datenschmutz - Social Marketing, Pro-Blogging und medien.kultur.technik
Youtube Kinoabend Videocamp Vienna Marlis Rumler, uBoot Kapitänin andalusien-2009-106 London 2007
datenschmutz RSS Feed
1,065 zufriedene Leser
RSS jetzt abonnieren
Twitter
48,559 Followers
auf Twitter folgen

Artikel-Schlagworte: „Politik“

Blogistan Panoptikum KW49 2009

Jedes Jahr eine erneute Enttäuschung: kein Krampustreiben in Wien! Dafür bloß "überteuerter Glühwein auf überfüllten Weihnachtsmärkten" (=Klischeesatz der vorjährigen Wintersaison), ausbleibendes Schneetreiben und erbitterte Jagd auf originelle Geschenke. Möchten Sie dem ganzen Wahn entfliehen, dann lehnen Sie sich entspannt zurück: datenschmutz und Linzerschnitte blicken garantiert nicht auf den 24, sondern sieben Tage zurück - denn trotz der fallenden Außentemperaturen brodelt die Blogosphäre wie eh und je.

Die perfekte Facebook-Fanpage

ritchie aka datadirt Social Media Anleitungen für Firmen und Brands kursieren in großer Zahl, in den meisten Fällen ist's schade um die vergeudete Lesezeit. Wer sich theoretische Abhandlungen sparen will und eine leicht verständliche Anleitung sucht, dem sei Jesse Stays Gastbeitrag auf Techipedia ans Herz gelegt: "How to create the perfect Facebook Fan Page" erklärt alle wichtigen Schritte von der Erstellung eines Custom-Tabs über die optimale Logo-Größe bis hin zu SEO-Überlegungen. Lesen und umsetzen, denn wie Jesse völlig richtig schreibt:

As you can see, a Facebook Page is a powerful tool that you can use to enhance and strengthen your brand naturally using the tools Facebook provides. Be sure to leverage this tool, customize it, and make it work to get your brand in front of as many people and their friends as possible.

Jesse, Gründer und CEO von Socialtoo.com, hat übrigens eine hervorragende Einführung für alle geschrieben, die sich näher mit den Untiefen der Facebook-Programmierung beschäftigen möchten: FBML Essentials Blogistan Panoptikum KW49 2009

Sind wir nicht alle ein bisschen ...krank?

Judith aka Linzerschnitte Wer zuviel twittert, chattet, mailt etc. kann krank werden. Klingt wie der übliche Kulturpessimismus wohlmeinender Eltern aus Zeiten des Fernsehen-Hypes: "Du kriegst noch ganz eckige Augen".

Götz Mundle, Psychotherapeut und Spezialist im Fachgebiet der Psychosomatik wird in der Jänner-Ausgabe von "Psychologie heute" aber erklären, was genau er damit meint. Manche Menschen, so Mundle, stürzten sich in das

"mediale Dauerfeuer, um persönliche Probleme zu verdrängen. Statt auf ihre innere Stimme und Warnsignale ihres Körpers zu hören, betäuben sie sich mit Müll aus dem Internet. Wer es als quälend empfindet, offline zu sein, und wem es nicht gelingt, einen Tag in der Woche komplett ohne diese Medien auszukommen, hat ein handfestes Problem.

Besagtes mediales Dauerfeuer erhöhe außerdem die Produktion der Stresshormone Kortisol und Adrenalin, Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit leiden." Mundle: "Langfristig kann ein Burn-out-Syndrom die Folge sein."

Nun ja, Mediziner und ihre Warnungen sind eine Sache. Bevor aber die gesamte Social Media Branche wegen Digital Burn Out in einer Psychomatik-Spezialklinik landet und die Krankenkassen noch mehr in den Ruin treibt, empfehlen wir (uns) für heute: Auch offline ist es hin und wieder ganz nett & Gute Nacht (nachdem Sie beim Fertiglesen des Panoptikums noch reichlich Kortisol ausgeschüttet haben).

Anm. von datenschmutz: Ich kontere mit der Gegenthese: "Wer zu wenig oder gar nicht twittert, chattet, mailt etc. kann krank werden." Widerleg das, Mundle! Oder, wie Mundl gesagt hätte: "Mei Twitta is ned deppat!"

Mobile Internetnutzung steigt rasant

ritchie aka datadirt Online-Umfragen sind immer so eine Sache: selbst wenn es heißt, es nahm "eine repräsentative Stichprobe von über 1.000 Internetnutzern teil" muss man im Zweifelsfall davon ausgehen, dass die Daten über irgendwelche Popup-Layer gesammelt wurden und eher arbiträr als signifikant sind. Dennoch zeigt eine aktuelle Umfrage, die Scout24 gemeinsam mit Innofact durchgeführt hat, dass - oh Überraschung - mobiles Internet längst kein Exotendasein mehr fristet: jeder zweite Nutzer war schon mal mit seinem Handy online, jeder vierte nutzt häufig mobile Services:

Mit 60 Prozent Nutzung und 29 Prozent intensiver Nutzung sind Männer die Vorreiter beim mobilen Internet. Die mobilen Surfer interessieren sich zu 71 Prozent stark für Nachrichten, 59 Prozent zählen Navigationstools zu ihren beliebtesten mobilen Services. 51 Prozent erfreuen sich an Mobile Shopping.
Knapp 70 Prozent der befragten Online-Nutzer würden für mobile Applications extra zahlen, sofern der angebotene Dienst ihnen einen persönlichen Mehrwert bringt.

Bildbearbeitung online - ein Picnik!

Judith aka Linzerschnitte Vor einigen Tagen war ich gezwungen, auf dem PC meines Vaters zu arbeiten. 13''-Röhrenmonitor, gefühlte 500 MB Arbeitsspeicher, Internet Explorer, keine Flash Updates etc. Und: Ich brauchte ein Bildbearbeitungsprogramm. Nicht einmal Standardsoftware war zu finden, von dem mir vertrauten Photoshop ganz zu schweigen.

Da wagte ich den Versuch und googlte nach einem Online-Bildbearbeitungsprogramm. Ich wählte das erstbeste namens Picnik und war begeistert. Fotos skalieren, zuschneiden und grundsätzliche Bildbearbeitungstechniken ohne sich registrieren zu müssen, Bilder in verschiedenen Formaten und Qualitäten abspeichern, großartige Usability (kein Nachlesen erforderlich) und noch zusätzliche Tipps und Erklärungen. Wer sich registriert, kann seine Fotos außerdem automatisch bei FlickR, Facebook usw. uploaden. Das Service wird mittlerweile in Deutsch angeboten, für $24,90 pro Jahr ist auch eine Premiumversion erhältlich, die unter anderem Layers unterstützt. Wem Photoshop immer schon zu viele und zu komplizierte Funktionen hatte und außerdem zu teuer war, der wird in der Cloud glücklicher.

Obama weiß, was du einkaufst

ritchie aka datadirt Weil auf die USA fokussierte Terroristen natürlich die Warenwirtschaft ihres kapitalistischen Erzfeindes nicht auch noch unterstützen wollen, kaufen sie die Bauteile für ihre Bomben vorzugsweise in Europa. Also lassen die netten Politiker ihre Freunde von der Homeland Security natürlich in die Konten blicken - wenn auch seit neuestem nur für 6 Monate:

Deutschland, Österreich und Ungarn machten demnach durch ihre Enthaltung den Weg frei.
Den Kritikern des Abkommens ist es gelungen, die Laufzeit von ursprünglich zwölf auf neun Monate herunterzuhandeln. Allerdings bleibt das EU-Parlament unberücksichtigt - und zwar nur einen Tag vor Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags, der den Volksvertretern ein Mitspracherecht in Sicherheitsfragen gibt.

Die Detailregelungen des Abkommens sind ein Hammer und verdienen es, an dieser Stelle näher beleuchtet zu werden (Swift-Volltext):

Das US-Finanzministerium kann, dem neuen Abkommen zufolge, nicht einfach die Daten abholen, sondern muss einen möglichst genau definierten Antrag stellen. Wenn der angesprochene Finanzdienstleister nicht in der Lage ist, den angeforderten Datensatz eindeutig zu identifizieren, muss er eine größere Datenmenge an die für die Kooperation mit den USA verantwortliche nationale Polizeibehörde übermitteln, die sie dann an die USA weitergibt. Die Verwendung der Daten ist explizit auf Terrorfahndung beschränkt. Außerdem dürfen die Daten nicht zum automatisierten Profiling sowie im Rahmen von Data-Mining-Aktionen verwendet werden. Daten, die sich als nutzlos für die Fahnder herausstellen, müssen spätestens acht Monate nach deren Überprüfung gelöscht werden. Ein Richtervorbehalt bei den Anfragen ist nicht vorgesehen.

