Willkommen zur besinnlichen Rückschau auf sieben Tagen Social Media, Blogging und Twitter-Wahnsinn! Nachdem nun hoffentlich jede/r den gewünschten Facebook-Namen hat (heute begann die Grabbing-Phase für Pages über 100 und unter 2.000 Fans, die bisher keine Short-URL haben durften), können wir beruhigt zum üblichen Programm übergehen. Vorher allerdings noch eine mysteriöse Ankündigung: ab nächster Woche wird's an dieser Stelle ernst: denn zukünftig entsteht das Panoptikum im Duo - vorstellen werde ich meine Partnerin in Crime in der nächsten Ausgabe, natürlich darf gerne spekuliert werden.
Jede Menge Diskussion gab's in der letzten Woche um die Zukunft von Facebook. Der Regular Geek sieht in der Profilsuche und der neuen Multi-Query-API zwei durchwegs taugliche Strategien gegen den Closed Garden:
There is a very strong feeling from developers that a closed system like Facebook cannot succeed. While I tend to agree that a completely closed system will have difficulties, Facebook has slowly opened up little by little to a decently open system. They still have some work to do before they become as open as Twitter, but the foundation has been started.
Noch einen Schritt weiter geht der Copyblogger, wenn er schreibt "How Facebook kills SEO":
But the rise of Facebook creates a growing segment of the web that’s completely invisible to search engines - most of which, Facebook blocks - and can be seen only by logged-in Facebook users. So as Facebook becomes ever larger, and keeps more users inside its walled garden, your web site will need to appear in Facebook’s feeds and searches or you will miss out on an important source of web traffic.
Und ReadWriteWeb stellt die spannende Frage, ob Facebook in einigen Jahren noch relevant sein wird. Vor allem Szenario 4, "Distributed Social Networking", erscheint mir als sehr zukunftsträchtig:
The next step after Facebook may be no social network in particular at all - it may be social networking as a protocol. A set of standards that let you message, share with and travel to any social network you choose. Suddenly all the social networks have to improve because they are competing on quality of service, over customers that have free will and are able to leave at any time.
Seit vielen Jahrzehnten ist Bloggen tot (zumindest liest man das immer wieder), aber nun taucht mit Lifestreaming ein Silberstreif am Horizont auf. In der Tat sind Social Feeds gern gesehener Gast in Sidebars (so auch hier), allerdings können 140 Zeichen oder ein Status-Update kein Tutorial ersetzen. Aber die Zeitbudgets verschieben sich, da hat Jeremiah Oywang definitiv recht:
It seems as if blogging is becoming old hat, or at least evolving into something smaller, faster, and more portable. I’m with Louis Gray, I’m not going to give up my blog, instead, I think of it as the hub of content, and the rest of the information I aggregate (notice the Twitter bar up top and the Friendfeed integration below). To me, joining the conversation is certainly important, but it doesn’t mean the hub (or corporate website) goes away.
Mashable lässt mit einem Softwarevergleich die Herzen von Client-Sammlern höher schlagen - vom 20-spaltigen Info-Overload Setup bis zu minimalistischen Feed-Only Readern: hier sollte jeder fündig werden:
Now that Twitter is older than a toddler, you have a variety to choose from. From apps for groups, Mac and PC specific clients, and apps that let you do a whole lot more than tweet, you can use this guide to help you find the desktop client that’s right for you.
Und wem das noch nicht reicht, der findet ebenfalls auf Mashable einen Artikel mit äußerst brauchbaren Twitter-strategischen Ratschlägen.
Auf Lifehacker habe ich ein Video von Henri gefunden, das alle Matrix-Fans und Krawattenträger freuen dürfte:
If you're a very sharp-eyed fan of Matrix movie trilogy, you'll recognize the knot captured below as a rare specimen sported by "The Merovingian." The knot itself didn't originate with the movie, and isn't rightfully named "The Merovingian Knot," but the Ediety Knot. Still, it's nearly impossible to find any reference to it independent of the movie, so let's just keep the Wachowski-an etymology for now.
