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Artikel-Schlagworte: „matrix“

Szenariotrichter zum Thema Future Entertainment

Der dritte Virtual Think Tank von trendone wird sicherlich wieder ausgesprochen spannend, und ich wäre Norberts Einladung zu trendone nach Berlin sehr gern gefolgt - zumal das Thema "Real Business Models in digital Environments" lautet.

Aber leider verhindern Terminkollisionen den Ausflug samt der obligatorischen Currywurst... aus dem Sandwich auf der Friedrichsstraße wird ja nix mehr, weil ich beim letzten Mal mit Entsetzen feststellen musste, dass Schlotzky's Deli seine Pforten geschlossen hat. Aber ich bin schon äußerst gespannt aufs Protokoll und freu mich schon auf die nächste Gesprächsrunde.

Beim letzten Workshop im Februar ging's um die Konvergenz von Filmen und Games - die Ergebnisse sind mittlerweile in Form eines Szenariotrichters als pdf am trendone wiki verfügbar.

Besagter Trichter ist eine nette Visualisierung des zukünftigen Zeitstroms - je fortgeschrittener die Jahreszahl, desto weiter laufen die beiden Achsen "worst" und "best case" auseinander. Verschiedene Trends, Entwicklungen und Technologien werden dann auf dieser Matrix platziert; die vorgenommene Einteilung ist das Ergebnis unserer angeregten Diskussionen und bietet eine guten Überblick über kommende Trends - ich habe ein jpg draus gemacht, biddeschön:

Szenariotrichter Future Entertainment

Facebook besser gar nicht benutzen?

Vor einigen Tagen war ich bei Ö1 im matrix-Studio zu Gast, um meine Replik auf Armins Facebook-Kolumne zu verlesen.

Der Text steht mittlerweile auch auf oe1.orf.at und stößt dort auf geteilte Unzustimmung - bin gespannt, ob und wie die Diskussion weitergeht. Jedenfalls tat ich mir ordentlich schwer damit, meine eigenen Zeilen zu lesen - freies Sprechen ist da schon wesentlich einfacher. A propos: gestern war ich wieder bei Paul und Radio uton live zu Gast, wir schnackten wieder eine Runde über Social Networks, Fluchtgeschwindigkeiten und Musikmythen, die Sendung gibt's demnächst hier zum Nachhören.

Hier die matrix-Aufzeichnung, die ich von Franz bekommen habe - die Einleitung und Armins Teil hab ich drin gelassen, sonst wär meine Audio-Antwort zu sehr aus dem Kontext gerissen. Kommentare hochwillkommen!

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

matrix-Special: Geschenke für Geeks

Am Donnerstag war ich zu Besuch im Studio bei Wolfang Ritschl, um gemeinsam mit Marion Breitschopf und Michael Wesely ein paar Vorschläge zum Thema Geschenke für Geeks zu machen. Jede/r von uns stellte ein Buch und ein Gadget vor - ausgestrahlt wird die Sendung heute Abend um 22:30 auf Ö1.

Michael sprach überThe Decadent Handbook for the Modern Libertine matrix Special: Geschenke für Geeks und seine neue Küchenmaschine (Der Herr Kollege ist mir da einen beträchtlichen Schritt voraus, denn während ich mich kulinarisch noch in der Welt des Salzigen aufhalten, bäckt und patissieriert Michael: und dies erfordert bekanntlich mehr Präzision als der gute alte Tofubraten.), Marion hatte einige Beispiel aus Wer bin ich? 777 indiskrete Fragen matrix Special: Geschenke für Geeks vorbereitet und ihren Video-iPod ins Studio mitgebracht. Schlechte Zeiten für uneinige DVB-H Konsortien, die sich schneller bilden und re-gruppieren als Allianzen in Risiko.

Was Bücher betrifft, war ich in diesem Jahr nicht besonders aktuell und hab sehr wenig 2007er Publikationen offline gelesen... also hab ich gleich ein wenig weiter zurückgegriffen und stellvertretend für das Gesamtwerk ein Buch meines großen intellektuellen Helden vorgestellt: In Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners diskutiert der deutsche Wissenschaftsjournalist mit Heinz von Foerster dessen zentrale Thesen zu Wahrnehmung, Kybernethik (yup, mit "h") und Konstruktivismus: eine hervorragender, leicht zugänglicher, wahnsinnig unterhaltsamer, unglaublich anregender und zum 1000fachen Wiederlesen geeigneter Einstieg in die Welt eines der konsequentesten und humorvollsten Denker des vergangenen Jahrhunderts: ein ideales Geschenk eben.

