datenschmutz - Social Marketing, Pro-Blogging und medien.kultur.technik
Twestival Wien Plötzlich und unvermutet tauchte mitten im Wald Karli Pletschko auf. img_4628.jpg ars electronica 2009: Human Nature img_4502.jpg
datenschmutz RSS Feed
3,663 zufriedene Leser
RSS jetzt abonnieren
Twitter
48,916 Followers
auf Twitter folgen

Artikel-Schlagworte: „Perspektive“

Blogistan Panoptikum KW21 2009

Diese Woche kommt das Panoptikum mal wieder mit einem Tag Verspätung - den gestrigen Abend und einen Teil der Nacht habe ich am Braunsberg bei Hainburg verbracht, um ein paar Fotos vom Sonnenuntergang zu schießen. Und am Rückweg war ich deutlich langsamer unterwegs als üblich, denn ein nächtliches Rendez-Vous von Motorrad und Feldhase endet in der Regel für beide Seiten auf unerfreuliche Weise. Aber aufgeschoben ist natürlich nicht aufgehoben - dazu hat sich in dieser Woche ja schon wieder viel zu viel getan! Diesen Beitrag weiterlesen »

Social Marketing: Monitoring wird unterschätzt

Social Media MonitoringIch kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Marketing-Profis, die mit ihren Strategien bisher mehr oder weniger gut fuhren, diese eins zu eins aufs Web übertragen möchten: aber weder Branding noch pure Präsenz führen im Web 2.0 zu einer messbaren Steigerung der Verkaufszahlen - der Schlüssel zum richtigen Start liegt im guten alten Monitoring. Deshalb an dieser Stelle ein paar montäglich-paradigmatische Gedanken über den Stellenwert der Web-Market-Intelligence, den schrumpfenden Stellenwert professioneller Presse-Spiegel Ersteller und einen Paradigmen-Wechsel von der Delegation hin zur Nutzung interner Unternehmensressourcen.

Das Thema "Informationsvorsprung" ist für PR-Profis nichts Neues: Vorstände, Politiker und andere überdurchschnittlich wichtige Proponenten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens wissen seit Jahrzehnten um die Wichtigkeit eines möglichst vollständigen Pressespiegels bzw. Market Intelligence Reports. Doch das Zeitalter, in dem Nachrichtenagenturen und professionelle Recherche-Dienstleister noch exklusiv eine quasi-vollständige Zentralperspektive einnehmen konnten, ist längst vorbei. Wir lesen täglich, dass das kollaborative Web aus Konsumenten längst Prosumer gemacht hat, dass jeder Teilnehmer an diesem Marktplatz zum Micro-Medium wird. Und doch tut der Großteil der Entscheidungsträger in Werbung und Marketing das, was er schon immer getan hat. Er ordert bei seiner Agentur vielleicht eine Facebook Page, womöglich ein Twitter-Profil, vielleicht sogar eine neue "interaktive" Homepage, damit man "das Web 2.0 nicht versäumt".

Die genannten Umsetzungen sind ja schön und gut, aber bis es so weit ist, fehlt noch ein ganz essentieller Schritt: nämlich genau hinzusehen. Ebenso wie ein seriöser SEO-Anbieter eine neue Kundenbeziehung mit einer eingehenden Analyse des Status Quo statt mit blindwütigem Linkbuilding beginnen wird, sollte der erste Schritt jeder nachhaltigen Social Media Präsenz im Monitoring bestehen. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Kein Händler mit auch nur einem Fünkchen Verstand würde seinen Stand planen, bevor er ein paarmal als wachsamer (und gesprächiger) Einkäufer über den Markt geschlendert ist, erklärte mir ein erfahrener Straßenhändler letzten Sommer in Ljubljana. Andras versicherte mir, dass er deshalb so gute Umsätze mache, weil er zuerst mit allen spreche, selbst einkaufe und so erst ein Gefühl für die Besonderheiten des jeweiligen Warenumschlagplatzes bekäme. Der Abend in der wunderschönen Altstadt der slowenischen Hauptstadt hat noch sehr lange gedauert, und ich habe viel mehr über Markt-Strategie gelernt als in allen einschlägigen Uni-Vorlesungen - Andras jedenfalls schwörte auf seine Erkundungsrundgänge.

Zugleich gilt aber auch, dass aus Agentursicht Monitoring eine nicht besonders beliebtes Produkt darstellt: einerseits fehlt vielen New Media Agenturen die Erfahrung mit diesem Thema, und die wenigen, die in diesem Bereich kompetent sind, wissen, dass das Web 2.0 praktischerweise seine eigenen Monitoring-Tools gleich mitliefert (Hans-Peter hat dazu kürzlich einen sehr empfehlenswerten Beitrag veröffentlich: 10 unverzichtbare Research Tools). Und wenn man dem Kunden einmal erklärt hat, wie's funktioniert, dann braucht der für diese Aufgabe gar keine Agentur mehr. (Zynische Key Accounter sprechen von "Google's Fluch".) Das ist einer der Hauptgründe, warum sich Social Marketing niemals sinnvoll auslagern lässt: Coaching- und Customer-Enabling werden zum Differenzierungskriterium - nur wer die relevanten Informationen immer "at his fingertips" hat, verfügt über die essentielle Grundlage für richtige Entscheidungen und bekommt ein Gefühl für den Marktplatz. Und daher bin ich äußerst überrascht, dass (noch) vergleichsweise wenige Unternehmen bzw. Marketing-Verantwortliche einem effizienten Inhouse-Monitoring-Setup jenen Stellenwert zuweisen, den es eigentlich haben sollte.

Rückblick auf die eDay Podiumsdiskussion

podiumritchie Rückblick auf die eDay PodiumsdiskussionAuf historischem Grund und Boden fand gestern der von der Wirtschafskammer organisierte eDay 2009 statt. Vorträge, Networking und das Tagesprogramm musste ich mir aufgrund anderweitiger Terminverpflichtungen leider entgehen lassen, aber bei der abendlichen Podiumsdiskussion mit dem Thema "Datenschutz 2.0 - Wachstumsmotor oder -bremse" hatte ich die Ehre und das Vergnügen, mit auf der Bühne zu sitzen. Anstatt der üblichen Fragerunde beteiligte sich das Publikum live mit Twitter-Meldungen an der Diskussion - lustiges Format, das wär doch mal was für Live-Kritiken während Opernaufführungen!

In seinem spannenden Einführungsreferat erläutere Professor Peter Purgathofer (TU Wien) anhand einiger Beispiele das schwierige und komplexe Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre - ein Antagonismus, der in der nachfolgenden Diskussion noch öfter auftauchen sollte. Mein Lieblingsbeispiel aus dem Vortrag: ein Zimmermädchen sieht am Hotel-Nachtkästchen des Gastes Hämorrhoiden-Salbe liegen, am nächsten Tag wird ihm beim Frühstück ein Sitzpolster angeboten. Service am Gast oder unzulässiges Eindringen in private Bereiche? In genau diesem Spannungsfeld bewegen sich Unternehmen, die Kundendaten auswerten. Fühlen wir uns von Amazon-Produktvorschlägen belästigt, oder nehmen wir erfolgreich personalisierte Angebote als erwünschtes Zusatzservice wahr? Man hat es mit einer klassischen Trade-Off Situation zu tun, wie Nikolaus Futter vom Compass Verlag richtig feststellte: ich geb dir gern ein Stück "Privacy" oder ein paar Daten, wenn ich daraus einen entsprechenden Vorteil ziehen kann.

datenrunde Rückblick auf die eDay Podiumsdiskussion

Diese Fragen tauchten in der von Thomas Rottenberg moderierten Gesprächsrunde natürlich häufig auf. Georg Markus Kainz von den big brother awards vertrat eine recht strikte Linie, was die Datenauswertung betrifft, aber mein Ex-Studienkollege Bernhard Lehner von 123people gibt einfach einen sehr schlechten Bühnen-Bösewicht ab :twisted: In der Tat darf man, wie Gregor Herzog von der WKÖ feststellte, den Faktor "Media Literacy" keinesfalls außer Acht lassen: wir befinden uns, was das Internet als kulturelle Medientechnik betrifft, in einer rasanten Umbruchsphase. Nachfolgende Generationen werden lernen, die mit den Paradigmen des virtuellen Raums umzugehen und die Grenzen zwischen öffentlich und privat besser abzuschätzen. Denn tatsächlich entsteht eine ganze Reihe von Privacy-Problemen daraus, dass vielen Surfern überhaupt nicht klar ist, dass das Internet ungern vergisst und Google versucht, jede Information zu verlinken, die öffentlich im Netz steht. Eine recht ausführliche Zusammenfassung der Diskussion mit dem Titel" Das Twittern beim E-Day 2009" hat telekom-press.at veröffentlicht.