Ich hab ein paar Versuche gebraucht und er ist noch immer nicht symmetrisch, ich muss aber sagen: cooler Knoten.
Es ist ein Weilchen her, dass Sacha Baron Cohen als kasachstanischer Reporter Borat s
Man's Best Friend nennt zedzap seine Schwarz-Weiß-Aufnahme vom Dogwalking... großartiger Minimalismus und höchste Zeit für einen BW-Shot nach all den HDR-Bildern

Dieser Film hat einfach alles: unglaubliche Action, rasante Verfolgungsjagden, unvorstellbar romantische Liebesszenen... im Gegensatz zum Regisseur des aktuellen Bond-Movies hat Asim Varol ganze Arbeit geleistet!
Und damit, sehr geehrte Damen und Herren, sind wir am Ende der wöchentlichen Nachrichtensendung angelangt. Bleiben Sie uns gewogen, schalten Sie nächstes Woche wieder zu, wenn es heißt: auf zum Original-Fidelen Blogistan Panoptikum! Wir lesen uns morgen.
"Wo taucht das Böse auf?" fragen sie mehr als einmal. Die realsatirischste Rap-Crew aller österreichischen Zeiten ist angetreten, um SBG (sprich: Ässsbegeh) ordentlich zu representen. Ob sie damit ihrer Heimatstadt einen Gefallen tun, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt Pete meinte, wir sollten den Clip anlässlich der Salzburgischen Olympie-Bewerbung ein wenig spreaden. Allerdings muss ich zugeben, dass mit der vollen Länge eine gewisse Mühseligkeit verbunden ist - aber keine Sorge: die erste Minute reicht.
Für unsere (nord)deutschen Gäste: Ässsbegeh ist so ziemlich das Gegenteil von abgefuckt. Als ich dort am Techno-Z unterrichtet hab, war die gängige Meinung über das lokale Nachtleben: wenn nicht gerade Festspielsaison ist, klappen die Bewohner die Gehsteige in der Innenstadt um 22 Uhr hoch. Möglicherweise haben wir vor lauter noblen Vierteln den besungenen Salzburger Dreck aber auch völlig übersehen, schließlich war ich schon einige Monate nicht mehr vor Ort. Die Ghettoisierung schreitet ja bekanntlich manchmal schneller voran, als man Ässsbegeh sagen kann.
Theoretisch besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass die fünf Meistersinger über ein ganz anderes, mir nicht bekanntes, aber ebenfalls in Österreich loziertes Salzburg rappen. Wenn nicht, dann gießt das quirlige Quintett dafür massig Wasser aus die willigen Mühlen des Kulturpessimismus: das kommt also dabei raus, wenn das Zielpublikum Sido's geniale Ironie oberhalb der Teppichkante abschneidet und den verbleibenden Bodensatz ungekonnt re-simuliert. Sagen Sie also nicht, ich hätte keine Warnung ausgesprochen:
PS: Die Ironie scheint hier ausschließlich im Auge des Betrachters zu liegen - wenn es sich bei dem Klipp allerdings um ein Kunstprojekt von Salzburger Studenten handelt, dann - fetten Respekt. Falls nicht, dann traue ich mich ab sofort nicht mehr abends allein in den Club, die Jungs könnten am Ende ja noch irgendwo auftreten. Auch lesenswert: die Kommentare zum Video auf youtube.
Im Lauf einer Online-Recherche über die guten alten Kristallschädel bin ich auf das Skeptic's Dictionary gestoßen - exzellent, ein Universitätsprofessor, der mal so richtig gründlich mit diversen esoterischen Halbwahrheiten aufräumt: das könnte spaßig werden, dachte ich mir zuerst. Ein ausgewiesener Rationalist, dessen gestählter Geist wie ein flammender Pfeil ins Herz der Leichtgläubigkeit trifft, genau das richtige für den frühen Abend. Der Eintrag über besagte südamerikanische Kristallschädel hielt dann auch weitgehend, was der Titel versprach.
