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Blogistan Panoptikum KW33 2009

Fast allen großen Religionen dieser Welt gilt der Sonntag als der Tag des Blogistan-Panoptikums. Da machen auch wir atheistischen Laizisten keine Ausnahme und zelebrieren die Tradition mit dem gemeinsamen Rückblick von Linzerschnitte und datadirt auf sieben Tage ganz normalen Social Media Wahnsinn. Von während der Wehen twitternden Twitter-Gründer Ehefrauen bis zur specklastigen Feinkostabteilung reicht das Themenspektrum, kurzum: dieses Panoptikum hat wieder mal alles, also ohne weitere Ausschweifungen direkt in medias res:

Codename: Project Retweet

Judith aka Linzerschnitte ritchie aka datadirt Am 13. August brachte Mashable die Breaking News: Project Retweet verhilft der altbekannten Best-Practice zu offiziellem Feature-Status. Beim Retweeten setzt man ein “RT” an den Beginn der weiterzuleitenden Nachricht, in gewisser Weise handelt es sich um ein Äquivalent der E-Mail-Forwarding-Funktion (z.B. RT @linzerschnitte oder RT @datadirt). Retweets könnten sich – analog zu Backlinks bei Google – zu einer Art Twitter-Popularitäts-Währung entwickeln, die Integration die API und in weiterer Folge in 3rd Party Apps ist daher ein logischer Schritt. Noch sind aber nicht alle Details bekannt:

1. You can see if someone retweets a link with a small line that says “Retweeted by ___” under the tweet and the time when the tweet was sent.
2. Hovering over a tweet will soon make two options appear: Reply and Retweet. Reply is already supported by Twitter – it’s that little arrow that appears on the right when you hover over a tweet.
3. Clicking on the “Retweet” button will confirm if you really want to retweet this tweet to all of your followers
4. The retweet is done. It apparently shows the people that have retweeted it in your timeline. We’re unsure as to how many people can be listed in the “Retweeted by” section of any tweet.

Journalistische Qualitätsmaßstäbe

ritchie aka datadirt Früher: Check, Cross-Check, Re-Check, Double-Check Jackson, wie die Zeitungswissenschaftler zu sagen pflegten. Heute dagegen: Retweet, Retweet, Nix-Check. Denn wie digiom richtig stellt:

NEIN, Sony hat KEINE Selbsthilfegruppe für Social Media-Abhängige gegründet! Das wäre eine eigene Studie wert: Inwieweit stimmen geretweetete Kurzdarstellungen mit der tatsächlichen Nachricht überein? Recht häufig klafft dazwischen eine gewaltige Lücke – z.B. auch in dem von Nicole Kolisch analysierten Fall ‘Twittensnobelpreis’, in dem Mark Pfeifle, “ein (ehemaliger) Sicherheitsberater der (ehemaligen) US-Regierung” vorgeschlagen hatte, dass Twitter für den Friedensnobelpreis nominiert werden solle. Was wurde re-re-re-tweetet? “Twitter für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.” Klingt natürlich toll – da ehemalige Sicherheitsberater aber noch immer nicht das Vorschlagsrecht bei der Vergabe des Friedensnobelpreises haben, war’s natürlich Blödsinn.

Sehr lesenswertes Posting über multiple Social Media Wahrheiten: unbedingt auch die Videos im Beitrag anschauen – Bruno Kammerls Megawoosh ist verdammt gut gemacht.

Facebook: Ein Durchlauferhitzer für Eitelkeitsdramen?

ritchie aka datadirt Das legt zumindest eine aktuelle Studie aus dem CyberPsychology & Behavior Journal nahe:

The report concludes that there is a “significant association between time spent on Facebook and jealousy-related feelings and behaviors experienced on Facebook.”