Ich persönlich halte die Frage des staatlichen Umgangs mit Daten für das eigentliche Probleme: denn nur staatliche Institutionen können die Zentralperspektive einnehmen, viel besser, als dies Google je möglich wäre. Und vor Spam und personalisierten Newsletter habe ich weit weniger Angst als vor einem Big-Brother-Staat im Sinne Orwells - und der Data Retention Act tritt demnächst in Kraft. Wer weiterhin Wert auf Briefgeheimnis legt, wird also nicht umhin kommen, sich mit Verschlüsselungstechniken vertraut zu machen, womit man schon wieder beim Thema Literacy angelangt wäre. Ohne Öffentlichkeit keine Privatsphäre und umgekehrt - die beiden Antagonisten bedingen, benötigen und definieren sich gegenseitig, werden ständig neu verhandelt, und zugleich verläuft die technologische Entwicklung wesentlich zu rasch, als dass traditionelle Rechtssysteme legislativ Schritt halten könnten.

Auf jeden Fall kann es nicht schaden, sich ab und an ins Gedächtnis zu rufen, dass die beiden Gegenspieler "Privatheit" und "Öffentlichkeit" eng mit griechischen Vorstellung von Staatsorganisation verknüpft sind und aus lokalen geographischen Verhältnissen resultierten: was am öffentlichen Platz, der Agora, geschah, war Öffentlichkeit und damit Teil des staatlichen Lebens, während die "Privatsphäre" an der Haustür begann. Mich erinnert diese etymologisch-historische Herleitung an die in den 90er Jahren sehr gängige Bezeichnung des Netzes als "Cyberspace", als virtuellen Raum: und mir scheint, dessen Grenzen müssen erst verhandelt, definiert und verstanden werden. Dass eines der erfolgreichsten Fernsehformate der letzten Jahre aber den semi-ironischen Titel "Big Brother" trägt, zeigt wohl überdeutlich, dass medialer Exhibitionismus im Zeitalter der B-Liga Stars einen eigenartigen Wertekanon per se darstellt, der Andy Warhol ("In the future, everybody will have their fifteen minutes of fame.") und Georg Franck ("Die Ökonomie der Aufmerksamkeit") recht gibt.

Danke nochmal an Gerhard Laga für die Einladung zu diesem spannenden Gespräch auf der Bühne und den sehr gemütlichen anschließenden informellen Teil mit großartigem Buffet und hervorragendem Rotwein - und vom eDay 2010 werd ich hoffentlich mehr mitbekommen.

PS: Gefreut hat mich übrigens auch die Tatsache, dass ich mit meiner Meinung, die aufs Semantic Web projizierten Hoffnungen und Erwartungen seien weit übertrieben, keineswegs allein dastehe. Denn woran gerade ausgefeilte semantische Modelle scheitern werden, ist der gute alte Entropie-Faktor, sozusagen das Salz in der Suppe der Kommunikation, kurz: unerwartete, aber dennoch wertvolle Informationen, Futter für kreative Geistesblitze!

PPS: Ein erstes Rückblicks-Video auf den eDay ist bereits online, eine Fotogallerie ebenfalls.

Fotocredits: Die Fotos zu diesem Beitrag hat Stephan Kuzmanov / Vollwertmedia geschossen.

Schneeige Winter-Stadtlandschaft in Unecht-Optik

Vimeo schickt ganz schön viel Post - aber wenn man mal damit begonnen hat, die Empfehlungen zu goutieren, kann man kaum mehr damit aufhören: kein Newsletter, in dem nicht mindestens ein Video-Highlight enthalten wäre: wie dieses Musikvideo zu "Codebreaker feat. Kathy Diamond: Fire (Jimmy Edgar Remix)" von Erik West. Ja, es handelt sich ausschließlich um "echte" Aufnahmen: der Matchbox-Animations-Look rührt rein von der Perspektive bzw. Nachbearbeitung her:

Diesen Beitrag weiterlesen »

Linksammlung für Existenzgründer

2WID WebkatalogÜber den 2WID.net Webkatalog habe ich vor einigen Monaten im Rahmen einer trigami Rezension berichtet. Die diversen Zusatzfeatures haben mir damals sehr gut gefallen, vor kurzem stieß ich im Rahmen einer Recherche zum Thema Existenzgründung / Start-Up wieder auf die Seite und war ausgesprochen angetan von der geballten Information, die man mittlerweile in dieser Kategorie findet.

In zukünftigen datenschmutz Videopodcasts werde ich immer wieder mal aus dem Nähkästchen des Online-Entrepreneurs plaudern und den einen oder anderen Tipp, der sich meiner persönlichen Erfahrung nach bezahlt gemacht hat, mit Vergnügen weitergeben. Und bei der Suche nach dem diesbezüglichen deutschsprachigen Informationsangebot war ich erst mal sehr überrascht, wie verstreut die einzelnen relevanten Informationen sind: Existenzgründer und (Jung)Unternehmer suchen in der Regel Informationen über mögliche Rechtsformen, Startkapital-Beschaffung, grundlegende Informationen zur Organisation und meist auch Dienstleister zur Auslagerung bestimmter Tätigkeiten wie beispielsweise der Buchhaltung. Ein wirklich umfangreiches Portal habe ich nicht gefunden, ganz zu schweigen von den nationalen rechtlichen Unterschieden etwa zwischen .de, .at und .ch.

Die 2Wid Übersichtsseite zum Thema Existenzgründung bietet gegenüber einer Google-Recherche großen Mehrwert respektive Zeitersparnis: vor allem die umfangreiche Linksammlung zu Rechtsformen erleichtert die Grundsatz-Entscheidung. Allein zum Thema Personengesellschaft findet man 24 Einträge - saubere Crowdsourcing-Arbeit und für mich der Beweis, dass ein gut gepflegtes deutschsprachiges Verzeichnis mit Leichtigkeit mehr Fans gewinnen könnte als jeder Social Bookmarking Service.

Kategorie Existenzgründung
Ausschnitt aus der 2Wid-Kategorie "Existenzgründung"

Ebenfalls aus beruflichem Interesse habe ich dann noch einen Blick auf die Kategorie Onlinemarketing geworfen. Mit 32 Unterkategorien und 154 Einträge zu deutschsprachigen Bannermärkten, SEO-Ressourcen, Dienstleistern etc. überflügelt 2WID das dröge deutschsprachige DMOZ locker. Webdirectories sind keineswegs tot, gerade bei Nischenrecherchen ist diese Art der Zentralperspektive äußerst hilfreich. Und 2Wid ist meiner Meinung nach am besten Weg dazu, zum attraktivsten deutschsprachigen Webverzeichnis zu werden.

Die Grünen sourcen die Crowd

gruenplakatStrategiesitzungen sind momentan in, schließlich erwarten uns in zwei Monaten Neuwahlen. Christoph Chorherr von den Grünen ruft in seinem Blog LeserInnen auf, Plakatideen einzusenden - zwei davon hat er bereits mit Helges Support selbst realisiert. Politstrategisch dürfte es schwierig sein, sich mit einer Multitude von Claims und Standpunkten nachhaltig zu positionieren, trotzdem finde ich die Idee irgendwie originell (bei der Konkurrenz aber auch nicht schwierig) und am besten gefällt mir bisher Janas Vorschlag; übrigens bin ich auch neugierig, wie Super-Fi in den nächsten Wochen für die G tätig werden - Max hat ja am Donnerstag geschrieben, dass er sich einen aktiven, unmittelbar (d.h. nicht durch Agenturen durchdramaturgisierten) WK erwartet:

Ich möchte täglich auf Youtube sehen wo die Grünen gerade unterwegs sind, was sie die Bevölkerung fragen, über welche Themen (schließlich geht’s ja um Themen und Perspektiven, einen Personenwahlkampf gegen Faymann werden die Grünen wohl nicht gewinnen) sie mit den Menschen reden, sehen wie viele Leute für die Grünen arbeiten, sehen das es da mehr als nur einen Van der Bellen, einen Pilz, eine Glawischnig und einen Chorherr gibt.
[...]
Ich möchte wenn ich auf Flickr "Wahlkampf" eintippe Fotos von Grünen PolitikerInnen sehen, ich will auf Geizhals.at mit Ihnen diskutieren wie man beim Neugerätekauf auf das Energiesparen achten kann, usw.