Unglaublicherweise stellt diese Situation allerdings sogar ein "Verbesserung" gegenüber dem Status von vor 2006 dar, als US-Behörden ohne jegliche rechtliche Grundlagen massenhaft Finanzdaten auswerteten. Dass sich .at, .de und .ch ihrer Stimmen enthielten, lieferte der Opposition einiges an Munition, bleibt aber unverständlich - ebenso wie der Kommentar der österreichischen Innenministerin:

Maria Fekter (ÖVP) bezeichnete das Interimsabkommen in einer Mitteilung vom Montag als "unbefriedigend". Sie habe sich daher der Stimme enthalten.

Wow - wirklich eine beruhigende Haltung der Regierung in Sachen Europapolitik! Wenn uns irgendwas nicht passt, dann sagen wir - nix.

Social Media: No Joy with the ROI?

Judith aka Linzerschnitte Ist Social Media aus wirtschaftlicher Sicht nur eine weitere Blase an überzogenen Erwartungen und Goldgräbertum, wie Community TV in den 90ern, Multitext in den 2000ern und nahezu alles, was mit Interaktion und Medien zu tun hat? Manches weist darauf hin:
Firmen, auf deren nichtige Eigenwerbung man sich im Social Web gerne verzichten könnte, ernennen sich plötzlich zur Social Media Agentur und sprechen von Mehrwert - und man fragt sich: Wenn sie selbst im Social Web keinen Mehrwert bieten, wie wollen sie diesen ihren Kunden vermitteln? Social Media Berater, deren Schlüsselqualifikation es ist, einen Twitteraccount mit mehr als 500 Followern und Grundkenntnisse von Wordpress zu haben, vermehren sich wie Schweingrippeviren. Und jeder Round Table oder XY-Tag beinhaltet Social Media Slots, wo mit heißer Luft nicht gegeizt wird.

Letztendlich gibt es ihn aber, den ROI von Social Media. Und wer weniger in Kampagnen denkt, sondern daran, Digital Relations aufzubauen, wird ihn früher oder später selbst erleben. Hier einige Beispiele dafür:

YouTube Preview Image

Fickfreie Zone: die Top-Suchworte

ritchie aka datadirt Das Jahr neigt sich seinem Ende zu, folgerichtig werfen die Suchmaschinenbetreiber ihre Statistikbots an - aus den aktuellen Hitparaden lässt sich so mancher Trend ablesen. Dass kommerzielle Angebote zum Thema Fortpflanzung an Relevanz verloren hätten, möge aber keinesfalls voreilig gefolgert werden: XXX-Suchworte filtern die Betreiber bedauerlicherweise aus. Dass die einen nicht unbeträchtlichen Teil des Gesamtvolumens ausmachen, legt eine aktueller Untersuchung des schwedischen World Internet Institute nahe:

Men det är inte bara unga män som sexsurfar, även bland kvinnor är det nu 7% som uppger att de besöker sidor med sexuellt innehåll.

Sexsurfar... hehe. 7% wär in der Tat nicht so wenig... die offizielle Hitparade wird indes in Deutschland von Megan Fox angeführt, während die Österreicher am häufigsten nach "Wien", "Youtube" und "Österreich" (wtf?) suchten. Dass URL-Suchbegriffe wie "ebay" oder "gmx" ebenfalls stark in den Top 10 vertreten sind, hat übrigens mit der Direkt-Weiterleitungsfunktion aktueller Browser zu tun, allerdings zählt ein solcher Aufruf eben auch als Suchvorgang.

Bei Yahoo dagegen bleibt's weiterhin schwül, windig und orientierungslos: die Top Begriffe lauten Wetter, Routenplaner, Wikipedia (sic!), Telefonbuch, Horoskop und Erotik. Wer die Schweinegrippe überstanden, für seinen Opel die Abwrackprämie kassiert, einen Apfelkuchen verspeist und anschließend mit Monica Lierhaus und Lady Gaga beim Echo 2009 einen "Sturm der Liebe" entfachte, lag komplett im Plansoll.

Noch eine Topliste: RSS-Technologien

ritchie aka datadirt ReadWriteWeb hat mit der Veröffentlichung der "traditionellen" Best-Of Listen begonnen. Dass in den "Top Mobile Web Products" ausschließlich Android- und iPhone-Apps vertreten sind, mag auf einen gewissen redaktionellen Bias schließen lassen (und dass die Top-10-Semantic-Apps Liste überhaupt gefüllt werden konnte, verwundert), aber im Beitrag über die Top 10 RSS & Syndication Technologies of 2009 habe ich ein interessantes Service gefunden:

Echo, from JS-Kit is a reverse syndication service for distributed social media conversations. It brings back tweets and other mentions to the page they refer to. The service is growing fast and becoming more sophisticated every week. New features come so fast and furious that it's overwhelming but the end result is an experience that brings the dispersed social web back together again.

Grundsätzlich nichts, das nicht andere Plugins auch leisten könnten - die Twitter-Kommentare importiere ich schon längere Zeit via Backtype. Allerdings beherrscht Echo auch noch Unified Login und synchronisiert alle Importe mit dem WP-eigenen Kommentarsystem. Werd ich mir demnächst mal näher ansehen, immerhin bin ich ein großer Fan von Premium Services und Echo kostet $48 pro Jahr. In diese Kategorie fällt auch Fever, der Feedreader für Geeks: es handelt sich nicht um lokale Software, sondern um eine am eigenen Webserver gehostete mobile-taugliche Software. Mit $30 ein günstiges Weihnachtsgeschenk für alle, die keine Steckdosen für neue Hardware-Gadgets mehr frei haben.

Ritchies Video der Woche

Gerade mal 12 Jahre alt ist dieser äußerst talentierte Schlagzeuger - die Rhythmus- und Tempi-Wechsel in diesem Solo sind unglaublich - muss man gehört und gesehen haben! (Gefunden in Karola Rieglers Facebook Feed):

YouTube Preview Image

Judiths Video der Woche

Einmal noch, okay? Dann mach ich wieder mal eine Pause mit Katzencontent. Aber dieses eine Mal muss noch sein....

Lesetipps der Woche

  • Steve Gillmor hat auf TechCrunchIT einen ausgedehnten Beitrag über die strategische "Aushungerung" Twitters durch Friendfeed veröffentlicht, in dem er auch auf die Problematik der "data ownership" eingeht.
  • Lesetipp/Weihnachtswunschlistentipp: Gmail-User aufgepasst: Das Gboard ist da! Ein USB-Board, mit dem ohne Scrollen auf Gmail navigiert werden kann. Kostenpunkt 19 Dollar - www.gboard.com

Und damit sind wir auch schon wieder am Ende der Rückschau und somit in der Gegenwart angekommen - wir hoffen, Sie hatten einen sanften Flug und freuen uns, Sie bald wieder an Bord des Blogistan Panoptikums begrüßen zu dürfen. Bitte geben Sie aus Sicherheitsgründen einen Kommentar ab, bevor Sie diesen Beitrag verlassen. Linzerschnitte und datenschmutz wünschen einen geruhsamen Restsonntag und einen beachtlichen Start in die kommende Woche; wir lesen uns am Montag!

Input für WochenrückblickHaben Sie Vorschläge und Themen fürs datenschmutz Wochenpanoptikum?
Gibt es aktuelle Infos aus der weiten Welt des Web, die datenschmutz-Leser erfahren sollten?
Schicken Sie Ihre eigenen News ein für den kommenden Wochenrückblick - für jeden Eintrag gibt's auf Wunsch einen Backlink! Hier geht's zum Einreich-Formular.

Die Angst vor der Politik von Laura Rudas

Vorausschickende Anmerkung: ds ist und wird kein politisches Blog. Aber im Kleinstaat Österreich ist die Agora immer noch die erfolgreichste Kabarett-Bühnen. Laura Rudas sorgt wirklich permanent für Erheiterung! In der Tat stammt das folgende Zitat nicht aus dem Maschek-Programm über österreichische Politiker (die Laura den vergleichsweise harmlosen Satz "Jeder Österreicher bekommt einen Facebook-Account!" in den Jungpolitikerinnen-Mund legten), sondern aus einem Interview mit der vormaligen Bundesgeschäftsführerin der jungen und nunmaligen Bundesgeschäftsführerin der alten SPÖ. Ganz am Ende des Gesprächs folgte auf die Frage nach dem Fazit ausnahmsweise nicht das übliche Konvolut von Tautologien, sondern:

Mir macht es eine große Freude.
Ich wusste, dass es nicht nur Standing Ovations geben wird.
Jetzt bin ich über so manche Unterstützung positiv überrascht.
Noch immer habe ich auch Kritiker, was es ja auch spannend macht.
Ich möchte bleiben, solange ich etwas bewegen kann.
Ab der Sekunde, in der man von mir Politik von vorgestern verlangt, mache ich lieber etwas anderes.