Das alte Bon-Mot “Was ich nicht weiß, macht mich heiß” findet also seine Fortsetzung im Social Web der Zwischenmenschlichkeiten. Man könnte natürlich auch sagen: je mehr Kommunikation, desto mehr Missverständnisse :-)

adjix schaltet Link-Werbung

ritchie aka datadirt Twitter hat Link-Shortener Services zu ungeheurer Popularität verholfen. Je nach Eleaboriertheitsgrad bieten die verschiedenen Services bloß die Basics oder weitergehende Features wie etwa Klick-Tracking Statistiken. adjix geht einen anderen Weg, schaltet via Frameset relativ dezente Werbung über die verkürzten Links und beteiligt den Nutzer an den Einnahmen.

Für mich hat sich, seit ich PrettyLinkPro einsetze, das Thema 3rd Party Short-URL Services völlig erledigt. PLP verbindet flexible, frei anpassbare Statistik-Reports mit einer ganzen Reihe von Cloaking-, Word-Replacement und Twitter-Publishing Funktionen und erlaubt über den “PrettyBar” optional auch das Einblenden von (Eigen)Werbung. Ein weiterer relevanter Unterschied zwischen 3rd Party Services und PLP besteht in der Zeit-bezogene Sicherheit (wer weiß, ob TinyURL und Co. ewig bestehen). Grundsätzlich wäre adjix ein interessantes Tool für Power-Tweeter – aber gegen PrettyLinkPro und Short-URLs auf der eigenen Domain kommt der Service nicht an.

Social Networking verkommt zur Gammelfleischparty!

Judith aka Linzerschnitte Vor einigen Wochen erzählte Axel Maireder von einer aktuellen Studie über Social Networks, die an der Uni Wien durchgeführt wurde. Eines der erstaunlichsten Ergebnisse: aus nicht nachvollziehbaren Gründen würden viele Teenager mit ca. 16 Jahren, nach zwei jähriger Social-Networks-Aktivität plötzlich Reißaus nehmen und die diversen Plattformen mehr und mehr zu einer Gammelfleisch-Party mutieren. Über die Gründe wusste man zum damaligen Zeitpunkt noch nichts Genaueres. Ein Artikel im britischen The Guardian lieferte diese Woche allerdings erste Interpretationsansätze zu dieser Massenflucht: Die coolen Kids hauen ab, weil ihre Eltern (und Lehrer) plötzlich in den Social Networks auftauchen! Und das ist ihnen einfach URpeinlich…

Although their love of being online shows no sign of abating, the percentage of 15- to 24-year-olds who have a profile on a social networking site has dropped for the first time – from 55% at the start of last year to 50% this year. In contrast, 46% of 25- to 34-year-olds are now regularly checking up on sites such as Facebook compared with 40% last year.

Liebe Leser, wir gehören nun wohl alle offiziell zum alten Eisen!

Keine kleine Spende

ritchie aka datadirt Wie die FutureZone berichtet, will Facebook im Allgemeinen “kommerzielle Userprofile” verbieten und im Speziellen das Verkaufen von Statusmeldungen an Anzeigenkunden:

Das Soziale Netzwerk Facebook hat am Dienstag erneut Änderungen bei den Nutzungsbestimmungen vorgeschlagen. Diese beinhalten unter anderem ein Statement, dass private Nutzerprofile nicht dazu verwendet werden dürfen, kommerzielle Gewinne zu erwirtschaften. Konkret angeführt wird das Verkaufen von Statusmeldungen an Anzeigenkunden. Werbekunden dürfen freilich weiterhin bezahlte Anzeigen schalten.
Facebook geht mit dieser neuen Regelung den gegenteiligen Weg des Microblogging-Diensts Twitter. Mit dem Dienst Sponsored Tweets können Twitter-Nutzer ihre 140-Zeichen-Nachrichten an Werbekunden verkaufen.

