Interviewer: "Wenn ich Sie richtig verstehe, muss man dieses Paradigma, salopp gesagt, über den Haufen werfen, weil schon die Idee, dass der Beobachter, der Forscher, außen steht und etwas von außen anblickt, nicht zu halten ist. Versteh ich Sie da richtig?" Ernst von Glasersfeld: "Keine Frage!" Unbedingt sehenswertes Interview mit einem der beiden Großmeister des radikalen Konstruktivismus.
Übrigens: der Radikale Konstruktivismus existiert lediglich in der Vorstellung von Chuck Norris. Und da Chuck Norris unbesiegbar ist, kann man sich den gar nicht so komplizierten, sondern genau genommen bloß ehrlichen Erkenntnistheorie schwerlich entziehen, finde ich. Zur Einführung empfehle ich Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners: Gespräche für Skeptiker - dieses Protokoll mehrere Unterhaltungen zwischen dem Wissenschaftsjournalisten Bernd Pörksen und Heinz von Foerster, der mich immer wieder aufs Neue nicht nur als brillianter Denker und wegweisender Forscher, sondern auch als einer der begnadetsten Didaktiker des 20. Jahrhunderts beeindruckt.
Stefan führt für die Musikredaktion von the gap gerade eine interne Umfrage unter allen CD-Rezensenten durch. Die Zeiten, in denen die Crew aus einer äußerst überschaubaren Zahl von Schreiberlingen bestand, sind seit Jahren vorbei, und Präferenzen tendieren bekanntlich dazu, sich im Lauf der Zeit zu verändern. Beim Ausfüllen des Fragebogens ist mir allerdings schlagartig klar geworden, dass ich nicht bloß zur Musik selbst, sondern auch zum Schreiben über Musik mittlerweile eine völlig andere Einstellung als vor 10 Jahren habe. Daher möchte ich die Antworten meiner geschätzten Leserschaft nicht vorenthalten - vielleicht entwickelt sich daraus ja sogar eine kleine Diskussion über Musikreviews auf Blogs, Subjektivität und Konstruktivismus
Stefan: Seit welcher Ausgabe bei The Gap?
ritchie: #02
?: Nach welchen Kriterien unterscheidest du zwischen guter und schlechter Popmusik?
!: Weiß nicht. Ich kann ja nicht in die eigenen Blackbox reinschauen und meinen atavistischen Geschmacks-Algorithmen reverse-engineeren!
?: Inwiefern richten sich deine Plattenkritiken/Rezensionen in The Gap nach den Wünschen der Zielgruppe?
!: Indem ich über CDs schreibe, die Labels zum gap schicken, welche vermuten, dass die Zielgruppe passen könnte. Aber von den Wünschen der Zielgruppe hab ich keine Ahnung, dazu bin ich auch schon viel zu alt.
?: Wie viel Fachkompetenz benötigt ein Journalist, um über Musik zu berichten?
!: Gar keine. Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen und so... Manchmal könnte Kompetenz allerdings beim Füllen der Zeilen hilfreich sein, allerdings sind CD-Reviews meist so kurz, dass selbige nicht unbedingt erforderlich ist. In Zeiten der Wikipedia kann sowieso jeder Dillwhip mit unglaublichem Faktenwissen glänzen. Müssen eigentlich schwere Zeiten sein für die Die-Hard Fan-Fraktion, die früher jeden Spex-Artikel auswendig gelernt hat.
?: Welche Kriterien setzt du zur Bewertung von Musik an?
!: Primäres Kriterium ist der Klang
Wenn sie mir gefällt und der Bass angenehm meine Hypophyse massiert, dann muss es ja wohl gute Musik sein. Wenn ich gleich zum nächsten Track skippe oder das Hirschfilet sich im Magen umdreht, dann nicht. Der nächste Rezensent mag aber wiederum ganz anders drüber denke - ich etwa kann mit Emo noch immer nix anfangen und finde alle Emo- und Brit-Pop Platten voll scheiße.
?: Wie sieht dein persönliches Rechercheverhalten aus?
!: Lange Beine, kurzer Rock, Lackstiefel, eventuell Netzstrümpfe. Haarfarbe egal. Ne, im Ernst: es geht nix über Primär-Recherche, am besten immer die Musiker selber sprechen lassen. Das Netz hilft ebenfalls, und weil man jedem im Leben mindestens zweimal begegnet, würd ich das eigene Archiv auch nicht unterschätzen wollen.
