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Artikel-Schlagworte: „Medienphilosopie“

Internetforschung? Internetforschung!!!

Die Multiplizität der Zugänge, das Fehlen jeglicher Metatheorie, der permanente Streit darüber, ob das, was man da beobachtet, nun eigentlich Cause oder Effect sei, die Unklarheit, ob Medien denn überhaupt ein Forschungsobjekt konstituieren und wenn ja, ob dieses dann von der Information, der Philosophie, der Kunstgeschichte oder doch einer dedizierten Medienwissenschaft bearbeitet werden sollte macht die Publizistikwissenschaft zum fröhlichen Karneval der objektiven Eitelkeiten.

Kurzum: I'm loving it a lot more than Mac D., und deswegen hat mir unser interdisziplinäres Forschungsseminar zum Thema "Wer beforscht das Internet warum wie? Und wozu?" im letzten Semester auch allergrößten Spaß bereitet: organisiert vom Graduiertenzentrum der Wiener Sozialwissenschaft trafen sich ein Dutzend überaus motivierter DoktorandInnen, um die eingangs genannten Fragen zu präzisieren: zum Auf-den-Grund-gehen war die Zeit eindeutig zu knapp bemessen, und deswegen wird unser kleiner Zirkel in diesem Semester ohne offiziellen Seminar-Rahmen fortgesetzt... wenn Wissenschaftsminister Gio Hahn, der ja am liebsten möglichst viele Hi-Bro Unis errichten will, für uns Nicht-Hochbegabte auch ein paar Euros abdrückt, dann können wir im kommenden Wintersemester sogar wieder ein paar spannende Vortragende wie zum Beispiel Manfred Fassler einfliegen.

Doch der langen Rede kurzer Sinn: es gibt ein gemeinsames Projektblog der Neigungsgruppe Medienforschung, und zwar unter dem schönen Motto If its on teh Interweb it must be true (teh ist Absicht). Big up an Sigrid Jones, Initiatorin des Blogs - außerdem mit an Bord:

  • Astrid Mager
  • Axel Maireder
  • Eva-Maria Knoll
  • Johanna Wall
  • Katharina Lobinger
  • Michaela Reischitz
  • Peter Steinberger
  • Philipp Budka
  • Regina Webhofer
  • Ritchie Pettauer
  • Sabrina Schrammel
  • Thomas Koenig

Wir suchen Mitschreiber und vor allem auch Mit-Diskutierende für unsere circa monatlichen Treffen - ein beheiztes Dach über dem Kopf samt Kaffee-Infrastruktur stellt uns das SoWi GraduiertenZentrum zu Verfügung - Wiener und in Wien weilende Student- und DozentInnen sind herzlich eingeladen, Termindetails gibt's auf Anfrage. Am Blog findet man englischsprachige Ankündigungen thematisch affiner Konferenzen, Literaturtipps und Artverwandtes - Feedback ist natürlich immer gerne gesehen, zumindest in diesem Punkt (wie in den meisten) unterscheiden sich Mitglieder der Scientific Community ganz und gar nicht von Otto-Normalverblogger.

Frank Hartmann über den neuen Club 2

frank hartmannFrank Hartmann hat mir gestern den folgenden Gastbeitrag zum neuen Club 2 geschickt. Besagte Fernsehsendung erlangte in den 70er Jahren (nicht zuletzt durch Aktionismus wie Nina Hagens Masturbationsanleitung für Frauen) einen recht legendären Nimbus, von dem die Neuauflage nach dem Willen des ORF zehren soll. Die Live-Erstausstrahlung des neuen Clubs folgt morgen Abend um 23:00 Uhr, Frank wird dort zu Gast sein und stellt im Vorfeld folgende imho sehr spannende Überlegungen zum Thema Fernsehdiskussionen, Rollenverhalten und Medien an - 'njoy the preview!

Frank Hartmann über den neuen Club 2

Club 2 - jetzt also wird die Fernsehlegende wiederbelebt. Hallo, ja, es klingt recht vernünftig, was Lorenz Gallmetzer mir telefonisch zu seinem Konzept mitteilt, nun gut, er lädt mich ein - Was? Aber nein, der Villacher Hausphilosoph sei nicht akut erkrankt, er lädt schon 'mich' ein, also sage ich zu, ich bin ein höflicher Mensch. Es ist natürlich ein Paradox - es soll um Medienmacht und Meinungsbildung gehen: "Die Meinungsfabriken. Wie prägen Zeitungen, Radio, Fernsehen, aber auch Internet Musikvideos, Werbung und Hollywood unser Denken, unsere Anschauungen, unsere Moden, unseren Geschmack? Wer sind heute die Meinungsmacher? Wie frei können wir noch denken?"