Dazu wäre noch anzumerken, dass es sich bei SponsoredTweets *nicht um ein offizielles Twitter-, sondern ein 3rd Party Service handelt, genauer gesagt um ein Start-Up von Izea. Ich hab mich dort mal umgeschaut und kann die ganze Sache (noch) nicht ernst nehmen: Beim Launch wurde aufs Affiliate Programm vergessen, Anzeigenkunden gibt’s noch so gut wie keine. Um einiges früher dran war übrigens Magpie, über das man wenigstens sagen kann, dass es so vor sich hindümpelt :mrgreen:

Dass Werbekunden auch weiterhin bezahlte Anzeigen schalten dürfen, ist allerdings beruhigend. Und wer seine Statusmeldungen trotzdem verkauft, sollte sie wenigsten mit [bezahlte Quasi-Anzeige] kennzeichnen, damit Facebook die betroffenen Accounts auch zuverlässig sperren kann *rofl*

Facebook erhält Twitter-ähnliche Suchfunktion

Judith aka Linzerschnitte Bisher war Facebook ein riesiger Moloch, der eine Unmenge Daten in sich hineinfraß, hermetisch abschottete und nichts nach außen dringen ließ. Das wird die Plattform auch weiterhin bleiben – vorerst. Aber um mehr Übersichtlichkeit zu gewähren gibt es ab sofort eine bereits teilweise implementierte Suche. Ähnlich der Twittersearch werden die Suchergebnisse laufend aktualisiert, außerdem kann man in der Suche nun filtern: nach Pages, Gruppen usw. Und dann wäre da noch das neue Schlüsselfeature: die Keywordsuche mit dem Filter “Everyone”!

The new Everyone filter makes Facebook like Twitter in search, but it will take some time for people to learn to use Facebook the way they do Twitter, and it’s not clear that the two models will mesh well on one social platform.

Erstmals lässt Facebook also zu, dass die Schranken des eigenen Freundeskreises durchbrochen werden. Keyword-Search auf Facebook – das bedeutet wohl feuchte Träume für die gefühlten 78 Prozent Marketer und Partyveranstalter auf Facebook…

TweetMeme vs. TechMeme

ritchie aka datadirt In der Schlacht der Aggregationsgiganten 2.0 – Tech-, TweetMeme, SocialMedian und Co. sind die neuen Diggs – scheint Tweetmeme vorerst klar Sieger vorne zu liegen. TechMeme verlässt sich auf multiple, nicht dokumentierte Quellen:

At this moment, the must-read stories in technology are scattered across hundreds of news sites and blogs. That’s far too much for any reader to follow.
Fortunately, Techmeme arranges all of these links into a single, easy-to-scan page. Story selection is accomplished via computer algorithm extended with direct human editorial input. Our goal is for Techmeme is to become your tech news site of record.

TweetMeme setzt ganz auf Twitter-RTs (siehe auch weiter oben) und liegt derzeit in der Gunst der User klar weiter vorne. Die Zahlenbasis ist durchwegs beeindrucken: für einen Platz in den Top-in-7-Days Charts braucht man derzeit rund 5.000 Retweets, für einzelne Kategorien wie Security reichen aber auch schon 5 Stück für einen Platz in der Top-in-24-hourse Liste.

Gebärfreuden

Judith aka Linzerschnitte Letzte Woche hat es auf Twitter wieder mal richtig gemenschelt. Denn es gibt sie noch – die Menschen, die Twitter zur Befriedigung privater Kommunikationsbedürfnisse nutzen – und nicht nur zur beruflichen Selbstdarstellung und als Trafficgenerator für die eigene Website. In diesem besonderen Fall gewährt @Sara, Ehefrau von Twitter CEO Evan Williams sehr private Einblicke:

sara1

Nun, auch aus privaten Meldungen kann man einige interessante Schlüsse ziehen – so verrät dieser Tweet wohl, dass man auf die Twitter-Monetarisierung noch länger warten wird müssen…

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Anm. li schni: Bei @ev handelt es sich um Twitter-CEO Evan Willams… Mashable kennt weitere intime Details.