Naja, warum nicht - am besten mit Masterplan im öffentlichen Google-Sheet :mrgreen: Ich bin mal gespannt, was bei Chorherrs Aufruf noch so an schrägen Motiven rauskommt... ein wenig Selbstironie kann ja übrigens nie schaden. Besonders gut gefällt mir Max' Vorschlag eines Political Friendfeeds:

Was schön wäre ist eine Seite (dessen URL kann man dann von mir aus auch auf einem Plakat bewerben kann) wo alle Aktivitäten zusammengefasst werden, siehe z. B. Platterwatch. Wirklich mutig wäre dann wenn auch die Aktivitäten der anderen Parteien dort auch einsehbar wären.

Dennoch werde ich mich nach eingehender Beratung mit Master P., dem Vorsteher des datadirt-Politbüros, jeglicher jeglicher Wahlkampf-Plakatentwürfe (außer allfälliger defätistischer Designs) zu enthalten. Letztendlich steht jede Partei des kleinen Mannes auf den Schultern von Giganten und vice versa; im Gegensatz zu überteuerten Agenturen und den PolitikerInnen selbst werde ich allerdings nicht für Propaganda-Tätigkeiten bezahlt - und wenn die lieben Genossen schon ganz locker ein paar Milliönchen verblasen, dann erscheint mir Ruhm und Ehre doch als schäbiger Preis für die gesourcte Crowd. Aber das ist ohnehin alles recht hypothetisch - trotzdem sollte ein kritischer Blick auf die Unterschiede zwischen Partizipation an der Entscheidungsfindung und Crowdsourcing á la Mechanical Turk jenseits aller Freude übers großartige Mitmachen-Dürfen nicht gänzlich ausgeblendet werden.

Previewvideos zu Diablo 3

diablo3 150x150 Previewvideos zu Diablo 3Die Gerüchte sind keine mehr, denn nun herrscht Königin Gewissheit: Blizzard wird einen dritten Teil von Diablo veröffentlichen. Und da vorige Woche das Preview-Video aufgetaucht ist, kann man wohl getrost davon ausgehen, dass in frühestens drei Jahren das Spiel im Laden liegt - falls dann Games überhaupt noch auf physischen Datenträgern verkauft werden. Blizzard spricht zwar von Ende 2008, aber was Terminankündigungen angeht, steht die Spielebranche in punkto Delays auf einsamer Flur: das kennen wir ja schon zur Genüge von Starcraft und Co.

Auf eu.blizzard.com gibt's einen "Cineastic Trailer", ein Gameplay-Video sowie einen Artwork Trailer zu bewundern sowie erste Screenshots, Beschreibungen der Charakterklassen und Hintergrundinfos zum Spiel. Keine große Überraschung ist die Grafik: Diablo 3 bleibt bei seinen Leisten und die sogenannten isometrische Perspektive (as opposed to Ego-Perspektive) feiert fröhlich Urständ'. Grafisch hat sich in der Zwischenzeit so einiges getan - schließlich sollten die neuen SLI-Grafikkarten ihre enorme Heizleistung nicht völlig grundlos verpulvern.

Caveat old folks: Die Flash-Seite verlangt die Eingabe des Geburtsdatums. Dabei gehen die Programmierer davon aus, dass sich ein 89jähriger keinesfalls für Orkschlachtungen interessiert: denn meine fiktives Geburtsjahr "1919" wurde nicht akzeptiert. Wer weiß, vielleicht hat ja das oberste Amt für Computerspielzensur beschlossen, nicht nur ein Mindest-, sondern auch ein Höchstalter vorzugeben... aber wie auch immer: die Stärke von Diablo lag ja immer in der Unkompliziertheit - sozusagen das ideale Einstiegsspiel für Pensionisten, die sich immer schon gefragt haben, warum manche Kids die Vollimmersion in virtuelle Welten dem Komatrinken vorziehen. Hack'n'Slay nennt man das Diablo-Prinzip übrigens im Jargon - gemeint ist damit der Verzicht auf jegliche Statistik-Frickeleien und sorgefältige Planung. Die Gegenstands-Sammelwut des streng linearen RPGs stand übrigens Pate fürs Genre-Schwergewicht WoW, und der Multiplayer-Modus ist schlichtweg legendär. Mal gucken, wann wir uns tatsächlich wieder auf den Weg durch Iso-Dungeons machen.

Buchtipp: Anleitung zum Subversivsein

subversionen 150x150 Buchtipp: Anleitung zum SubversivseinTrifft die Politik die Ästhetik und fragt: was für ein Verhältnis haben wir eigentlich? Ein subversives, versichern die AutorInnen eines brandneuen und ausgesprochen erfrischenden Sammelbandes zum gleichnamigen Thema. Den HerausgeberInnen Thomas Ernst, Patricia Gozalbez Cantóm, Sebastian Richter, Nadja Sennewald und Julia Tieke ist es gelungen, ein vielschichtiges Bild eines schwer fassbaren, aber zentralen Konzepts einer Weltwahrnehmungsweise des 20. Jahrhunderts zu zeichnen. Neben den Beiträgen der einzelnen AutorInnen enthält der Sammelband die Transkription einer Diskussion mit dem Titel "Aber ich würde es nicht machen, wenn ich nicht glauben würde, dass es funktioniert" und Armin Chodzinskis Fotozyklus "Von der Sehnsucht nach Widerständigkeit".

Mein Überblick über aktuelle politische wie ästhetische Literatur ist ein enden wollender - aufmerksam gemacht auf das Buch hat mich Kollege Mirko, der seit einigen Semestern in Utrecht alle möglichen Mensch/Maschine/Kunst Interaktionen beforscht und -schreibt. Gemeinsam mit Hans Bernhard hat er für den vorliegenden Band den Beitrag "Subversion ist Schnellbeton" geschrieben, der sich mit der Ambivalenz respektive hochfrequenten Aneignung subversiver Strategien durch jene Strukturen, die eigentlich bloßgelegt werden sollen, beschäftigt - der Artikel ist auf Mirkos Homepage auch online verfügbar. (In der Tat ist dies wohl die zentrale Frage in der Bewertung jeglicher Alternative zu ultra-liberalem Turbokapitalismus. Denn kein anderes System war jemals so effektiv darin, jegliche strukturelle Form der Kritik zum adaptieren, implementieren und damit letztlich völlig zu entkräften.)