Das entnehme ich der Presseaussendung, ein 'Briefing' für die Teilnehmer scheint es nicht zu geben. Also ein Paradox, denn eine generelle Funktion der Medien ist die Ermächtigung, das heisst dieser Apparat lässt Aussagen zu (oder verhindert sie) und gewichtet dadurch ganz vehement die Fiktion 'öffentlicher Diskurs'. Nur deswegen können die Betriebsfunktionäre aus Politik, Wirtschaft und Kultur ihren fortgesetzten Nonsens verbraten, nur deswegen hört diese öffentlich-rechtliche Endlosschleife nie auf. Ein Paradox auch im performativen Sinn, denn wie lässt sich im Medium eine Aussage gegen das Medium treffen? Nun bin ich denn gespannt, welche Rolle die Medienmacher einnehmen werden, die eingeladen wurden. Mediaprint! Nur vom Feinsten, wenn man das so sagen darf ...

Übrigens, vorbei die Zeiten, als das Performative an einer solchen Teilnahme noch aktionistisch erledigt werden konnte (jaja, Provokation war schon geil, aber nein, man sollte Posen niemals übernehmen, und ich wüsste auch gar nicht, wie). Lässt sich die versteckte Normativität von Medienbotschaften artikulieren, ohne dass man kulturpessimistische Kalauer verbrät? Wie kritisiert man die ökonomisch und politisch abgesicherte Macht ("Medien" - ein Abstraktum, ihre Manager - das Konkretum), die längst alle Züge von Selbstimmunisierung aufweist? Wie die Saturiertheit eines gebührenzahlenden Publikums, das all diese "Shows", "Serien" und "Dokus" samt Werbung und reichlich Eigenwerbung in sich hineinfressen muss, ohne jemals kotzen zu können? Vielleicht indem man auf die Mechanismen der Produktion und die Materialitäten dieser konkreten Wiederbelebung hinweist: denkt man beim ORF eigentlich nicht über die Polstergarnitur hinaus? Gibt es denn dort keine originellen Menschen, die bereit sind, ausserhalb ihres Programmschemas der veränderten Medienwirklichkeit zu entsprechen, die seit den seligen Zeiten des ORF-Monopols ausgebrochen sind? Zumindest als Online-Ergänzung der Diskussion (die wird als "Open End" angekündigt, aber wie soll das gehen)? Das wäre es vielleicht gewesen: ein "Club 2.0"!? Vielleicht. Man wird ja sehen [Club 2, auf Sendung heute Abend 23:00, ORF2].

Vortrag: Friedrich Kittler materialisiert Philosophie

Er schreibt Bücher, die sich der klassischen bibliothekarischen Einteilung widersetzen, merkte Gastgeber Claus Pias vor Friedrich Kittlers Vortrag an. Irgendwo zwischen Literaturwissenschaft, Kultur-, Technikphilosophie und Medienwissenschaft beschäftigt sich Friedrich Kittler mit den "Materialitäten der Kommunikation". Im gestrigen Vortrag am Wiener NIG skizzierte der deutsche Philosoph die Grundzüge seiner Theorie.

Publikationen wie "Film, Grammophon, Typewriter" oder die "Aufschreibesysteme" machten FK zum Star unter den deutschen Medientheoretikern. Ein spitzer Humor ist dem Heideggerianer alles andere als fremd - sein Arbeiten "abseits der wissenschaftlichen Routine" birgt "Provokationspotential", wie er gestern erklärte. Über seine Explorationen jenseits des Kanons der Philosophie sprach Kittler unter dem Titel "The Dark Side of the Moon".

Wenn Medien die uns zugewandte Seite des Mondes sind, so Kittler, dann finden wir auf der dunklen, abegewandten, uns entzogenen Seite die "Hot Sciences", jene Verschaltungen, Kon- und Subtexte, die für den Entbenutzer stets verborgen bleiben unter der medialen Oberfläche. Dass seine Seminararbeiten, die er stets mit der Schreibmaschine tippte, immer ein wenig besser benotet wurden als die handgeschriebenen Exemplare seiner Kollegen, machte FK in ganz praktischer Hinsicht auf die Rahmenbedingungen des Philosophierens aufmerksam. Nie hatte die Philosophie ihre eigenen Materialitäte zur Kenntnis genommen, und diese Rekonstruktion sei nun im nachhinein zu leisten.