Schwieriger war's mit dem Gadgetto, denn da hab ich ein Überdosierungs-Problem: danke diverser Techie-Journalisten und Mobilfunk-Jobs hab ich im Lauf der letzten Jahre eine Überdosis abbekommen... und ich mag meinen (non-Apple) mp3-Player, ich schätz die Tastatur an meinem Handy, aber das sind nun mal Alltagsgegenstände ohne den typischen Gadget-Shinyness Faktor. Mir fiel einfach kein geniales, bugfreies Teil ein, für das ich mit gutem Gewissen Werbung machen wollte - bis ich auf die Idee kam, dass Software mit ein wenig Phantasie ja auch gadgetuös sein könnte... also hab ich WordPress vorgestellt, denn damit arbeite ich in der Tat jeden Tag, und gerade die Detaillösungen dieser genialen Blog-Software gefallen mir ganz hervorragend. Ich hab dann auch für die FuZo einen Beitrag über WordPress als Weihnachtsgeschenk geschrieben und darin erklärt, was mir an "Dexter" (so der Codename der aktuellen Version 2.3.1) so gut gefällt.

ritchie’s Kolumnen

Auf dieser Seite finden Sie ein Archiv meiner Kolumnen und Glossen. Meine Texte erscheinen regelmäßig in verschiedenen Print- und Online-Medien. Regelmäßige Kolumnen schreibe ich für the gap, Ö1 und SRA.

 

Die Kolumne

diekolumneTodernste Betrachtungen aus dem Alltag, liebevoll illustriert anhand von mir persönlich verifizierter biographischer Tatsachen. Dies hier sind weder der Ort noch die Zeit für Satire. Es gibt nichts auf der Welt, das ernster gemeint wäre als der Spasz - das esszett sagt schon alles! [erscheint in the gap]

 

Ö1 Medienkultur Kolumnen

oe1 kolumnenFür die Ö1 Mediensendung "matrix" schreibe ich abwechselnd mit verschiedenen KollegInnnen aus der matrix-Redaktion die Medien-Kultur Kolumne, des ORF, die zweimal in der Woche auf der Homepage von Ö1 veröffentlicht wird. [erscheint auf oe1.orf.at]

 

d-news SRA Kolumne

sraAuf SRA veröffentliche ich eine monatliche Kolumne zum Thema Musik online - sie trägt in Anlehnung an meine erste Online-Publikation, einen Newsletter über mp3 und die Folgen, den Namen d-news und beschäftigt sich mit Internet-Musikvertrieb, netlabels und verwandten Themen. [erscheint auf sra.at]

Wir Österreicher sind Ärgernisse

Wow, Erstaunen! Man ist ja immer vorsichtig mit Stereotypen; einen Bayern als Weißwurst zu titulieren, geht ironisch grade noch, weil über sich selber darf man bekanntlich Scherze machen und wir Osttiroler sind sozialisierungstechnisch ja halbe Bayern: zumindest hab ich in meiner Jugend wesentlich mehr Wochenenden in München verbracht als in Innsbruck. Und ich mag Weißwurst. Fast genauso gut schmeckt mir die Verbreitung unserer Piratencharts, auch wenn die neueste Stimme im Chor der Empörten da offensichtlich ein paar Kategorien verwexelt hat.

An Konkurrenzen , Ärgernissen und diversen push / pump- up Aktionen fehlt es nicht . Siehe DBC : Technorati- Linkketten & page- Piraterie, bezeichnenderweise mit Spuren nach Östereich , wo Max Kossatz und Richie Pettauer fröhlich das Domainschwanzerl von deutscheblogcharts.de in deutscheblogcharts.com umgewandelt haben und letzterer gleichwohl unbelangt weiter für ORF matrix und sogar die NMZ schreibt.

Ich schreibe weiter unbelangt meine Kolumnen für den ORF (die natürlich auch hier am Blog veröffentlicht werden) und sogar die NMZ... scharfe Formulierung, Hut ab der Herr! Und sogar Berliner Tageszeitung und the gap und what not. Journalisten-Style halt. Aber die Formulierung find ich einfach jenseitig geil: obwohl wir unsere Chart-Aktion durchgezogen haben, darf ich trotzdem weiter für den ORF über Web 2.0 und Charts und dergleichen schreiben. Eigentlich erscheint mir die Forderung, dass ein Journalist, der über Medien schreibt, sich möglichst nicht im Internet aufhalten sollte, äußerst skurril. Oder welche andere Implikation kann man dieser Aussage entnehmen?