Ich hätte mir dann fast das Buch bei amazon bestellt, allerdings waren eine Reihe von Kundenrezensionen so gar nicht der Meinung, dass Robert T. Carroll hier seriöse Arbeit geleistet habe. Beim Lesen des Artikels zum Thema "Akupunktur" in der Rubrik "alternative" medizine wurde mir in der Tat relativ schnell klar, dass der selbsternannte Skeptiker im wesentlichen genauso unkritisch ist wie die von ihm gegängelten Scharlatane: nur dass er eben vorbehaltlos an alles glaubt, dem gewöhnlich das Attribut "westlich" vorangestellt wird. Oder, wie's auf amazon ein Leser so schön formulierte:
Now, I agree with about 80% of the things the author is skeptical about. I mean, I don't believe in them too. However, the hair starts to go up on the back of my neck when yet another Western white guy dismisses every cultural belief that is not his.
Dem schließe ich mich gerne an - aber zur besseren Illustration zurück zu des Skeptikers Thesen über die Akupunktur. Sie werden lesen: man muss in der Tat kein ausgewiesener Freund dieser Behandlungsmethode sein, um die präsentierte Erklärung zumindest für windig zu halten.
Starke Aussage 1:
Traditional Chinese medicine is not based on knowledge of modern physiology, biochemistry, nutrition, anatomy, or any of the known mechanisms of healing. Nor is it based on knowledge of cell chemistry, blood circulation, nerve function, or the existence of hormones or other biochemical substances. There is no correlation between the meridians used in traditional Chinese medicine and the actual layout of the organs and nerves in the human body.
Mit anderen Worten: die westliche Medizin hat jedes Detail unseres "Funktionierens" geklärt und lässt keine Fragen offen. Andere Aspekte und Zugänge gibt es nicht - wer keine Ahnung hat von zellulären Vorgängen, der hat gefälligst den Mund zu halten. Dass die alten Chinesen keine Ahnung hatten von "moderner" Physiologie und Ernährungswissenschaft ist übrigens eine Tautologie im besten Sinne. Aber es wird noch viel übler:
Starke Aussage 2:
In short, most of the perceived beneficial effects of acupuncture are probably due to mood change, the placebo effect, and the regressive fallacy. Just because the pain went away after the acupuncture doesn't mean the treatment was the cause.
Probably due to? Das scheint mir nicht gerade die angemessene Formulierung zu sein für einen ausgewiesenen Skeptiker. Also da behauptet der gute Mann einerseits, dass systematische Studien über die Akupunktur noch in den Kinderschuhen stecken, dass aber andererseits das ganze sowieso nicht funktioniere.
Auch völlig schleierhaft ist mir, wie der Autor denn den Erfolg medizinischer Behandlungsmethoden generell messen möchte, wenn nicht durch subjektive Besserung des Gesundheitszustands des Patienten? Vermutlich durch "objektive Besserung", aber wie soll man die bloß feststellen? Ah ja - wenige Zeilen später kommt die aufschlussreiche Antwort:
There are difficulties that face any study of pain. Not only is pain measurement entirely subjective, but traditional acupuncturists evaluate success of treatment almost entirely subjectively, relying on their own observations and reports from patients, rather than objective laboratory tests.
Ja wo kommen wir denn da hin, wenn wir die subjektive Meinung des Patienten höher bewerten als eindeutige Laborbefunde! Schmerz lässt sich im Labor ja bekanntlich so wunderbar mittels der nach oben offenen "blackbox-Skala" messen. Kurz darauf widerspricht sich das offensichtlich sehr hastig zusammengetragene Pamphlet übrigens nachdrücklich selbst:
Nevertheless, it is possible that sticking needles into the body may have some beneficial effects. The most common claim of success by acupuncture advocates is in the area of pain control. Studies have shown that many acupuncture points are more richly supplied with nerve endings than are the surrounding skin areas.