Baconize it, suckers!

ritchie aka datadirt Moslems finden Schweine ganz und gar nicht lecker, weite Teile der westlichen Welt tragen dagegen stolz Schildkappen mit der Aufschrift “Baconize it”. Naja, eigentlich habe ich eine solche Schildkappe nur bei Frank in 30 Rock gesehen – aber wie auch immer: geräucherte Sau-Teile, in dünne Streifen geschnitten und liebevoll als “Speck” betitelt (Nachfrage unnötig: ja, die Osttiroler sind die Weltmeister in der Herstellung dieser Delikatesse), umhüllen gegrillten Schafkäse, finden ihren Weg zwischen Burgerhälften, auf morgendliche Eierteller… falls Sie Vegetarier sind und Ihnen an dieser Stelle bereits schlecht ist, entschuldige ich mich – ich hätte Sie vorwarnen sollen, aber besser später als nie: es wird noch schweinischer! Auf Recipestar.com finden Afficionados ein liebevolles Tutorial mit dem vielsagenden Titel How to use Bacon to make your life incredible & amazing. Mein Favorit:

Attach bacon to your hard drive.
Every time you download a large file, the smell will be glorious.

Auf derselben Seite gibt’s auch ziemlich unterhaltsame Quizzes rund ums Thema Feststoffzufuhr durch den Mund. Ich bin übrigens “extremelely experienced in the foods of the world”, und wenn mich ein Kannibale essen würde, “I would most likely taste like barbequed beef”. Mhmmm, yummy!

Foto der Woche

Großartiger B/W Shot eines Kicksportkampfes von Latente Le Balene Fossili al Governo. Das Bild heißt übrigens Lo sport di quelli che si tirano i calci in faccia:

kickbox

Ritchies Video der Woche

Joe Simon hat Regie geführt beim neuen Video von Mutiny Bikes, das ab September auf DVD und Blue-Ray erhältlich sein wird. Auf Vimeo gibt’s den Trailer zu “Let’s get mystical” und weitere Videos einer der weltweit besten BMX-Crews. Die Jumps und die Kameraarbeit sind ein Hammer, ich freu mich auf die Vollversion:

Judiths Video der Woche

Die Welt ist wieder sicher!
Der Online Reputation Manager ist tot, hoch lebe die absolute Datensicherheit! Google bietet nun das lang erwartete, absolute Datenschutzkonzept: Das Google Opt Out inklusive Google Opt Out Village.

YouTube Preview Image

Über die Mietpreise in Opt-Out Village sind noch keine näheren Details bekannt – Ihre Web-Chronisten Linzerschnitte und datadirt bleiben selbstverständlich Woche für Woche für Sie am laufendenden. Danke für Ihre Aufmerksamkeit, wir lesen uns am Montag.

Input für WochenrückblickHaben Sie Vorschläge und Themen fürs datenschmutz Wochenpanoptikum?
Gibt es aktuelle Infos aus der weiten Welt des Web, die datenschmutz-Leser erfahren sollten?
Schicken Sie Ihre eigenen News ein für den kommenden Wochenrückblick – für jeden Eintrag gibt’s auf Wunsch einen Backlink! Hier geht’s zum Einreich-Formular.

Lienz und das MA99: Ein Lehrstück in Stadtentwicklung

Lienz und das MA99Im sonst so friedlich-beschaulichen Dolomitenstädtchen Lienz herrscht Krieg. Die beiden Fronten kämpfen und jenes Stück Land, auf dem derzeit die alte Kunstmühle steht. Dieses Areal sowie einige umliegende Grundstücke sollen nach dem Willen der Projektbefürworter das größte Osttiroler Einkaufszentrum aller Zeiten, genannt M99, beherbergen. Die Gegner bezeichnen das Bauprojekt als Monster, befürchten erhöhtes Verkehrsaufkommen und eine Austrocknung der Innenstadt. Jene, die so schnell wie möglich bauen möchten, sprechen von einer essentiellen Investitionsspritze in Krisenzeiten.

Die Gräben sind tief, angeblich ist ein Teil der Gelder bereits geflossen und einige Genehmigungen wurden erteilt und vermutlich wäre längst der Spatenstich erfolg, befände sich nicht der Lienzer Bürgermeister Dr. Hibler von der Mehrheitspartei ÖVP auf der Seite der Projektgegner, die sich in der unabhängigen Bürgerinitiative “Stoppt Monster 99″ organisiert haben. Sie treten gegen eine seltene Allianz aus SPÖ, FPÖ und den Grünen an – man wundert sich. Argumentative Annäherungen sind längst gescheitert, am 8. Februar findet daher in Lienz eine Volksbefragung statt – eine Premiere für die Dolomitenstadt, deren Bürger noch nie ihre Meinung kundtun sollten. Eine solche Volksbefragung auf lokaler Ebene hat, anders als Kommunalwahlen, zwar keinen rechtlich bindenden Charakter, würde dem Bürgermeister jedoch im Fall großflächiger Ablehnung ein starkes Argument in die Hand geben.