Dass Meister Zintzen so gar nicht versteht, worum's bei der ganzen Piratenaction eigentlich geht, ist dann wiederum bezeichnend für die Misstände in deutsch Blogistan: da schreiben einige semi-informierte Paradigmatiker über die politische Wichtigkeit des Blogformats und schürt wöchentlich ein selbstbezügliches, geradezu inzestuöses Feuer innerhalb einer Szene, bei der aktive Leser- und Autorenzahlen nahezu in Nulldifferenz kollabieren. Misstrauen ist angesagt! Ich hab's schon mal geschrieben und kann's nur wiederholen: ich treibe mich seit viel zu langer Zeit im Dunstkreis der Netzkunstszene rum. Leudde wie Hans Bernhard oder Alexej Shulgin, die q/uisse, monochrom etc... die Arbeit jener Künstler und Theoretiker, die ich spannend finde, geht nicht von einem behaupteten Status Quo ("Die Blogosphäre ist wichtig und gut") an Fragestellungen ran, sondern versucht, durch smarte Setups, Interventionen und Hacks Denkprozesse bei allen Beteiligten in Gang zu setzen, die nicht über vorgegebene Bahnen verlaufen.

Natürlich folgt der "wider die guten Sitten" Argumentation der ökonomische Rundumschlag auf den geschwollenen Fuß:

Dass nirgendwo eine Differenz gezogen wird zwischen kommerziellen Bezahlbloggern (egal , ob von Zeitungen ins Rennen geschickt oder per Adsense, Adical, Trigami geknechtet), liegt wohl in der Logik der allumfassenden Kompetition - gleich, ob es sich um reales oder symbolisches Kapital handelt.

Und dann wenige Sätze später:

Dass nun auch das Startup- Fieber die österreichische Bloglandschaft überrollt, zeigt das Barcamp Vienna auf der Wilhelmshöhe Ende September. Ganz nett, sich die Subscribers durchzusehen und deren jeweilige Selbstdarstellung . Fast wie bei den Grossen!

Das ist nicht nur geschmacklos, sondern lässt auch die Frage offen, auf den sich "groß" bezieht... Aber man muss gar nicht zu Unterstellungen greifen, wie das der werte Herr Kollege tut. Informationen aus erster Hand aufzunehmen wär extrem hilfreich, anstatt weiterhin dass Misstrauen gegen Österreich zu schüren - schlimm genug, dass wir innnerhalb der internationalen Staatengemeinschaft als Schurkenstaat gelten!

PS: Meine nächste matrix-Kolumne schreib ich zum Thema "Quantitative Vermessung der deutschen Blogosphäre". Das ist ja das schöne an Kolumnen: die drücken eine Meinung aus.

Google und Feedburner – mehr als eine Liebeshochzeit

Die aktuelle datenschmutz Titelstory dreht sich um den Aufkauf Feedburners durch Google: Der Suchmaschinenriese freut sich über neues Datenfutter, die User des beliebtesten RSS-Aggregationstools bekommen ab sofort die vormals kostenpflichtigen Pro-Features gratis. Für Ö1 matrix hab ich die folgende Kolumnen zum Thema "Zukunftsperspektiven" verfaßt (erschienen auf oe1.orf.at im Juni); damals war allerdings noch nichts bekannt über den Wegfall der monatlichen Gebühren für professionelle Statistiken.

Was vor wenigen Tage noch als Gerücht im Netz kursierte, bewahrheitete sich am 23. Mai: Google erwart für 100 Millionen Dollar die RSS Aggregator-Plattform Feedburner und stärkt damit vor allem sein Blog-Portfolio.

Die Reaktionen der Netzgemeinde auf die Neuerwerbung Googles fielen großteils verhalten euphorisch aus - wurde früher jede Businesstaktik des Quasi-Monopolisten frenetisch bejubelt, so gestaltet sich der Applaus immer endenwollender, seit der Suchmaschinenbetreiber sich vom smarten Platzhirsch zur netzumfassenden Krake entwickelt hat. Die Neuerwerbung passt natürlich ganz hervorragend ins Web 2.0 Konzept, denn mit Feedburner stehen Google plötzlich ganz neue Möglichkeiten der Monetarisierung des Adsense-Produkts zur Verfügung.

