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Artikel-Schlagworte: „Nachruf“

Rest In Pixel, Florian Hufsky

Bin gerade von einer Party nach Hause gekommen und musste soeben die Nachricht über den Tod Florian Hufskys lesen. Der Gründer der Österreichischen Piratenpartei hat in unserer kleinen alpenrepublikanischen Informationsgesellschaft immens viel bewegt. Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, Florian persönlich kennen zu lernen und war über sein Engagement für den österreichischen Ableger der Piratenpartei immens begeistert. Mein tiefstes Beileid an die Hinterbliebenen - es ist traurig und zutiefst deprimierend, dass Florian so jung aus dem Leben scheiden musste.

Florian

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Nachruf: Der Moonwalk stirbt mit Michael Jackson

Michael Jackson verstarb in der vergangenen Nacht in seinem Haus in Los Angeles. Im Alter von 50 Jahren erlag der "King of Pop", so die offizielle Todesursache, einem plötzlichen Herzstillstand. Knapp einen Monat vor der geplanten Comeback-Konzertserie, die am 13. Juli in London hätte beginnen sollen, endet damit eine der schillerndsten, widersprüchlichsten und radikalsten Pop-Karrieren des vergangenen Jahrhunderts.

Viele Medien berichteten von einer langjährigen Abhängigkeit von Schmerzmitteln, bereits die letzten Fernsehauftritte hatten vermuten lassen, dass es um die Gesundheit Jacksons nicht zum besten stand. Jacksons früherer Assistent Michael Levine fand deutliche Worte für ein Unbehagen, das selbst ultimativer Erfolg nicht stillen konnte:

Jackson sei "seit Jahren auf einer unglaublich schwierigen und oft selbstzerstörerischen Reise" gewesen. Sein Talent sei "zweifellos ebenso groß gewesen wie sein Unbehagen mit den Normen dieser Welt". Niemand könne "dieses Niveau von dauerhaftem Stress ertragen".

Quincy Jones, der "Thriller", das erfolgreichste Album des 20. Jahrhunderts, produzierte, sieht in Jackson den perfekten Entertainer, Madonna konnte nicht mehr aufhören zu heulen und sogar Rapper die LL Cool J bezeichnen Jacko als einen ihrer wichtigsten Einflüsse. Ein Gesamtkunstwerk, dessen Ecken und Kanten immer deutlicher hervortraten, je mehr Schönheits-OPs die Konturen seines Gesichts bis zur androgynen Kindlichkeit reduzierten. Ein mindestens zwiespältiges Verhältnis zu Minderjährigen, Misshandlungen durch den Übervater-Manger in der eigenen Kindheit, "unmögliche" Moonwalk-Moves mit Haken an den Schuhen und Ösen im Boden, Desorientiertheit bis hin zur sozialen Regression: die Grenzen zwischen Realität und Kunstfigur verschwommen nicht bloß in den pompösen Videoclips jenes Mannes, der mit seiner Musik Millionen verzaubern, sich selbst aber nie so richtig heimisch fühlen konnte.

Warum "King of Pop"?

Neben der Selbst-Inthronation (King Brit, The Kings, King Fisher, Kaiser Chiefs) kennt die Popwelt nur einen gültigen Weg zu Adelsehren, und der läuft über den Verkauf. Die Beatles schlägt der weißeste schwarze aller Zeiten in Gesamtabsatzzahlen zwar bei weitem nicht, doch wie Stefan Niederwieser im gap so treffend schreibt, wurde Jacko zum Symbol einer Generation:

Kein Album hat sich so oft verkauft wie "Thriller". Keine Musik des 20. Jahrhunderts wird dementsprechend so universell geschätzt, wie die Musik von Michael Jackson. Denn es gibt Musik, die in den USA ähnlich erfolgreich war, aber quer über den restlichen Erdball ist Michael Jackson der großartigste gemeinsame Nenner zwischen den Kulturen und so etwas wie eine allgemein verständliche Chiffre US-amerikanischer Kultur.