Ich habe das Buch vor einigen Wochen erhalten und noch nicht alle Beiträge gelesen - doch bereits jetzt, zur "Halbzeit", gehört das Kompendium zu meinen Lieblings-Readern der jüngeren Vergangenheit. Einen Teil tragen auch die sehr gelungene Aufmachung und das Layout des Buches bei - in der Fußzeile findet sich, fortlaufend gedruckt, übrigens ein "Bonustext", nämlich Florian Neuners "Was tun wenn's brennt / Aussageverweigerung / Wahl der Mittel". Sehr gelungen finde ich die Zusammenstellung sowie die Art und Weise der thematischen Annäherung: hier wird gar nicht erst versucht, in irgendeiner Weise Subversion dogmatisch zu definieren, stattdessen arbeitet das Herausgebertrio ganz bewusst mit einer Multiplizität der Zugänge, die sich auch im Aufbau des Buches widerspiegeln. Nach einem einleitenden Teil, der sich mit Geschichte, Strategie und Wirkung des Begriffs auseinandersetzt, folgt die weitere Einteilung spezifischen Zugängen der unterschiedlichen "schönen Künste": Beleuchtet wird das Phänomen Subversion in Literatur, Theater, Fotografie, Film und Fernsehen sowie in der Bildenden Kunst und Mode. Ob Lumpendesign im Modekontext oder unmögliche Perspektiven im Kino dank Computertechnologie: schnell wird deutlich, dass Subversion keine fixen Rezepte kennen kann, da sie stets von einem bestimmten zeitlichen Spannungsfeld getragen ihre "Wirkung" nach immer kürzerer Zeit verlieren. Soweit in diesem Kontext Verallgemeinerungen überhaupt möglich sind, versucht sie Mark Terkessidis in seinem einleitenden Text "Karma Chamäleon. Unverbindliche Richtlinien für die Anwendung von subversiven Taktiken früher und heute." Gemeinsam scheint allen subversiven Strategien jedenfalls die Einsicht, dass eine Kritik am System aus dem System heraus sich in einer paradoxen Münchhausen'schen Situation befindet: aber vielleicht kann man sich ja doch an den eigenen Haaren aus dem Sumpf herausziehen - denn die Ästhetik wiegt bekanntlich weniger als ein Vogerl.

Video: El Caminito del Rey

elcaminitodelreyDer Camino del Rey, liebevoll diminutiv auch Caminito del Rey oder zu deutsch Königspfad genannt, ist ein schmaler, von 1901 bis 1905 erbauter künstlicher Steig, über den heute (Extrem)Kletterer den Makinodromo, das berühmte Kletterparadies des El Chorro, erreichen. Ursprünglich diente er spanischen Arbeitern als Transportweg. 1921, 16 Jahre nach der Fertigstellung, beschritt König Alfonso XIII den Caminito, um den Conde del Guadalhorce Staudamm einzuweihen und gab dem Weg seinen jetzigen Namen.

Der unbarmherzige Zahn der Zeit hat mittlerweile an den Steinplatten genagt, in hundert Jahren wird wohl nicht mehr viel übrig sein von diesem poetischen Zeugnis menschlicher Determiniertheit, das bis heute nichts von seinem Nimbus eingebüßt hat, ganz im Gegenteil: inmitten der wild-zerklüfteten senkrechten Steilwände, unzählige Meter über dem Meer und über dichtbewachsenen Strand-Wäldern wirkt der Steig wie eine archaische Metapher.

Auf Brightcove gibt's ein wunderschönes Video, das die gesamte Strecke aus der Ich-Perspektive des Protagonisten zeigt. Besonders spektakulär sind jene Stellen, an denen die ursprünglichen Platten weggebrochen sind: dort führt nur mehr ein schmaler Metallbalken auf die andere Seite, der ein gewisses Maß an seiltänzerischen Skills erfordert... ohne Schwindelfreiheit und sicheren Tritt geht da gar nix! Am besten Zurücklehnen und genießen. [via Ulrich]

Auf youtube hab ich noch weitere Videos gefunden - zum Beispiel Bruder und Schwester am schmalen Pfad, quote:

dude you're checking out your sister's ass.

YouTube Preview Image

Und dann gibt's noch dieses hier - aber an die poetische, fast hypnotische Kraft des ersten Films kommt dieser Clip natürlich auch nicht ran:

YouTube Preview Image

Spiel mir das Game vom Camino

Man kann sich auch virtuell zum El Chorro geben: die beiden Animations-Künstler Dave Jones und Jill McLeod besuchten die Gegend um den Caminito del Rey im Jahr 2000 und ließen sich zu einem Flash-Spiel inspirieren: in Chasm begleitet der Spieler Hauptcharakter Joe - überraschenderweise handelt sich's aber nicht um ein Geschicklichkeitsspiel, sondern um ein Adventure.


Foto: Caminito del Rey von Gabirulo (FlickR)

Veranstaltungstipp: Flexible Cities

16. April 2008
19:30bis21:30

flexiblecities1 150x150 Veranstaltungstipp: Flexible CitiesArchitekten und Baumeister bauen gemeinhin unsere Städte, und die wiederum produzieren ein charakteristisches Klangbild. Beim aktuellen Sound/Visualisierungs/Konzept von Wolfgang "Fadi" Dorninger und Dr. Dietmar Bruckmayr geht's allerdings um eine Umdrehung des klassischen Kausalverhältnisses: Sound wird zum Konstrukteur und Baumeister virtueller, vielschichtiger Pixel-Stadtlandschaften. Wer die Klang/Bildräume live durchschreiten möchte, sollte am kommenden Mittwoch in der Klosterneuburger Essl Museum besuchen.

Konzeptionell gehen die beiden Linzer Multimedia-Künstler damit ein ganzes Stück weiter als jene net.artists, die in den späten 90er Jahren die 3D-Welten von Spielen wie Unreal als virtuelle Ausstellungsräume nutzten. Die virtuellen Städte werden zwar innerhalb eines dreidimensionalen Koordinaten-Referenzsystems dargestellt, "Taktgeber" und vierte Dimension allerdings ist die Musik: manifeste und latente Komponente werden umgekehrt, anstatt statisch determinierter Environments lässt Musik die Städte nicht nur pulsieren, sondern überhaupt erst entstehen: Geräusche kreieren und bebildern die künstlichen Stadträume. In der Ankündigung zur Performance schreiben Bruckmayr (Musik) und Dorninger (Visualisierung):

In den Flexible Cities herrschen verschiedene Gravitationszustände, Tektoniken und Lichtverhältnisse gesteuert von Klängen. Durch neue Gravitationszustände oder das völlige Fehlen von Gravitation tritt die Tektonik als ästhetischer Ausdruck der Gravitation in den Hintergrund. Ihre Aufgabe ist nunmehr die Sichtbarmachung von Licht in seinen vielfältigen Erscheinungsformen von Licht, Schatten, Schattierungen, Gradienten und Transparenzen. Unterschiedliche Lichtquellen, die in Form und Position wechseln, illuminieren, erzeugen und manipulieren Räume und Sektoren. Mehrere künstliche Sonnen ziehen ihre Bahnen und erhellen eine Dunkelheit, die Strukturen beständig ausspuckt und wieder verschluckt.

flexible citiesMit der Revolution der "Technischen Bilder", die der Kommunikationsphilosoph und Foto-Theoretiker Vilém Flusser bereits vor Jahrzehnten so treffend voraussagte, entstehen völlig neue bildgebende Verfahren: im technische-medizinischen Bereich steht längst nicht mehr die Abbildungsfunktion, sondern die Konstruktion visuell-virtueller Realitäten im Vordergrund. Die "Flexible Cities" orientieren sich an derartigen neuen bildgebenden Verfahren wie Mehrperspektivenprojektion und Schichtröntgen: es handelt sich nicht um Landschaften, in den sich "Spielfiguren" orientieren: eben keine klar definierten, abgegrenzten Formen, sondern Dichteverteilungen, Transformationsvektoren und Skalierungen im beständigen autogenerativen Fluss.

Zum mathematischen Grundgerüst tritt weißes Rausches Zufallsmatrizen als "Störfaktor" hinzu - aber natürlich sind Zufallszahlen aus dem Hauptprozessor ebenso formel-determiniert, bloß komplexer, oder wie die Künstler schreiben

Korrekterweise muss in Zusammenhang mit dem Computer als deterministisches System von Pseudozufallszahlen gesprochen werden. Entwürfe als absichtsvolles, zweckgerichtetes Tun werden durch aleatorische Prozesse in Form von ganzen Serien formaler Transformationen ersetzt, aus denen der Programmierer und Künstler nach ästhetischen Kriterien auswählt. Er lässt die Maschine rechnen und ist dabei wachsam genug, die eigenen Zwecke zu erkennen, wenn sie ihm im Fluss der Formen begegnen.