Tja, Frau Rudas: ebenso wenig wie Sie kann ich es fassen, dass Sie "noch immer" Kritiker haben - mittlerweile hätte doch selbst der langsamste BZÖ-Dorfpolitiker kapieren müssen, dass man gar nicht gegen Sie sein *kann*, zumindest habe ich von Ihnen noch nie eine Aussage gehört, die auch nur irgendwie als kontrovers klassifiziert werden kann.

Beruhigend allerdings zu wissen, dass Sie ganz gewiss noch eine Weile "etwas bewegen können werden", und wenn's nur die Stifte auf Ihrem Schreibtisch sind. Zum letzten Satz kann ich allerdings nur gratulieren: Um länger etwas bewegen zu können, wird es mit Sicherheit hilfreich sein, Politik von Gestern zu machen. Und die scheinen Sie ja voll cool zu finden - wo Sie doch extra drauf hinweisen, dass bloß "Vorgestern" nicht in Frage kommt. In diesem Sinne: Rückwärts, Genossin!

Wienwahl-Richtigstellung: nur um keine falschen Vermutungen aufkommen zu lassen: ich stehe SPÖ und ÖVP exakt gleich leidenschaftslos gegenüber, nur von den Grünen bin ich maßlos enttäuscht, und andere Parteien kenne ich keine. Trotzdem werde ich bei der kommenden Wiener Gemeinderatswahl trotzdem Grandmaster Häupl und sein Stadt-Team wählen. Wenn die SPÖler ihren Job nicht so hervorragend machen würden, dann wär Wien garantiert nicht so leiwand, wie's ist - und wohl kaum auf Platz 1 in der UNO-Liste der lebenswertesten Großstädte. Eine Koalition halte ich für im harmlosesten Fall kontraproduktiv, von mir aus kann der Stadtpapa gern die absolute Mehrheit behalten, dafür werf ich bei der GR-Wahl gerne meinen Stimmzettel ein. Und ich würde mich freuen, wenn Sie das auch tun (Achtung: #wahlagitation). Ich hab nämlich vor, noch ein Weilchen in dieser Stadt zu leben.

Silvia Saringer bei der Am Punkt Probesendung

Heute war ich bei ATV im Studio eingeladen, um bei der letzten Probesendung der neuen Live-Diskussion-Show "Am Punkt" mit dabei zu sein. ATV Anchor-Woman Sylvia Saringer wird jeden Mittwoch um 21:50 mit Live-Gästen zu einem aktuellen Thema aus den Ressorts Politik/Chronik diskutieren - die Besonderheit: Zuseher haben die Möglichkeit, während der Sendung via Twitter und Facebook Fragen zu stellen oder im Vorfeld Video-Fragen hochzuladen. Hier drei Fotos vom meiner Meinung nach sehr gelungenen Studio-Design - im Anschluss an die Aufzeichnung habe ich ein Video-Interview mit Sylvia geführt (eine der sympathischsten Interview-Partnerinnen, die ich je vor der Linse hatte - auch wenn sie meinte, dass dieser Rollenwechsel recht ungewohnt sei), das in Kürze hier auf datenschmutz veröffentlicht wird. Ich freu mich schon auf die Premiere am 16. September, alle Sendungen werden auch in voller Länge auf ATV.at veröffentlicht.

Sylvia Saringer moderiert am Punkt

Diesen Beitrag weiterlesen »

Duales Systemdebakel: Kloiber will ATV halbieren

atvhalb Duales Systemdebakel: Kloiber will ATV halbierenIn anderen Ländern mit vergleichbarer Struktur wäre von einem Medienskandal gröberen Ausmaßes die Rede, in .at dagegen rauscht die Ankündigung von ATV-Eigentümer Herbert Kloiber, die Hälfte der 130 Mitarbeiter zu entlassen und künftige Produktionsaufträge nicht mehr in Österreich zu vergeben, relativ ungehört durch den Blätterwald. Diese Maßnahmen wolle er umsetzen, sofern die "Medienförderung für private Sender in der Budgetrede am 21. April nicht einmal im Subtext vorkomme," so Kloiber. Ich habe aus aktuellem Anlass ein Interview mit Alexander Millecker, Leiter der aktuellen Redaktion von ATV (aka Nachrichtenchef), geführt.

"Vergleicht man heute ORF1 und ATV, dann läuft bei uns mehr selbst und in Österreich produziertes Programm - ORF1 sehe ich daher längst nicht mehr als öffentlich-rechtlichen Sender," so Alexander Millecker. Die Stimmung unter den Mitarbeitern befindet sich verständlicherweise nicht gerade am Höhepunkt, trotzdem verstehen die meisten die Beweggründe ihres Chefs - denn ohne Druck der EU gäbe es in Österreich vermutlich heute noch kein duales System.

Dem Standard ist die Meldung gerade mal 11 Zeilen wert, die Diskutanten finden die Ansage Kloibers großteils zynisch und menschenverachtend. Dass die Ansage keineswegs aus heiterem Himmeln kommt, sondern letztendlich das Resultat einer konsequenten Medienversäumnis-Politik darstellt, wird dabei natürlich mit keinem Wort erwähnt. Doch wir erinnern uns: vor nicht allzu vielen Jahren war die Alpenrepublik mit Ausnahme Albaniens das einzige europäische Land ohne privaten Rundfunkanstalten. Nicht zuletzt im Zuge des EU-Beitritts entstand Handlungszwang, entstanden Privatradios und Fernsehsender. In einem so kleinen Land wie Österreich gelten aber einige Spezifika, die Nationalökonomen unter dem Begriff "Economies of Scale" zusammenfassen. Bei knapp 8 Millionen Einwohner ist eben jede Sparte in absoluten Zahlen weitaus kleiner als in größeren Ländern.

Sieht man Fernsehen trotzdem als öffentliches Gut an, muss eben der Staat angreifen und die Versorgung sicherstellen - und das hat er in immensem Umfang auch getan, aber eben nur für den staatlichen Rundfunk. Anders als ZDF und ARD in Deutschland beschränkt der ORF sein Angebot keinesfalls großteils auf Non-Unterhaltung, ganz zu schweigen von einem abendlichen Werbeverbot. Die Mischfinanzierung aus Zwangsgebühren und Werbeeinahmen reichte bislang sogar aus, um eine ganze Armada "weißer Elefanten" durchzufüttern, denn selbstverständlich muss die ORF-Führungsriege von jeder neuen Regierung ausgetauscht werden. Da bleibt für die beiden Privatsender ATV und PULS4, die schon lange eine Beteiligung an den RF-Gebühren fordern, nix mehr vom Kuchen übrig, schließlich lässt sich staatliches Fernsehen viel besser mit der Politik verzahnen.

Vor diesem Hintergrund wird der "Erpressungsversuch" Kloibers durchwegs verständlich. Was mich allerdings wirklich überrascht hat, ist die nicht bloß strategische, sondern faktische Inkompetenz der handelnden politischen Personen, die man mit etwas gutem Willen auch als Desinteresse bezeichnen könnte. Hier ein gekürzte Form des Interviews - das komplette Gespräch gibt's als Stream zu Anhören:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Interview mit Alexander Millecker

ritchie: Das Statement des ATV-Besitzers, die halbe Belegschaft entlassen zu wollen, sorgt für weniger Aufregung als man erwarten könnte - ist die Drohung ernst zu nehmen?

Alexander Millecker: Herbert Kloiber hat diese Ankündigung schon vor längerer Zeit in Cannes gemacht. Ich glaube, dass er sich die Sache sehr genau überlegt hat; eine solche Ankündigung macht man nicht leichtfertig. Es handelt sich um den traurigen Höhepunkt einer langen Geschichte der Ignoranz in der österreichischen Medienpolitik. Bereits zwei Vorgängerregierungen haben diese Förderung für privaten Rundfunkbetreiber versprochen und sogar in der Koalitionsvereinbarung verankert. Obwohl diese Ankündigung - ein paar dürre Zeilen - fast unverändert übernommen wurde, haben Gespräche gezeigt, dass offensichtlich kein Interesse besteht, diese Förderung auszuschütten.
In der aktuellen Situation, in der quasi jedes Medium mit Werberückgängen rechnen muss, kann das natürlich durchwegs existenzbedrohend sein. Die Verantwortung trägt aus meiner Sicht ganz klar die österreichische Medienpolitik.

?: Wäre die Auszahlung eines Teils der ORF-Gebühren an private Rundfunksender ein gangbarer Weg?