Seine Zeitlinie begann Kittler bei Plato, der mit seiner Konzeption einer semantischen, die an die Stelle der poetischen Wortinterpretation treten sollte, scheiterte. Doch aus diesem Scheitern, aus der Trennung von Sinn und Laut entsteht die Metaphysik. In ihrer Übersetzung der griechischen Schriften verlieren die Römer diesen Laut-Zeichen Zusammenhang - und einige Jahrhunderte wird der philosophische Kanon vom Lateinischen in die jeweiligen Nationalsprachen übersetzt, bis schließlich, wie Kittler es formulierte, "die Philosophen begannen, eigene Bücher zum Gebrauch zum Gebrauch in ihren Vorlesungen zu schreiben".

Wie und wann genau der Übergang von den griechischen "elementischen" (Luft, Wasser als Träger) Medien zu den technischen Medien erfolgte, sei eine dringliche Habil-Frage - denn die Computer als "Grenze des Begreifens" machen eine rückwirkende Neu-Konstruktion der Mediengeschichte notwändig. Im abschließenden Teil seines Vortrags sprach Kittler über Heideggers "Rekursion des eigenen Denkens" - in dessen Denkweg habe die Medienblindheit der Philosophie geendet und sei abgelöst worden von einer reflektierten Verschränkung von Mensch und Technik.

Anlässlich des Vortrages gibt's eine Wiederveröffentlichung von Bernhard Rieders Interview mit Friedrich Kittler, Titel: "Es muss ja auch weicher werden" - der Text entstand im Jahr 2000 im Rahmen des Projekts medianexus und war die letzten paar Jahre "offline".
Interview: Es muss ja auch weicher werden.

Siegfried Zielinskis Variantologie

Über die Geschichte des Feuerwerks als öffentliche Aufführung, über mediale Anarchäologien und Variantologie-Forschung sprach Siegried Zielinski heute abend in seinem höchst kurzweiligen Vortrag. Claus Pias, Professor für "Erkenntnistheorie und Philosophie der Digitalen Medien", hatte den deutschen Kuriositätensammler, wie er sich selbst bezeichnet, im Rahmen seines Seminars Was waren Medien? nach Wien eingeladen.

Zielinski studierte Theaterwissenschaft, deutsche Philologie, Linguistik, Soziologie, Philosophie und Politologie in Marburg, an der FU und der TU Berlin und veröffentlichte in den 70ern seine ersten medientheoretischen Arbeiten, 1989 habilitierte er sich im Fach Medienwissenschaften mit der "Geschichte des Videorecorders", dem zahlreiche Veröffentlichungen folgten. Derzeit arbeitet er an einer mit einem internationalen und -diszplinären Forschernetzwerk an einer fünfbändigen Reihe mit dem Titel "Variontoloy" - jährlich erscheint bei Walter König ein Sammelband, Band 1 und 2 sind bereits erschienen.

im Hörsaal der 3D des NIG (neues Institutsgebäude) mischten sich StudentInnen KulturwissenschaftflerInnen, um einem kurzweilig charmanten Vortrag zu lauschen, in dem Zielinski unter Zuhilfenahme illustrativer Overheadfolien seine Forschungsinteressen skizzierte.

Seinen Ansatz bezeichnet der Kulturforscher als "operationale Anthropologie". Ausgehend von Vilém Flusser und Johann Wilhelm Ritter erlärte SZ die Logik der Mediendimensionalität: von der realen 4D-Welt über die 3D-Skulptur, die 2D Zeichung, die eindimensionale Schrift zum 0-dimensionalen Algorithmus verläuft die Logik der Medienentwicklung. Die Medienkunst unterteilt SZ wie folgt:

  1. Kunst vor den Medien
  2. Kunst mit Medien
  3. Kunst durch Medien
  4. Kunst nach den Medien

Diese Einteilungen sind indes keineswegs als strikte Zäsuren zu verstehen: vielmehr bestehen sie nebeneinander und bedürfen einer spezifischen Definition des Begriffs "Medium": dieses sieht SZ als konstruiertes Erkenntnisobjekt, als, wie er elegant sagt, "Verallgemeinerung". Für die Kunst "mit den Medien" ist die Technik "notwändige Voraussetzung des Spektakels". Beispiele dafür wären etwa die in den 80er Jahren populär gewordenen Medienkünstler wie Jodi, Granular Syntheses, Farmers Manual etc.: Code Art verwendet Medien in künstlerischer Intention und als rezeptiven Datenträger. Die "Kunst durch Medien" indes verlässt die Sphäre der Technik als Performanzvoraussetzung: mediale Erfahrung wird hier zur Denk-Voraussetzung der intendierten Rezeptionsform.

