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Banksy-Originale zu Schleuderpreisen: Kunst und Kontext

“An artist’s residency on the streets of New York” nennt Banksy seine aktuelle Aktion, in deren Verlauf er jeden Tag ein Kunstwerk auf den Straßen des Big Apple präsentiert. Ein Audioguide, zugänglich unter einer Gratis-Nummer, die neben den Graffitis zu finden ist, liefert herrlich skurril aufbereitete Zusatzinfos, in denen der Meister ständig als [bänsk:ei] bezeichnet wird. Alle Aktionen dokumentiert täglich der “Ausstellungskatalog” unter banksyny.com.

Der britische Meister-Ikonograph beherrscht nicht nur sein Handwerkszeug in Perfektion, sondern hat sich in den vergangenen Jahren als wahres Diskurs-Hacking-Genie etabliert. Seine Statements zum Kunstwerk gipfelten 2010 in der grandiosen Mockumentary Exit through the Gift Shop, einer rasanten Achterbahnfahrt durch die Welt der Street Art und ihre komplizierte Beziehung zum Kunstmarkt.

Genau die ist mittlerweile recht gefestigt: wer das Glück hat, einen Banksy auf der eigenen Wand vorzufinden, kann schon mal die Maurer rufen, denn solche “Originale” erzielen bei Kunstauktionen mittlerweile Millionenpreise. Eine Tatsache, die anlässlich der aktuellen NY-Residency bereits Steve Colbert aufgegriffen hat:


Am 13. Oktober bot Banksy eine ganze Reihe von signierten Original-Arbeiten zum Verkauf an – und zwar an einem der vielen Touristenfallen-Stände im Central Park. Der Künstler, der seine Idenität seit Jahren erfolgreich geheim hält, verkaufte die Bilder nicht selbst, sondern überließ einem entspannten älteren Herrn (Name der Redaktion unbekannt) Präsentation und Abwicklung. Pro Bild wollte dieser von potentiellen Käufern 60 Dollar. Bilanz am Ende des Tages: 8 der rund 30 Bilder gingen über den Ladentisch, der Rest wanderte nach Ende der eintägigen, einmaligen Aktion wieder zurück in Banksy’s Atelier.

Den 8 Käuferinnen und Käufern kann ich nur gratulieren – wie oft hat man schon die Gelegenheit, 60$ in wenigen Minuten in mehrere Millionen zu verwandeln? Was für eine poetische Aktion! Das Video “Art Sale” dokumentiert das Geschehen im Central Park:

Luca war leider auch grad nicht in NY *g*

Banksy: One Nation under CCTV

Direkt neben einer Überwachungskamera und nur durch ein selbst errichtetes Baugerüst geschützt gelangt dem Londoner Sprayer Banksy am Wochenende sein bislang wagemutigster Coup.

Mit Banksy does it again betitelte katize den neuesten Streich des derzeit heißesten Graffiti-Künstlers der britischen Insel: unbeeindruckt von der direkt nebenan montierten Überwachungskamera gelang es dem Sprayer, mitten in der lückenlos durch Überwachungskameras erfassten Innenstadt ein riesige Graffiti anzubringen: ein (gesprayter) Junge mit Leiter mal “One Nation under CCTV” an die Hauswand, während er von einem (natürlich ebenfalls gemalten) Cop samt Polizeihund fotografiert wird.

Drei Stockwerke hoch war das Baugerüst, anscheinend geschah die eigentliche Spray-Action mitten in der Nacht [Fotos von Dailymail.co.uk]:


Banksy latest artwork

Weitere Artworks meines aktuellen Lieblings-Künstlers gibt’s auf dessen Homepage. Wie kein Werbetexter dieser Welt versteht’s Banksy, seine subversiven Kommentare zur üblen Weltlage so unglaublich punktuell zu verdichten… und sein Talent, bestehende Location-Elemente in seine Graffitis einzubinden, ist ohnehin einzigartig. Keep up the great work, buddy!