!: Natürlich könnte man von Seiten des Gesetzgebers her Rundfunk als "Public Value" ansehen und dann sagen, jeder, der Public Value anbietet, hat ein Recht auf öffentliche Förderung; das ist eine Möglichkeit, aber gar nicht unbedingt jene, die wir haben wollen. Wir bestehen auch gar nicht konkret auf einer speziellen Medienförderung. Was wir wollen, sind faire Marktbedingungen. Der ORF finanziert sich zu zwei Drittel durch Gebühren und zu einem Drittel über Werbung. Wenn der Herr Wrabetz - das muss man ganz offen sagen - aufgrund seiner nicht sehr glücklichen Programmpolitik und einiger anderer Faktoren jetzt einen höheren Finanzbedarf hat, dann ist das eine Sache. Aber in keinem anderen Land wird der Werbemarkt derart vom staatlichen Rundfunk dominiert; und wenn der ORF nun zusätzliche Ausweitung der Werbezeiten möchte, weil die Finanzierung in Krisenzeiten schwieriger fällt, dann muss man bedenken, dass sich privates Fernsehen nicht zu einem Drittel, sondern zu 100 Prozent aus Werbeeinnahmen finanziert; die Situation ist damit, wenn man so will, dreimal so schwierig.
Wir hängen nicht an dem einen oder anderen Modell, sondern wir wollen faire Marktbedingungen und wir wünschen uns, dass die Regierung dem altbekannten Lippenbekenntnis zum dualen System endlich Taten folgen lässt - sei es in Form der versprochenen Medienförderung oder in anderer Art und Weise.

?: Hat die Politik denn überhaupt ein Interesse an einer Veränderung der Situation?

!: Erstaunlicherweise nicht, und zwar vollkommen unabhängig von der Parteifarbe. Man möchte meinen, dass in einem demokratischen Staat des 21. Jahrhunderts Medienvielfalt per se einen Wert darstellt, sonst wäre ja eine Presseförderung ebenfalls sinnlos. Niemand käme auf die Idee, den Standard oder Die Presse abzuschaffen, weil diese Zeitungen ohne staatliche Förderung nicht überlebensfähig wären. Dabei dominiert der ORF den Fernsehmarkt ja nicht nur Werbebereich, sondern auch den Einkauf - und überbietet trotz der angeblichen Finanzkrise Privatsender beim Einkauf von Serien und Filmen. Aber der Politik scheint die Situation kein echtes Anliegen zu sein.

?: Ich find's ja unglaublich ignorant von SPÖ-Spitzenkandidat Faymann, den Diskussionsrunden im Privat-TV fernzubleiben - eigentlich ein deutliches Signal.

!: Ich kann mir schon vorstellen, dass für Parteien bzw. Parteisekretariate der Umgang mit privaten Medien nicht so einfach ist. Sie haben hier weder Einfluss auf die Besetzung in meiner Redaktion, noch kümmert es mich, wenn irgend jemand anruft und glaubt, er könne sich bei einer Sendung rein- oder rausreklamieren. Das ist bei den Kollegen vom ORF wahrscheinlich nicht immer so, aber darin besteht auch unser Vorteil. Zuständige Politiker - ich möchte keine Namen nennen - wussten, wie sich in Gesprächen zeigte, nicht einmal, wie viele Mitarbeiter ATV hat. Da war die Rede von 50 Personen, dabei arbeiten allein am Standort Wien 120 Personen, dazu kommen natürlich noch die freien Mitarbeiter sowie sämtliche Produktionsfirmen und Dienstleister, die von ATV abhängen. Das sind insgesamt 400 bis 500 Arbeitsplätze, und insofern finde ich diese Einstellung der Politiker wirklich kurzsichtig: wenn irgendwo 100 Leute in Kurzarbeit geschickt werden, ist schnell mal ein Politiker zur Stelle, um eine Wortspende vor den Kameras abzugeben. Doch obwohl in diesem Fall mehrere 100 hochqualifizierte Arbeitsplätze gefährdet sind, gab es bislang überhaupt keine Reaktion.

Das komplette Interview anhören:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

ATV bringt Doku über Jörg Haider

Die Füchse raunen's von den Dächern: der österreichische Privatsender ATV arbeitet an einer Dokumentation über das Leben, Streben und Wirken des vor wenigen Monaten überraschend verunglückten österreichischen Politikers. Auf Youtube tauchte ein erster Trailer auf, den ich einfach mal unkommentiert stehen lassen möchte:

YouTube Preview Image Diesen Beitrag weiterlesen »

Der Tag der lebenden freien Medien

9. Dezember 2008 16:00bis10. Dezember 2008 4:00

Der Tag der freien MedienSoll kein Horrorfilm werden, sondern eine informative Veranstaltung, bei der sich Insider vernetzen und Außenstehende Einblick bekommen in die Vielfalt an Alternativen zu Fellnerpress und DichandNews. Zu diesem Behufe lädt der österreichische Medienverband morgigentags ab 16:00 Uhr in die Wiener FLUC Wanne, wo zuerst ausgiebig geschnackt und anscheinend noch ausgiebiger gefeiert werden soll.

Mit an Bord sind unter anderem Skug, The Message, fm5, Der Bagger, Datum und dérive, um 19:30 diskutieren die üblichen Verdächtigen die postulierte "Schieflage Freier Medien in Österreich". Am Podium: Andi Klinger (Ex-Resident), Niko Alm (the gap), Michael Fleischhacker (Die Presse), Peter Fuchs (Freies Plakat), ein Vertreter der SPÖ und Moderatorin Karin Resetarits. Ab 21:30 geigen dann Petsch Moser unplugged sowie ein Surprise Act auf, ab der Geisterstunde weichen die Instrumente den Turntables, bedient von Makeedo, Se.Vero, Intoxicated und fry, die ein weites Spektrum von Funk über Dubstep bis Breaks präsentieren werden.

Der österreichische Medienverband hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die sogenannten "freie" Medienszene zu fördern. Allein dieser Begriff sorgt allerdings für Verwirrung: wann ist ein Magazin "frei"? Wenn es rein von Förderungen lebt und keine Werbung enthält? Wenn der Chefredakteur gratis zuhause bei der Mutter wohnt? Wenn es in der U-Bahn umsonst verteilt wird? Wenn alle Layouter den Freimaurern angehören? Wenn der Großteil der Redaktion Publizistik studiert? Wenn das Heft kein Geld einbringt? Martin hat dazu eine eindeutige Meinung:

"Österreichs freie Medien sind unabhängig, gesellschaftlich relevant, arbeiten höchst professionell und vor allem politisch unabhängig", so Aschauer. "Medienvielfalt braucht individuelle Förderungsmaßnahmen, die sowohl finanziell als auch ideell erfolgen. Eine Anlaufstelle für junge, aufstrebende Medien muss geschaffen werden. Information über Förderstellen und Förderanträge, Abrechnung und Rechtsberatung muss leicht zugänglich werden, tragende Strukturen, Softwarelizenzen und auch Rechtsschutz müssen finanziell abgesichert werden", so Vizepräsidentin Birgit Pestal über die Ziele des Österreichischen Medienverbands. Freie Medien sind weit mehr als nur die Ausbildungsstätten der Journalisten der Zukunft. Sie seien, so Aschauer "Garant des medienkulturellen Pluralismus in Österreich und sollten in einer funktionierenden Demokratie erkannt und wertgeschätzt werden."

In der Tat spielen in einem so kleinen Land wie Österreich, dessen Economies of Scale für blühende Medienpluralität wahrlich nicht geschaffen sind, freie Medien eine beträchtliche Rolle. Trotzdem bin ich strikt gegen ein Fördersystem nach dem Gießkannenprinzip - eine gemeinsame Infrastruktur zu schaffen den infrastrukturellen, juristischen und informations-technischen Nachteil auszugleichen, sollte allerdings in der Tat Ziel einer nachhaltigen Medienpolitik sein: denn eine sinnvoll angelegte strukturelle Förderung schafft Synergien, von denen letztendlich alle nur profitieren können. Mehr dazu auf der Homepage des Österreichischen Medienverbands.

Ort: FLUC Wanne am Praterstern
Eintritt: freie Spende

[wp_geo_map]

Online-Journalismus: Alte Systeme perpetuieren?

MedienjournalistMal Lust auf einen richtig langen Text im Netz? Und nicht eingescannt? Dann statten Sie Stefan Niggemeier einen Besuch ab: der deutsche Medienjournalist (Medienjournalist: eigentlich ein sehr cooles Wort. Wirkt auf den ersten Blick wie ein Hendiadyoin, ist aber in dem Fall keines) hat auf der DJV-Konferenz "Besser online" einen Vortrag zum Status Quo des Online Journalismus gehalten, der in all seiner Brillanz vor allem eines zeigt: man kann Parameter eines untergehenden System keineswegs an ein neues anlegen und dann jammern, dass alles schlechter geworden sei. Damit fällt man nämlich unweigerlich - trotz bestem Korrektorat, lauteren Absichten und handwerklichen Können - unweigerlich in die kulturpessimistische Grube. Kant hatte auf eine abstruse Art und Weise schon recht: es sind immer wieder die kategorialen Fehler...