Doch zum Symbol wofür eigentlich? Jeglicher kunstästhetische Blick zeigt vor allem die erratische Suche nach eigener Identität, das Pendeln zwischen den Polen Funksoul, Rock und Kostümzirkus. MJ konnte niemals in erster Linie als Person existieren, dazu fehlten ihm als pop-kulturelle Identifikationsfigur schlichtweg jegliche ideologischen Inhalte. Und selbst in den letzten Woche wohnte seinen mit zittriger Stimme an die "Fans" gemachten Versprechen eine Absurdität inne, die ihnen umso mehr Gravität verlieht: denn diese "Jacko Nation", diese beispiellose Anbetung durch Millionen Musikfans weltweit hatte nur einen gemeinsamen Nenner, und zwar Jackson als Kunstfigur, als Tänzer, vor allem aber Sänger.

Man könnte behaupten, MJ habe die bis dato unmögliche Quadratur des Kreises in die Musikwirtschaft eingebracht und als einer der ersten Pop-Könige die Form rückstandslos vom Inhalt abgelöst. Die konsequente Verlagerung jeder Aussage-Ebene auf die Projektionsoberfläche (und in der Tat wurde MJs Gesicht im Lauf der Jahre immer Leinwand-weißer) des eigenen Körpers machte den King of Pop zum idealen "Partner in Crime" einer Musikindustrie, die sich im Zeitalter des nachlassenden One-Hit-Wonder Prinzips neue Erschließungsquellen überlegen musste.

Dass Jackos Vater die Jacksons Five als Königs- und Spielmacher, als gnadenloser
Kinderschinder, wie es immer hieß, in frühen Tagen installierte, war gewiss
wegweisend. Ob die Spinnereien des gekrönten Königs, seine schönheitsoperativen Obsessionen einer selbstzerstörerischen Überlebens-Unfähigkeit oder einem genialen Umgang mit der langjährigen Wieder-Inszenierung des eigenen Mythos zu tun haben, kann niemand wissen. Hier endet die "Informierungsfunktion" der Medien, oder besser gesagt: hier räumt sie willig das Feld der Imagination für jede Form der Mythenbildung.

Die konsequente Fortsetzung des Aufpumpens einer überlebensgroßen Identifikationsfigur musste früher oder später scheitern, war in jedem Augenblick der permanenten Gefahr der Lächerlichkeit ausgesetzt. Michael Jackson tat in den letzten alles, um den eigenen Mythos nachhaltig zu demontieren, und hier zeigt sich ein allerletztes Mal die überlebensgroße Magie des Mythos: rein ökonomische Motive hätten einen gesundheitlich ohnehin schwer angeschlagenen Jackson dazu bewogen, mit einer groß angelegten Konzertserie (mit Tonträgerverkauf ist mittlerweile wirklich kein Staat mehr zu machen) den eigenen Schuldenberg zu tilgen: Häme und Spott allenthalben.

Im Alter von 12 bis 13 Jahren war ich überzeugter MJ-Fan, ja sogar "Moonwalker", das floppige Doku aus Michaels Welt, hab ich mich im Kino angeschaut (und furchtbar gefunden). Und trotz aller Cheesyness, die man braucht, um King of Pop zu werden: Songs wie "Beat it", "Bad" oder "Billie Jean" stellten für mich ebenso wie für viele andere Neo-Teilnehmer am Popkulturspiel die ersten ernsthaften Berührungspunkte mit Black Music dar. Trotz aller der Vorbehalte treten die Absurditäten leise in den Hintergrund, wenn die Lautsprecher den fantastischen Beat von "Billie Jean", "Bad" oder "Thriller" durch den Raum pumpen. Danke, Michael. Dafür werden wir Dich immer lieben.