Kennen gelernt habe ich Harald zwar in der Virtualität der Blogosphäre, allerdings sind wir auch in der physischen Welt Wiens Bezirksnachbarn und haben den Kontakt ins First Life ausgeweitet. Auf seinem Blog schreibt der "ehemalige" Naturwissenschaftler über seine berufliche Tätigkeit, und die finde ich ausgesprochen spannend: Harald arbeitet als hyno-systemischer Coach und bietet sehr spannende Seminare an, etwa zum Thema Die Macht der Sprache. In seinem Weblog präsentiert er seine Erkenntnisse aus der systemischen Ausbildung in ungewöhnlichen Postings, die überdurchschnittlich häufig Denkanstöße geben.
Mit Haralds Grund-Hypothese, dass Gedanken - oder besser gesagt unsere Absicht - in einem bestimmten Ausmaß unsere "Realität" formen, stimme ich vollkommen überein. Dass schwindlige Esoteriker aufgrund dieser simplen Tatsache gutgläubigen Erlösungssuchern leichtverkäufliche Mantras andrehen, steht auf einem anderen Blatt: tatsächlich ist es kaum zu glauben, wie unglaublich schwierig es ist, "volle Kontrolle" über die eigene Absicht zu erlangen; da haben allerdings andere Autoren recht vernünftige Dinge drüber geschrieben, die ich an dieser Stelle nicht wiederkäuen möchte. Unter systemischer Beratung können sich aber viele datenschmutz LeserInnen vermutlich nichts Konkretes vorstellen, und wozu Hypnose abseits der Bühne dienen kann, gehört auch nicht gerade zum Allgemeinwissen: also lauter gute Gründe, um mit Harald ein Interview zu führen - über Feedback und Meinungen dazu freu ich mich diesmal ganz besonders!
datenschmutz: Du hast ein Berufsfeld gewählt, unter dem sich viele potentielle Klienten wenig vorstellen können - welche Form der Beratung bietest du an?
Harald Dvorak: Ich biete Beratung für Menschen aus Technik und Wirtschaft in Form von (Hypno- )systemischem Coaching und (Hypno-)systemischer Psychosozialer Beratung an. Zudem bin ich als Seminarleiter und Trainer in verschiedenen Kontexten tätig. Meine Schwerpunkte sind hier Interdisziplinäre Kommunikation (z.B. zwischen TechnikerInnen und Nicht-TechnikerInnen) und Manipulation und Beeinflussung in der Kommunikation.
Ein wesentlicher Beratungsbestandteil ist die konstruktive und systematische Veränderung von als problematisch oder schwierig empfundenem Erleben des Klienten durch den Klienten. Hypnosystemische Beratung bedeutet auch ein systemisches Arbeiten mit unwillkürlichen Prozessen, um diese mit willentlichen Prozessen in optimale Kooperation zu bringen - also der Umgang mit einem: "Ich will, aber "ES" geht nicht".
?: Auf welchen Grundprämissen beruht die Systemische Beratung?
!: In der Systemischen Beratung werden Probleme nicht als linear kausal (d.h. Ursache und Wirkung) angesehen, sondern einer zirkulären Betrachtung unterzogen. Systemische Beratung betrachtet demnach eine Person in Ihrem Umfeld und den Wechselwirkungen zwischen ihr und diesem Umfeld. Das persönliche Erleben einer Person wird bestimmt durch die Beziehung zwischen der Person und dem beobachteten Umfeld. Oder anders formuliert: Die Beziehung zwischen einem Beobachter und dem Beobachteten bestimmt das persönliche Erleben - nicht das Beobachtete selbst. Realität wird nicht als objektiv existierend aufgefasst, sondern als soziale Konstruktion der beteiligten Beobachter angesehen.
In der Hypnosystemische Beratung sind die Ansätze der klassischen Hypnotherapie nach Milton Erickson mit jenen der klassischen systemischen Beratung und Therapie vereint. In der Hypnosystemischen Beratung geht man davon aus, dass Probleme durch eine eingeschränkte Wahrnehmung - eine Problemfokussierungstrance - selbsthypnotisch erzeugt werden. Im Zuge der Beratung wird auf Ressourcen, Kompetenzen und Lösungen fokussiert, um das Gegenteil - eine Lösungstrance - zu erreichen. Der Wahrnehmungsfokus des Klienten wird konstruktiv erweitert und dadurch sein Handlungsspielraum vergrößert.
?: Was sind die Spezifika psychosozialer Beratung, und wer sollte sie in Anspruch nehmen?
!: Psychosoziale Beratung bietet professionelle Unterstützung in Problem- Entscheidungs- und Krisensituationen. Die klassischen Schwerpunkte sind Begleitung, Betreuung und Beratung in Fragen der Berufs- und/oder Lebensgestaltung, die Bewältigung von Übergangssituationen (Veränderung) und die Klärung von persönlichen Entscheidungen.