Der Vortrag beginnt mit der Invokation einer These, der schwerlich zu widersprechen ist:

Es ist aber eine These, oder genauer: eine Befürchtung, die zentral und fundamental ist. Die über die gegenwärtige Befindlichkeit des Online-Journalismus hinausblickt in die Zukunft. Es ist ein Satz, der vielleicht auch erklärt, warum ich mich immer wieder so verbeißen kann in die Negativbeispiele, die ich auf den Internetseiten deutscher Medien finde – was ich sicher für manche mit etwas beunruhigender masochistischer Leidenschaft tue. Die These lautet:

Die Verlage und Sender probieren im Internet gerade aus, ob es nicht auch mit weniger Journalismus geht.

Das klingt noch verhältnismäßig untendenziös, aber schon wenige Absätze weiter erfährt der Leser um die wirkliche Dramatik, oder besser Dramaturgie:

Journalismus bedeutet, die Wahrheit aufschreiben. Wenn ein Autohersteller bei der Produktion so viel Kosten einspart, dass das Ding nicht mehr fährt, verliert es für den Käufer die Funktion eines Autos. Ein Online-Medium kann nicht sagen: „Okay, diese Information ist zwar nicht ganz richtig, sondern nur eine abgeschriebene PR-Mitteilung oder ein ungeprüft weiterverbreitetes Gerücht. Aber wir haben halt nicht den Etat zum Überprüfen oder Selbstrecherchieren.”

Journalismus, der nicht mehr die Wahrheit berichtet, ist kein Journalismus. Und das Schlimme ist, dass der Kunde es, im Gegensatz zum nicht fahrenden Auto, nicht einmal zwangsläufig merkt, was ihm da angedreht wurde. (Mal abgesehen davon, dass Demokratie zur Not noch ohne Autos funktioniert, aber nicht ohne Journalismus.)

Ich spare mir weitere Zitate, weil dieses symptomatisch ist für die Stoßrichtung des Vortrags: im Internet sind Tippfehler scheinbar egal, PR-Mitteilungen werden ungeprüft als redaktioneller Content verkauft... unsere Kernwerte verschwimmen in einer bösen liberalen Ökonomie, statt bestens ausgebildeter Journos hämmern in den Online-Redaktionen nur mehr Praktikanten ihren Müll in die Tastaturen.

Das bringt unangenehme Gerüche aus der Kindheit in die Erinnerung, genauer gesagt, jenen Teil der Vorlesungen in meinem Publizistik-Studium, den jeder Anfänger absolvieren musste: Printmedien, Journalisten als vierte Kraft, Korrektiv der Politik und so. Diese Wahrheitsfindung mittels Methodenkoffer war mir schon damals sehr suspekt, und daran hat sich nix verändert: was sich aber verändert hat, ist die Relevanz der Institution Journalismus in ihrer Gesamtheit. In der alten Welt, in der die Distributionskanäle abgesehen von Leserbriefseiten nur one-way funktionierten, musste man wohl oder übel mit impertinenten "Gatekeepern" leben, aber das Internet hat diese Notwendigkeit annulliert.

Zweifellos ist eine Erregung über die Sorglosigkeit, mit der vorgebliche Medienprofis Regeln ihres Handwerks missachten, zutreffend. Aber die Schlussfolgerungen sind weit überzogen:

Die Gefahr, wenn die Medien im Internet als Reaktion auf die noch geringen Einnahmemöglichkeiten die journalistischen Standards senken, ist, dass das Publikum sich daran gewöhnen könnte. Das wäre ein Traum für "RP Online" [...]. Aber es wäre ein Alptraum für die Gesellschaft – und den Journalismus.

Da springen andere in die Bresche. Viele Blogger - darunter ja auch der Autor des kritisierten Artikels - machen sich mit ihren Blog-Beiträgen mehr Mühe als der durchschnittliche Vollzeit-Feuilletonist. Ein Alptraum für den Journalismus: ja, aber nicht für die Gesellschaft. Dass nicht jeder Bürger investigativer Hobby-Schreiber wird, ist ebenso klar, wie dass ökonomische und andere Interessen ganz schnell zu einer Akkumulierung von Aufmerksamkeit führen, dass sich im neuen Medium neue some-to-many Topologien bilden - schon klar. Aber die Tatsache, dass das Internet Meinungsmanipulationen deutlicher hervortreten lässt als dies Fernsehen oder Print je könnten, und der Umstand, dass selbst der letzte Bergbauer mit UMTS-Karte irgendwann kapieren *muss*, dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur eine Multitude von Standpunkten, entschädigen für 1 Million Paris Hilton News auf der Startseite der Frankfurter Nachrichten und eine ganze Armee von Tippfehlern mit dazu. Journalismus war ein notwendiges Meinungsmonopol, eine Zuspitzung der Agora, wenn wir schon von Politik reden. Journalisten werden langsam überflüssig, weil Media Literacy eben nicht mehr die Kompetenz einer auserwählten Gruppe bleibt!

Auf mittelfristige Sicht muss diese Situation Auswirkungen auf die Gestaltung der Demokratie haben, die viel weiter reichen als Wahlen im 3-6 Jahresabstand. Wandel. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass dies alles noch brandneu ist: wir Dass (wirtschafts)politische Entscheidungen zu einem hohen Teil übrigens längst nicht mehr über staatlich kontrollierte Kanäle geschehen, ist Symptom eines Systems im werden erst Spielregeln und Messlatten entwerfen und erproben müssen. Die Parameter eines historischen Mediensystems heran zu ziehen, muss notwendigerweise zu einer negativen Beurteilung des Status Quo führen.

PS: Zum Abschluss möchte ich noch gerne mit einem Gegenbeispiel aufwarten in punkto On- und Offline: man nehme die österreichische, selbsternannte "Qualitätszeitung" Der Standard. Da drin gibt's mehr Rechtschreibfehler als im durchschnittlichen Volksschüler-Blog, die Menge an ungeprüft abgedruckten APA-Meldungen übersteigt subjektiv "redaktionelle" Inhalte bei weitem (aber ich hab die Quadratzentimeter nicht abgemessen, ich bin kein Inhaltsanalytiker). Dagegen recherchiert Perez Hilton geradezu lehrbuchhaft.

Wahlkampf abseits des ORF: Interview mit Alexandra Damms von ATV

atvlogo 1222880722 Wahlkampf abseits des ORF: Interview mit Alexandra Damms von ATVNoch nie wurde abseits des Staatsfunks so engagiert und umfangreich über den Wahlkampf berichtet wie in diesem Jahr. Mit puls4 und ATV hat der unentschlossene Österreicher gleich zweimal die Möglichkeit, Zusatzinformationen einzuholen. Im Gegensatz zu den klassischen Konfrontationen und Elefantenrunden im ORF bemühten sich die privaten Sender um dynamischere Formatgestaltung und vor allem die um direkte Einbeziehung des Publikums über Online-Videos: jeder Zuseher kann via VideoplattformFragen an die Politiker stellen, ein Feature, das der klassischen Selbstdarstellungsplattform Fernsehen eine ganz neue Dimension verleiht.

Wer den Wahlkampf ausschließlich im ORF verfolgt, könnte durchaus auf die Idee kommen, dass es in Österreich nur eine Meinungsforscherin (Sophie Karmasin) und einen Politikwissenschafter (Peter Filzmaier) gibt: nach der jeweiligen Sendungen dürfen die beiden ihre wenig kontroversiellen Statements abgeben, die inhaltliche Oberhoheit in den Diskussionsrunden liegt bei der äußerst kompetenten und angenehmen Diskussionsleiterin Ingrid Thurnherr. Neu waren in diesem Jahr die Jugendrunden, bei denen Schüler live Fragen an Kandidaten der einzelnen Parteien stellten.

Ganz anders präsentierte sich die Vorwahlzeit bei puls4, ATV und Wahltotal.at: Ich habe nicht alle Konfrontationen und Präsentationen verfolgt, muss im großen und ganzen allerdings sagen, dass die private Konkurrenz der Wahlberichterstattung sehr gut tut: vor allem die Zwischenunterbrechungen mit wirklich knackigen Expertendiskussionen auf puls4 gefielen mir ausgesprochen gut, während ATV vor allem mit der geschickten Einbindung von Youtube-Videos punktete. Alexandra Damms, Pressesprecherin von ATV, hat mir im Rahmen einer Mini-Serie einige Fragen zu den Schwerpunkten der Wahlberichterstattung beantwortet. Demnächst folgen ein Interview mit den Machern von Wahltotal und mit Politik-Chefredakteur von Puls4.

ATV: Neue Zugänge zur Politik

Alexandra Damms, ATVdatenschmutz: Das duale Fernsehsystem ist in Österreich eine vergleichsweise junge Einrichtung, bislang hatte der ORF das Wahlkampf-Berichterstattungs-Monopol. Das hat sich mit den privaten Sendern geändert - was sind die Spezifika der ATV-Wahlberichterstattung und wodurch unterscheidet sie sich von den klassischen ORF-Runden?