Zur Erinnerung - wenige Absätze früher hieß es noch
There is no correlation between the meridians used in traditional Chinese medicine and the actual layout of the organs and nerves in the human body.
Damit erweist man der weltweiten Vereinigung skeptischer Denker eher eine Bärendienst, behaupte ich - und auch die Formulierung des Abschlussabsatzes lässt an Borniertheit kaum etwas zu wünschen übrig:
There have been some reports of lung and bladder punctures, some broken needles, and some allergic reactions to needles containing substances other than surgical steel.
Wie war das noch gleich mal mit dem guten alten "Totschlagargument"? Der Autor, der Kritikfähigkeit und Rationalismus fordert, spricht ganz pauschal von "some dangers". Ich glaub, ich kauf mir lieber ein seriöses Buch über TCW und spar mir die selbstgerechten und äußerst unreflektierten Ausführungen.
Borat ist endlich in den heimischen Kinos angelaufen - ich durfte den kasachischen Reporter auf Leinwandformat ja schon vor einem Monat bei der Pressevorführung erleben und war ziemlich angetan, nachzulesen im Review (siehe oben).
Im Anschluss an die Vorführung wurden an uns Journalisten Goodies ausgeteilt. Ich hab einige Borat-Buttons eingesackt, die mit ihrer Motivwahl durchaus zu bestechen wissen. Meine Laptop-Tasche ist bereits bestens versorgt ("Sexy Time!"), daher trenne ich mich schweren Herzens von den guten Stücken, auf dass die Borat-Buttones demnächst eure Kleidung zieren mögen.
Wer sich künftig mit Borat im Doppelpack schmücken möchte, um die Wartezeit bis zu Ali G's nächstem Film zu überbrücken, der kommentiere diesen Beitrag und erkläre, wo er oder sie die Buttons denn zum Einsatz bringen würde. Es gewinnen die zwei - nach rein subjektiver Meinung dieses Schreibers - originellsten Einsendungen jeweils einen Button-Doppelpack. Deadline: 30. November. Und so sehen die Preise aus:

Teilnahmebedingungen:
Die Gewinner werden via E-Mail verständigt. Die Barablöse von Gewinnen und der Rechtsweg sind ausgeschlossen. Über das Gewinnspiel kann kein Schriftverkehr geführt werden.
In der PV haben wir den Film in der englischen Originalfassung gesehen. prinzipiell bin ich ja kein Fan von deutscher Synchronisation - selbst für mich völlig fremdsprachige Filme sehe ich im Zweifelsfall lieber untertitelt als übersprochen. "Borat G" dagegen sollte man sich unbedingt im Original ansehen, zumal bereits die Übersetzung des Untertitels die Transkripteure für scheinbar unüberwindbare Schwierigkeiten stellt - denn was im Original
Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan
heißt, wurde erstaunlich inadäquat übersetzt mit
Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen
Korrigiert mich, aber Benefiz? "Kulturelle Lernung von Amerika um Nützlichkeit zu erzeugen für glorreiche Nation von Kasachstan" oder ähnliches wär doch treffender - oder steht im Original irgendwas von einer Benefizveranstaltung? Okay, das mag nur eine Kleinigkeit sein - aber wenn der Rest auch so "originalgetreu" übersetzt wurde, dann sieht's duster aus für allfällige Restbestände von Borats Wortwitz in der deutschen Version...