Entnommen habe ich diese Kurzfassung der aktuellen Ausgabe des Osttiroler Boten, in der Günther Bachmann, Geschäftsführer der Brauneck-Gruppe, die als Investor auftritt, und Dr. Hibler ihre Sicht der Dinge jeweils in einem einseitigen Interview kund taten. Außerdem flatterten den Lienzer Haushalten in den vergangenen Tagen weit mehr Flugblätter ins Haus als üblich. Was den Bauplänen besondere Brisanz verleiht, ist in erster Linie die Lage: das geplante Einkaufscenter soll als siebenstöckiges Monument das Lienzer Stadtbild ausgerechnet am Beginn der Altstadt prägen. In der Innenstadt ansässige Kaufleute befürchten wohl zurecht die Austrockung der Altstadt, Anrainer rechnen mit gravierend erhöhtem Verkehrsaufkommen.

Um die Vertracktheit der Situation besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf demographische Statistiken zu werfen: der Bezirk Osttiroler schlägt sich nicht nur mit dem burgenländischen Oberwart um die Krone der Arbeitslosenstatistik – ökonomische Kennzahlen bescheinigen der Gegend auch extrem niedrige Durchschnittseinkommen. Die Befürworter erhoffen sich von der Investition einen Belebung der einheimischen Wirtschaft, über 100 Arbeitsplätze sollen durch das Center geschaffen werden. Dass die 300 geplanten Stellplätze für den Auto-Ansturm ausreichen werden, bezweifeln wiederum die Gegner. Die Verkaufsfläche von knapp 9.000m2 soll zur Hälfte mit drei Großmietern aus den Bereichen Lebensmittel (da kommt wohl nur Interspar oder Merkur infrage, ersterer betreibt allerdings einen Großmarkt knapp außerhalb von Lienz), Elektro/HiFi (vermutlich wohl Saturn oder Media Markt) und Bekleidung. Gastronomie und diverse Filialen bisher noch nicht in Lienz vertretener Ketten sollen den restlichen Platz füllen:

Das geplante MA99 Einkaufszentrum

In der Tat eine schwierige Entscheidung – zumindest allerdings scheinen die Befürworter des MA99 amerikanische Studien nicht zu kennen, die großen Einkaufscenter eine katastrophale Wirkung auf umliegende kleinere Einkaufsstrukturen nachweisen. Ich kenne im Detail die Position der Tiroler Wirtschaftskammer nicht. Deren Wiener Pendant respektive Brigitte Jank beteuern allerdings (zu Recht) bei jeder Gelegenheit die Bedeutung von KMUs für den Wirtschaftsstandort Österreich. Dass die Ruine der alten Kunstmühle, die dem MA99 weichen soll, ein architektonischer Schandfleck deluxe ist, dessen zerborstene Fenster an ein postapokalyptisches Szenario erinnern, bleibt unbestritten.

Kunstmühle Lienz

Das sieht aber auch die Bürgerinitiative so, die keineswegs als Verhinderer auftreten wollen. Unter Mitwirkung des Münchner Städteplaners Eckart Zurmöhle arbeiteten diverse Lienzer Architketurbüros einen Alternativentwurf aus, dessen Fokus auf Nahversorgung und Erhaltung der altstädtischen Lebensqualität liegt. Wie die Finanzierung dieses Umbaus erfolgen soll, bleibt indes offen.

Architektonischer Denkanstoss

Am Sonntag jedenfalls soll die Lienzer Bevölkerung erstmals ihre Stimme bei einer Volksbefragung abgeben. Bedauerlicherweise hab ich meine Glaskugel nicht im Reisegepäck, aber ich würde mal stark drauf tippen, dass die Lienzer dem für lokale Verhältnisse wahrhaft gigantomanischem Vorhaben eine deutliche Absage erzielen. Wenn ich meine Hauptwohnsitz in Lienz hätte, würd ich auch dagegen stimmen – denn es wär schade um die Lienzer Altstadt, die ist wirklich hübsch.

