie und Medientechnik im Spiegel der Apparatusdebatte Medientheorie Buchtipps im Doppelpack
Räume des Medialen: Zum spatial turn in Kulturwissenschaften und Medientheorien Medientheorie Buchtipps im Doppelpack

Vom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse

eurogeld Vom Ungleichgewicht medialer EinkommensverhältnisseGestern war ich Gastvortragender in Frank Hartmanns Multimedia Vorlesung. Auf der Agenda standen einerseits aktuelle Trends im Bereich Social Media und andererseits ein wenig Plauderei aus dem Berufsalltags-Nähkästchen - nicht nur das klassische Berufsbild des Journalisten bzw. Medienarbeiters ändert sich: Inhalte-Produzenten, egal ob Schreiber, Filmer oder Radiomacher, verdienen zunehmend weniger mit ihrer Arbeit, während die klassische Umwegrentabilität durch Werbung immer höhere Bedeutung gewinnt.

Derzeit sind in Europa allenfalls die ersten Vorbeben zu spüren, die sich allerdings mit beeindruckenden Zahlen untermauern lassen: während Telepolis Ende der neunziger Jahre für ein längeres Feature mehrere hundert Euros bezahlte*, gibt's mittlerweile deutlich weniger als einen Hunderter - unabhängig von der Artikellänge. Am Abend habe ich dann noch folgendes Tweet von Luca gelesen:

Gerade erfahren, dass ich für einen Trigami-Beitrag mehr bekomme als jemand mit Magister für einen Telepolis-Artikel. Aua. #zukunft?

Dieser Gedanke kam mir auch schon häufiger - für einen trigami-Review hier auf datenschmutz bekomme ich mehr als doppelt soviel Honorar wie für eine meiner Ö1 Kolumnen. Das ist auf den ersten Blick hochgradig skurril - dass Blogger für vergleichsweise sehr unaufwändige Werbetexte beträchtlich mehr Geld erhalten als Freelance-Profischreiber, die ihre Artikel an "professionelle" Medien verkaufen. Und diese Beispiele sind beileibe keine Einzelfälle: am gesamten europäischen Medienmarkt ist ein gravierender Preisverfall zu beobachten, der diverse Gründe haben mag: ein Überangebot an Arbeitnehmern, generell stärkere Konkurrenz im Medienbereich... aber verdienen die Produzenten weniger? Keineswegs, im selben Zeitraum stiegen alle Werbepreise ganz beträchtlich. Man könnte nun durchwegs behaupten, dass Inhalte sozusagen das nötige Übel darstellen, mit dem man die lästigen Whitespaces zwischen den lukrativen Anzeigen füllen muss: Content follows Adverts á la form follows function.

Auf der anderen Seite allerdings gewinnt für jeden Medienarbeiter das Konzept der Selbstvermarktung radikal an Bedeutung: während für Zeitungen und Zeitschriften Artikel immer weniger wert werden, stellt Unique Content im Netz eine wahre Goldgrube dar: für jede/n JournalistIn bietet sich ein Blog ideal als Pressespiegel an. Ich selber arbeite schon wesentlich länger als Journalist als ich blogge, und der Wunsch nach einem einigermaßen kompletten Pressespiegel war damals mitentscheidend für den Start von datenschmutz - dass die Publikation eigener Artikel auf mittelfristige bis lange Sicht ökonomisch wesentlich attraktiver ist als der einmalige Verkauf von Texten übersehen allerdings nach wie vor die meisten Schreiber. Und bei den in Österreich üblichen, hart an der Lächerlichkeitsgrenze kratzenden Honoraren für freie Journos würde ich niemals einen Text exklusiv verkaufen - es sei denn, jemand ist bereit, auch adäquat zu bezahlen. Ansonsten betrachte ich allfällige Abdruck-Honorare mittlerweile eher als Nebeneinkommen - und diesem Shift von Quantität (Auflage) zu Qualität (Visibility), von Massen- und Mikromedien, kann ich sehr viel abgewinnen: denn erstmals in der Geschichte der Massenmedien können die Produzenten selbst, natürlich mit entsprechendem Zeit- und Energieaufwand, selbst direkt von der guten alten Werbe-Umwegrentabilität profitieren.