ATV bringt Doku über Jörg Haider

Die Füchse raunen's von den Dächern: der österreichische Privatsender ATV arbeitet an einer Dokumentation über das Leben, Streben und Wirken des vor wenigen Monaten überraschend verunglückten österreichischen Politikers. Auf Youtube tauchte ein erster Trailer auf, den ich einfach mal unkommentiert stehen lassen möchte:

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Nachruf: Christoph Moser wird mir fehlen

RIP Christoph MoserWir Web-Geeks sind es gewohnt, große Mengen an Information zu scannen, zu überfliegen, zu sortieren. Es ist gemein, hinterhältig und eine Scheiß-Zeit am Freitag um 23:33, wenn man plötzlich völlig unerwartet auf einem Blog vom Tod eines guten Bekannten erfährt. Ich habe diese furchtbare Nachricht gerade bei den Supercity-Jungs gelesen: am 2. Dezember ertrank Christoph beim Tauchen - er, der klimatisch harte Tiroler Bursche, hat seinen Winterurlaub unter vietnamesischer Sonne verbracht. Christoph Moser war ein beträchtlicher Teil des Herzens und der Seele des österreichischen Indie-Vertriebs "Hoanzl" und er wird einem riesigen Personenkreis fachlich, vor allem aber menschlich sehr fehlen.

Ich werde nie vergessen, mit welcher Begeisterung mir Christoph vom ersten Dancehallfieber-Sampler erzählte, oder wie einzigartig blitzschnell er eine Zigarette in einer Hand drehen konnte - das habe er in Tirol am Schlepplift gelernt, hat er mir erzählt. Vor seiner Arbeit bei Hoanzl war Christoph ein bunter Vogel beim ORF Tirol, der einen beträchtlichen Teil der hiesigen Jugend mit seinen Konzerten erstmals mit dem Phänomen Hip Hop in Kontakt brachte. Diese Liebe zum Sprechgesang und zu Reggae zog sich durch seine gesamt berufliche Karriere. Ich hatte im Lauf meiner Redakteurs-Jahre beim gap und später auch durch datenschmutz immer wieder mit Christoph zu tun, ich bin froh und dankbar, dass ich diesen sympathischen, ruhigen, verlässlichen und klugen Zeitgenossen kennen lernen durfte. So verfehlt es einerseits scheinen mag, in einer derartigen Situation von Trost zu sprechen, so sehr bin ich mir doch sicher, dass Christoph die Urlaubstage vor seinem raschen und unerwarteten Ableben genossen hat. Denn im Gegensatz zu den meisten Menschen hatte er eine Gabe, die so viele unterschätzen und die doch mehr zum persönlichen Glück beiträgt als Geld und Gut: Christoph konnte zufrieden sein. Er wirkte auf mich immer ausgesprochen gut gelaunt, optimistisch und begeistert - und genau so werde ich ihn in Erinnerung behalten.

Nachrufe über sein popkulturell prägende Leben haben unter anderem Boris Jordan bei FM4 und Thomas Weber auf the gap veröffentlicht. Ich wünsche Christophs Familie und allen, die ihn gekannt haben, herzliches Beileid.

Blogistan Panoptikum Woche 50 2k7

Die Zeit vergeht nahezu so schnell, wie Einstein berechnet hat - und bedenkt man, dass man aus erster Hand ja nur die eigene Lebenszeit als subjektive Vergleichsmessgröße zur Hand hat, so wird der Unterschied schnell klar: für einen Zehnjährigen entspricht ein Jahr einem Zehntel seines Lebens, für einen Fünfzigjährigen nur noch einem Fünfzigstel. Kein Wunder also, dass die Jahre mit jedem Geburtstag immer rasanter dahin galoppieren - da kommt X-Mas und die damit einhergehende Besinnlichkeit gerade recht.

RIP Soul Seduction

Der ehemals größte Wiener Elektronik-Vertrieb inklusive dem legendären Black Market Shop ist nicht mehr. Am Samstag erfuhren die MitarbeiterInnen quasi in Echtzeit von der Schließung; das Ende der Seelenverführung dürfte wohl gravierenden Impact auf viele Labels haben, nicht zuletzt g-stone Recordings und Klein Records. Peter ist geschockt, Phekt hat einen Nachruf für fm4 verfasst und Martin hat ein paar interessante Gedanken zum Thema "Kommen und gehen" gesammelt.

Praise Jeebus!

