Max testet gerade mit einem lässigen Experiment die Internet-Fitness der österreichischen Parteien. Welche Mittel denn nötig seien, um einen Sonderparteitag einzuberufen, fragte via E-Mail an - und wertet die Reaktionen anhand der Schnelligkeit und eines Fragenkatalogs aus.
Nach dem in Deutschland die Grünen vor zwei Wochen einen Sonderparteitag abgehalten haben der von einer Person initiiert worden ist (so wurde es zumindest in den Medien wiedergegeben) wollte ich wissen wie einfach es bei den im österreichischem Parlament vertretenen Parteien ist einen Sonderparteitag einzuberufen und wie weit sich die jeweilige Partei an die dort getroffenen Entscheidungen halten muss.
Nach 98 Minuten hat die ÖVP geantwortet und somit die Zeit-Challenge gewonnen. Doch siehe da, welche Google-Ads eingeblendet werden, während ich die Story lese: da taucht doch tatsächlich eine Imageanzeige für die FPÖ auf - skurril irgendwie. Was erwartet man sich davon? Dass einer jener Studenten, die Haider früher so gern als "asoziales Pack" beschimpfte (so wurden ich und eine Gruppe damaliger TU-Kolleginnen von ihm zumindest am Grazer Hauptplatz genannt, aber da ging's eher um die Schaffung eines Instant-Feindbildes für die zahlreich anwesenden PensionistInnen... vielleicht hat er sich aber auch nur spontan an die Sache damals in Lienz erinnert, als wir seinen Auftritt ein wenig... verunzierten), plötzlich FPÖ-Wähler wird, weil eine Google-Anzeige behauptet, dass die Partei "ehrlich" sei? Affiliate-Marketing Affinitäten hin oder her, ich glaub einfach nicht, dass Google Ads das geeignete Medium für Parteiwerbung darstellen. Hier der Beweis-Screenshot:

Umberto Eco war das doch, der mal geschrieben hat: "Man kann heute nirgends mehr hingehen, ohne dass Coca Cola schon vorher da war." Ich glaub, das Zitat stammt aus Apokalyptiker und Integrierte. Ähnliches geschah dem zukünftigen ÖVP-Parteivorsitzenden Wilhelm Molterer in Second Life.
Denn die virtuellen Bestrebungen der Volkspartei kulminieren derzeit sozusagen: da werden Blogger zum Parteitag eingeladen, und Herr Molterer sieht sich in Second Life um, auch wenn der Avatar nicht sein bestern Kumpel ist, wie er dem Standard berichtete:
STANDARD: Wissen Sie, was ein "Avatar" ist?
Molterer: Nein. Es ist schon lustig, was man nicht schon alles gemacht haben soll. Ich habe einmal am eigenen Leib verspürt, wie eigenwillig es ist, in einer Umgebung zu sein, in die man nicht wirklich hinpasst: Bei einem krampfhaften Disco-Besuch im Wahlkampf vor Jahren. Der Erfolg war enden wollend. Es gibt für mich effizientere Methoden, um Leute zu überzeugen.
Aber dennoch - Repräsentanz muss sein, doch welches Bild bietet sich dem politinteressierten Auge? Der Michi war schon wieder mal vor dem Willi da:

Erfolg, Misserfolg? Der richtigen Ton(fall) oder Missethon? Quantitativ schaute einiges heraus an Nachberichterstattung beim live gebloggten Parteitag der ÖVP, die Zentralperspektive über alle Artikel gibt's auf technorati.
Ein Highlight politischer Berichterstattung sind Helge's Sieben Gründe, warum die ÖVP für mich unwählbar bleibt, Zitat:
4. Positionierung als Sicherheitspartei. Die ÖVP befindet sich mit den Rechtsparteien in einem unschönen Wettbewerb, wer Bürger- und Asylrechte stärker beschneidet. Mehr Sicherheit = weniger Freiheit. Österreich ist sicher genug, nicht aber frei genug.
Wahre Worte findet derselbe Autor auch zum Thema Instrumentalisierung:
Ich habe die Einladung trotzdem angenommen, denn die Instrumentalisierung läuft auch in die Gegenrichtung. Ich weiß, dass hier viele Funktionäre von der ÖVP mitlesen. Ich werde die Gelegenheit nutzen, euch meine Position zu einigen eurer Positionen zu verraten. Und vor allem: Es beginnt die Ära der partizipativen, vernetzten Demokratie. Auch wenn es mehr Sinn machen würde, wenn Politiker selbst bloggen und mit der Blogosphäre ins Gespräch treten als wahllos ein paar Blogger einzuladen - die Aufmerksamkeit wird der bloggenden Zunft nutzen. Auch wenn wir uns dafür ein bisschen instrumentalisieren lassen müssen
Heinz Wittenbrink findet so manche Formulierung unfreiwillig komisch:
Ein paar skurrile Sager stehen zum Glück nicht für die große Mehrheit der Statements ("Wir bauen auf einen Wertekanon, der nicht von den Minaretten und den Muezzinen verkündet wird, sondern von den Glocken und den Kirchtürmen in unserem Land".) Andreas Khol lässt es sich nicht nehmen, in wenigen Sätzen das Gegenteil der Botschaft von Wilhelm Molterer zu verkünden, aber das scheint niemand zu kümmern.