* Mein erster Beitrag war ein Interview mit DJ Spooky in Linz, das Frank und ich gemeinsam geführt haben. Der Text ist auch hier auf datenschmutz publiziert und in Franks Medienphilosophie Buch Vom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse, das dieser Tage in koreanischer (!) Übersetzung erschien... somit ist der Text sozusagen meine erste Publikation in Schriftzeichen, die ich überhaupt nicht entziffern kann :mrgreen:


Foto-Credits: Euros von tommyS [pixelio.de]

Blogistan Panoptikum KW07 2008

Jürgen hat den ersten Googlehupf Österreichs gefunden, Seth Godin philosophiere unter dem Titel "Nickel and diming" über zwei grundverschiedene All-Inclusive Strategien und Pete kennt die letzten Neuigkeiten zum Ende des Drehbuchautoren-Streiks (Yippie! Neue 30 Rocks und Earls in Kürze!) Was für eine actionreiche Woche :mrgreen:

Photoshop-Artworks

Sometimes they can be funny, sometimes thought provoking, other times they just mess with your mind. They'll always take your breath away though and make you wonder at the skills of the people that created them.

So heißt's auf Vertustech, und dieser Ansage kann man sich nach eingehender Betrachtung dieser Photoshop-Meisterwerke nur uneingeschränkt anschließen. Ebenfalls optisch beeindruckend: dieser HD-Zeitraffer zum Thema 24 Stunden San Francisco.

Frank Hartmann über den Begriff "Kommunikation"

Auf ORF Science hat Frank Hartmann vergangene Woche einen kleinen Vorgeschmack auf sein im April neu erscheinendes Buch "Medien und Kommunikation" (UTB) veröffentlicht: Sein Gastbeitrag in der Serie "Sprechen Sie Wissenschaft?" befasst sich mit der steilen Karriere des Begriffs Kommunikation im 20. Jahrhundert:

Als Ersatz für das nach 1945 verbrämte Wort "Propaganda" avancierte der Ausdruck innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem der 100 prägenden Begriffe des 20. Jahrhunderts, an den ebenso prägende Begriffe wie "Medium" und "Information" anknüpfen.

Wolfgang Langenbucher als Blogger

Vor über 10 Jahren saß ich Prof. Wolfgang Langenbuchers Einführungsvorlesung in die Kommunikationswissenschaft - dass der ehemalige Vorstand des Wiener IPK mal beginnen würde zu bloggen, hätte ich nicht vermutet. Und seiner Argumentation in punkto Zusammenarbeit von WAZ und öffentlich-rechtlichem Rundfunk kann man kaum widersprechen - handelt es sich doch um eine spitzzüngig formulierte und hochgradig berechtigte Kritik:

Man muss das dreimal lesen, um es zu glauben und in seinen Dimensionen richtig zu gewichten: Die WAZ, dieser kapitalistische Zeitungskonzern, u.a. mit der Wiener Krone im Paket - eine Zierde der Qualitätspresse! Die gebührenfinanzierte größte und drum reichste Landesrundfunkanstalt der Republik entdeckt nach Jahrzehnten schärfster Systemkonkurrenz wunderbarerweise so intensive Gemeinsamkeiten, dass man die digitale Welt nun miteinander gestalten will, ja muss. Und der Herr Ministerpräsident wird bei einer Pressekonferenz in ein paar Wochen - wenn clevere Juristen und bilanzbesessene Betriebswirte alles längst unter Dach und Fach gebracht haben - seinen Segen dazu geben. Beide mächtigen Medienakteure werden ihm diese Großmut danken; ganz gewiss, denn dafür gibt es täglich genug ganz praktische Möglichkeiten.

Statistik über US-Blogger

Das Womma Blog weiß alles über den amerikanischen Durchschnittsblogger:

According to research from WOMMA member company BIGresearch, of the 26% of U.S. internet users who blog, 53.7% are male, 44.7% are married, they bring in slightly less income than the average adult, and are slightly more educated than average. Bloggers are also younger, with an average age of 37.6 compared to 44.8 - which is the average age of the rest of U.S. adult population.

Ob selbiger in Europa wohl auch weniger verdient als der Durchschnittsbürger? Wir werden es nie erfahren :-)

Eine Strom unwahrscheinlicher Bilder

Auf Gert Lovinks Blog gibt's eine interessante Zusammenfassung von Frank Hartmanns Vortrag am Einstein Forum Potsdam, Zitat:

Media, so Vilém Flusser, are a "continuous stream of unlikely images." What is the use, so Hartmann, to deconstruct the technical media with a deterministic method a la Friedrich Kittler if we insist on illusion. Freedom is the freedom to object audience rating. Media art and media activism could show us help us in this effort to formulate media criticism. The problem that we face is the real, the hyper-real character of the televisual image. The impossibility to distinguish between Sein (being) and Schein (illusion). There is a pleasure, so Hartmann, to appear as a phantom, and intellectual are called upon to acknowledge their pleasure in media appearances so that we can come to a second-order media critique.