(Noch) schwieriger zu definieren ist die "Kunst nach Medien": gemeint ist nicht der Verzeicht auf dieselben, sondern eine Kunstpraxis, die Medien als Hauptattraktion nicht mehr benötigt. Eine Phase, die für den Medienarchäologen natürlich immens schwierig zugänglich ist - da der Blick zurück eben nur auf die Vergangenheit Licht zu werfen vermag, wir uns aber derzeit am Beginn dieser Phase finden.

Die Beispiele, die SZ aus dem reichen Fundus der abseitigen Mediengeschichte zusammentrug, verblüfften ob ihrer ungewohnten Datierung: welcher gelernte Publizist weiß schon, dass Athanasius Kircher im 18. Jahrhundert von "Röhren" bzw. "Kanälen" fantasierte, die Konzerte über weite Entfernungen transportierten sollten? Oder wer hätte vermutet, dass der arabische Naturwissenschaftler Al Haitam im 13. Jahrhundert ein "Mondbeobachtungsgerät" baute, das verschiedene Linsen enthielt, deren "Erfindung" man im allgemeinen dem Venedig des 15. Jahrhunderts zuschreibt? Ein "endloses Rhizom", das sich da auftut, wie Wolfgang Pircher anmerkte - oder eben "Forschungen in der Tiefenzeit", wie Zielinski seine Tätigkeit umschreibt.

Ich konnte natürlich nicht umhin, SZ im Anschluss an den Vortrag nach der Abgrenzung der "Kunst vor den Medien" zu fragen: immerhin transportiert doch jede Kunstform allein schon aufgrund der Notwändigkeit einer abbildenden Permamenz eine Medienbotschaft: dasselbe "Motiv" gemalt mit Ölfarben auf Leinwand oder Bleistift und Papier zeugt von der prä-dispositiven Rolle, die Medien in jeder Form der Kunstvermittlung eben immer zukommt. Und in einem Vortrag, der vom Shannon-Weaver Modell über die Flusser'sche Anthropologie, die McLuhan'schen "Extensions of Man" bis zu Deleuze's Maschinenbegriff reicht, stellt sich unweigerlich die Frage nach der Abgrenzung von Medien hin zur bloßen Technik. Doch Universalitätsanspruch und "Medienformel" sind nicht Zielinskis Forschungsinteresse - in der Tat erinnert seine Methode des Recherchierens in der Tiefenzeit an das McLuhan'sche Paradigma der Probes: als Historiker sammelt er Belege, Medienmaschinen und Installationen ohne dabei zu vergessen, dass die "Verallgemeinerung" Medien eine spezifisches Konstrukt bleibt, dessen Exegeten lernen müssen, mit allen den Widersprüchen und der immanten Vielfalt ihres "lebendigen" Forschungsobjekts zurecht zu kommen. Variantologie eben.

R.I.P.: Jean Baudrillard dissimuliert nie wieder

Jean BaudrillardGestern verstarb der französische Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard nach längerer Krankheit in Paris. Geboren wurde der "große postmoderne Bilderstürmer", wie ihn die SZ nennt, am 20. Juli 1920 in Reims. Seine Text über Simulation und Virtualität gehören zum Standardrepertoire des medientheoretischen Kanons - "Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen" oder "Agonie des Realen" zählen zu den Klassikern der Postmoderne.

Für viele markierte JB immer die allzeit gegenwärtige Position des rückhaltlosen Kulturpessimismus, mittelgut verdeckt vom Mäntelchen französischen postmodernen Sprachpompanzes. Zu Unrecht, wie Florian Rötzer in seinem Nachruf auf telepolis einwendet:

Ihm ging es nicht um Wahrheit, er verstand sich auch nicht als Theoretiker, der etwas beweist, er dachte eher wie ein Dadaist und wollte auch sich mit seinen Denkanschlägen herausfordern oder verführen. Radikales Denken, wie er es angestrebt hat, ist gerade nicht auf Verständnis oder Mitteilung angelegt, es will eine Art Abenteuer sein, eine Entdeckungsreise, die über sich hinausgeht. Ein Kritiker der Medien oder der Konsumgesellschaft, wie man das ihm gerne nachsagt, wollte er gerade nicht sein.