Zu Weihnachten können ein paar spirituelle Kernwerte bekanntlich nicht schaden, doch in unserer Zeit der verwirrenden religiösen Multitude weiß keiner mehr, ob er in punkto Erlösung lieber auf Allah, Gott, Buddha oder seinen lokalen Schamanen setzen soll. Und nun kommt noch eine Splittergruppe hinzu, die die Wahl erschwert: die Church of Jeebus betet den einzig wahren Sohn Gottes an, denn Jesus sei ein Schwindler, sagen sie. Auf jeden Fall hat die CoC die besseren Songtexte - praise Jeebus!

Die for me Jeebus,
Eaten by crocodiles Jeebus,
I have sinned,
You have not,
So die for me Jee-ee-eebus.
Give your life for me Jeebus,
Die and come back Jeebus,
I am weak,
You are strong,
So die for me Jee-ee-eebus.

Thank you so much Jeebus,
For dying for me, Jeebus,
I am bad,
You are good,
So die for me Jee-ee-eebus.
I'll drink your blood, Jeebus,
I'll eat your flesh, Jeebus,
I taste bad,
You taste good,
So die for me Jee-ee-eebus.

Schwunghafter Handel mit Google-Konten

Wie Jermey berichtet, liegt der momentane Preis für einen Adwords Account bei 4,95 - dafür bekommt man 50 Dollar Guthaben. How'd that go?

A person could get a Virtual Credit Card for less than $10 (if not free) then use $25-$250 Adwords coupons. Here is a link for free $50 in Adwords (from Yahoo Small Business) for new accounts. So if you make a new account with a Visa Gift Card with $5 on it then use a $50 Adwords voucher x 20 accounts you have $1100 to spend and have only invested $100.

Soviel zum Thema Arbitrage und Geld aus dem Nichts generieren... wie wär's mit 500 Dollar Adword-Guthaben als Weihnachtsgeschenk? Verkauft werden die Dinger am virtuellen Punsch-Stand um die Ecke.

Lassen Sie sich hawaiianisch entspannen!

Pamela kann das, und zwar mittels zweier Massagetechniken aus der Huna-Philosophie: Lomi Lomi Nui steht für hawaiianische Körperarbeit mit viel Öl, Kahi Loa ist die Bezeichnung für die Körperarbeit mit den Elementen Feuer, Wasser, Wind, Stein, Pflanze, Mensch und Tier. Wer noch ein Last-Minute Weihnachtsgeschenk für eine/n WienerIn braucht, schickt eine E-Mail an phoenixe [at] chello.at. Ich hoff, ich kann demnächst mal aus erster Hand berichten :mrgreen:

Dirt Explosions

Damit bleibt mir nur mehr, zwei extrem weihnachtliche Videos zu präsentieren - einmal das 170kB Demo "Debris" der Gruppe Farbrausch, mehr Details dazu gibt's bei Max:

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Und dann quasi dasselbe nochmal in naturalistisch - so schmeckt nur die Original Wiener Bombe:

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In diesem Sinne wünsche ich ein Weihnachtsfest der explosiven Emotionen und unbrennbaren Tannenbäume - mehr zum datenschmutz X-Mas Special gibt's dann morgingentags.

R.I.P.: Jean Baudrillard dissimuliert nie wieder

Jean BaudrillardGestern verstarb der französische Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard nach längerer Krankheit in Paris. Geboren wurde der "große postmoderne Bilderstürmer", wie ihn die SZ nennt, am 20. Juli 1920 in Reims. Seine Text über Simulation und Virtualität gehören zum Standardrepertoire des medientheoretischen Kanons - "Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen" oder "Agonie des Realen" zählen zu den Klassikern der Postmoderne.

Für viele markierte JB immer die allzeit gegenwärtige Position des rückhaltlosen Kulturpessimismus, mittelgut verdeckt vom Mäntelchen französischen postmodernen Sprachpompanzes. Zu Unrecht, wie Florian Rötzer in seinem Nachruf auf telepolis einwendet:

Ihm ging es nicht um Wahrheit, er verstand sich auch nicht als Theoretiker, der etwas beweist, er dachte eher wie ein Dadaist und wollte auch sich mit seinen Denkanschlägen herausfordern oder verführen. Radikales Denken, wie er es angestrebt hat, ist gerade nicht auf Verständnis oder Mitteilung angelegt, es will eine Art Abenteuer sein, eine Entdeckungsreise, die über sich hinausgeht. Ein Kritiker der Medien oder der Konsumgesellschaft, wie man das ihm gerne nachsagt, wollte er gerade nicht sein.