Ansonsten bleibt nur anzumerken, dass die Woche mal wieder rasend schnell vergangen und das Mauracher Gewinnspiel zu Ende ist. Ich wünsch allen ds-LeserInnen einen schönen Restsonntag - ich werd mich weiter meinen Facebook-Experimenten widmen und vielleicht meinen WoW Char ein bisschen hochleveln; bis morgen!

Frank Hartmann über den neuen Club 2

frank hartmannFrank Hartmann hat mir gestern den folgenden Gastbeitrag zum neuen Club 2 geschickt. Besagte Fernsehsendung erlangte in den 70er Jahren (nicht zuletzt durch Aktionismus wie Nina Hagens Masturbationsanleitung für Frauen) einen recht legendären Nimbus, von dem die Neuauflage nach dem Willen des ORF zehren soll. Die Live-Erstausstrahlung des neuen Clubs folgt morgen Abend um 23:00 Uhr, Frank wird dort zu Gast sein und stellt im Vorfeld folgende imho sehr spannende Überlegungen zum Thema Fernsehdiskussionen, Rollenverhalten und Medien an - 'njoy the preview!

Frank Hartmann über den neuen Club 2

Club 2 - jetzt also wird die Fernsehlegende wiederbelebt. Hallo, ja, es klingt recht vernünftig, was Lorenz Gallmetzer mir telefonisch zu seinem Konzept mitteilt, nun gut, er lädt mich ein - Was? Aber nein, der Villacher Hausphilosoph sei nicht akut erkrankt, er lädt schon 'mich' ein, also sage ich zu, ich bin ein höflicher Mensch. Es ist natürlich ein Paradox - es soll um Medienmacht und Meinungsbildung gehen: "Die Meinungsfabriken. Wie prägen Zeitungen, Radio, Fernsehen, aber auch Internet Musikvideos, Werbung und Hollywood unser Denken, unsere Anschauungen, unsere Moden, unseren Geschmack? Wer sind heute die Meinungsmacher? Wie frei können wir noch denken?"

Das entnehme ich der Presseaussendung, ein 'Briefing' für die Teilnehmer scheint es nicht zu geben. Also ein Paradox, denn eine generelle Funktion der Medien ist die Ermächtigung, das heisst dieser Apparat lässt Aussagen zu (oder verhindert sie) und gewichtet dadurch ganz vehement die Fiktion 'öffentlicher Diskurs'. Nur deswegen können die Betriebsfunktionäre aus Politik, Wirtschaft und Kultur ihren fortgesetzten Nonsens verbraten, nur deswegen hört diese öffentlich-rechtliche Endlosschleife nie auf. Ein Paradox auch im performativen Sinn, denn wie lässt sich im Medium eine Aussage gegen das Medium treffen? Nun bin ich denn gespannt, welche Rolle die Medienmacher einnehmen werden, die eingeladen wurden. Mediaprint! Nur vom Feinsten, wenn man das so sagen darf ...

Übrigens, vorbei die Zeiten, als das Performative an einer solchen Teilnahme noch aktionistisch erledigt werden konnte (jaja, Provokation war schon geil, aber nein, man sollte Posen niemals übernehmen, und ich wüsste auch gar nicht, wie). Lässt sich die versteckte Normativität von Medienbotschaften artikulieren, ohne dass man kulturpessimistische Kalauer verbrät? Wie kritisiert man die ökonomisch und politisch abgesicherte Macht ("Medien" - ein Abstraktum, ihre Manager - das Konkretum), die längst alle Züge von Selbstimmunisierung aufweist? Wie die Saturiertheit eines gebührenzahlenden Publikums, das all diese "Shows", "Serien" und "Dokus" samt Werbung und reichlich Eigenwerbung in sich hineinfressen muss, ohne jemals kotzen zu können? Vielleicht indem man auf die Mechanismen der Produktion und die Materialitäten dieser konkreten Wiederbelebung hinweist: denkt man beim ORF eigentlich nicht über die Polstergarnitur hinaus? Gibt es denn dort keine originellen Menschen, die bereit sind, ausserhalb ihres Programmschemas der veränderten Medienwirklichkeit zu entsprechen, die seit den seligen Zeiten des ORF-Monopols ausgebrochen sind? Zumindest als Online-Ergänzung der Diskussion (die wird als "Open End" angekündigt, aber wie soll das gehen)? Das wäre es vielleicht gewesen: ein "Club 2.0"!? Vielleicht. Man wird ja sehen [Club 2, auf Sendung heute Abend 23:00, ORF2].