Als ich mit Baudrillards Texten in Berührung kam, schien er mir in einer Traditionslinie zu stehen mit mit Günther Anders, Susan Sonntag und Neil Postman: Kulturpessimismus als offenbar notwändige Begleiterscheinung eines jeden paradigmatischen (Medien)Wandels, oder wie die SZ schreibt:

Das Simulakrum ist wahr. Das war sein Credo. Damit stellt er vertraute Begriffe, über Jahrhunderte etablierte europäische Denksysteme auf den Kopf. Die Realität, als Ursprung und Referenzsystem des Denkens, hat für ihn ausgespielt. Es gibt keine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit mehr, nur noch das Spiel der Zeichen.

Der Text "Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen" im gleichnamigen Merve-Band allerdings bot einen so unkonventionellen Ansatz zum Thema städtische Graffiti, dass ich mich vor einigen Jahren mit Peter nach Graz begab, um Baudrillards Vortrag bei der Eröffnung seiner eigenen Fotoausstellung "Die Abwesenheit der Welt" zu hören. Kurioserweise präsentierte der Kritiker der Bilder damals 100 Farbfotos mit theoretischem Überbau:

Seit Mitte der 80er Jahre, aber verstärkt seit Anfang der 90er fotografiert Baudrillard, vor allem während seiner häufigen Reisen in alle Teile der Welt. Es entstehen Landschaftsaufnahmen, Stadtansichten und Bilder von Objekten und Ensembles, die an klassische Stilleben oder Interieurs erinnern. Zugleich aber entstehen Fotografien in extremen Ausschnitten und Nahansichten, die den jeweiligen Gegenstand des Bildes aufzulösen scheinen, so als wolle der Fotograf seiner Struktur auf den Grund gehen - als sei nicht das Objekt an sich von Interesse, sondern das, was in ihm verborgen liegt. (aus dem Pressetext zur Ausstellung in Kassel)

Die Fotos haben mich weit weniger beeindruckt als der enigmatische Vortrag des Protagonisten, dessen radikale Infragestellung der Kategorien Wirklichkeit und Simulation ihn zum Schlüsselbegriff "Dissimulation" führte. JB verdächtigte die Medien des "perfekten Verbrechens" - darunter verstand er die "Ermordung der Realität". Was sich wie eine semiotische Satire anhört, legte der Philosoph in dem kurzen Merve-Bändchen "Die Agonie des Realen" dar, Zitat:

Denn wenn es auf Grund des Widerstands des uns umgebenden Realen praktisch unmöglich ist, einen simulierten Prozess isoliert zu betrachten, ist es umgekehrt genauso unmöglich, einen realen Prozess zu isolieren oder einen Beweis für das Reale zu erbringen - eben diese Reversibilität macht einen Teil des Simulationsdispositivs und des Unvermögens der Macht aus.

In Das perfekte Verbrechen führt Baudrillard genauer aus, auf welche Weise das von ihm angesprochene Verbrechen begangen wird. Die Formulierung zeigt deutlich, dass hier eine Katastrophe stattfindet - apokalyptisches Denken blieb eben doch stets treuer Begleiter des Franzosen:

Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen.

Zuletzt provozierte er mit seinen Aussagen zum Anschlag auf das World Trade Center Widerstand - leicht verständlich, führt man sich seine Beschreibung terroristischer und krimineller Akte im selben Buch zu Gemüte:

Von daher sind alle Raubüberfälle, Flugzeugentführungen usw. von nun an in gewisser Weise simulierte Vergehen, und zwar insofern, als sie sich von vornherein in die rituelle Dechiffrierung und Orchestrierung der Massenmedien einschreiben und sie in ihrer Inszenierung und ihren möglichen Folgen vorweggenommen werden - kurz, sie funktionieren als ein Ensemble von Zeichen, die einzig und allein ihrer Zeichenrekurrenz dienen und nicht mehr ihrem "realen" Zweck.

Wie jeder Theorie-Popstar besitzt natürlich auch Baudrillard ein Journal, das ganz seiner Arbeit gewidmet ist. Alle Beiträge des seit Jänner 2004 erscheinenden International Journal of Baudrillard Studies gibt's löblicherweise Online im Volltext, zum Beispiel das legendäre Requieum for the Media:

Are the mass media on the side of power in the manipulation of the masses, or are they on the side of the masses in the liquidation of meaning, in the violence perpetrated on meaning, and in fascination? Is it the media that induce fascination in the masses, or is it the masses who direct the media into the spectacle?

Im wikipedia-Artikel findet sich eine umfangreiche Bibliographie sowie zahlreiche weiterführende Links für eigene Baudrillard-Studies.