Nachstehendes Feature entstand für ray - das Kinomagazin. Ich war vorige Woche in der Pressevorführung, und muss sagen - bootylicious! Ein Film, der auf der vordergründigen Klamauk- ebenso gut funktioniert wie auf der hintergründigen Sarkasmusebene. Große Unterhaltungskunst eben. Bitte sehr: nächste Woche im ray, jetzt schon auf Datenschmutz.net:
Regie: Larry Charles Drehbuch: Sacha Baron Cohen, Anthony Hines, Peter Baynham, Dan Mazer, Todd Phllips Kamera: Luke Geissbuhler, Anthony Hardwick Schnitt: Craig Alpert, Peter Teschner, James Thomas Musik: Erran Baron Produktion: Sacha Baron Cohen, Monica Levinson, Dan Mazer, Jay Roach
Darsteller: Sacha Baron Cohen (Borat), Pamela Anderson (herself), Ken Davitian (Azamat Bagatov)
Verleih: 20th Century Fox
Website: http://www.borat-derfilm.de/
Der kasachische Reporter Borat, neben Ali G die wohl bekannteste Kunstfigur des britischen Komikers Sacha Baron Cohen, geht auf seine bisher weiteste Reise. Von seinem kleinen Heimatdörfchen im verschlafenen Kasachstan, wo Mensch und Vieh sich friedlich die Schlafstatt teilen, bricht der Star des staatlichen Fernsehens zu einem Abenteuer auf, das sich zu einer veritablen dramatisch-komischen Odysee entwickelt.
Der Bildungsauftrag treibt den Moderator in die USA - er soll dort Eindrücke sammeln und eine Doku drehen, aus der Kasachstan für seine zukünftige Entwicklung lernen soll. Begleitet wird er von einem Kameramann und seinem anfangs getreuen, später jedoch umso abtrünnigeren Produzenten Azamat Bagatov.
Katastrophen sind von dem Moment an vorprogrammiert, als der blauäugige Pechvogel amerikanischen Boden betritt. Zuerst noch ausschließlich interessiert an der Erfüllung seines kulturellen Auftrages, verlagert sich der Schwerpunkt von Borats Suche blitzartig, als er Videos und Fotos von Pamela Anderson zu Gesicht bekommt. Quer durch die USA führt der Trip, der schließlich im Heiratsantrag an die Baywatch-Nixe gipfeln soll. Doch bis Borat die Autogrammstunde seiner Angebeteten stören kann, muss er sich durch eine Serie selbstverschuldeter peinlicher Situationen manövrieren und moderieren - was dem selbstsicheren Kasachen zumindest in seiner eigenen Wahrnehmung stets brillant gelingt.
"Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan" - schon der Untertitel des Films lässt vermuten, dass die Geschichte des hier präsentierten semifiktiven Landes nur eine Geschichte voller Missverständnisse sein kann. Dass ein erfolgreiche Fernsehfigur zum Proponenten eines Spielfilms mutiert, ist per se nichts neues - doch während andere Spaß-TV Formate ihren Funfaktor aus grotesker Übersteigerung oder gezieltem Durchbrechen von Lifestylekonventionen beziehen, klopft Ali G. dort an, wo es wirklich schmerzhaft wird: genau, gekonnt und analytisch-präzise sondiert der Brite kulturelle Konventionen und Verbindlichkeiten des Alltags, um sie dann genüsslich zu sezieren. Die Maske des naiven Borat steht ihm für diese Aufgabe perfekt zu Gesicht: Denn der vorgebliche Kasache präsentiert jede noch so hart jenseits der Grenze der Unerträglichkeit liegende Peinlichkeit mit einem nachhaltig um Verzeihung bittenden Gesichtsausdruck, der deutlich zu sagen scheint: "Ich bemühe mich ja, aber ich verstehe einfach nicht, warum ihr alle so konsterniert reagiert!"