DJ Spooky: “It’s all Jazz”

dj spookyVor fast 10 Jahren war ich mit Frank Hartmann in Linzer AEC Skyloft beim Vortrag von DJ Spooky, der im Rahmen der Intertwinedness-Lecture Serie von Christa Schneebauer und Margarethe Jahrmann einen kombinierten Text- und DJ-Vortrag hielt: seine Ideen über Remixing und Kulturproduktion illustrierte er akustisch an den Turntables.

Im Anschluss an den Vortrag habe ich mit Paul Miller ein Interview geführt, der folgenden Text entstand gemeinsam mit Frank Hartmann und wurde 1998 auf telepolis veröffentlicht. (Dort gibt's auch eine englische Version. Mir ist grade aufgefallen, dass Spookys Ausführungen nichts an Aktualität eingebüßt haben - enjoy.

Interview mit DJ Spooky a.k.a. Paul D. Miller

von Frank Hartmann und Richard Pettauer

Zur Person

Die Vortragsreihe 'Intertwinedness' am Ars Electronica Center in Linz versucht, den Diskursverflechtungen der Netzkultur gerecht zu werden: durch medientheoretische "Lectures und Events" wird eine Textur zwischen "Content und Concept" definiert, die in mehrere Richtungen lesbar sein soll. Der Cyberspace wird dabei als sozialer Zusatzraum decodiert, als ein soziales Milieu der Techno-Community-Bildung, mit der die Erfindung von Kultur aktuell stattfindet. Es war nur konsequent, DJ Culture und ihre Verfahren von Sampling, Non-Copyright und Audiac Erfahrungssteigerung hier einzubeziehen, denn das sind die kreativen Ansätze in einer transdisziplinären Interpretation medialer Lebensrealitäten. Eines der radikalsten Beispiele zur Grenzüberschreitung zwischen bildender Kunst, Medientheorie und urbaner DJ Jugendkultur liefert Paul D. Miller aus New York, a.k.a. DJ Spooky 'that Subliminal Kid'.

DJ Spooky gilt wohl in erster Linie als einer der weltbesten DJs, schreibt aber auch Sach- und SF-Bücher und ist als Performancekünstler unterwegs. Ausgebildet in Philosophie und französischer Literatur, sieht er DJ-ing als "Recombining of Musical Patterns" und seine Musik als eine narrative Strategie, als Mischung aus Ambient, Hip Hop und allem, was ihm so einfällt. Seine Songs klingen schmutzig, chaotisch und abwechslungsreich, aber leicht will er es seinen Hörern keineswegs machen, denen er Einblick in sein Verständnis von Musik, Medien, Globalisierung und Kulturtechniken bietet. Dieses Interview fand nach seiner Performance am AEC (21. April) statt.

Boom, there it is. Sound and signification. Sound as social text. Sound as bearer of social memory. Who's there? (Dj Spooky: Dark Carnival)

?: Du zeigst, daß verschiedene Platten aus verschiedenen Dekaden immer wieder denselben Drumbeat verwenden, und DJing ist für dich eine Art Mustererkennung und Rekombination von Entwicklungslinien, die sich durch die Musikgeschichte ziehen. Andererseits sagst du aber, du verwendest jeden Musikstil und mixt wild und chaotisch durcheinander. Willst du mit deiner Musik diese Entwicklungslinien aufzeigen und zusammenbringen oder machst du etwas vollkommen Neues?

DJ Spooky: Mein Stil ist die Migration zwischen verschiedenen Einflüssen. Heraus kommt dieser seltsame, schwierig einzuordnende, chaotische Sound, den ich so mag. Die meisten DJs arbeiten sehr sauber, das ist okay, aber nicht meine Sache. Ich will mit meiner Art von DJing, das sich zusammensetzt aus unzähligen Cut-Ups und Scratches, versuchen, kulturelle Barrieren zu überwinden. In den USA zum Beispiel sind die Rassenbarrieren nach wie vor sehr groß, in Europa, vermute ich, ebenfalls. Zum dialogischen Geben und Nehmen, zum Austausch, findet man am leichtesten durch die Vermischung. Die Generation von Afro-Amerikanern, zu der ich gehöre, beginnt langsam diese Barrieren der Verbitterung zu überwinden. Nimm Puff Daddy, den ich sehr schätze. In diesem Bereich existiert keine integrativere Figur als er, weil er so viele verschiedene Musikstile verwendet. Er sampelt Led Zeppelin, Reggae, was immer. Sowohl im ökonomischen als auch im psychosozialen Bereich beginnt sich langsam ein Sinn für Gleichheit im Sinne eines Nebeneinander auszubilden. Früher konnte Elvis in ein Blues-Pub gehen, sich anhören, was dort abläuft, und das Zeug einfach stehlen und unter seinem Namen verkaufen - und die gegenwärtige Entwicklung wirkt dem entgegen.