Nur ein verschwundener Schreiber…

...ist ein postmoderner Autor, so man Deleuze, Guattari und Co. glauben darf. Die Dekonstruktion der auktorialen Autorität, das Zurücktreten und schlußendliche Verschwinden des Autors hinter den seinen Text gilt als eines der Leitmotive und Aktiva postmodernen Kulturschaffens. In einem aktuellen Artikel in Philosophy Now stellt Alan Kirby die Behauptung auf, dass diesesParadigma seiner Historisierung entgegen blickt, und durch kollaborative Arbeit am Text abgelöst wird.

In seinem Essay präsentiert der Oxforder Professor für englische Literatur eine Argumentationslinie, die zugleich die aktuelle Web 2.0 Debatte widerspiegelt: partizipative Medien, die erst im Zusammenspiel mit dem Rezipienten entstehen, verändern die Rolle aller Teilnehmer.

Postmodernism, like modernism and romanticism before it, fetishised [ie placed supreme importance on] the author, even when the author chose to indict or pretended to abolish him or herself. But the culture we have now fetishises the recipient of the text to the degree that they become a partial or whole author of it. Optimists may see this as the democratisation of culture; pessimists will point to the excruciating banality and vacuity of the cultural products thereby generated (at least so far).
[...]
But somewhere in the late 1990s or early 2000s, the emergence of new technologies re-structured, violently and forever, the nature of the author, the reader and the text, and the relationships between them.

Als Pseudo-Modernismus bezeichnet Kirby die Nachfolgeperiode der Postmoderne. Anders als kalifornische Chef-Ideologen sieht der Brite allerdings in erster Linie eine "Verflachung" der Kultur und reiht sich damit in den prominenten Reigen kulturpessimistischer Theoretiker ein.

[...] many academics will simply decide that, finally, they prefer to stay with Foucault [arch postmodernist] than go over to anything else. However, a far more compelling case can be made that postmodernism is dead by looking outside the academy at current cultural production. Most of the undergraduates who will take 'Postmodern Fictions' this year will have been born in 1985 or after, and all but one of the module's primary texts were written before their lifetime. Far from being 'contemporary', these texts were published in another world, before the students were born: The French Lieutenant's Woman, Nights at the Circus, If on a Winter's Night a Traveller, Do Androids Dream of Electric Sheep? (and Blade Runner), White Noise: this is Mum and Dad's culture. Some of the texts (‘The Library of Babel') were written even before their parents were born. Replace this cache with other postmodern stalwarts - Beloved, Flaubert's Parrot, Waterland, The Crying of Lot 49, Pale Fire, Slaughterhouse 5, Lanark, Neuromancer, anything by B.S. Johnson - and the same applies. It's all about as contemporary as The Smiths, as hip as shoulder pads, as happening as Betamax video recorders. These are texts which are just coming to grips with the existence of rock music and television; they mostly do not dream even of the possibility of the technology and communications media - mobile phones, email, the internet, computers in every house powerful enough to put a man on the moon - which today's undergraduates take for granted.

Postmoderne Tendenzen seien aus moderner Literatur, aus Kinoserien und aus dem Fernsehen verschwunden - mit wenigen nicht gerade schmeichelhaften Ausnahmen:

The only place where the postmodern is extant is in children's cartoons like Shrek and The Incredibles, as a sop to parents obliged to sit through them with their toddlers. This is the level to which postmodernism has sunk; a source of marginal gags in pop culture aimed at the under-eights.

In kontemporären Fernsehformaten wird die Zuseherbeteiligung zur conditio sine qua non - der Vergleich mit Andy Warhols Filmen überrascht, trifft imho aber ganz gut:

If it were not possible for viewers to write sections of Big Brother, it would then uncannily resemble an Andy Warhol film: neurotic, youthful exhibitionists inertly bitching and talking aimlessly in rooms for hour after hour. This is to say, what makes Big Brother what it is, is the viewer's act of phoning in.
[...]
A pseudo-modern text lasts an exceptionally brief time. Unlike, say, Fawlty Towers, reality TV programmes cannot be repeated in their original form, since the phone-ins cannot be reproduced, and without the possibility of phoning-in they become a different and far less attractive entity. If scholars give the date they referenced an internet page, it is because the pages disappear or get radically re-cast so quickly.
[...]
The purely 'spectacular' function of television, as with all the arts, has become a marginal one: what is central now is the busy, active, forging work of the individual who would once have been called its recipient. In all of this, the 'viewer' feels powerful and is indeed necessary; the 'author' as traditionally understood is either relegated to the status of the one who sets the parameters within which others operate, or becomes simply irrelevant, unknown, sidelined; and the 'text' is characterised both by its hyper-ephemerality and by its instability.