In den besten Passagen des Filmes verweigert sich Borat dem genussvollen Verweilen an der Oberfläche der Harmlosigkeiten. Wenn Ali G. seine perfekt einstudierte Naivität im nahezu sokratischen Sinne einsetzt, dann fungiert die Position des "unmöglichen" Außenseiters als überdeutliche Projektionsfläche für die Neurosen der Gesellschaft. Wenn Ali G. etwa vor einem Sportmatch die amerikanische Nationalhymne schamlos umtextet und anschließend eine kriegstreiberische Rede hält, in der er sich bei der versammelten Menge für das harte Durchgreifen der USA bedankt, dann wird der zuerst frenetische Applaus der Menge immer leiser, der Gedanke "welcher Idee applaudieren wir da eigentlich?" dagegen fast hörbar.
Sacha Baron Cohen wuchs in einer jüdischen Familie in Wales auf. Nach einem längeren Aufenthalt in Israel studierte er Geschichte an der Universität Cambridge. Der Engländer kennt sein Fach nicht nur als Komiker, sondern auch von der theoretischen Seite: sein Studium schloss er ab mit einer Arbeit über die Kultur von Schwarzen und Juden - mit besonderer Berücksichtigung der Probleme ethnischer Minderheiten.
Mit seiner Kunstfigur schuf Ali G. eine kulturelle Metapher, die in Zeiten der Globalisierungsdiskussionen einen mindestens spannenden Blick auf die alte Frage nach Identität erlaubt. Zweifellos erlaubt gerade "Borat" verschiedene Lesarten und wird auf noch geteiltere Kritik stoßen als die bisherigen Kurzauftritte des kauzigen Kasachen, dessen MTV-Moderation immerhin zu einer offiziellen Protestnote der Regierung jenes Landes führte, das Borat so gern in besonders schlechtes Licht rückt. Dass die Auswahl gerade auf Kasachstan fiel, verdankt die ehemalige russische Teilrepublik der Wahrscheinlichkeitsrechnung - wie Produzent Dan Mazer und Sasha Baron Cohen erklären, suchte man schlichtweg ein Land, dessen tatsächlichen Einwohner man möglichst selten begegnet und über das generell wenig bekannt ist. Das Kinopublikum nimmt ihnen diese Veralberung gar nicht übel: so bewerteten die User der Internet Movie Database die Produktion mit seltenen 8.4 von 10 Punkten.
Dass die Kinoformattierung einer TV-Minisendereihen-Figur so reibungslos funktioniert - in scharfem Kontrast übrigens zu Leinwandadaptierungen des Jackass-Formats - liegt an der überraschenden Qualität des Drehbuchs.
Produktionsästhetisch folgen die Macher der Mockumentary (so der mittlerweile eingespielte Name für Spielfilme, die sich klassischer dokumentarischer Stilmittel bedienen) einem Trend, den Michael Hirschborn in seinem Essay mit dem Titel "Thank you, you tube" als DIY Video bezeichnete. "Do it yourself" begründet eine neue Videoästhetik: die ungeheure Popularität, die der digitale Vertriebskanal Internet Homemade-Videos verleiht, wirkt wieder als ästhetische Gestaltungsstrategie aufs Kino ein. Während "Blair Witch Project" eindrucksvoll die Eignung des Handkamera-Wackel-Formats für Mystery-Film demonstrierte, verwendet Jackass die simple Aufnahmetechnik ganz im Stile von Skatervideos zur Unterstreichung der Autentizität.
"Borat" schöpft aus der Homevideo-Ästhetik eine erstaunlich dichte Atmosphäre, die zu einem hohen Grad dem nicht nur vorgeblich zum Einsatz kommenden Improvisationstalent des Hauptdarstellers geschuldet ist. Selbst wenn sich in den genau gescripteten Szenen Borat mit seinem Produzenten Azamat nackt quer durch's Hotel prügelt oder versucht, Pamela Anderson in seinen kasachischen Hochzeitssack zu stecken, bleibt der Eindruck der Spontaneität stets erhalten. Bleibt zu hoffen, dass die USA nicht das einzige Land bleiben, das der unerschrockene falsche Kasache mit seiner Kamera bereist.