Für die Errechnung pseudo-organischer Funktionen tritt im Konzept die Superformula des belgischen Mathematikers Johan Gielis sozusagen als Antipode der Zufallsgeneratoren auf: mittels dieser spezifisch erweiterten Kreisformel lassen sich eine Vielzahl in der Natur vorkommender Formen berechnen:

superformular Veranstaltungstipp: Flexible Cities

Bei den Sounds handelt es sich einerseits um binaurale Tonaufnahmen aus München und andererseits um komponierte Teile. Um die komplexe Klangwelt für die Besucher der Installation erlebbar zu machen, kommen zwei verschiedene Tonanlagen mit unterschiedlichem Schall-Abstrahlverhalten zum Einsatz. Das insgesamt 6-kanalige System erlaubt den Besuchern, die Klangkonstruktion zu durchschreiten und sich selbst akustisch im Raum zu verorten.

Die Multimedia-Performance "Flexible Cities" beginnt am 16. April pünktlich um 19:30 im Museum Essl, der Eintritt ist gratis.

Anfahrtsinfo

Die Performance findet ihm Rahmen der Serie KlangRausch statt; von Wien aus muss man um diese Uhrzeit je nach Verkehrslage zwischen 25 und 45 Minuten für die Fahrt nach K-Neuburg einplanen. [Ich werd, wenn's nicht regnet, über die Kahlenberg-Höhenstraße mit dem Bike hinfahren. Wird eh Zeit für die 2008er Erstbefahrung.]

Adresse: Essl Museum - An der Donau-Au 1, Klosterneuburg bei Wien [Anfahrtsplan] Weitere Infos zur Performance gibt's auf Fadis Blog und beim SRA.

Wenn Physiker Systeme integrieren

11. April 2008
20:00bis22:00

Die größte Maschine der Welt hat keine zwei Räder, sondern beschleunigt winzige Teilchen. In Kürze erhält CERN ein gewaltiges Hardware Updgrade; im Metalab spricht Tobias Nöbauer morgen im Metalab über den Large Hadron Collider.

Der Ankündigungstext lässt ebenso wie die Berufs-Kombi des Vortragenden - er ist Physiker und Soziologe - einen ausgesprochen spannenden und originellen Vortrag erwarten. Und die Frage, ob neoneueste Erkenntnisse der Quantenfeldtheorie erneut unser ohnehin bereits hochgradig Einstein'sch-relativistisches Weltbild auf den Kopf stellt, darf natürlich keinen Hobby-Existenzialisten kalt lassen!

Im Juli 2008 soll nun endlich die wahrscheinlich größte Maschine der Welt, der Large Hadron Collider (LHC) am Europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf in Betrieb gehen. Ohne mit der Wimper zu zucken tauschen die Hochenergiephysiker dabei in einer globalen, wahnwitzig komplizierten Kollaboration etwa 4 Gigaeuro Geld und 200 Megawatt Strom gegen 14 Teraelektronvolt Kollisionsenergie von Protonen, was etwa der Energie einer Handvoll motiviert fliegender Mücken entspricht.

Wer immer schon mal wissen wollte, warum Blasenkammerfotos nicht in Kunstbänden zu finden sind und welche grandiosen Überlegungen hinter Feynman-Diagramme stecken, sollte dem Metalab auf jeden Fall einen Besuch abstatten:

An der Übersichtlichkeit und Bescheidenheit des LHC-Projekts will sich der Vortrag orientieren: physikalische Hintergründe und Designüberlegungen zum LHC und den Detektoren sollen ebenso zu Sprache und Bildern kommen wie einige Grundkonzepte der Quantenfeldtheorie, die Funktionsweise von Teilchendetektoren, FPGA-Firmware-Programmierung, verteilte Steuersysteme aus Web-Services und Zukunftsperspektiven der Hochenergiephysik. Wir besprechen Blasenkammerfotos und Feynman-Diagramme, Supraleiter und Halbleiter, die Erfindung des WWW und die Entdeckung der neutralen Ströme, Quarks, Gruppendynamik, Berufsaussichten und den Weltuntergang. Kurz: Die Systemintegration des Globalen Müonentriggers für das CMS Experiment am CERN.

Ort: Metalab, 1010 Wien, Rathausstr. 6

Gigapixel-Fotografie: höher aufgelöste Wirklichkeiten

Die Vermessung nicht nur der virtuellen Welt schreitet unaufhörlich voran, doch das alte Kartographengesetz hat nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt: eine Karte, welche alle Details der von ihr dargestellten Landschaft wiedergibt, müßte genau so groß sein wie die Landschaft selbst. In Zeiten von Gigapixel-Fotografie und stufenlosen Zooms bezieht sich Größe allerdings nicht mehr auf die Ausdehnung, sondern bloß auf die zur Verfügung stehende Datenmenge.

Die Trägermedien haben sich verändert, und zwar sehr zum Vorteil jener, die das Kartenfalten schon immer zutiefst verabscheuten: bei Systemen wie Google Maps bleibt die einzige Beschränkung in der Auflösung die Verfügbarkeit passenden Bildmaterials. Dass da plötzlich bei besonders gelungenen "Schnappschüssen" in der höchsten Zoomstufe an der einen oder anderen Straßenecke plötzlich eine Person identifizierbar wird, stellt die Betreiber derartiger Dienste vor neue Privacy-Herausforderungen, zugleich machen solche virtuellen Globen die Welt auf eine Art betrachtbar, mit der kein Globus mehr mithalten kann. Möglich macht die stufenlose Betrachtung der Welt eine spezielle Image-Streaming Technologie: anstatt die gesamte Datenmenge zu übertragen, werden immer nur die momentan benötigten Ausschnitte von den Servern nachgeladen. Vereinfacht erklärt stellt Google-Maps ein riesiges, auf die Globenform montiertes Foto der Erde dar, in welches der Betrachter hinein zoomt.

Auf dem gleichen Prinzip beruht die Darstellung extrem hoch aufgelöster statischer Bilder im Browser. Eine italienische Firma hat sich auf solche Gigapixel-Schnappschüsse spezialisiert: das ehemals höchstauflösende Foto der Welt wurde im Juni diesen Jahres ins Netz gestellt und besteht aus 9,9 Gigapixeln. La Gloria di Sant'Ignazio, ein Deckenfresco des italienischen Künstlers Andrea Pozzo, entstand im Original zwischen 1685 und 1694, die finale Version wurde an einem Tag aus über 1.000 einzelnen Digitalfotos zusammengesetzt und erlaubt stufenloses Zoomen von der Gesamtansicht bis hin zur Oberflächenstruktur des Materials.

Inzwischen investieren zahlreiche Firmen einen beträchtlichen Teil ihrer Forschungsbudgets in derartige Bildtechnologien, denn die Faszination solcher Pixelwelten ist immens. Der amerikanische Fotograf Gerard Maynard stellte mit Hilfe der Software "Autopano" ein hochauflösendes Panorama des New Yorker Stadtteils Harlem zusammen: innerhalb von rund 2 Stunden entstanden die 2000 Einzelfotos, die das Ausgangsmaterial der datenintensiven Montage bilden. Von der Zentralperspektive zum einzelnen Häuserziegel und wieder zurück kann sich der Betrachter im wahrsten Sinn des Wortes "durch das Bild" bewegen. Ob potentielle Touristen per Stadtpanorama präventiv den Reinigungsgrad der Gehsteige überprüfen oder Kunsthistoriker Remote-Einblicke in Originale erhalten, die möglicherweise mehr Details enthüllen als das bloße Auge: die Gigapixel-Fotografie wird den Umgang mit digitalem Bildmaterial nachhaltig verändern.