Fotogallerie: Wintereinbruch in Lienz

Das vergangene Wochenende verbrachte ich in meinem “old stomping ground” Osttirol. Der Lienzer Adventmarkt öffnete seine Pforten, und das Stadtmarketing hat eine perfekten Job gemacht: zwei Stunden vor der Eröffnung begann es am Freitag heftig zu schneien, das ganze Wochenende lang präsentierte sich der Winter von seiner schneeigsten Seite, die ich mit einigen Aufnahmen festhalten musste:

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Rezept: Pasta von der Wildsau

WildschweinpastaDieses Rezept entstand aus einer akuten Überschuss-Situation: man konnte es drehen und wenden wie man wollte, da war einfach zuviel Wildschweinbraten übrig geblieben am Samstag. Ein ganz hervorragender Schopfbraten vom steirischen Wild-Wildschein übrigens, nix semi-domestizierte Zuchtform. 6 Stunden lang im Ofen gegart, nein, eher geschmort – bei niedrigsten 110° mit Wurzelwerk, Wildkräutern und einem kräftigen 2006er Laurent von Siegried Gsellmann aus Gols. Entsprechend saftig und geschmacksintensiv geriet das Resultat, und man hätte zweifellos die Reste als kalten Schweinsbraten verzehren können, aber ich hatte eher italienisches im Sinn, und so entstand die äußerst nachahmenswerte Pasta von der Wildsau.

Selbstverständlich kann man zur Zubereitung auch frisches Wildschweinfleisch heranziehen, allerdings bleiben die Unterschiede im Resultat durchwegs geringer, als man annehmen könnte. Erschwernisfaktor dieses Rezepts: man sollte uneingeschränkten Zugriff auf eine Faschiermaschine haben. Zwar kann man den Braten notfalls auch mit dem Messer in kleinste Schnipsel zerteilen, erreicht dann allerdings nicht die gleiche sämige Konsistenz der Pasta.

Ein wichtiges Caveat: man hüte sich vor dem Gedanken, zum Kochen sei der billige Wein auch gut genug. Ein unpassender Wein kann ein tadelloses Gericht völlig entwerten, idealerweise sollte man diese Pasta mit dem gleichen Rotwein zubereiten, den man anschließend zum Essen trinkt – hier kommt jeder Wein in Frage, der gut zu Wild passt. Den besonderen Pepp verleihen Wildwürstel, in meinem Fall handelt es sich dabei um fantastische Osttiroler Erzeugnisse der Fleischhauerei Ortner, die relativ fett und kräftig im Geschmack sind. Wenn keine Wildwürstel zu bekommen sind, kann man ersatzweise auch Parmaschinken oder Schopfspeck verwenden.

Quasi als Remineszenz der österreichischen Vorstellung von Pasta (Spagetti mit Fleischsugo) verwende ich bei diesem Rezept nicht ungern Spaghettini. Farfalle, Penne und dergleichen eigenen sich ebenfalls sehr gut, von breiten Bandnudeln würde ich eher Abstand nehmen. (Das ist nicht argumentierbar, nur so ein Gefühl. Nachfragen bringt also nix :mrgreen:)

Zutaten für 4 Personen

  • 4 mittelgroße Zwiebel
  • 10 Knoblauchzehen
  • 2cm frische Ingerwurzel
  • 2 Karotten
  • 400g Schopfbraten vom Wildschwein (roh oder Bratenreste)
  • 5dag geräucherte Wildwürstel (ersatzweise Parmaschinken)
  • 300ml trockener Rotwein (jede Sorte, die gut zu Wild passt)
  • 1 EL Rotweinessig
  • 2 TL Thymian
  • 1 gestrichener TL schwarzer Pfeffer
  • 1 TL Oregano
  • Meersalz
  • Olivenöl
  • 10 Tomaten
  • 500g Nudeln (Spaghetti oder ähnliches)
  • 15dag Grana Padano (Parmesan)