Als ich mit Baudrillards Texten in Berührung kam, schien er mir in einer Traditionslinie zu stehen mit mit Günther Anders, Susan Sonntag und Neil Postman: Kulturpessimismus als offenbar notwändige Begleiterscheinung eines jeden paradigmatischen (Medien)Wandels, oder wie die SZ schreibt:

Das Simulakrum ist wahr. Das war sein Credo. Damit stellt er vertraute Begriffe, über Jahrhunderte etablierte europäische Denksysteme auf den Kopf. Die Realität, als Ursprung und Referenzsystem des Denkens, hat für ihn ausgespielt. Es gibt keine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit mehr, nur noch das Spiel der Zeichen.

Der Text "Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen" im gleichnamigen Merve-Band allerdings bot einen so unkonventionellen Ansatz zum Thema städtische Graffiti, dass ich mich vor einigen Jahren mit Peter nach Graz begab, um Baudrillards Vortrag bei der Eröffnung seiner eigenen Fotoausstellung "Die Abwesenheit der Welt" zu hören. Kurioserweise präsentierte der Kritiker der Bilder damals 100 Farbfotos mit theoretischem Überbau:

Seit Mitte der 80er Jahre, aber verstärkt seit Anfang der 90er fotografiert Baudrillard, vor allem während seiner häufigen Reisen in alle Teile der Welt. Es entstehen Landschaftsaufnahmen, Stadtansichten und Bilder von Objekten und Ensembles, die an klassische Stilleben oder Interieurs erinnern. Zugleich aber entstehen Fotografien in extremen Ausschnitten und Nahansichten, die den jeweiligen Gegenstand des Bildes aufzulösen scheinen, so als wolle der Fotograf seiner Struktur auf den Grund gehen - als sei nicht das Objekt an sich von Interesse, sondern das, was in ihm verborgen liegt. (aus dem Pressetext zur Ausstellung in Kassel)

Die Fotos haben mich weit weniger beeindruckt als der enigmatische Vortrag des Protagonisten, dessen radikale Infragestellung der Kategorien Wirklichkeit und Simulation ihn zum Schlüsselbegriff "Dissimulation" führte. JB verdächtigte die Medien des "perfekten Verbrechens" - darunter verstand er die "Ermordung der Realität". Was sich wie eine semiotische Satire anhört, legte der Philosoph in dem kurzen Merve-Bändchen "Die Agonie des Realen" dar, Zitat:

Denn wenn es auf Grund des Widerstands des uns umgebenden Realen praktisch unmöglich ist, einen simulierten Prozess isoliert zu betrachten, ist es umgekehrt genauso unmöglich, einen realen Prozess zu isolieren oder einen Beweis für das Reale zu erbringen - eben diese Reversibilität macht einen Teil des Simulationsdispositivs und des Unvermögens der Macht aus.

In Das perfekte Verbrechen führt Baudrillard genauer aus, auf welche Weise das von ihm angesprochene Verbrechen begangen wird. Die Formulierung zeigt deutlich, dass hier eine Katastrophe stattfindet - apokalyptisches Denken blieb eben doch stets treuer Begleiter des Franzosen:

Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen.

Zuletzt provozierte er mit seinen Aussagen zum Anschlag auf das World Trade Center Widerstand - leicht verständlich, führt man sich seine Beschreibung terroristischer und krimineller Akte im selben Buch zu Gemüte:

Von daher sind alle Raubüberfälle, Flugzeugentführungen usw. von nun an in gewisser Weise simulierte Vergehen, und zwar insofern, als sie sich von vornherein in die rituelle Dechiffrierung und Orchestrierung der Massenmedien einschreiben und sie in ihrer Inszenierung und ihren möglichen Folgen vorweggenommen werden - kurz, sie funktionieren als ein Ensemble von Zeichen, die einzig und allein ihrer Zeichenrekurrenz dienen und nicht mehr ihrem "realen" Zweck.