?: In deinem Buch "Flood My Blood the DJ Said" geht es um intellektuellen Besitz und Copyright, ein heikles Thema im Zeitalter digitaler Medien. Wie gehst du als DJ, der "quer durch den Gemüsegarten sampelt", mit diesem Thema um?

!: Der Unterschied liegt zwischen Aneignung (appropriation) und Zitat (quotation). Zitat bedeutet zu sagen: "Mir gefällt dieses Stück von diesem Musiker, deshalb verwende ich es." Das ist eine Hommage an den betreffenden Künstler. Aneignung bedeutet, den Namen des anderen grundsätzlich auszuradieren. Das will ich auf keinen Fall. Die Popkultur ist insgesamt multikultureller geworden. Puff Daddy ist das perfekte Beispiel für diese subkulturübergreifenden Entwicklungen: Seine CDs verkaufen sich in Amerika, Europa, Japan...wo immer. Beim Sampling will ich ganz bewußt Zitate verwenden, und daraus etwas formen. Andererseits muß ich aber dazu sagen, daß jeder meine Sounds sampeln darf, der Lust dazu hat - ich werde natürlich niemanden verklagen.
Für mich ist Musik immer eine Metapher, und ich versuche, diese bestehenden Metaphern zu rekontextualisieren. Diese Rekontextualisierung macht den Sciene-Fiction-Aspekt meiner Musik aus.
Eine konsistente Erzählung ist nicht länger möglich, möglich ist nurmehr die Performanz, das Spiel mit der "binären Dissonanz" zwischen Original und Kopie, zwischen Künstler und Publikum. Der Künstler nimmt dabei Züge eines Magiers an, dessen Fertigkeiten das Publikum zu verzaubern vermögen. Er ist aber auch Storyteller, afrikanischer Griot, der sein Publikum nicht mit einem Meisterdiskurs, sondern mit tradierten Erzählmustern in den Bann zieht, die gleichwohl Aktuelles verarbeiten. DjSpooky arbeitet nicht nur mit Soundpatterns, sondern auch mit visuellem Sampling. Während seiner Performance tritt das Publikum in telekinetischen Kontakt mit seiner unmittelbaren Geschichte, mit den Bildklischees und medialen Stereotypien des zwanzigsten Jahrhunderts, mit seinem Mediengedächtnis.
One World, Global Village, etc. - die Konzepte mögen täuschen, aber die mediale Entwicklung zeigt einen Drift in Richtung einer Vereinheitlichung der Lebenswelt. "Sound" wird zu einer Kategorie, welche die menschliche Grundbefindlichkeit ebenso bestimmt wie die uns gemeinsame "Logik" - allerdings ohne von den Philosophen der Moderne je bemerkt worden zu sein.

?: Die Idee, daß es in der Musik tieferliegende mathematische, zumindest immer wiederkehrende, Strukturen gibt, die aufgezeigt werden können, hat Dich lange Zeit fasziniert. Beschäftigst du dich noch mit dem universellen musikalischen Code?

!: Ja, natürlich. Musik ist einfach per se eine universelle kulturelle Sprache, und das gibt dir als Musiker großartige Möglichkeiten in die Hand. Musik steht niemals für sich allein. Jedes Stück vereint so viele Einflüsse in sich, und ist damit wieder eine Art Zitatensammlung. Im luftleeren Raum passiert gar nichts: Beim DJing wird genau das externalisiert und bewußt gemacht. Wenn du Musik machst, befindest du dich nie in einem Vakuum, sondern in einem Geflecht von Einflüssen.

?: Du bezeichnest Dich in erster Linie als Autor, und nur nebenher als DJ. Wo liegen die Unterschiede?