Feedburner zählt zu den Sonnenkindern des Web 2.0 Booms: die Betreiber konzentrierten sich seit der Gründung im Jahr 2003 voll und ganz auf die Aggregation von RSS-Feeds. Dieses plattform-unabhängige Format macht Webseiten maschinenlesbar, erlaubt den problemlosen Austausch von Inhalten zwischen verschiedenen Domains und wird zunehmend dazu benutzt, um die Beiträge aktualitätsbezogener Webseiten zu abonnieren. Besonders rasante Verbreitung fand das Format in der Blogosphere, stellen die Feeds doch eine ideale Möglichkeit dar, um Weblogs bequem zu abonnieren: ein Besuch der Homepage bei jedem neuen Beitrag entfällt.

Theoretisch könnte die Feedfunktion auch benutzt werden, um nur kurze Teaser anzubieten, die jedoch bei den LeserInnnen meist auf wenig Akzeptanz stoßen - die überwiegende Mehrzahl der Blogautoren bietet ihren LeserInnen daher werbefreie Volltextversionen an. Jede moderne Content-Managment Software kann solche Feeds generieren. Der Feedburner-Server schaltet sich zwischen den Originalfeed und die Abonennten und stellt dem Seitenautor eine ganze Reihe nützlicher Features zur Verfügung, dazu gehören genaue statistische Auswertungen ebenso wie umfangreiche Zusatzfunktionen. Viele Pro-Blogger leiten ihren RSS-Feed komplett über die Plattform um und nutzen die kostenpflichtige Version, die eine noch genauere statistische Auswertung ermöglicht.

Manche Experten sehen bei Google beginnende Probleme mit den Economies of Scale: zwar verfügt die Firma über die wohl beeindruckendste weltumspannende Serverarchitektur des gesamten Netzes, doch blieben viele Erwerbungen der letzten Jahre mehr oder weniger unbeachtet liegen. Die ehemals florierende Weblog-Plattform Blogger dümpelt seit dem Aufkauf im Web 1.0 Status dahin, myspace scheint weitgehende sich selbst überlassen zu bleiben - Analytics allerdings erfuhr kürzlich ein umfassendes Update, das kommerziellen Statistik-Tools nahezu die Existenzgrundlage entzieht.

Die Zukunft von Feedburner allerdings steht wohl kaum in den Sternen, denn strategisch betrachtet stärkt sich Google gleich an mehreren Fronten. Den Fehler, zwangsweise Werbung in den Feeds schalten, sollte die Firma freilich nicht machen, denn diese wäre die Markteintrittschance für eine neue RSS-Plattform: die wenigsten Autoren stellen ihre Arbeit gerne freiwillig Dritten als Werbefläche zur Verfügung. Wahrscheinlicher ist wohl, dass Google sein Adsense-Revenue-Share Modell anpasst und Webmaster an den Werbeeinnahmen beteiligt. Bereits jetzt stellt Feedburner eine komfortable Möglichkeit zur Verfügung, ab 500 Abonennten Werbung im Feed zu schalten: eine Verheiratung dieses Features mit Adsense ist daher mehr als wahrscheinlich.

Zum Zeitpunkt des Aufkaufs verwaltete Feedburner rund 420.000 RSS-Adressen. Neben dem zusätzlichen Werbekanal wird Google wohl auch die Chance nützen, die hauseigene, aber bisher kaum genutzte Blogsuche mit den indizierten Inhalten aufzupolieren. Dagegen nehmen sich die Blog-Portfolios von Microsoft und Yahoo geradezu bescheiden aus: bleibt nur abzuwarten, ob es Google demnächst auch noch gelingt, sich Technorati einzuverleiben - mit dem Kauf der größten und populärsten Weblog-Aggregationsplattform wäre ein weiterer Abschnitt im Monopol-Puzzle komplett.

Weiterführende Links:

Ö1 Kolumnen

Seit Februar 2007 schreibe ich für die Ö1 Homepage eine regelmäßige Kolumne zum Thema "Netzkultur", die ein bis zweimal im Monat erscheint. Die Themen sind relativ breit gestreut - sozusagen Fundstücke aus dem weiten Feld Medien.Kultur.Technik. Auf dieser Seite gibt's alle bisher erschienen Ausgaben.

Archiv

Die französische Postmoderne und das Digitalfernsehen

[Der folgende Text entstand für die Ö1 matrix Homepage, wo ich eine monatliche Kolumne schreibe. N'joy.] Am 6. März verstarb der französische Philosoph Jean Baudrillard. Als einer der prominentesten Vertreter postmodernen Denkens provozierte der Franzose die Öffentlichkeit mit seinen Thesen zu Simulation, Dissimulation und Gleichzeitigkeit. Dass gerade das digitale Fernsehen die medial Live-Übertragung verunmöglicht, hätte er vermutlich nicht vorausgesagt.

