Michael Jackson verstarb in der vergangenen Nacht in seinem Haus in Los Angeles. Im Alter von 50 Jahren erlag der "King of Pop", so die offizielle Todesursache, einem plötzlichen Herzstillstand. Knapp einen Monat vor der geplanten Comeback-Konzertserie, die am 13. Juli in London hätte beginnen sollen, endet damit eine der schillerndsten, widersprüchlichsten und radikalsten Pop-Karrieren des vergangenen Jahrhunderts.
Viele Medien berichteten von einer langjährigen Abhängigkeit von Schmerzmitteln, bereits die letzten Fernsehauftritte hatten vermuten lassen, dass es um die Gesundheit Jacksons nicht zum besten stand. Jacksons früherer Assistent Michael Levine fand deutliche Worte für ein Unbehagen, das selbst ultimativer Erfolg nicht stillen konnte:
Jackson sei "seit Jahren auf einer unglaublich schwierigen und oft selbstzerstörerischen Reise" gewesen. Sein Talent sei "zweifellos ebenso groß gewesen wie sein Unbehagen mit den Normen dieser Welt". Niemand könne "dieses Niveau von dauerhaftem Stress ertragen".
Quincy Jones, der "Thriller", das erfolgreichste Album des 20. Jahrhunderts, produzierte, sieht in Jackson den perfekten Entertainer, Madonna konnte nicht mehr aufhören zu heulen und sogar Rapper die LL Cool J bezeichnen Jacko als einen ihrer wichtigsten Einflüsse. Ein Gesamtkunstwerk, dessen Ecken und Kanten immer deutlicher hervortraten, je mehr Schönheits-OPs die Konturen seines Gesichts bis zur androgynen Kindlichkeit reduzierten. Ein mindestens zwiespältiges Verhältnis zu Minderjährigen, Misshandlungen durch den Übervater-Manger in der eigenen Kindheit, "unmögliche" Moonwalk-Moves mit Haken an den Schuhen und Ösen im Boden, Desorientiertheit bis hin zur sozialen Regression: die Grenzen zwischen Realität und Kunstfigur verschwommen nicht bloß in den pompösen Videoclips jenes Mannes, der mit seiner Musik Millionen verzaubern, sich selbst aber nie so richtig heimisch fühlen konnte.
Neben der Selbst-Inthronation (King Brit, The Kings, King Fisher, Kaiser Chiefs) kennt die Popwelt nur einen gültigen Weg zu Adelsehren, und der läuft über den Verkauf. Die Beatles schlägt der weißeste schwarze aller Zeiten in Gesamtabsatzzahlen zwar bei weitem nicht, doch wie Stefan Niederwieser im gap so treffend schreibt, wurde Jacko zum Symbol einer Generation:
Kein Album hat sich so oft verkauft wie "Thriller". Keine Musik des 20. Jahrhunderts wird dementsprechend so universell geschätzt, wie die Musik von Michael Jackson. Denn es gibt Musik, die in den USA ähnlich erfolgreich war, aber quer über den restlichen Erdball ist Michael Jackson der großartigste gemeinsame Nenner zwischen den Kulturen und so etwas wie eine allgemein verständliche Chiffre US-amerikanischer Kultur.
Doch zum Symbol wofür eigentlich? Jeglicher kunstästhetische Blick zeigt vor allem die erratische Suche nach eigener Identität, das Pendeln zwischen den Polen Funksoul, Rock und Kostümzirkus. MJ konnte niemals in erster Linie als Person existieren, dazu fehlten ihm als pop-kulturelle Identifikationsfigur schlichtweg jegliche ideologischen Inhalte. Und selbst in den letzten Woche wohnte seinen mit zittriger Stimme an die "Fans" gemachten Versprechen eine Absurdität inne, die ihnen umso mehr Gravität verlieht: denn diese "Jacko Nation", diese beispiellose Anbetung durch Millionen Musikfans weltweit hatte nur einen gemeinsamen Nenner, und zwar Jackson als Kunstfigur, als Tänzer, vor allem aber Sänger.
Man könnte behaupten, MJ habe die bis dato unmögliche Quadratur des Kreises in die Musikwirtschaft eingebracht und als einer der ersten Pop-Könige die Form rückstandslos vom Inhalt abgelöst. Die konsequente Verlagerung jeder Aussage-Ebene auf die Projektionsoberfläche (und in der Tat wurde MJs Gesicht im Lauf der Jahre immer Leinwand-weißer) des eigenen Körpers machte den King of Pop zum idealen "Partner in Crime" einer Musikindustrie, die sich im Zeitalter des nachlassenden One-Hit-Wonder Prinzips neue Erschließungsquellen überlegen musste.
Dass Jackos Vater die Jacksons Five als Königs- und Spielmacher, als gnadenloser
Kinderschinder, wie es immer hieß, in frühen Tagen installierte, war gewiss
wegweisend. Ob die Spinnereien des gekrönten Königs, seine schönheitsoperativen Obsessionen einer selbstzerstörerischen Überlebens-Unfähigkeit oder einem genialen Umgang mit der langjährigen Wieder-Inszenierung des eigenen Mythos zu tun haben, kann niemand wissen. Hier endet die "Informierungsfunktion" der Medien, oder besser gesagt: hier räumt sie willig das Feld der Imagination für jede Form der Mythenbildung.
Die konsequente Fortsetzung des Aufpumpens einer überlebensgroßen Identifikationsfigur musste früher oder später scheitern, war in jedem Augenblick der permanenten Gefahr der Lächerlichkeit ausgesetzt. Michael Jackson tat in den letzten alles, um den eigenen Mythos nachhaltig zu demontieren, und hier zeigt sich ein allerletztes Mal die überlebensgroße Magie des Mythos: rein ökonomische Motive hätten einen gesundheitlich ohnehin schwer angeschlagenen Jackson dazu bewogen, mit einer groß angelegten Konzertserie (mit Tonträgerverkauf ist mittlerweile wirklich kein Staat mehr zu machen) den eigenen Schuldenberg zu tilgen: Häme und Spott allenthalben.
Im Alter von 12 bis 13 Jahren war ich überzeugter MJ-Fan, ja sogar "Moonwalker", das floppige Doku aus Michaels Welt, hab ich mich im Kino angeschaut (und furchtbar gefunden). Und trotz aller Cheesyness, die man braucht, um King of Pop zu werden: Songs wie "Beat it", "Bad" oder "Billie Jean" stellten für mich ebenso wie für viele andere Neo-Teilnehmer am Popkulturspiel die ersten ernsthaften Berührungspunkte mit Black Music dar. Trotz aller der Vorbehalte treten die Absurditäten leise in den Hintergrund, wenn die Lautsprecher den fantastischen Beat von "Billie Jean", "Bad" oder "Thriller" durch den Raum pumpen. Danke, Michael. Dafür werden wir Dich immer lieben.