Wie jeder Theorie-Popstar besitzt natürlich auch Baudrillard ein Journal, das ganz seiner Arbeit gewidmet ist. Alle Beiträge des seit Jänner 2004 erscheinenden International Journal of Baudrillard Studies gibt's löblicherweise Online im Volltext, zum Beispiel das legendäre Requieum for the Media:

Are the mass media on the side of power in the manipulation of the masses, or are they on the side of the masses in the liquidation of meaning, in the violence perpetrated on meaning, and in fascination? Is it the media that induce fascination in the masses, or is it the masses who direct the media into the spectacle?

Im wikipedia-Artikel findet sich eine umfangreiche Bibliographie sowie zahlreiche weiterführende Links für eigene Baudrillard-Studies.

UPDATE: Alfred Worm verstorben

Österreichs "Aufdecker der Nation" ist in der Nacht von gestern auf heute unerwartet verstorben, wie der ORF berichtet. Herzprobleme waren der Grund für das Dahinscheiden der Journalistenlegende im 62. Lebensjahr. Seine Berühmtheit gründete sich auf die Überzeugung, dass Journalismus weit mehr tun müsse als nur Pressemeldungen abzuschreiben, dass nur mit sorgfältiger Recherche und viel Eigeninitiative die Medien zur vierten Gewalt in der Demokratie werden und als Korrektiv funktionieren könnten.

Investigativen Journalismus nennt man das Feld, in dem Herr Worm vor allem durch die Aufdeckung der Schmiergeldaffäre im Zusammenhang mit dem Bau des Wiener Allgemeinen Krankenhauses bekannt wurde. Sabrina hat einen Nachruf verfasst, aus dem hier zitiere:

ich durfte alfred worm einmal in einer lehrveranstaltung am institut für publizistik erleben. seine leidenschaft für den beruf, sein mut, den dingen auf den grund zu gehen, nicht locker zu lassen und für die eigene meinung zu kämpfen, auch wenn sie polarisiert, waren sehr beeindruckend. als jahrelanger chefredakteur von "news" war ihm die unvereinbarkeit von wirtschaftlichen zwängen und qualitätsjournalismus durchaus bewusst, dennoch hat er sich immer bemüht, dass trotzdem das möglich beste dabei herauskommt. erst vor kurzem wurde er zum in einer gala als "journalist des jahres 2006" ausgezeichnet.
der österreichische journalismus verliert einen herausragenden vertreter. was bleibt ist sein vermächtnis, themen trotz zeitdruck nicht nur oberflächlich zu behandeln und wenn es nötig ist auch mal jemanden auf die füße zu treten. zumindest starb er so, wie es sich wohl jeder wünschen würde: er schlief in seinem bett ein und wachte nicht mehr auf.

Update: Am Österreich-Blog der Zeit veröffentlichte Florian Klenk einen kurzen, aber sehr treffenden und berührenden Nachruf:

Manchmal saß er auch unten im Café in der Wiener Marc Aurelstraße, wo einst das profil und heute noch der Falter beheimatet sind. Wenn dem kleinen Falter ein journalistischer Coup gelang, dann streckte er den Daumen nach oben und gratulierte . Das machte stolz. Weil Alfred Worm soetwas wie ein public watchdog der unterentwickelten österreichischen Demokratie war.
Seine persönliches Drama war, dass er seine letzte Heimat nur bei News finden konnte und wollte. Die Zeitschrift schlachtet heute auf ihrer Webpage sogar seinen Tod aus.

R.I.P., Lily Munster

Yvonne De Carlo verstarb am Montag in Los Angeles. Die langjährige Darstellerin der Lily in der "The Munsters" wurde neben ihrer legendären Darstellung der verschrobenen Mutter, die wohl in mehrfacher Hinsicht als ein Prototyp kontemporärer Seriencharaktere gilt, vor allem durch ihre Rolle als Moses' Frau in "Die 10 Gebote" bekannt. Den ersten Nachruf gibt's auf CNN.