Das mediale Ereignis, das die sedimentierte Realität überdeckt und schließlich überlagert, stand im Fokus von Baudrillards kulturphilosophischen Betrachtungen. Gelten Flusser und Virilio als Philosophen der Geschwindigkeit, so beschäftigt er sich mit den Bildern, die der mit seinen unkonventionellen Thesen angeblich "stürmen" wollte, wie seine Kritiker nie müde wurden anzumerken.

In der Selbstwahrnehmung sah sich JB dennoch nie als Kulturpessimist, ja nicht einmal als Theoretiker. Beweisversuche kann man ihm nun wirklich keine nachsagen, seine radikalen "Denkanschläge" sollten den Leser auf Entdeckungsreise mitnehmen. So gelangte er zu seinem geflügelten Dictum von der "Ermordung der Realität": Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen. (aus: Das perfekte Verbrechen)

Anders formuliert: in Baudrillards Konzeption der Scheinrealität geht die mediale Berichterstattung als Symptom ihrer Ursache voran - eine ähnliche Umkehrung, wie Jaques Lacan sie in der Psychoanalyse vorschlug. Ein dritter Franzose, Paul Virilio, definierte und begründete zugleich die Wissenschaft der Dromologie: dieser Metaforschungsbereich untersucht die Zusammenhänge von "Geschwindigkeit und Politik", nachzulesen in der gleichnamigen Publikation von 1977. Die Mediengeschichte und die Physik werden zu Hilfswissenschaften der Dromologie - Virilio füllt später enige Bände seiner Bibliographie mit Betrachtungen über die (Kriegs-)Relevanz echtzeitlicher Nachrichtenübertragung. The Speed of light does not merely transform the world. It becomes the world. Globalisation is the speed of light. (Paul Virilio im Interview auf ctheory)

Beide Autoren, und nach ihnen eine ganze Reihe von Epigonen, zentrieren ihre medientheoretischen Konstruktionen wesentlich rund um das Phänomen der sogenannten Echtzeit. Der Physiker widerspräche an dieser Stelle zwar vehement, zumal es genau betrachtet keine "Echtzeit" gibt - nicht mal in unserer unmittelbaren Wahrnehmung, und schon gar nicht in den Medien. Information reist, und sie tut das beileibe nicht körperlos: nur sind die materiellen Aspekte, im Fall der elektronischen Kommunikation also die Elektronen, winzig und bewegen sich mit so hoher Geschwindigkeit, dass in unsere menschlichen Wahrnehmung Ereignis und Übertragung etwa bei jeder TV-Liveübertragung zusammenfallen - "beide kollabieren im temporalen Nullpunkt," um in der Terminologie der französischen Postmoderne zu bleiben. Dieser Nullpunkt ist demnach eben als philosophisches Konstrukt, nicht als physikalische Realität zu begreifen: unsere körperinternes Informationsverarbeitungsnetzwerk, das Nervensystem , arbeitet ebenfalls nicht schneller als mit "Stromgeschwindigkeit".

Zumindest was TV-Liveübertragungen betrifft, geht die Ära der Real-Time Media indes schneller zu Ende als die Kulturtheorie vermutet hätte, und vor allem anders: denn mit der Umstellung des ORF auf digitales Fernsehprogramm und auf neue Hardware für alle terrestrischen Empfänger wird die Zeitverzögerung, wie üblich beim Nachfolgeformat des erfolgreichsten Massenmediums aller Zeiten, circa 1000 Millisekunden betragen. Beim Angebot der telekom, die das Fernsehsignal ebenfalls digital durch ihre Leitungen jagt, beträgt der "Time Lag" gar bis zu 8 Sekunden - das klassische multimediale Song-Content Nutzungsszenario "Bild vom Fernseher, Ton übers Radio" dürfte dann unter Synchronisationsproblemen leiden, ganz zu schweigen von all den Fußballfans, die erst Äonen später vom Tor ihres Lieblingsvereins erfahren.

Time Lag also statt echtzeitlicher Kommunikationskanäle - so haben sich das die Theoretiker dann auch wieder nicht vorgestellt. Ob das Digitalfernsehen wohl zu einem Paradigmenwechsel in der Dromologie führen wird?

Die Kolumne #50 (Oktober 2003)

Progression auf allen Ebenen - Unverständnis darunter
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