Alexandra Damms: ATV möchte mit dem Konzept die althergebrachte Elefantenrunde wo Fragen von Journalisten beantwortet werden durch einen neuen Zugang ergänzen. Da unser Zielpublikum jünger ist (12-49 Jahre) und auch vor allem bei diesen Nationalratswahlen sehr viele Erstwähler zwischen 16 und 18 Jahren die Möglichkeit haben, mitzubestimmen ist das Konzept frischer und auf jüngere Seher aufgebaut. Die Kandidaten müssen direkt auf Wählerfragen antworten, die diese via YouTube online gestellt haben, bzw. haben wir auch eine Österreich-Tour gemacht, wo Bürger ihre Fragen in die Kamera stellen konnten.

?: Welche Rolle spielt das Internet in der Wahlberichterstattung von ATV?

!: Wie gesagt, durch das Konzept der ATV-Wahlberichterstattung spielt das Internet eine große Rolle dabei.

?: Wie sind Sie mit dem bisherigen Verlauf der Wahlberichterstattung auf ATV zufrieden? Gab es Reaktionen von Seiten des Publikums oder gar parteipolitische Proteste?

!: Bis jetzt sind 171 Fragen online, das ist sehr zufriedenstellend Parteipolitische Proteste gab es nicht, jene Spitzenkandidaten die zugesagt haben, waren sofort dafür bereit.

?: Wie schätzen Sie persönlich den Einfluss der ATV-Berichterstattung ein? Und was sagen Sie zur Weigerung Werner Faymanns, an den privaten "Elefantenrunden" teilzunehmen?

!: Für eine österreichischen Privatsender sind Nachrichten und politische Berichterstattung sehr wichtig, da es auch zu unserer Identität beiträgt und zur Positionierung von Privatsender in Österreich einen wichtigen Beitrag liefert. Wir sehen unsere politische Berichterstattung als Kontrapunkt zu jener des Öffentlich-Rechtlichen, und vor allem auf unsere Zielgruppe zugeschnitten. Werner Faymann ist leider terminlich verhindert, er bleibt bei uns bis zum Sendungsbeginn eingeladen, und wenn wir ihn unterstützen können, seinen Termindruck zu entzerren, wird ATV alle Hebel dafür in Bewegung setzten. Allerdings finden wir es sehr schade, dass er sich die Gelegenheit entgehen lässt, direkt auf Wählerfragen im Fernsehen zu antworten, vor allem da es sich an ein jüngeres Publikum richtet.

Endorsement / Wahlempfehlung: Wen oder was morgen wählen? Und wozu?

WahlempfehlungEs ist eine Nationalratswahl, die außer den beiden derzeitigen Koalitionsparteien ÖVP und SPÖ eigentlich nicht einmal die Opposition wollte, nimmt man die Aussage, dass die Regierung "lieber hätte arbeiten sollen anstatt zu streiten" ernst. Noch-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, der neuerdings seine Leserbriefe lieber an den Falter als an die Kronenzeitung schickt, hielt den Kampf gegen den Partner ÖVP *und* die eigene Fraktion natürlich nicht auf Dauer durch, am morgigen Wahlsonntag sollen die Karten neu gemischt werden. Mediale Wahlempfehlungen sind in Österreich nicht üblich, daher werde ich, um dieses Defizit zumindest in der Blogosphäre, ein wenig auszugleichen.

Denn die Anonymität des Wahlrechts ist eine wichtige demokratische Einrichtung - allerdings handelt sich dabei um ein Recht, nicht um eine Pflicht. Als in Österreich ansässiger und hier Steuern bezahlender Jungunternehmer habe ich klare Interessen an die Entwicklung der Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik, und die sehe ich am besten von einer Kleinpartei vertreten, die vermutlich noch nicht einmal in den Nationalrat einziehen wird - aber alles der Reihe nach. Es handelt sich um die Wahl der Superlative: 6,33 Millionen Wahlberechtigte (soviele waren es in der Geschichte der 2. Republik noch nie), 10 Fraktionen am Stimmzettel (ditto). Die Meinungsforscher sagen Turbulenzen voraus und sprechen immer noch von außergewöhnlichen vielen unentschiedenen Wahlberechtigten, 10% werden ihre Stimme via Briefwahl abgeben, das endgültige Ergebnis wird daher erst nach einer Woche feststehen. Selbst wer die Schnauze von "denen da oben" voll hat, hat die einmalige Chance, die ÖVP seit langer, langer Zeit endlich mal am Regieren zu hindern, das ist ein realistisches, erreichbares Ziel.

Wahlempfehlung 1: Wählen Sie gültig!

Von Wahltermin zu Wahltermin finden immer weniger österreichische Staatsbürger den Weg zu den Urnen. Von Politikverdrossenheit ist die Rede, wo doch viel häufiger das Gefühl im Vordergrund steht, "eh nichts ausrichten zu können". Dass morgen erstmalig das Wahlalter von 18 auf 16 Lenze herabgesetzt wurde, wird dieses Beteiligungsmanko nicht ausgleichen. Dabei wäre es gerade diesmal so verdammt wichtig, ein gültiges Kreuzerl zu machen: denn die bloße Verschwendung staatlicher Parteienzuwendung für einen aufwendigen Wahlkampf kann und darf nicht darin münden, dass eine Neuauflage der großen Koalition mit zwei ausgetauschten Gesichtern stattfindet, die in 1-2 Jahren Untätigkeit und anschließendem Streit gipfelt...

Wahlempfehlung 2: Wählen Sie nicht FPÖ oder BZÖ

Bei beiden Parteien handelt es sich um Gruppieren, die zwar partiell vernünftige Auffassungen in einigen sozialpolitischen Punkten vertreten, aber bei beiden spielen nicht beeinflussbare Faktoren eine gravierende Bedeutung in der Bewertung von Menschen. Religion, Hautfarbe, Herkunftsland dürfen nicht darüber entscheiden, ob jemand ein Mensch zweiter Klasse ist. Gegen das österreichische Verbotsgesetz bin ich auch (sogar aus ähnlichen Gründen wie H. C. Strache: ja, ein Rechtsstaat muss ein paar Verrückte aushalten können die bestehende Rechtsordnung sollte ausreichen; Symbole zu verbieten macht diese bloß interessanter). Wogegen ich bin, ist ein Ausbau des Überwachungsstaats, eine Einteilung der Staatsbürger in brave und deviante Menschen, eine institutionell durchgesetzte 2-Klassen-Gesellschaft und der zynische Vorwurf, mangelnder Integrationswillen auf Seiten der "Ausländer" sei das einzige Problem in der Migrationspolitik und Zwang und Härte die Waffen der Wahl. Dennoch muss ich zugeben: die FPÖ und H.C. Strache in Regierungs-Verantwortung würd ich nicht ungern scheitern sehen. Vielleicht teilt sich die Partei dann ja erneut.

Wahlempfehlung 3: Meine Wahl

Die ÖVP überflügelte in ihrer ersten Plakatwelle alle Bedenken in punkto Rechtsruck, Molterer entwickelt sich im Zuge des Faymann'schen Kleiner-Mann-Populismus gegen die selbstdeklarierte Aufgabe als Finanzminister und wedelt plötzlich auch mit Geldbündeln. Ich will keine große Koalition, also müssen die Kleinparteien gestärkt werden, damit denkbare Ampelkoalitionen auch rechnerisch möglich werden. Demographisch wäre ich als Teilzeit-Bobo tendenziell Grün-Stammwähler, aber diese Partei bekommt meine Stimme schon länger nicht mehr, und das hat mehrere Gründe, die sich in den letzten 6 Wochen aufs deftigste bestätigt haben. Auch wenn ich einzelne Proponenten dieser Partei (Peter Pilz, Christoph Chorherr) sehr schätze, so kann ich mit dem Selbstverständnis des Führungsduos Van der Bellen und Glawischnig so rein gar nichts anfangen. Ich weiß ja nicht einmal, welche Politik die Grünen eigentlich verfolgen: Ökologische Wirtschaft steht bestenfalls als implizites Feigenblatt am Programm - mit keinem einzigen Wort erwähnte VdB jemals die landwirtschaftliche Problem-Dimension der derzeitigen EU-Politik. Tja, Bobos bestellen eben gerne ihr Gemüsekistl im Internet, aber dass selbst einer Partei, die einst aus einer spontanen Bewegung entstand, jegliche Motivation verloren hat, komplexe Missstände in den Fokus zu rücken, enttäuscht maßlos. Das zieht sich bis zur Energiepolitik: Raus aus Gas und Strom - genauso durchdacht wie die Mehrwertssteuerhalbierung auf Lebensmittel. Ein paar genauere Pläne wären super, Benzin teurer zu machen, wird nämlich nicht keinesfalls ausreichen - aber mir scheint's so, als würden die Grünen für die Chance auf Regierungsbeteiligung sogar mit Freuden ein Atomkraftwerk bauen. Zumindest nehme ich die ökologische Dimension dieser Partie längst nicht mehr wahr, sondern bloß einen impliziten Konsens, dass die Grünen halt irgendwie "cool" sind. Dass bei genauerer Nachfrage eigentlich kaum jemand beantworten kann, warum, hätte der "Basis" (gibt's die noch?) längst zu denken geben sollen.