Im Teilbereich Coaching geht es um Reflektion und Stärkung der persönlichen Führungsrolle, die effiziente Zielerreichung eines persönlichen Ziels im beruflichen Umfeld, die Vorbereitung auf schwierige Gesprächssituationen oder der Umgang mit Konflikten im beruflichen Umfeld.
?: Du beschäftigst auch schon längere Zeit mit Hypnose - ein Phänomen, das auf der Bühne gerne als Showeffekt eingesetzt wird. Allerdings wird Hypnose schon jahrelang klinisch verwendet - worauf beruht deiner Erfahrung nach Hypnose und wie kann sie eingesetzt werden?
!: Gute Frage! Nur wie sag ich's kurz?
Hypnose ist durchaus ein spannendes Thema, welches meiner Ansicht nach übermystifiziert wird. Einen entsprechenden Beitrag dazu liefern u.a. auch sogenannte Bühnen- oder Showhypnotiseure. Letztere profitieren im Zuge ihrer Show u.a. von Erwartungshaltung und Gruppendruck der Teilnehmer.
Hypnose ist ein Verfahren, welches den Aufmerksamkeitsfokus konzentriert (verengt) und ausrichtet (z.B. in klassischen Hypnoseverfahren nach Innen). Dieser Zustand ist, meist durch leichte bis mittlere Entspannung begleitet, als Trance bekannt. Trance ist niemandem fremd - tagtäglich finden wir uns in diesem Zustand in unterschiedlichen Ausprägungen wieder, z.B. in Gesprächen, denen wir konzentriert folgen, am Abend vor dem Fernseher (darum sind die Werbungen vor den Abendnachrichten so teuer), beim Tagträumen, in Flow-Zuständen, beim Autobahnfahren etc. Diese Zustände nennt man Alltagstrancen. Kennzeichen: umso tiefer die Trance ist, desto geringer sind die bewussten (kritischen) Anteile und desto höher ist die Suggestibilität - also die Bereitschaft des Klienten, Suggestionen des Hypnotiseurs anzunehmen.
Hypnose unterstützt das Arbeiten mit unwillkürlichen Prozessen. Das sind Prozesse, auf die wir willentlich nur bedingt Einfluss haben (z.B. zittern, schwitzen, Durchblutung, etc.). Hypnose ist KEIN Verfahren, wo man seine Seele zum Service dem Seelenmechaniker übergibt und dann wieder abholt, wenn alle Problemchen beseitigt sind! Auch hier gilt, wie übrigens in jeder Form der Beratung, das Prinzip der Selbstverantwortung.
Ich persönlich arbeite zum überwiegenden Anteil mit Gesprächstrancen. Die zentrale Frage nach einer Methode ist immer das "Wofür". Es muss ja nicht immer der Vorschlaghammer zur Fliegenjagd sein
Hypnose ist nur ein Zugang unter vielen und kein Allheilmittel. Vielleicht blogge ich demnächst ja noch ergänzend was zu dem Thema. Mich reizt schon seit geraumer Zeit der Gedanke, ein eintägiges Praxisseminar zu veranstalten zum Thema "Wirklichkeitskonstruktion im Alltagserleben", vielleicht mit dem Titel "Alltagserleben wirksam beeinflussen" oder so ähnlich. Da könnte Hypnose durchaus eine Rolle spielen. Wenn sich genügend Interessierte finden, bin ich auch für individuelle Themen zu haben...
!: Was war für dich der entscheidende Grund, dich als Coach selbständig zu machen?
?: Dazu gibt’s in einem meiner bisherigen Beiträge schon was - ich bin gerne Techniker und erlebe in diesem Bereich auch heute noch genügend Herausforderungen. Nachdem ich schon immer als selbständiger Unternehmer wirksam sein wollte, war die Frage nach dem WIE lange Zeit zentral. Da war eine fundierte technische Ausbildung auf der einen Seite und ein großes und wachsendes Interesse an der psychologischen Natur des Menschen auf der anderen. Daraus ist die Idee entstanden, die beiden nur scheinbar so weit voneinander entfernten Themenbereiche zu verbinden. Die Bausteine dafür enthält mein Angebot in den Bereichen Coaching, Consulting, Training und Seminare.
Das Arbeiten mit Menschen in Seminaren, Trainings und in der Beratung macht mir sehr viel Freude und sorgt für eine große Anzahl an Flow-Erlebnissen. So lange das so bleibt, werde ich in diesen Bereichen tätig sein.
Mehr zum Thema (hypno)systemische Beratung und Coaching: http://blog.harald-dvorak.at/