Mehr Auflösung für Bewegtbilder

Verströmten die ersten zögerlichen Video-Streaming Versuche noch den Breitbildcharme einer Briefmarke, so schicken Internet-TV-Sender inzwischen bereits ihre Live-Sendungen bildschirmfüllend über den 01er-Äther. "Auflösung" lautet nun mal eines der magischen Sesam-öffne-Dich Stichwörter der zukünftigen Mediengesellschaft: DVDs, von der Industrie noch vor vergleichsweise sehr kurzer Zeit als Non-Plus Ultra einer heim-cineastischen Filmkultur angepriesen, verlieren ihren Status im Zuge von Nachfolgeformaten wie Blue Ray und Co. quasi in Echtzeit. Schon beklagen Jäger und Sammler das eingebaute Verfallsdatum ihrer mühevoll in Tauschbörsen raubkopierten Filmsammlungen: denn divX-codierte Filme, obwohl qualitativ deutlich besser als weiland die VHS-Kassette, wirken im Vergleich zu aktuellen Formaten am Flachbildfernseher ganz schön flau. Japanische Wissenschaftler experimentieren mit Auflösungen im Gigapixel-Bereich, die das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges überschreiten - und damit Marschall McLuhans Theorie von heißen und kalten Medien technisch überholen. Denn das Charakteristikum der Bildröhre, so der amerikanische Medienforscher, bestehe in der geringen Menge an Bildinformation: aus einer relativ groben Pixelmatrix und den rund 25 Bildern pro Sekunde müsse der menschliche Wahrnehmungsapparat ja erst das Bewegtbild in Eigenleistung zusammensetzen. Wenn also demnächst die diversen Flimmerkisten mehr Bildinformationen liefern, als unser Wahrnehmungsapparat aufnehmen und verarbeiten kann, dann zeigt die symbolische Karte womöglich irgendwann mehr Details, als die kartographierte Landschaft je aufwies.

Blogistan Panoptikum Woche 35 2k7

3. September 2007bis9. September 2007

Neu bei den Internetnotizen und sehr dekorativ: die Blogosphäre in Icons. Das nenn ich Zentralperspektive - bzw. das ultimative Wohnzimmerpostermotiv für angehende Alphablogger. Im übrigen fällt der Wochenrückblick diesmal ausgesprochen kurz aus - nicht mangels Ereignissen... aber ich war fast die ganze Woche nur unterwegs und hinke meinen abonnierten RSS Feeds gnadenlos hinterher. Aber für eine Meldung muss dennoch Zeit bleiben: il grande patrone kommt im neuen Look daher!

Blogauswertung am Desktop

Google Analytics ist gratis, kann aber keine Echtzeit. Clicky kostet ein paar Cent, punktet mit übersichtlicher Oberfläche und Echtzeit-Auswertung. Beide Services funktionieren serverbasiert - einen ganz anderen Weg geht Snoop: die Software wird lokal installiert:

Running in the System Tray (Windows) / System Status Bar (Mac) you no longer need to endlessly flip between your work and stats. When something happens, Snoop will let you know.

Frei definiertbare Javascript Event-Handler triggern in Echtzeit einstellbare Benachrichtigungen - theoretisch könnte man jedesmal, wenn ein neuer Besucher auf's eigene Blog kommt, eine virtuelle Kuckucksuhr erklingen lassen oder die Kommentar-Funktion quasi als Chat nutzen. Die Software ist für PC und Mac verfügbar, ich werd demnächst mal einen genaueren Blick drauf werfen.

Virales Marketing am Todesstern

Ein Vierteljahrhundert nach dem zensierten Original können Star Wars Fans im Netz endlich nachverfolgen, worum es bei dem legendären Gespräch zwischen Darth Vader und seinen Generälen wirklich ging [via 4null4.de]

Und das war's auch schon in aller Kürze - nächste Woche folgt dann wieder ein längerer Rückblick, und morgen früh gibt's zwei neue Blogvorstellungen. In diesem Sinne wünsch' ich einen erquicklichen Restsonntag - ich werd den Rest der Woche mit Earl verbringen.

Der Google Zauberbesen (von Werner Reiter)

googleMit seiner rasanten Entwicklung vom kleinen Start-up zum größten Internetunternehmen der Welt hat Google eine märchenhafte Erfolgsstory vorzuweisen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und einige Schatten, die Google wirft, sind sogar recht dunkel. Werner Reiter versucht, die Story in einer Diskussionsrunde ein Stück weiter zu erzählen, fotografiert hat Florian Auer. "Der Google Zauberbesen" erscheint in der gerade frisch gedruckten Ausgaben von the gap in leicht gekürzter Form - datenschmutz LeserInnen erfahren die ganze Wahrheit über den gefährlichen Suchmaschinenmoloch, der unser tägliches Leben so sehr erleichtert.

Die Diskussionsrunde

  • Monika Bargmann: Obmannstellvertreterin VIBE!AT - Verein für Internet-Benutzer Österreichs und wissenschaftliche Assistentin am Fachhochschulstudiengang Informationsberufe. vibe.at
  • Adrian Dabrowski: Datenschützer bei q/uintessenz und Datenbankentwickler. quintessenz.org
  • Christopher Sima: Österreich-Geschäftsführer des Online Vermarkters AdLink. adlink.at
  • Ritchie Pettauer: Medientheoretiker und Journalist. datenschmutz.net

diskussionsrundeIm Jahr 1998 gründen zwei junge Studenten mit einer damals revolutionären Suchtechnologie eine Internetfirma. Dem Märchenklischee entsprechend dienen billige IBM-PCs als Infrastruktur und eine Garage als Firmensitz. Das Ende ist noch offen. Aus heutiger Sicht lassen sich je nach Geschmack zwei mögliche Schlüsse erzählen. Der eine ist voller Superlative: wertvollste Marke der Welt, meistbesuchte Internetseite, Weltmarktführer bei Online-Werbung ... ad infinitum. Der zweite - vorläufige - Schluss erkennt in all der Größe eine massive Gefahr: Wir alle sind Googles Zauberlehrlinge und werden die gerufenen Geister nicht mehr los. Schließlich ist Google nicht irgendwo groß, sondern am Lebensnerv der modernen Gesellschaft: der Information, genauer gesagt deren Aggregation und Aufbereitung.

Keine Zeit für Selbstreflexion

Natürlich war auch ein Vertreter von Google Österreich eingeladen. Wichtigere und zeitkritische Projekte standen einer Teilnahme leider im Wege und man überließ es uns, die Diskussion aus der Außenperspektive zu führen. Nicht weiter schlimm, wird doch ohnehin jeder User täglich von den Annehmlichkeiten kostenloser Google Services überzeugt. Bemerkenswert bleibt aber, dass kritische Geister und Datenschützer weit eher bereit sind, Diskussionseinladungen zu folgen. Und dass jene, die Google ob seiner ungebrochenen Innovationskraft bewundern, diesen Aspekt nicht wirklich in den Diskurs einbringen wollen. Christopher Sima, Geschäftsführer des Online-Vermarkters AdLink, ist unserer Einladung gefolgt und hat die etwas undankbare Rolle des Google-Verteidigers brilliant übernommen.

Die Trojanischen Pferde

diskussionsrundeDoch der Reihe nach: Beweggrund, die Diskussion zu veranstalten, war die Tatsache, dass Google mittlerweile eine zentrale Rolle in der Internetwelt einnimmt. Nicht nur die Mehrzahl der User wählt Google als Einstiegspunkt, auch zahllose Webmaster bauen Google Analytics als Analysetool und AdSense (kontextsensitive Werbeanzeigen in Textform) als komfortable Verdienstmöglichkeit ein. Damit nicht genug, steckt Google mit Toolbar und Desktop Search in Millionen PCs und mit Messaging-Services wie Gmail und Google Talk hat sich der Internet-Riese noch mehr Möglichkeiten geschaffen, Daten zu sammeln und Userprofile für die Werbewirtschaft zu generieren.

"Es ist schwierig, gegen Google zu argumentieren, weil's einfach so praktisch und noch dazu kostenlos ist." Monika Bargmann über geschenkte Gäule

Ein einfaches Experiment zeigt ein interessantes Ergebnis: Der Suchbegriff "Internet" bringt auf Google knapp zwei Millionen Treffer, der Begriff "Google" etwas mehr als die Hälfte. Eine Suche auf Yahoo bringt ein ähnliches Resultat. Selbst wenn MSN Search es etwas anders sieht und Googles Anteil auf 12% reduziert, ist die Frage zulässig, ob Google die Regeln des Internet zu einem großen Teil bestimmt. Neuerdings wird das ebenso simple wie erfolgreiche AdSense-Konzept zur Online-Vermittlung von Werbeanzeigen auf klassische Medien wie Print, Radio und TV ausgerollt und erstmals gelingt es einer Internet-Company, auch die klassische Marketingwelt empfindlich aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Democracy on the web works - auch nicht besser als die staatliche

"Democracy on the web works" und "The need for information crosses all borders" lauten Nummer vier und acht der zehn Gebote, die Google sich als Firmenpolicy auferlegt hat. Sie beschreiben ein Versprechen aus der Frühzeit des Web: Wo Information frei zugänglich ist, wird Demokratie ermöglicht. Von Beginn an war es Googles Credo, alle im Internet verfügbare Information für die User nutzbar zu machen. Mittlerweile bedient das Unternehmen aus Mountain View das Informationsbedürfnis der Massen und ist dabei so groß geworden, dass die politischen Eliten ihre Einflusssphäre bedroht sehen.