!: Nirgendwo, es gibt gar keine. DJing ist Schreiben und umgekehrt. Der einzige Unterschied liegt vielleicht in den historisch gewachsenen Arten des Zugangs: Lesen erfordert mehr Aufwand, du mußt lesen können, ein Buch nehmen, dich damit beschäftigen - aber das betrifft nicht die Sache selbst, sondern nur den Zugang. Wir haben mehrere Kulturtechniken nebeneinander, Lesen, Musik, Fernsehen...man muß dazwischen hin- und herschalten, statt sich auf eines zu beschränken. Ich weiß, das klingt recht idealistisch. Ich beschäftige mich sehr viel mit Popkultur, und es gibt da ein Phänomen, das ich "Cultural Inertion" nenne: Die Leute sind so gefangen in ihren Mediennutzungsgewohnheiten, daß Neuerungen eine lange Zeit brauchen, bis sie sich durchsetzen.
Was die philosophische oder theoretische Komponente in meiner Musik angeht, ist mir klar, daß sich der Jugendliche von der Straße, der zwei Turntables bedient, wahrscheinlich nicht für Derridas Auffassung von Dekonstruktion interessiert - aber der Zugang ist da, eben über die Musik.
Live klingt das, was DjSpooky auf CD erscheinen läßt. Und widerspruchsvoll. Ambient Sound erhält eine neue Bedeutung, als akustische Skulptur des zwanzigsten Jahrhunderts. Diesen Widerspruch nennt er eben nicht mehr "Ambient", sondern "Illbient" - irgendwo immer noch der Ruhe und Gefaßtheit des "Am" verpflichtet, wird seine Musik plötzlich schwer verdauchlich, eben "madly cut up" - das "Ill" tendiert so nicht zur Perversion einer Idee, sondern zu ihrer Erweiterung, belegt durch die vielen Epigonen dieses Stils, dessen Vorreiter und Namesgeber DJ Spooky war.
Wenn er live auftritt, wie in dieser Lecture/Performance, dann fährt der Groove wie ein Güterzug über die Nerven der Anwesenden, während der 'Sprechakt' des performativen Soundmixes die Grenzen intellektueller Credibility (die in seinen Texten durchaus eingefordert wird) transformiert. Er nennt es auch Jazz, wenn er in seinen "Objektilen" und Texten zu "Found Sounds" soziale Evolution, Rekombination und Repetition im elektronischen Milieu des Cyberspace reflektiert. Jazz aber ist mehr als der Musikstil einer Epoche, Jazz steht mehr für den Zugang zu und den Umgang mit einer kulturellen Tradition. DjSpooky zitiert Haydn, Schubert, oder Beethoven, wenn er diese kulturelle Kreativität anspricht, aus der eine Musik lebt. Aber er arbeitet nicht mit diesem klassischen Material, wohl aber mit dem der afro-amerikanischen Avantgarde. Man hört aber auch Hitchcock, McLuhan, und Versatzstücke aus Medienproduktionen, sowie die in der DJ-Kultur der letzten zehn Jahre obligat gewordenen Samples aus B-Movies.

?: Du versuchst, verschiedene Stile zu verbinden. Jugend- oder Subkultur hat in den letzten Jahrzehnten allerdings eine beispiellose Diversifikation erlebt. Siehst du in dieser Vielfalt kreatives und innovatives Potential?

!: Das ist unglaublich wichtig, weil es erst verschiedene "Psychologien" ermöglicht. Wenn man immer nur am selben Standpunkt bleibt, in derselben Subkultur, bleibt man damit auch immer am gleichen geistigen Status kleben. Ich denke wirklich, daß ein großer Teil der Musik aus den 20er, 30er Jahren vollkommen wahnsinnig und wild, chaotisch und experimentell war. Aber wenn Du jemand aus dieser Zeit in einen Club der 90er bringst, würde er das, was er dort hört, wahrscheinlich nicht einmal für Musik halten, sondern für das totale Chaos - so ändern sich eben auch die Hörgewohnheiten. Die Generation, die mit Medien wie Fernsehen oder inzwischen Internet aufgewachsen ist, kriegt bessere Voraussetzungen mit und einen offeneren Blick für verschiedene Kulturen als jede Generation vorher. Aber dann gibt's auf der anderen Seite die Firmenkultur: Überall auf der Erde haben Kids, die Nikes oder Reeboks tragen, mehr gemeinsam, als wenn sie die gleiche Musik hören - eine völlig sinnlose Art der Globalisierung - ich bin da Idealist und hätte lieber, daß sich die Kids verschiedene Arten von Musik anhören und darüber Gemeinsamkeiten finden.

?: Du beschäftigst mich mit Philosophie und Musik. Was kommt zuerst, und wie sieht dieses Verhältnis aus?

!: Musik ist Theorie, Theorie ist Musik. Wenn du ein guter Autor bist, wirst du zum Musiker. Schreiben ist Musik, anders kann ich das nicht erklären. Nimm Nietzsche her: Er war ein so brillanter Autor, daß seine Texte schon fast zu Musik geworden sind. Bei großen Poeten fühlt man die Musik in ihren Texten. Musik ist keine nicht-narrative Technik, aber die Mitteilung funktioniert hier vollkommen anders.

?: In deiner Musik arbeitest du sehr viel mit Zitaten. Versteht man deine Sachen, ohne all die Alben zu kennen, die du dazu verwendest?