Zubereitung

tomaten und nudelnTomaten häuten (Wasser aufsetzen, Tomaten kurz ins kochende Wasser legen, herausfischen, kaltspülen und die Haut kreuzweise einritzen: durch den Temperaturschock lässt sie sich anschließend ganz leicht abziehen) und 7 Stück mit dem Stabmixer fein pürieren, die restlichen 3 Tomaten mit dem Messer fein hacken und beiseite stellen. Wildschweinbraten (rohes Fleisch bzw. Bratenreste) grob faschieren, Zwiebel, Knoblauch, Ingwer und Karotten jeweils schälen und fein hacken.

Wenig Olivenöl in einer Bratpfanne mit weitem Boden erhitzen, die enthäuteten und fein gehackten Wildwürstel (oder ersatzweise den Parmaschinken, dann etwas mehr Olivenöl verwenden) im Fett auslassen und nach einigen Minuten die gehackten Zwiebel zugeben. Leicht anbräunen, anschließend Knoblauch und Ingwer mitrösten und das faschierte Fleisch in die Pfanne geben. Verwendet man rohes Faschiertes, so sollte das Fleisch angebraten werden, bis sich die Poren schließen, bei gekochten Fleischresten kann gleich im Anschluss mit dem Rotwein aufgegossen werden. Die vorbereiteten Karotten sowie die pürierten und die gehackten Tomaten in den Topf geben. Kräftig mit schwarzem Pfeffer, Thymian und Oregano würzen (getrocknete Kräuter nie einfach in den Topf werfen, sondern zwischen den Fingern zerreiben, frische Kräuter fein hacken), salzen, Rotweinessig beimengen und bei kleiner Hitze 25 Minuten lang köcheln lassen.

Währenddessen die Nudeln nach Packungsanleitung in Salzwasser kochen und abgießen (Nie nie nie anschließend kalt abschwemmen! Dabei verkleben die Nudeln), mit der Wildschwein-Sauce und frisch geriebenem Grana servieren. Dazu passt hervorragend ein Vogerlsalat.


Fotoredits:
Titelbild: Bunte Pasta 4 von Bernd Boscolo / pixelio.de
2. Bild: Tomaten 3 von Knipseline / pixelio.de

 

Meine erste Canyoning-Tour

canyoningpicVergangenen Samstag war ich mit fatfoogoo in der Nähe von Eschau unterwegs – und zwar um meine erste Canyoning Tour zu erleben. Als gebürtiger Osttiroler sind mir sowohl bizarre Felsformationen als auch wegloses Gelände als auch hohe Abseilpassagen eng vertraut – beste Voraussetzungen also für eine Tour durch die Wasserfallschlucht. Eines war allerdings ganz neu für mich: Aufwärtsmarschieren in voller Neopren-Montur ist nicht gerade… nun, ich mal kinderkriegenfreundlich :mrgreen:

Das war’s aber auch schon mit der Meckerei – die Tour fand ich ganz, ganz großartig. Dass sich direkt vor unserer Gruppe gerade eine Unglücks-Rabin das Knöchelband gerissen hat, hob nicht gerade die Stimmung: aber sowas kann natürlich an jeder Gehsteigkante passieren. Aufgrund der starken voran gegangenen Wasserfälle war die Tour mit hohen Sprüngen nicht machbar und wir mussten auf die von Freelife angebotenen Gelati-Tour ausweichen: keine Sprünge den Wasserfall runter, dafür zahlreiche Rutschpassagen und sich von oben nach unten immer weiter in der Höhe steigernde Abseil-Wände. Solche Wasserfallfelsen können ganz schön glatt sein… aber nach den ersten vorsichtigen Tests gab’s keinerlei Probleme mehr mit dem Selbstabseilen. Im Gegensatz zum Klettern führt man die Schlaufe beim Canyoning nur einfach durch den Achter – so erreicht man ganz ordentliche vertikale Geschwindigkeit.