Unweigerlich erinnert diese Passage an die Diskussion über "interaktive" Fernsehformate und die Relevanz des sogenannten "Rückkanals". Wäre Interpassivität nicht bereits ein psychologischer Fachausdruck, so träfe dieser Terminus wohl eher zu. Ich denke, dass zwischen "the one who sets the parameters" und "simply irrelevant" allerdings ein riesengroßer Unterschied besteht: jede Online-Aktivität, jedes Spiel lässt eben nur gewisse vorgesehene Freiheitsgrade zu. Vilém Flusser hat die Natur digitaler Simulation, ihre Diskretheit als genuines Merkmal, so elegant beschrieben wie kein zweiter. Unter Flusser'schen Prämissen besteht zwischen Second Life und Solitaire Online nur ein gradueller, jedoch keinesfalls ein genuiner Unterschied - das liegt in der Natur der technischen Beschränkung aller Simulationen.

Stark verkürzt: tatsächliche Interaktivität wird erst möglich, wenn beide beteiligten Systeme, also "Spiel" und User, denselben Komplexitätsgrad aufweisen - daher üben Multiplayer Games einen ganz anderen Reiz aus als das Duell gegen den Siliconchip. Insofern könnte man den bekannten Turing-Test heranziehen. Denn der Ansatz, Intelligenz nicht zu definieren, sondern ununterscheidbar zu demonstrieren, verweist genau auf diesen Komplexitätsfaktor. Zwischen "völlig vorhersehbarer" und "schwer durchschaubarer" Reaktion liegt freilich ein breites Spektrum, das unter anderem eine ganze Reihe von Medienkünstlern zu spannenden Experimenten mit umgemodelten 3D-Shootern inspirierte. Bei klassischen Brettspielen etwa geht's darum, zuerst die Regeln zu lernen und im Verlauf des Spielens eventuell gewisse Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Digitale Spiele dagegen werfen den Protagonisten häufig mit einem minimalen Set an Infos ins Geschehen, und ein beträchtlicher Teil des Spielaufwands besteht darin, erst einmal die "Regeln" herausfinden. "Spielspaß" garantiert dabei nur das sorgfältige Austarieren der Reaktionen des Settings auf die Erwartungshaltung des Spieler. In einer vage ähnlichen Situation findet sich der Benutzer moderner Webapplikationen:

The majority either require the individual to make them work, like Streetmap or Route Planner, or permit him/her to add to them, like Wikipedia, or through feedback on, for instance, media websites. In all cases, it is intrinsic to the internet that you can easily make up pages yourself (eg blogs).

Ob man die Blogosphere als inzestuöse Schaubühne für mehr oder weniger begnadete Selbstdarsteller ansieht oder als das neue politische Relevanzmedium der kommenden Jahre, spielt für die Punkte, auf die der völlig unkollaborative Text hinweist, eigentlich keine Rolle: das vorherrschende Paradigma der Partizipation tritt überall dort deutlich zu Tage, wo momentan die Wachstumsraten zuhause sind - hier gibt die aktuelle Entwicklung der beliebter Internetservices dem Autor, der aus Beobachtungen im übrigen bloß dezente qualitative Schlüsse zieht, völlig recht.

In postmodernism, one read, watched, listened, as before. In pseudo-modernism one phones, clicks, presses, surfs, chooses, moves, downloads. There is a generation gap here, roughly separating people born before and after 1980. Those born later might see their peers as free, autonomous, inventive, expressive, dynamic, empowered, independent, their voices unique, raised and heard: postmodernism and everything before it will by contrast seem elitist, dull, a distant and droning monologue which oppresses and occludes them. Optimists may see this as the democratisation of culture; pessimists will point to the excruciating banality and vacuity of the cultural products thereby generated (at least so far).

Kirby schließt seinen Text also mit einer kurzen Umschreibung des neuen Generation Gaps, den er als Folge des Medienwandels verortet - und wie der letzte Satz nahelegt: alles bleibt eine Frage von Auslegung und persönlichem Geschmack - die Tendenz ist klar erkennbar, ihr Ergebnis liegt im Nebel zukünftiger kollaborativer Kulturwissenschaft :-)

Alan Kirby: The Death of Postmodernism and Beyond

1x Willkommen in 2007 + 1 Schreibtisch-Stöckchen

Schreibtisch Nachdem der Jahreswexel hoffentlich gut überstanden worden ist, hören wir nun kollektiv wieder auf zu rutschen - neue Projekte wollen angegangen werden, und für die braucht's einen festen Stand. Nicht alles konnte im letzten Jahr erledigt werden: Sting etwa trat noch immer nicht für einen schlechten Zweck auf, obwohl schon über 50 Euro auf monochroms Projektkonto eingelangt sind!