Da bleibt also nicht mehr allzu viel Auswahl: Oberkommunist Mirko Messner lieferte zwar den legendärsten Fernseh-Wahlauftritt 2008 (Erklärung am nächsten Tag: "Ich war nicht ausgeschlafen."), aber die Lachnummer hatten wir jetzt lange genug in der Regierung. Dass die Christen Österreich retten werden, glaube ich als überzeugter Agnostiker keineswegs, und das Tirol-Kabarett von Roughneck Fritz! entlockt mir auch nur ein Lächeln. Welche Punkte sind mir am wichtigsten?

  • Möglichst rasche Einführung einer Gesamtschule bis 14. Die Trennung in Hauptschule und Gymnasium ist überholt, kontraproduktiv und idiotisch.
  • Schwerpunkt auf nachhaltige Sozialpolitik: ein vereinheitlichter Krankenkassenträger und ansonsten am liebsten Grundsicherung. Österreich ist reich und kann sich das leisten, Punkt. Das demütigende System dient niemanden: wer nicht arbeiten mag, arbeitet auch derzeit nicht. Menschen gegen ihren Willen in Kurse zu pressen ist sinnlos, ich glaube, dass leistungsbezogener Verdienst plus Grundsicherung und ein vereinheitlichtes KK-System die bessere Lösung sind.
  • Wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik, Steuer- und Sozialversicherungs-Gleichstellung von KMU-Unternehmern (im Besonderen Einzelunternehmern) und Angestellten, stärkere Progression im Steuersystem, dafür Entlastung im Bereich der mittleren Einkommen, gravierende Anhebung von steuerfrei-Beträgen je nach Jahreseinkommen.

Diese Standpunkte sehe ich am besten beim Liberalen Forum vertreten - liberale Wirtschaftspolitik in Kombination mit verantwortungsbewusster, nachhaltiger Sozialpolitik wird aber wohl weiterhin mein rot-weiß-roter Wunschtraum bleiben. Als kleinen Schritt in diese Richtung sähe ich aber das LIF in der Regierung an, und daher bekommen Heide Schmidt und Co. morgen meine Stimme. Allerdings befürchte ich, dass sich weiterhin die große Koalition ausgehen wird und der große Stillstand damit garantiert ist.

Fotocredits:
Druck aushalten von Gerd Altmann (pixelio.de)

 

Österreich: Wahlplakat-Persiflagen

dreibier 1222357493 Österreich: Wahlplakat Persiflagen Persiflagen auf Wahlplakate begegnen einem dieser Tage allenthalben, ich habe vorgestern von einem anonymen Absender ein Mail mit mehreren Verunglimpfungen erhalten. Ein paar davon sind so unglaublich gut gelungen, dass ich sie meinen Lesern keinesfalls vorenthalten möchte. Bei den unbekannten Schöpfern dieser Kunstwerke bedanke ich mich, Credits hab ich leider keine - aber ich behaupte mal, dass diese Bildchen ohnehin zur Verbreitung gedacht sind. [Update: die hübschen Verunglimpfungen stammen von Raketa.at]

illu rundum 1222357537 Österreich: Wahlplakat Persiflagen

Wahl.Qual: Politikern Löcher in Bäuche fragen…

totalwahl 1219229672 Wahl.Qual: Politikern Löcher in Bäuche fragen......ist wie Hamster nach Karnassos tragen, wie ein altes griechisches Sprichwort sagt. Die Hoffnung, dass Crowdsourcing einen Dialog zwischen "denen da oben" und dem gemeinen Fußvolk installiert, verreckt qualvoll zuletzt, aber nachhaltig [1. Wie etwa der weitere Fortgang der Grünen Crowdsourcing-Plakataktion zeigt: es geht ja überhaupt nicht um "professionellen" Look, sondern einfach nur um die Signalwirkung. Ob ein ge-photo-shoppter Van der Bellen mit Allerweltsslogan tatsächlich die Grünen hochkatapultiert, ist mehr als fraglich. Ohnehin schiene es mir in diesem Wahlkampf sehr empfehlenswert, sich etwas aus dem Fenster zu lehnen, statt bloß auf "bewährte" Strategien zu setzen: alles andere als ein großer Zuwachs wäre - let's face it - Totalversagen. Da sind saugeile Plakate dabei, aber was hat die Abstimmung in einem Standard-Advertorial verloren? Warum können User keine Kommentare zu den Plakaten verfassen? Zuerst Web 2.0, dann halbgar: that doesn't sparkle with me.]. Dieser unkommunikativen Ödnis wollen Markus Kienast und Georg SC-Hütz mit ihrer diese Woche gestarteten Plattform Wahltotal.at Abhilfe schaffen: jeder wissbegierige Wähler kann Videofragen aufnehmen, hochladen und hoffen, dass einer der angesprochenen Politiker im Idealfall sogar antwortet.

Gelauncht wurde Wahltotal am Montag, die ots-Presseaussendung über die Plattform gehörte zu den meistgelesenen Nachrichten des Tages - kein Wunder, denn die Idee ist simpel, schnell kommunizierbar und bietet einen ungefilterten, direkten Kommunikationskanal, der wesentlich undröger daherkommt als die symbolischen Diskussions-Schlagabtäusche im Fernsehen:

Ab heute kann sich jeder einfach und kostenlos mit seinen Anliegen direkt an die österreichischen Politiker wenden. Einfach Videos mit deinen Fragen aufnehmen (z. B. mit deiner Digital-Kamera) und auf WahlTotal.at hochladen. Mit ausreichend Votes von deinen Freunden und der Community kannst du deiner Frage genug Gewicht verschaffen, dass unsere Politiker nicht umhin kommen, sie zu beantworten.

Ich bin gespannt, ob Wahltotal genug Impact entwickelt - das sieht Max recht ähnlich.

Spreading: den Virus füttern

wahlvideo 1219229797 Wahl.Qual: Politikern Löcher in Bäuche fragen...Ich hab gestern mal testweise eine Frage aufgenommen und hochgeladen, allerdings scheint's mit dem Dreier-Firefox noch zu haken, mit dem Internet Explorer ließ sich die Datei dann allerdings hochschieben und veröffentlichen. Über solche technischen Startproblemchen mag man hinwegsehen - allerdings fehlen mir einige Features, welche die Betreiber in ihrem eigenen Interesse hoffentlich noch nachreichen.

Dass sich User, die ein Video hochladen wollen, registrieren müssen, halte ich für hochgradig sinnvoll - schon allein deshalb, damit Videos später wieder gelöscht bzw. Beschreibungen bearbeitet werden können. Wahltotal verlangt allerdings auch fürs Kommentieren und sogar fürs Voten ein Log-In. Bei den Kommentaren sollte ein Captcha ausreichen, die Votes würde ich über ein Cookie mit Tagesgültigkeit überprüfen [2. Die IP-Methode hätte den Nachteil, dass nach der ersten Stimme aus einem Subnetz, z.B. einem Büro, das nach außen hin eine IP verwendet, alle anderen User im selben Netzwerk nicht mehr wählen könnten.]. Wenn sich jemand die Mühe machen möchte, mehrere Browser zu verwenden bzw. den Cookie-Cache zu löschen, dann geschieht auch kein Unheil: und mit einer Stimme pro Tag könnte man einerseits einen zeitlichen Verlauf der "drängendsten" Fragen anzeigen und andererseits für mehr Returning Visitors sorgen.

Ebenfalls extrem schmerzlich vermisse ich eine Embed-Funktion fürs Video. Ich weiß nicht, ob der eingesetzte Flow-Player diese mitbringt, aber gerade bei einer vorwiegend viral vermarkteten Plattform muss man Blogosphäre und Co. reichlich füttern.

Neues von der Internet-Offensive Österreich

Der österreichischen Internet-Offensive stehen ehrenschutztechnisch, wie das Google-Listing verrät, BundeskanzlerDr. Alfred Gusenbauer und "sein" VizekanzlerMag. Wilhelm Molterer vor:

Das Google-Listung der IO-Homepage

Das Google-Listung der IO-Homepage

Diesen Beitrag weiterlesen »

Die Politik und das Web 2.0

Christoph ChorherrDass in Österreich Neuwahlen vor der Türe stehen, ist mittlerweile hinlänglich bekannt - auf Einladung von Helge war ich gestern Abend bei einer informellen WerkzeugH-Gesprächsrunde mit dem grünen Bildungspolitiker Christoph Chorherr. Über die (möglichen) Einsatzsenarien von Web 2.0 im kommenden Wahlkampf zu plaudern war sehr spannend, und eines steht fest: wir brauchen einen Hashtag, um in diesem kurzen, aber hektischen Wa(h)lkampf den Überblick zu behalten. Außerdem hatte ich Gelegenheit, meine neuererworbene Olympus-Digicam unter schwierigen Lichtverhältnissen zu testen.