Blogistan Panoptikum Woche 32 2k7

Diese Woche steht ganz im Zeichen der Unterhaltung: Lust auf lauteren iPod-Sound? Wie wär’s mit einer stylish bedruckten Boombox aus Karton zum Selberfalten, inklusive Batterien und Lautsprecher? [via Kultik.de] Keine Lust auf Sound, dafür aber auf Aggresionsaufbau? Dann wär vielleicht eine Partie Roboborg das richtige! [via Basicthinking]

Malen mit Laser…

…macht eindeutig mehr Spaß als Malen nach Zahlen. Florian Hufskys und Michael Zeltners Lasergraffiti-Projekt feierte am 27. Juni Premiere vor dem Museumsquartier, die ich leider verpasst habe – die in kürzester Zeit handgestrickte Software, ein “Remix” von Laser Tag gibt’s zum freien Download, an Hardware werden ein lichtstarker Projektor, eine Firewire Camera, ein Steuerrechner und natürlich ein Laser als “Zeichenstift” benötigt. Das sieht immens flashig aus, die nächste Performance werde ich mir auf jeden Fall vor Ort anschauen:

YouTube Preview Image

 

Pligg steht zum Verkauf

Wer a) Lust hat, viele eigene Social News Plattformen zu betreiben und b) etwas Kleingeld übrig, der hat derzeit die Möglichkeit, ein Gebot für das gesamte Pligg-Projekt abzugeben [via Wortgefecht]. Das Open Source CMS wird von Seiten wie Blogperlen, Blogg-Buzz und vielen anderen verwendet. Die Entwickler haben keine Zeit mehr, ihr Projekt weiter zu betreuen:

Pligg is an open source content management system. It is used by sites such as Sk-rt.com, Indianpad.com, realestatevoices.com, plantchange.com, agentb.com and videosift.com. The Pligg forums have over 10,000 registered members and 36,000 posts. This sale includes the pligg.com domain along with all web content created for the site including graphic design work, blog and forum administrator accounts, rights to the Sourceforge.net account. All files will be digitally transfered to you and it will be expected that you will provide your own hosting solution.

Das Mindestgebot liegt bei 25.000 Dollar – Sedo zeigt die Höhe der bislang eingegangenen Gebote allerdings nicht an, sodass über den derzeitigen Stand der Versteigerung nur spekuliert werden kann. Hier geht’s zur Versteigerung.

 

Mister Wong veranstaltet Logowettbewerb

Der lächelnde Asiate stieß vor allen in den USA auf wenig Gegenliebe, worauf die erfolgreiche Social Bookmarking Plattform Mister Wong kurzfristig ihr Maskottchen entließ. Der Nachfolger wird via Contest ermittelt, es winkt ein Preisgeld von insgesamt 12.000 US-Dollar; das reicht zwar nicht ganz, um Pligg zu kaufen (siehe oben), wird aber eine Menge Grafiker motivieren – mehr Informationen über die Jury gibt’s im Wong Blog bzw. auf der Contest-Seite:

Wir veranstalten einen internationalen (Crowdsourcing) Contest und begeben uns damit auf die Suche nach einem neuen Logo!
Auf allen unseren internationalen Portalen rufen wir ab sofort (und bis 08.09.07) weltweit Designer und Pixelkünstler auf, ein neues Logo und ein Favicon für Mister Wong zu entwerfen.
Insgesamt gibt es 12.000 US-Dollar zu gewinnen.

 

In eigener Sache

“When it rains, it pours”, wie schon Tupac mal ganz korrekt festgestellt hat. Nicht nur, dass sich datenschmutz seit der letzten Ausgabe auf Platz 89 der dbs debuttiert, vor drei Tagen wurde das ds Blog bei Stereopoly als Seite der Woche vorgestellt:

Einen bunten Blumenstrauß der Themen bietet Datenschmutz.net. So berichtet die Seite über Internet, Musik und Web 2.0 gleichermaßen und trumpft im Bereich Musik gleich zweimal.

Vielen, vielen Dank – sowas motiviert mich natürlich schon sehr! In diesem Sinne – einen schöne letzte Sonntagsminuten und einen angenehmen Start in die nächste Woche!