!: Wenn man sagt, jemand ist belesen, so bedeutet das doch, er hat eine Menge Bücher gelesen, kann sie referenzieren und in einen konzeptuellen Rahmen einordnen. Man hat einen Überblick. Bei Musik gibt es auch so etwas wie "Belesenheit": Je mehr du gehört hast, desto besser kannst du Querverweise herstellen und Zitate erkennen. Um sich in einem von beiden zu spezialisieren, braucht es Monate, Jahre, in denen man liest oder Musik hört. Der Unterschied ist aber, daß Menschen zu Musik einen viel leichteren, weil emotionalen Zugang haben. Wenn dir ein Buch nicht gefällt, legst du es nach ein paar Seiten weg.

Von Problemen mit dem Interface

Eben alles eine Frage des Blickwinkels - und im nachhinein vergisst man allzu leicht, dass jedes Interface erst erlernt werden muss... [via Frank]

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Vom Verschwinden der Schriftkultur

Frank Hartmann führte für telepolis ein Interview mit Mihai Nadin über die Fortschreibung der Buchkultur unter veränderten Bedingungen. Der Semiotiker und Systemforscher wurde 1938 in Rumänien geboren und lehrt inzwischen an der Universität Texas, wo er das Institute for Research in Anticipatory Systems leitet.

Mihai Nadins fünfbändiges Werk Jenseits der Schriftkultur steht auf Projekt Gutenberg zum Download bereit. Er fordert eine individualisierte Technik, die sich dem User anpasst anstatt vice versa, und sieht in der gegenwärtigen kulturellen Produktion noch immer das Paradigma des Buches als vorherrschend:

Doch weder meine Entscheidung, das [Buch] anzubieten, noch das Angebot von Google verdient die Bezeichnung "Medienrevolution". Als Publikationsmedium ist das Internet eine wichtige technische Errungenschaft. Wenn man von einer Revolution spricht, so würde das einem völlig neuen Verständnis vom Buch entsprechen, oder von jeder vorstellbaren medialen Ausdrucksform wie Musik, Tanz, Film, Theater, usw. Wenn wir von Medien als Produkten sprechen, dann bleiben wir Gefangene des industriellen Modells und seiner Marktmechanismen.

Dennoch ist die traditionelle Schrift/Buchkultur dabei, ihre hegemoniale Stellung einzubüßen:

Die Revolution aber versteckt sich hinter der Tatsache, dass das Buch weniger relevant ist als je zuvor, und dass es weiterhin an Relevanz verlieren wird. Damit ändert sich auch unser Verständnis dessen, wie und warum wir schreiben, wie wir Wissen teilen und über welche Formen wir die Dynamik wissenschaftlicher, technologischer und künstlerischer Wirklichkeiten vermitteln.

Nadin kritisiert elegant die Absurdität der gegenwärtigen Situation: ein Urheberrecht bzw. im anglo-amerikanischen Raum ein Copyrightkonzept, das aus Zeiten stammt, in denen die Medienproduktion völlig anderen Bedingungen unterlag, kann nur Probleme verursachen:

Vor allem die Autoren sind noch nicht willens, die enormen Möglichkeiten zu nutzen, die ihnen das Publizieren übers Internet bietet. Eine veraltete Gesetzeslage schützt das so genannte geistige Eigentum, doch dabei dreht sich doch alles um die Kontrolle durch all jene, die dieses Eigentum nicht geschaffen haben, sondern nur an dessen Verwertung interessiert sind. Es ist ein absurdes, Konsumations-getriebenes Marktmodell.

Im Gegensatz zu unkritischen Apologeten einer neuen Medienrevolution zeichnet sich Nadins Ansatz durch eine explizite Ablehnung technologischer Determination aus:

Technologien, egal ob digitale, nukleare, biologische, nano oder wie immer sie heißen mögen, können die Werte nicht bestimmen, die uns als Individuen oder als Gemeinschaften definieren. Nicht Werte entstehen durch Technologie, sondern diese kommt als Ausdruck unseres Wertesystems zustande. Darum ist Technologie nie bestimmend - nicht einmal, wenn sie verdammt schlecht ist.

Interview auf telepolis

Über Fotografie als Übersetzungsspiel

In seinem aktuellen Essay "Produzieren und Prozessieren von Bildern" schreibt der Kulturphilosoph Frank Hartmann eine Diskussion um die Fotografie fort, die den Abbildungscharakter des Bildes nachhaltig in Frage stellt. Der Essay bewegt sich in der Tradition von Walter Benjamin und Vilém Flusser, die in ihren Schriften stets auf die Spezifika technisch generierter Bilder hinwiesen - diese seien eben gerade keine Abbilder der Wirklichkeit, sondern wirken als Resultat ihrer technischen Bedingtheit konstitutiv und schaffen je spezifische Realitäten.