Aber vorher noch die Überbleibsel von 2006 abarbeiten, als da wäre: das Stöckchen aus dem Nichts: Stephan Kotterba hat's mir geschickt - und wollte ein Foto von meinem Schreibtisch. Doch doch, ich schwör, ich hab das Stöckchen bekommen - aber leider ist Stephans Datenbank futsch und damit auch der ursprüngliche Artikel. Was mich nun aber nicht davon abhält, das Bild dennoch zu veröffentlichen und das mysteriöse Stöckchen, dessen Herkunft der entropische Mysql Mahlstrom gefressen hat, weiterzureichen an:

Zeigt her eure Schreibtische! Im Zeitalter der 2-Megapixel-Kameras gibt's ja wirklich keine Flucht mehr vorm Alltagsvoyeurismus :-) Ich bin gespannt.

So, hier ist also meiner, und er geht um die Ecke. Also vermute ich mal stark, dass ich den längsten hab:

Schreibtisch

Update: Aci und Oldschool haben das Stöckchen ebenfalls gefangen.

Über Fotografie als Übersetzungsspiel

In seinem aktuellen Essay "Produzieren und Prozessieren von Bildern" schreibt der Kulturphilosoph Frank Hartmann eine Diskussion um die Fotografie fort, die den Abbildungscharakter des Bildes nachhaltig in Frage stellt. Der Essay bewegt sich in der Tradition von Walter Benjamin und Vilém Flusser, die in ihren Schriften stets auf die Spezifika technisch generierter Bilder hinwiesen - diese seien eben gerade keine Abbilder der Wirklichkeit, sondern wirken als Resultat ihrer technischen Bedingtheit konstitutiv und schaffen je spezifische Realitäten.

Kennzeichnend scheint jedenfalls der blinde Fleck des Menschen in der Wahrnehmung seiner eigenen Maschine: erst die Möglichkeit der Manipulation (zB eine Fotomontage) weckt Misstrauen gegenüber dem stummen Zeugen - dass eine zweidimensionale Abbildung auf einem wenige Zentimter großen Fotoprint etwa keineswegs so aussieht wie ihr Motiv, bleibt häufig systematisch ausgeblendet. Anekdotisch wird auf diese Tatsache häufig hingewiesen, wenn der unbedarfte, als unkultivierte Betrachter eines Fotos fragt, ob die abgebildeten Menschen denn wirklich nur wenige Zentimeter groß seien.

Also nicht erst die algorithmisch errechneten Bilder sind demnach in die Sphäre der Alternate Worlds zu verweisen - Fotografie und noch früher die Malerei generieren je spezifische Bildwelten und enthalten Möglichkeitshorizonte, deren Auslotung Künstler und Philosophen beschäftigt. In seinem Essay zeichnet Hartmann den Statuswandel der Fotografie vom "Zeugen der Wirklichkeit" hin zu einem Techno-Bild-Generator nach und garniert diesen mit einigen hintergründigen Illustrationen:

[Die Unterscheidung zwischen fiktiven und realen Bilderbn] ...ist aber nicht immer so klar, wie das nächste Beispiel zeigt: das Bild vom "Deep Field" des Hubble Space Telescope. Zehn Tage lang hat das Weltraumteleskop einen winzigen Ausschnitt im All belichtet, einen Ausschnitt, der hart an der Grenze des Auflösungsvermögens des menschlichen Auges liegt. Und siehe da, das Bild ergab geschätzte 2000 Galaxien. Das Bild? Die 1996 veröffentlichte Fotografie war wiederum ein "processed image", eine Computermontage von 276 Einzelaufnahmen, die immerhin die Astronomen zu neuer Schätzungen angeregt hat: so heißt es nun, das Universum bestehe nicht aus 10, sondern aus 50 Milliarden Galaxien (vgl. Panek 2004).

Die Druckfassung des Beitrags erschien kürzlich im Rundbrief Fotografie [Vol. 13 (2006), No.3, S.17-20], die vollständige Version des Essays gibt's auf der Homepage des Autors (medienphilosophie.net):

Frank Hartmann: Produzieren und Prozessieren von Bildern
Zitat-URL http://www.medienphilosophie.net/texte/fotografie.html