Und Tom Schaffar wiederum lässt wenig gute Haare an der Eigenpräsentation der Partei:
Ich würde mittlerweile gerne etwas Positives schreiben, einfach um nicht nur als Meckerer aufzutreten. Ich will auch etwas anderes als Mitschriften von Reden bieten. Der Terminplan an "wichtigen" Reden ist allerdings ziemlich vollgestopft - und die sind nunmal einfach grauenhaft. Wer sich hier eine Öffnung der ÖVP erwartet hat, wurde bisher enttäuscht. Es dominiert das Nichtssagende und ernüchternd Altbekannte. "Modern denken, menschlich Handeln", scheint auf der Videowall dauerhaft auf - Molterer wurde mit einer Roboteranimation angekündigt. Keine Bewegung auszumachen. Ja sogar Standpunkte sucht man mühsam.
Selbst der ansonsten recht diplomatische Dieter Rappold hat so seine Probleme mit den Witzchen des Andreas Khol:
Oh mein Gott - da wird mir wirklich schlecht. Es folgen Verweise aufs Alte Testament und rückwärtsgewandtes Wertegefasel - Kohl meint, wer nach allen Seiten offen ist, der ist nicht ganz dicht - ja Herr Kohl, das gebe ich gerne zurück, fragt sich wer da nicht ganz dicht ist...
Georg Pichler schlägt mit seiner Berichterstattung teilweise in dieselbe Kerbe - In-Group Witzchen scheinen bei Außenstehenden nun mal tatsächlich nicht besonders gut anzukommen:
Wortspiel am Rande: "Die Grünen sind bekanntlich eng verbandelt mit dem Begriff NGO. Ich finde, das passt sehr gut: ââ¬ËNon-Governmental Organization'." Soll ich lachen oder weinen? Ich glaube Tom unterdrückt neben mir gerade einen aufkommenden Brechreiz mit Mineralwasser.
Rein quantitativ betrachtet hat die ÖVP mit ihrer Einladungsaktion für den Gegenwert von ein paar Zugtickets und Übernachtungen eine Menge Resonsanz im Netz bekommen - dass diese dann großteils doch negativ ausfällt, steht auf einem anderen Blatt. Ist jede Werbung gute Werbung? Wenn das Ziel darin besteht, dass sich möglichst viele Bürger mit den Inhalten der eigenen Partei auseinandersetzen, dann ja. Wenn die Absicht freilich in der Generierung positiver Eindrücke bestanden hat, dann ging der Schuss ins Netz wohl eher nach hinten los. Mal sehen, ob's beim Experiment bleibt oder ob Blogger hinkünftig gern gesehene Gäste auf Parteiveranstaltungen sein werden. Die Medienabteilung der ÖVP hat vorerst wohl mit der Auswertung der Berichte und Kommentare zu tun - ein qualitativ-meinungsforschender Mehrwert lässt sich auf jeden Fall generieren.
| 21. April 2007 |
Below-the-Line Media erstmals am Parteitag: die ÖVP sprach Einladungen aus für den Bundesparteitag am 21. April in Salzburg. Dieter Rappold, Geschäftsführer von Knallgrau und langjähriger Blogger, hat eine bekommen und berichtet darüber, Helge Fahrnberger ebenfalls.
Die weiteren Mitglieder der Sechserrunde sind Heinz Wittenbrink, Tom Schaffer, Georg Pichler und Julia Petschinka, die allerdings verhindert ist. In der Tat keine dedicated ÖVP-Followers - schaut wohl eher so aus, als ob man sich gezielt kritische Geister ins Boot holt. Die Futurezone hat heute eine Zusammenfassung der Causa veröffentlicht, von Helge Fahrnberger gab's eine spannende Stellungnahme:
Als Blogger bin ich nicht der Objektivität verpflichtet, sondern kann meine persönlichen Eindrücke einer solchen Veranstaltung aus der Sicht eines politisch denkenden Wählers schildern. Die ÖVP scheint sich derzeit verstärkt als Sicherheitspartei positionieren zu wollen, was vor allem auch für unsere digitalen Bürgerrechte schwerwiegende Konsequenzen haben könnte. In Deutschland bereitet ÖVP-Freund Schäuble derzeit Maßnahmen wie den "Bundestrojaner" und eine zentrale Fingerabdruckdatenbank vor. Ich hoffe, die Position der ÖVP zu solchen Maßnahmen zu erfahren.
Ich bin gespannt auf resultierenden Berichte - die eingeladenen BlogautorInnen erhalten von der ÖVP die Reisekosten sowie die Übernachtung ersetzt. Und ich denke, dass eine solche Maßnahme durchaus zu begrüßen ist. Mediale Objektivität bleibt ohnehin eine Illusion - eine Multiplizität von Standpunkten ist der rein "professionellen" Berichterstattung imho allemal vorzuziehen.
Heinz Wittenbrink schlägt in eine ähnliche Kerbe, bezweifelt allerdings, dass die Aktion für die ÖVP die gewünschten Früchte trägt:
Ob die ÖVP allerdings bekommt, was sie erwartet? Und: ob sie klare Erwartungen hat? Sie lädt Blogger wie die Vertreter von Zeitungen und Fernsehen ein. Weblogs funktionieren aber anders, sie sind keine "objektiven", einer allgemeinen Öffentlichkeit verpflichteten Medien.
Diese unterstellte Objektivitätsverpflichtung der Medien allerdings wird schnell fragwürdig eingedenk der Tatsache, dass diese in erster Linie Wirtschaftsunternehmen sind, deren primäre Mision in Auflagenzahlen besteht. Hier führen alle möglichen Strategien zum Erfolg, die aber keineswegs per se einen unverfälschten Blickwinkel garantieren - der ist und bleibt nun mal eine illusionäre Idealvorstellung. Denn Medien bilden Welt nie nur ab: sie konstruieren, gewollt oder ungewollt. Insofern: viele Konstrukteure verderben diesen Brei keineswegs, sondern machen ihn schlichtweg facettenreicher.