"Irgendwann sind sich alle Monopole nicht nur ihrer eigenen Macht bewusst. Auch fremde Interessen wissen, dass sie den Hebel nur mehr an einer Stelle ansetzen müssen, um etwas zu bewirken." Adrian Dabrowski über simple Wirtschaftsphysik

Die von Google gefilterten Suchergebnisse als Zugeständnis an die chinesische Regierung werden nicht nur in unserer Expertenrunde massiv kritisiert. Wobei alle Diskussionsgäste von weiteren Beispielen wissen, in welchen Google anderen Staatsobrigkeiten gegenüber - zum Teil vorauseilenden - Gehorsam zeigt. Der Medientheoretiker Ritchie Pettauer meint, dass es ohnehin nie auf der Agenda stand, als Suchmaschine Dinge im Sinne der Allgemeinheit zu regeln. Als börsenotiertes Unternehmen regle Google Dinge im Sinne seiner Shareholder. Warum sollte ein Unternehmen auch für mehr Demokratie sorgen als (gewählte) Regierungen? Problematisch sei höchstens die "verdeckte Zensur", wie Adrian Dabrowski von q/uintessenz formuliert: die mangelnde Transparenz, dass - und aufgrund welcher Kriterien - Ergebnisse gefiltert wurden.

Reality made by Google

diskussionsrundeDie Bereitwilligkeit, sich wirtschaftlichen Erfolg durch politisches Wohlverhalten zu sichern und Googles Monopolstellung bringen ein interessantes Phänomen hervor: Plötzlich hat ein Unternehmen die Möglichkeit, die Realität für große Teile der Informationsgesellschaft zu definieren - das allerdings nicht wie bei klassischen Medienunternehmen durch die Produktion von Information, sondern durch Filterung und Aggregation von Material, das andere produziert haben. Pettauer meint, dass Google nur einem Trend folge, welchen Medienwissenschaftler schon seit 15 Jahren beobachten: Transnationale Konzerne hätten schon seit längerem die Definitionsmacht und damit die Rolle der Kirchen übernommen. Google mache das aufgrund seines Geschäftsgegenstandes nur etwas unmittelbarer. Etwa wenn in Google Earth Aufnahmen unkommentiert durch ältere ersetzt werden - wodurch der Zoom aus dem Weltall auf globale Krisenregionen schon mal als heil darstellt, was längst zerbombt ward.

"Man darf nicht vergessen, dass Google diese Monopolstellung nur erreicht hat, weil es viele Dinge die es macht, sehr gut macht." Ritchie Pettauer bestätigt Google Gebot Nummer zwei

Der User im Fadenkreuz

In der Runde herrscht dennoch Einigkeit, dass Google Services für die Enduser in erster Linie praktisch und noch dazu kostenlos sind. Und beides wohl auch weiterhin bleiben werden, analysiert und filtert die Datenkrake unser Such- und Kommunikationsverhalten doch ganz genauso wie sie es auch mit anderen Informationen tut - um sie dann verkaufen zu können. Registrierungsdaten, Cookies und Log-Daten ergeben einen Rohstoff, der nur entsprechend aufbereitet werden muss, um die Träume aller Werbetreibenden wahr werden zu lassen: Targeting auf höchster Granularitäts-Stufe. Christopher Sima von AdLink steigt erst an diesem Punkt der Diskussion ein und bricht eine Lanze für das Datensammeln und Profil-Erstellen der Internetgiganten. Es ermögliche letztlich eine Werbeeffizienz, die vor zehn Jahren noch undenkbar war. Verschwörungstheorien erteilt er eine Abfuhr, da es im Marketing durchaus ausreiche, eine Gruppe von Usern mit einem definierten Profil zu erreichen und nicht die jeweiligen Einzelpersonen.

"Die Hauptarbeit, die Google zur Zeit leistet, ist Clickfraud hinterher zu jagen." Christopher Sima über die illegale Manipulation der Klickraten

Trotzdem: Je besser die Profildaten, umso höher ihr Wert und umso effizienter können Werbebudgets eingesetzt werden. Genau in diese Richtung geht der Trend: Die neuen Zauberworte der Branche lauten Behavioral Targeting (also die gezielte Ansprache der User aufgrund messbarer Verhaltensmuster) und Abrechnung nach Conversions (also Bestellungen, Anmeldungen oder dergleichen).

Ein bisserl Wettbewerb täte gut

Durch den Kauf von DoubleClick, einem der weltweit größten Anbieter von Online Marketing Lösungen, hat Google neben Keyword Advertising (kontextspezifische Textanzeigen) auch eine Vormachtstellung im klassischen Display Advertising (Banner, Pop-Ups und ähnliches) erlangt. Damit landen userbezogene Daten aus zwei unterschiedlichen Werbemodellen im selben Speicher: einmal die Klicks aus klassischer Onlinewerbung, die Awareness schafft und ein anderes Mal die Keywords, die einen Informationsbedarf abdecken. Werberherz was willst du mehr?

"Wahnsinnig nützlich, aber zu mächtig! Alternativen braucht die Welt!" Marie Ringler, Grüne Gemeinderätin und Landtagsabgeordnete in Wien

diskussionsrundeAuch wenn Datenschutzorganisationen wie etwa Privacy International und neuerdings auch EU-Experten dagegen Sturm laufen: Dieser Praxis ist - mit Ausnahme komplizierter wettbewerbsrechtlicher Verfahren - nicht wirklich beizukommen. Monika Bargmann, die sich bei VIBE!AT für den bewussten Umgang mit dem Internet engagiert, fielen zwar etliche Argumente ein, doch die erreichen die meisten Usern nicht. Der Zauberbesen könnte nur durch einen anderen Zauberbesen ein wenig zurück in die Ecke gedrängt werden. Hätte Google relevante Mitbewerber, wäre nicht nur ein Monopol gebrochen, auch das Interesse von Geheimdiensten, Regierungen und Klickbetrügern würde sich auf mehrere verteilen und Google hätte wieder die Möglichkeit, den Algorithmus für die User anstatt gegen die Parasiten zu optimieren und müsste vielleicht nicht mehr dazu aufrufen, die Klickbetrüger anzuschwärzen.

Nützlich und genial - aber gefährlich

The Gap hat noch andere Expertenmeinungen zu Google eingeholt. Alle eingetroffenen Statements oszillieren zwischen Bewunderung und einem mehr oder weniger starken Unwohlsein, das in der Vormachtstellung des Unternehmens begründet ist. Der wohl interessanteste Beitrag kam von Franz Manola, der Google schon vor zehn Jahren als Suchtechnologie auf den Seiten des ORF einbauen ließ. Franz Manola war von 1996 bis 2007 Gründergeschäftsführer von ORF ON und ist derzeit in der Generaldirektion des ORF verantwortlich für ein neues Corporate Design und den HDTV-Einstieg des Unternehmens:

Das Phänomen Google lässt sich als Kulminationspunkt von 500 Jahren abendländischem Denken lesen. Mit der Renaissance setzt die Vorstellung ein, dass der Mensch allen Aspekten seines Lebens mit Rationalität begegnen muss und kann. Die Jungs und Mädels von Google sind besessen von mathematischen Meisterdenkertum. Sie sind der unerschütterlichen Überzeugung, dass sich jedes Problem auf eine mathematische Formel verdichten und damit lösen lässt. Sie haben innerhalb von zehn Jahren ein, zwei Hefte mit solchen Algorithmen in einen Unternehmens-Giganten verwandelt, den die Börsianer, ihrerseits besessen von angewandter Mathematik, höher bewerten als jede andere Firma der Welt.