Film-Review: Wholetrain

wholetrain“Wholetrain” inszeniert den rasanten, adrenalinschwangeren Alltag der Graffitiszene als fesselndes Kinodrama mit hohem Realitätsbezug. Florian Gaag gelang es in seinem Spielfilm-Debut, die Atmosphäre einer Underground-Szene glaubwürdig einzufangen. Verzicht auf Mystifikation, ein fantastischer Soundtrack und die geschickt montierten Low-Tech Kamerabilder überzeugt auch die Jurys zahlreicher Filmpreise. (erschienen im Ray Kinomagazin, Juni 2006)

Regie: Florian Gaag Kamera: Christian Rein Drehbuch: Florian Gaag Schnitt: Karl Schröter Darsteller: Mike Adler (David), Florian Renner (Tino), Elyas M’Barek (Elias), Jacob Matschen7 (Achim), Karina Fallenstein (Maria), Kristina Karst (Dina) u.a. Musik: Florian Gaag Graffiti: David “Cemnoz” Kamerer, Alexej “Neon” Tursan, Markus “Won” Müller u.a. Produktion: Christoph Müller / Goldkind Film
www.wholetrain.com

Als “Whole Train”, also “ganzen Zug” bezeichnen Graffiti-Artists ihre respekt-technisch höchst dotierten Werke: gemeint ist damit das Besprayen einer kompletten Zuggarnitur vom ersten bis zum letzten Wagon. Da meist weder öffentliche Verkehrsbetriebe noch Betonflächerbesitzer diesem unbestellten optischen Tuning etwas abgewinnen können, spielt sich die Kunst der Sprayer stets im Graubereich zur Gesetzesübertretung ab und endet nach allfälliger Polizeiintervention in der Regel mit hohen Strafen wegen Sachbeschädigung.

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Doch Florian Gaags Protagonisten, die KSB-Crew, ist bereit, für die Präsenz ihrer kunstvollen Designs im öffentlichen Raum alles zu riskieren. Als neben dem Dauerfeind Polizei auch noch eine zweite Crew auftaucht, ein Wettstreit unabdingbar wird und private Probleme den vier Freunden zusätzlich zu schaffen machen, verengen sich die Freiräume zusehends. Doch der wahre Graffiti-Künstler wächst an seiner Herausforderung, und so beschließen KSB, einen Wholetrain durch die Stadt zu schicken.

Außerhalb des Hip Hop Kosmos rutschte Graffiti bislang selten in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit: dort ein Zeitungsbericht über verurteilte Sprayer, da ein kunsttheoretischer Aufsatz von Jean Baudrillard. Dieses Universum der Eroberung urbaner Räume in den Mittelpunkt eines Dramas zu rücken, erlaubt Florian Gaag, Graffiti differenzierter zu analysieren, als dies aus der Distanz des Dokumentarfilmers je möglich wäre. Dass der Regisseur selbst mehrere Jahre zur Münchner Graffiti Szene gehörte, spiegelt sich in der Authentizität der Codes und Dialoge unverkennbar wieder. Vom beklemmenden Intro im Gerichtssaal bis zu den furios mit Low-Tech Mitteln inszenierten Graffiti-Streifzügen der Protagonisten bedient sich der Film einer dynamischen, fließenden Formensprache, die Handkamera-Einstellungen, Tiefenschärfe und natürliche Beleuchtung nutzt, um die Zuseher mitten ins Geschehen zu holen.

Multitalent Gaag, der an der Tisch School of the Arts in New York Film studierte, zeichnet nicht bloß für Drehbuch und Regie verantwortlich, er produzierte auch den Soundtrack zu seinem Spielfilm-Erstlingswerk. Seine Beats sind ebenso am Punkt wie seine Dialoge, als furiose Reimgaranten holte er unter anderem KRS-One, Freddie Foxxx und Afu-Ra ins Studio. Für die im Film gezeigten Pieces (Graffiti-Bilder) engagierte Gaag einige der besten Sprayer Deutschland. Kein Wunder, dass “Wholetrain” bei so hochqualitativen Ingredienzien einen Cocktail ergibt, der internationalen Filmjurys ausgesprochen gut mundete.

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