Kennzeichnend scheint jedenfalls der blinde Fleck des Menschen in der Wahrnehmung seiner eigenen Maschine: erst die Möglichkeit der Manipulation (zB eine Fotomontage) weckt Misstrauen gegenüber dem stummen Zeugen - dass eine zweidimensionale Abbildung auf einem wenige Zentimter großen Fotoprint etwa keineswegs so aussieht wie ihr Motiv, bleibt häufig systematisch ausgeblendet. Anekdotisch wird auf diese Tatsache häufig hingewiesen, wenn der unbedarfte, als unkultivierte Betrachter eines Fotos fragt, ob die abgebildeten Menschen denn wirklich nur wenige Zentimeter groß seien.

Also nicht erst die algorithmisch errechneten Bilder sind demnach in die Sphäre der Alternate Worlds zu verweisen - Fotografie und noch früher die Malerei generieren je spezifische Bildwelten und enthalten Möglichkeitshorizonte, deren Auslotung Künstler und Philosophen beschäftigt. In seinem Essay zeichnet Hartmann den Statuswandel der Fotografie vom "Zeugen der Wirklichkeit" hin zu einem Techno-Bild-Generator nach und garniert diesen mit einigen hintergründigen Illustrationen:

[Die Unterscheidung zwischen fiktiven und realen Bilderbn] ...ist aber nicht immer so klar, wie das nächste Beispiel zeigt: das Bild vom "Deep Field" des Hubble Space Telescope. Zehn Tage lang hat das Weltraumteleskop einen winzigen Ausschnitt im All belichtet, einen Ausschnitt, der hart an der Grenze des Auflösungsvermögens des menschlichen Auges liegt. Und siehe da, das Bild ergab geschätzte 2000 Galaxien. Das Bild? Die 1996 veröffentlichte Fotografie war wiederum ein "processed image", eine Computermontage von 276 Einzelaufnahmen, die immerhin die Astronomen zu neuer Schätzungen angeregt hat: so heißt es nun, das Universum bestehe nicht aus 10, sondern aus 50 Milliarden Galaxien (vgl. Panek 2004).

Die Druckfassung des Beitrags erschien kürzlich im Rundbrief Fotografie [Vol. 13 (2006), No.3, S.17-20], die vollständige Version des Essays gibt's auf der Homepage des Autors (medienphilosophie.net):

Frank Hartmann: Produzieren und Prozessieren von Bildern
Zitat-URL http://www.medienphilosophie.net/texte/fotografie.html

Remix my Plagiat

Nicht nur im gemeinen Internet sammelt sich der Staub an allen Ecken und Enden, nein, sogar die wissenschaftliche Textproduktion präsentiert sich - wohl nicht erst neuerdings - durchsetzt mit Verunreinigungen. Tja, Copy+Paste verleitet die StudentInnen zum Bösen: abschnittsweise frech kopierte Diplomarbeiten werden da eingereicht.

Unter dem Titel Pimp my text beschäftigt sich Frank Hartmann auf telepolis mit der Frage, was das gehäufte Auftreten dokumentierter Plagiatsfälle eigentlich für den Wissenschaftsbetrieb bedeutet. Der Autor fordert, ich plagiieren, Verzeihung, zitiere:

Zudem muss die kommunikative Struktur radikal hinterfragt werden, die in den meisten universitären Settings besteht. Sie läuft fast nurmehr über eingereichte (oder in einem Plenum vorgelesene) Texte. Ein sauberer Text mit korrekter Zitation zählt mehr als ein gutes Argument und eine fundierte, reflektierte Meinung. Vielleicht würde es ja helfen, wenn akademische Lehrer mit den Studierenden mehr diskutieren und debattieren würden, als auf sturer Textproduktion zu beharren.

Bequemer scheint's auf den ersten Blick allemal, sich auf die althergebrachten, eingespielten Muster der Textproduktion zu verlassen. Wenn also im Kontext veränderter Recherche- und Produktionsbedingungen die Frage nach den Grenzen zwischen Zitat, Ideenübernahme und Plagiat neu thematisiert werdem muss, dann erfordert das allerdings wohl etwas mehr geistige Flexibilität, als die von vielen Seiten geforderte Installation von "schärferen Kontrollen". Ein Schelm gar, wer denkt, dass die ohnehin knappen Uni-Budgets nicht für System verschleudert werden sollten, die dazu führen, dass in Zukunft halt nicht mehr direkt kopiert, sondern eben leicht umgeschrieben wird.