Die vielleicht zentrale Errungenschaft der Renaissance, kulminierend in der bürgerlichen Revolution, ist die Vorstellung, dass das Ich mindestens so hoch zu bewerten ist wie das Wir, dass das Ich einen besonderen Schutz vor dem Wir und Uns verdient. Das Private - von der Privatsphäre bis zum Privateigentum - definiert das Subjekt in der westlichen, marktwirtschaftlichen Demokratie wie nichts Zweites.

Die Abschaffung des Privaten

Die Ironie des Phänomens Google - jedenfalls seiner zentralen Suchalgorithmen - ist die Abschaffung des Privaten, also ein Angriff auf den Kern der Errungenschaften der Moderne. Seit wir vernetzt sind, hinterlässt jeder von uns eine Datenspur, die von allen möglichen Agenturen - von der NSA bis Microsoft - abgelegt und durchforstet wird. Aber davon wissen meist wir selbst nichts, geschweige unser Nachbar. Google aber hat unsere Datenspur nach außen gestülpt. Inklusive der Datenschleimspur, die andere im Zusammenhang mit unserem Namen abgesondert haben. Solange eine noch so fiese Denunziation anonym auf einem noch so obskuren Bulletin Board abgelegt in einem Rechner-Cash zu finden ist, wird sie Google bis in alle Zukunft zu Tage fördern.

You never have a second chance to make a first impression - das war gestern. Heute und in alle Zukunft gilt: Du bist gegoogelt lange bevor du die Chance gehabt hättest, einen unvermittelten persönlichen Eindruck zu hinterlassen. Wir sind wieder im Dorf gelandet, im globalen Dorf, wo jeder über jeden alles zu wissen glaubt und das Wir wieder entscheidet, was das Ich darf und ganz besonders was es nicht darf. Google verletzt potenziell die Privatsphäre von jedem einzelnen in einem noch vor zehn Jahren unvorstellbaren Ausmaß. Im kalifornischen Mountain View ist - nicht zum ersten Mal - ein Weltformel-/Meisterdenkerkonzept an die Wand seiner eigenen Widersprüchlichkeit gefahren. Zu Ende gedacht, ist das kein mathematisches, sondern ein politisches Problem. Wie es damals der Feudalismus war, gegen den sich die Ichs erhoben haben.

Franz Kröpfl, Leiter der Abteilung Innovation Marketing bei mobilkom austria, fasste folgende drei Punkte über Google zusammen:

  • Einer der wenigen Angreifer, der zum Angegriffenen wurde. (Google verteidigt seine Position nach wie vor erfolgreich.)
  • Nach wie vor innovativ; "Geht nicht" gibt es nicht, sofern es sich um Dinge handelt, die die Welt braucht. Um zu forschen, werfen sie auch alte "Don'ts" über Board
  • Was sie machen, machen sie mit vollem Ernst und haben scheinbar auch noch Spaß dabei (Zukunft und Wachstum sind nicht trennbar).

Google und Feedburner – mehr als eine Liebeshochzeit

Die aktuelle datenschmutz Titelstory dreht sich um den Aufkauf Feedburners durch Google: Der Suchmaschinenriese freut sich über neues Datenfutter, die User des beliebtesten RSS-Aggregationstools bekommen ab sofort die vormals kostenpflichtigen Pro-Features gratis. Für Ö1 matrix hab ich die folgende Kolumnen zum Thema "Zukunftsperspektiven" verfaßt (erschienen auf oe1.orf.at im Juni); damals war allerdings noch nichts bekannt über den Wegfall der monatlichen Gebühren für professionelle Statistiken.

Was vor wenigen Tage noch als Gerücht im Netz kursierte, bewahrheitete sich am 23. Mai: Google erwart für 100 Millionen Dollar die RSS Aggregator-Plattform Feedburner und stärkt damit vor allem sein Blog-Portfolio.

Die Reaktionen der Netzgemeinde auf die Neuerwerbung Googles fielen großteils verhalten euphorisch aus - wurde früher jede Businesstaktik des Quasi-Monopolisten frenetisch bejubelt, so gestaltet sich der Applaus immer endenwollender, seit der Suchmaschinenbetreiber sich vom smarten Platzhirsch zur netzumfassenden Krake entwickelt hat. Die Neuerwerbung passt natürlich ganz hervorragend ins Web 2.0 Konzept, denn mit Feedburner stehen Google plötzlich ganz neue Möglichkeiten der Monetarisierung des Adsense-Produkts zur Verfügung.

Feedburner zählt zu den Sonnenkindern des Web 2.0 Booms: die Betreiber konzentrierten sich seit der Gründung im Jahr 2003 voll und ganz auf die Aggregation von RSS-Feeds. Dieses plattform-unabhängige Format macht Webseiten maschinenlesbar, erlaubt den problemlosen Austausch von Inhalten zwischen verschiedenen Domains und wird zunehmend dazu benutzt, um die Beiträge aktualitätsbezogener Webseiten zu abonnieren. Besonders rasante Verbreitung fand das Format in der Blogosphere, stellen die Feeds doch eine ideale Möglichkeit dar, um Weblogs bequem zu abonnieren: ein Besuch der Homepage bei jedem neuen Beitrag entfällt.

Theoretisch könnte die Feedfunktion auch benutzt werden, um nur kurze Teaser anzubieten, die jedoch bei den LeserInnnen meist auf wenig Akzeptanz stoßen - die überwiegende Mehrzahl der Blogautoren bietet ihren LeserInnen daher werbefreie Volltextversionen an. Jede moderne Content-Managment Software kann solche Feeds generieren. Der Feedburner-Server schaltet sich zwischen den Originalfeed und die Abonennten und stellt dem Seitenautor eine ganze Reihe nützlicher Features zur Verfügung, dazu gehören genaue statistische Auswertungen ebenso wie umfangreiche Zusatzfunktionen. Viele Pro-Blogger leiten ihren RSS-Feed komplett über die Plattform um und nutzen die kostenpflichtige Version, die eine noch genauere statistische Auswertung ermöglicht.

Manche Experten sehen bei Google beginnende Probleme mit den Economies of Scale: zwar verfügt die Firma über die wohl beeindruckendste weltumspannende Serverarchitektur des gesamten Netzes, doch blieben viele Erwerbungen der letzten Jahre mehr oder weniger unbeachtet liegen. Die ehemals florierende Weblog-Plattform Blogger dümpelt seit dem Aufkauf im Web 1.0 Status dahin, myspace scheint weitgehende sich selbst überlassen zu bleiben - Analytics allerdings erfuhr kürzlich ein umfassendes Update, das kommerziellen Statistik-Tools nahezu die Existenzgrundlage entzieht.

Die Zukunft von Feedburner allerdings steht wohl kaum in den Sternen, denn strategisch betrachtet stärkt sich Google gleich an mehreren Fronten. Den Fehler, zwangsweise Werbung in den Feeds schalten, sollte die Firma freilich nicht machen, denn diese wäre die Markteintrittschance für eine neue RSS-Plattform: die wenigsten Autoren stellen ihre Arbeit gerne freiwillig Dritten als Werbefläche zur Verfügung. Wahrscheinlicher ist wohl, dass Google sein Adsense-Revenue-Share Modell anpasst und Webmaster an den Werbeeinnahmen beteiligt. Bereits jetzt stellt Feedburner eine komfortable Möglichkeit zur Verfügung, ab 500 Abonennten Werbung im Feed zu schalten: eine Verheiratung dieses Features mit Adsense ist daher mehr als wahrscheinlich.

Zum Zeitpunkt des Aufkaufs verwaltete Feedburner rund 420.000 RSS-Adressen. Neben dem zusätzlichen Werbekanal wird Google wohl auch die Chance nützen, die hauseigene, aber bisher kaum genutzte Blogsuche mit den indizierten Inhalten aufzupolieren. Dagegen nehmen sich die Blog-Portfolios von Microsoft und Yahoo geradezu bescheiden aus: bleibt nur abzuwarten, ob es Google demnächst auch noch gelingt, sich Technorati einzuverleiben - mit dem Kauf der größten und populärsten Weblog-Aggregationsplattform wäre ein weiterer Abschnitt im Monopol-Puzzle komplett.

Weiterführende Links:

 1 2 nächste