Leider ging ein Großteil der Fotos verloren, nur die letzte Passage mit “Seilbahn” blieb der Nachwelt erhalten. Thanx für dieses großartige Erlebnis – und den anderen Canyon mit Sprungpassagen möcht ich unbedingt noch diesen Sommer nachholen:

canyoning2

Die Grenze zwischen Kärnten und Osttirol…

…ist eine fließende. Und das schönste an Kärnten in bekanntlich der Blick auf Osttirol, auch wenn Oberkärntner den Witz unbegreiflicherweise immer andersrum erzählen. Den Iselsberg lässt das ziemlich kalt – Urlauber und Einheimische, die von Winklern her kommend mit dem Auto, Motor- oder Fahrrad anreisen, begrüßt er seit 30 Jahren mit dem gleichen freundlichen Willkommens-Holzschild.

Am vergangenen Montag, als für diese Jahreszeit auf 1.000 Metern geradezu beängstigend milde Temperaturen herrschten, war ich im Wald unterwegs (ich sag nur: Küchenschellen) und hab von dort zwei weitere fotografische Impressionen mitgebracht. Die erste Hütte (ein namenloser Stadel am Wegesrand) steht vermutlich nicht mehr, die zweite (der nach dem Brand neu errichtete Berggasthof “Schöne Aussicht”) noch nicht lang – kein Wunder, dass der Grenzkogel zwischen Osttirol und Kärnten ein Berg der radikalen Gegensätze ist :mrgreen:

Stadel am Iselsberg

 

Schöne Aussicht

Die ersten Küchenschellen

StammleserInnen werden die infrequenten Updates der letzten drei Tage bereits bemerkt haben… Nun denn: immer, wenn ich in Osttirol bin, ist die Ablenkung durch großartige Landschaft, fantastische Wanderungen und Family-Business zuverlässiger Garant für niedrige Blogging-Frequenz.

Heute nachmittag zum Beispiel war ich am Iselsberg – bei sehr frühlingshaften Temperaturen. Auf den Almwiesen liegt in den schattigeren Spots noch Schnee, aber zugleich schießen die erste Hochgebirgsblumen schon der Sonne entgegen. Zu den frühesten blühenden Botschaftern des Winterendes gehörten die Küchenschellen; und – just my five unqualified cents – an die elegante Schönheit solcher Alpenblumen kommt die schönste Zuchtrose niemals auch nur ansatzweise ran. Aber sehen Sie selbst:

Küchenschellen

Es sticht, es sticht… die Sau!

Selbst und gerade in Zeiten allgegenwärtiger Online-Pokerrunden halten PowLee und Elektro Pirate die gute alte Tradition des Preisschnapsens hoch. Über den genauen Preis halten sich die Organisatoren noch bedeckt, eine Sau (wie bei solchen Turnieren traditionellerweise in Osttirol üblich) wird’s wohl nicht sein

Über die Bühne geht das ganze morgigentags im fluc am Praterstern, die Anmeldung zum Turnier erfolgt direkt vor Ort:

Die spinners laden nämlich zum PREISSCHNAPSEN! Wen’s juckt, der soll mal mischen, wer noch nicht hat, der kann gleich geben, wer’s noch nicht kann, dem wird’s gelernt. Der ELEKTRO PIRATE, sonst bekannt als Abstinenzler, gründet die größte Schnapsschule der Welt, und DJ POW LEE führt durch das spannende Turnier und sagt, was grade Trumpf ist. Neben den Karten wird auch Musik gespielt, so Nu Elektro Funk und Wave Jazz, von echten Schallplatten!

Morgen Vormittag hab ich meine erste Lehrveranstaltung in diesem Semester, da wär ein wenig traditionelles Gambling am Abend genau der richtige Ausgleich zur Kommunikationswissenschaft bzw. deren praktische Anwendung… ich hoff nur, dass mit “Zudrehen bis zur letzten” und Farb- bzw. Stichzwang Zweierschnapsen gespielt wird. Bauern- und Viererschnapsen kann ich nämlich zwar theoretisch, aber keineswegs auf Turnier Level – aber beim klassischen One-on-One würd ich mir durchaus Chancen ausrechnen.

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