Mit Wahlempfehlungen halt ich's wie die coolen alten Dinosaurier-Zeitungen und bleib ganz unparteiisch, zumal ja selber noch nicht mal weiß, wen ich wähle. Bloß eine Negativempfehlung geb ich ab: FPÖ und die komische andere Partei aus Kärnten bitte nicht wählen. Ansonsten wär mal was anderes als eine große Koalition im Minimalfall zumindest Abwechslung, was aber effektiv eh nur die Grünen übrig lässt. Ich hab jedenfalls eine schöne Bilderserie, auf der Helge und Christoph, der selbst bloggt, auf dessen brandneuem DVB-H Handy gespannt den ZIB2-Beitrag über die Grünen und Van der Bellens Wortspende verfolgen - die Crowdsourcing Plakataktion hat übrigens mittlerweile so weite Kreise gezogen, dass die ersten Entwürfe sogar im Ex-Leitmedium Fernsehen zu bewundern waren:

Christoph und Helge

Die Nackerten Flash-Mobber von der Lobau

Lobaustrand"Herr Blogger, lehren Sie Geschichte", hat nie ein österreichischer Bundeskanzler gesagt. Aber in Zeiten pressierender Neuwahlversprechungen kann man Politikern bekanntlich ohnehin nix glauben, und nicht jeder publizistischen Handlung geht ein gut gemeinter Ratschlag oder ein dämlicher Leserbrief voran. Aber schnell zu etwas Erfreulicherem, und zwar der Lobau: über diesen wunderschönen Nationalpark hat Joseph Gepp im aktuellen Falter [Nr.29/2008] unter dem Titel "Der Zauberwald" ein würdiges Portrait geschrieben. In den Wiener Auen findet sich eine Subkultur, über die in keinem Krocha-Magazin etwas zu lesen ist:

"Die Wildnis steht für etwas Irreguläres und zieht irreguläre Existenzen an," sagt der Lobau-Experte Fritz Keller, der sich in seinem Buch Lobau - Die Nackerten von Wien Die Nackerten Flash Mobber von der Lobau mit der Sozialgeschichte der Au beschäftigt hat. "Im Dschungel kann man sich verstecken. Jugendbewegungen und politische Aktivisten nutzten das für ihre Zwecke. Gesellschaftliche Experimente konnten hier ungestört durchgeführt werden."

Das kann ich nur bestätigen, auch wenn ich gegenüber der Lobau alles andere als unvoreingenommen bin - verbringe ich dort doch seit Jahren einen beträchtlichen Teil des Sommers: ein unglaublicher Boost auf meinem persönlichen Lebensqualitätsindex. Manchmal bei den "Nackerten von der Dechantlacke", häufig auch an abgeschiedeneren Plätzen, von denen es viele gibt. Dort kann ich auch besser als überall sonst einem meiner Lieblingshobbys nachgehen und ausgedehnte Frog-Watching Sessions abhalten. Dank meiner neuen Digicam mit fettem Teleobjektiv werden einige der kleinen grünen Spaßmacher sicherlich noch zu FlickR-Fotoehren kommen :mrgreen:

Joseph Gett hat bei seiner Recherche auch mit Jenny Strasser, 95, gesprochen: sie war 1934 beim sozialdemokratischen Schutzbund aktiv, die Treffen fanden hauptsächlich auf der Hirscheninsel in der Lobau statt. Dort wurden die Protestaktionen gegen die faschistische Politik geplant - und was mich besonders verblüfft hat:

Flashmobs sind keine Erfindung der Internetgeneration!

Wie sahen diese Blitzaktionen aus? Jenny Strasser redet klaren Blickes und voller Begeisterung: "Sie dauerten meistens nur fünf Minuten. Verschiedene Aktivisten kamen über verschiedene Straßen an einem bestimmten Platz, zum Beispiel am Nestroyplatz, zusammen. Alles war vorab abgesprochen. Dann hielt einer eine schnelle Rede, zwei rollten ein Transparent aus, Flugzettel wurden ausgeteilt. Wenn die Polizei gekommen ist, waren wir schon wieder weg, in verschiedene Richtungen. Auch das war vorher ausgemacht."

Freilich konnte damals von "Spaßfaktor" wenig Rede sein: die Aktivisten riskierten eine Menge, um gegen den Austrofaschismus zu protestieren. Nach dem Einmarsch der Nazis floh Jenny Strasser, seit ihrer Rückkehr nach Österreich hat sie die Lobau nie mehr betreten. An manchen Stellen befinden sich alte Bunker, fast komplett überwachsen - dort wohnten die Zwangsarbeiter, die den Donau-Oder Kanal errichten sollten. Viele Jahre später entstand in der Lobau eine Art Ghetto, die Armensiedlungen am Biberhaufenweg sind längst verschwunden. Die Lobau zum Nationalpark zu erklären war eine goldrichtige Entscheidung - ich hoffe, dass dieser grandiose Mikrokosmos intakter Natur, so unglaublich nahe an einer Millionenstadt, noch vielen Generationen von WienerInnen erhalten bleiben möge. Und wer wissen will, auf welch historischem Boden er da den nackten Popo gegen Sonne reckt, sollte unbedingt einen Blick in den Falter werfen.

Lobaufrosch

Die Grünen sourcen die Crowd

gruenplakatStrategiesitzungen sind momentan in, schließlich erwarten uns in zwei Monaten Neuwahlen. Christoph Chorherr von den Grünen ruft in seinem Blog LeserInnen auf, Plakatideen einzusenden - zwei davon hat er bereits mit Helges Support selbst realisiert. Politstrategisch dürfte es schwierig sein, sich mit einer Multitude von Claims und Standpunkten nachhaltig zu positionieren, trotzdem finde ich die Idee irgendwie originell (bei der Konkurrenz aber auch nicht schwierig) und am besten gefällt mir bisher Janas Vorschlag; übrigens bin ich auch neugierig, wie Super-Fi in den nächsten Wochen für die G tätig werden - Max hat ja am Donnerstag geschrieben, dass er sich einen aktiven, unmittelbar (d.h. nicht durch Agenturen durchdramaturgisierten) WK erwartet:

Ich möchte täglich auf Youtube sehen wo die Grünen gerade unterwegs sind, was sie die Bevölkerung fragen, über welche Themen (schließlich geht’s ja um Themen und Perspektiven, einen Personenwahlkampf gegen Faymann werden die Grünen wohl nicht gewinnen) sie mit den Menschen reden, sehen wie viele Leute für die Grünen arbeiten, sehen das es da mehr als nur einen Van der Bellen, einen Pilz, eine Glawischnig und einen Chorherr gibt.
[...]
Ich möchte wenn ich auf Flickr "Wahlkampf" eintippe Fotos von Grünen PolitikerInnen sehen, ich will auf Geizhals.at mit Ihnen diskutieren wie man beim Neugerätekauf auf das Energiesparen achten kann, usw.

Naja, warum nicht - am besten mit Masterplan im öffentlichen Google-Sheet :mrgreen: Ich bin mal gespannt, was bei Chorherrs Aufruf noch so an schrägen Motiven rauskommt... ein wenig Selbstironie kann ja übrigens nie schaden. Besonders gut gefällt mir Max' Vorschlag eines Political Friendfeeds:

Was schön wäre ist eine Seite (dessen URL kann man dann von mir aus auch auf einem Plakat bewerben kann) wo alle Aktivitäten zusammengefasst werden, siehe z. B. Platterwatch. Wirklich mutig wäre dann wenn auch die Aktivitäten der anderen Parteien dort auch einsehbar wären.

Dennoch werde ich mich nach eingehender Beratung mit Master P., dem Vorsteher des datadirt-Politbüros, jeglicher jeglicher Wahlkampf-Plakatentwürfe (außer allfälliger defätistischer Designs) zu enthalten. Letztendlich steht jede Partei des kleinen Mannes auf den Schultern von Giganten und vice versa; im Gegensatz zu überteuerten Agenturen und den PolitikerInnen selbst werde ich allerdings nicht für Propaganda-Tätigkeiten bezahlt - und wenn die lieben Genossen schon ganz locker ein paar Milliönchen verblasen, dann erscheint mir Ruhm und Ehre doch als schäbiger Preis für die gesourcte Crowd. Aber das ist ohnehin alles recht hypothetisch - trotzdem sollte ein kritischer Blick auf die Unterschiede zwischen Partizipation an der Entscheidungsfindung und Crowdsourcing á la Mechanical Turk jenseits aller Freude übers großartige Mitmachen-Dürfen nicht gänzlich ausgeblendet werden.

 1 2 3 nächste