Diese Woche kommt das Panoptikum mal wieder mit einem Tag Verspätung - den gestrigen Abend und einen Teil der Nacht habe ich am Braunsberg bei Hainburg verbracht, um ein paar Fotos vom Sonnenuntergang zu schießen. Und am Rückweg war ich deutlich langsamer unterwegs als üblich, denn ein nächtliches Rendez-Vous von Motorrad und Feldhase endet in der Regel für beide Seiten auf unerfreuliche Weise. Aber aufgeschoben ist natürlich nicht aufgehoben - dazu hat sich in dieser Woche ja schon wieder viel zu viel getan! Diesen Beitrag weiterlesen »
Was wir von der Laizismus Initiative für Sie tun können, ist rasch erklärt: wir trennen Kirche und Staat fein säuberlich, denn Jenseits-gestützte Moralgebäude haben sowohl in aufgeklärten wie auch in postmodernen Gesellschaften bloß als freiwillige Mythen (wenn überhaupt) ihre Existenzberechtigung. Wer seinen gütigen oder blutrünstigen Göttern Tribut zollen möchte, soll dies bitte privat tun und ohne andere mental oder gar physisch zu pentrieren: Diesen Beitrag weiterlesen »
Die österreichische Journalisten Ute Fuith hat etlichen Kollegen und mir ein paar konkrete Fragen zum "unabhängigen" Journalismus in Österreich geschickt. Natürlich sehe ich mich nicht primär als Journalist, sondern als Blogger - ich hab zwar am Aufbau diverser Online-Redaktionen mitgearbeitet und verdiene als freier Journalist seit über 10 Jahren kein äußerst bescheidene "Anerkennungshonorare", verfüge also durchwegs über rudimentäre Primär-Erfahrungen in der österreichischen Profi-Schreiberlings-Szene. Dass beim Bloggen jegliche externe Zwänge wegfallen, gefällt mir natürlich besonders gut: die einzige Schere befindet sich in *meinem* Kopf, und die lässt sich gut verbiegen und an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen. Und ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich datenschmutz überhaupt nicht als aufklärerisches, sondern als rein kommerzielles Projekt betrachte und betreibe - für mich persönlich stellt sich also die Frage nach externer Einflussnahme nur sehr begrenzt. Dennoch habe ich mich sehr über die Fragen gefreut und bin schon gespannt auf den resultierenden Artikel.
Ute Fuith: Wie frei sind Österreichs Medien wirklich?
ritchie: Ich denke, es gibt keine wirklich "freien" Medien: mit ökonomischen Sachzwängen ist jedes (semi)professionelle Medium konfrontiert, politische Einflussnahmen (nicht selten über parteinahe Anteilseigner) stehen wohl auf der Tagesordnung. Informell und in geselliger Runde weiß fast jeder langjährige Journalist hochinteressante Geschichten zu erzählen - doch ich vermute mal ganz stark, dass die handelnden Personen ihre Agreements weitgehend mündlich treffen und konkrete Recherchen wenig Anhaltspunkte und stichhaltige Beweise fänden. So etwas wie ausgewogene Berichterstattung kann meiner Meinung nach nur eine gewisse Vielfalt von Standpunkten gewährleisten: der Medienkonsument muss sich sozusagen aus verschiedenen "Biases" seinen persönlichen Mittelwert bilden. Nicht nur aufgrund der verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl hat Österreich in diesem Bereich allerdings tatsächlich einige Kuriositäten aufzuweisen: angefangen von einem äußerst halbherzigen implementierten dualen System im elektronischen Bereich bis hin zur weitreichenden Dominanz eines einzigen Printmediums.
?: Welche Tabuthemen gibt es?
!: Tabus ändern sich im Lauf der Zeit - aus Konsumenten-Sicht allerdings habe ich den Eindruck, dass im ORF diese Tabus direkt und unübersehbar mit der jeweiligen Regierungskoalition zusammenhängen, was sich in lächerlich-überdeutlicher Art und Weise an der Personalpolitik abzeichnet: der Legende eines vorgeblich "objektiven" Staatsfunks ist dies sicherlich nicht gerade förderlich.
?: Haben Sie in Ihrer journalistischen Karriere jemals inhaltliche Einschränkungen erlebt, wenn ja welche?
!: Keine drastischen - ich war allerdings zu keinem Zeitpunkt meiner beruflichen Laufbahn Vollzeit-Journalist, sondern habe immer nur als freier Autor gearbeitet; da kann man die Aufträge entsprechend auswählen und auch mal die Ablehnung eines Textes verkraften. Vor rund zehn Jahren wollte ich für die Presse Kulturredaktion einen Bericht über Graffiti schreiben (damals waren gerade drei Sprayer zu sehr hohen Geldstrafen verurteilt worden); ich bekam zuerst das ok und einen Tag später die Ergänzung: "Graffiti muss aber schon negativ und als Sachbeschädigung dargestellt werden." Den betreffenden Bericht habe ich nicht geschrieben. In der politischen Berichterstattung ist das Problem sicherlich virulenter, in diesem Bereich war ich allerdings nie redaktionell tätig.
?: Sind Ihnen Fälle vorauseilenden Gehorsams in Punkto Inhalt bekannt? Welche?
!: Ich denke, die Grenzen zwischen vorauseilendem Gehorsam und der Einhaltung der Blattlinie sind fließende; man spricht ja häufig von der "Schere im Kopf". Ich kenne keine konkreten Fälle, schreibe aber selbst Texte über dasselbe Thema beispielsweise für mein Blog recht anders als etwa für eine Tageszeitung; das hat allerdings mehr mit formellen als mit inhaltlichen Kriterien zu tun. Im Kulturjournalismus tritt dieses Problem allerdings, behaupte ich mal, seltener auf als in anderen Genres.
?: Wurden Ihre Artikel jemals so umgeschrieben, dass sie sie nicht wiedererkannt haben? Oder kennen Sie Fälle, wo das passiert ist?
!: Es gab eine relativ irrelevante Geschichte, bei der ein Festivalbericht, den ich über Holzstock geschrieben hatte, einen meiner Meinung nach etwas sexistischen Titel, den ich so nie gewählt hätte, bekam. Ganze Artikel wurden jedoch nie derart umgeschrieben. Ich erwarte mir zumindest eine "Feedbackschleife"; auch wenn das auktoriale Prinzip ein Relikt der Vor-Postmoderne sein mag, soviel Professionalität und Respekt, gegebenenfalls nochmal nachzufragen, erwarte ich mir auf jeden Fall. Bei jenen Medien, für die ich regelmäßig tätig bin oder war, hab ich in dieser Hinsicht allerdings durchwegs positive Erfahrungen gemacht.
Große Froide über die Subscriber-Base: diese Woche hatte datenschmutz laut Feedburner erstmals mehr als 500 AbonnentInnen - und das noch vor der Komplettumstellung meines Subscribe-Plugins auf den Aggegrations-Service. Da müsste sich laut den Hochrechnungen des österreichischen Statistischen Lokalamts in diesem Jahr der Tausender ja locker ausgehen... an dieser Stelle jedenfalls mal an alle E-Mail und RSS-SubscriberInnen: herzlichen Dank für Ihr Interesse! Wenn Sie hier nicht mitläsen, dann würde mir das Schreiben nur halb soviel Spaß machen!
...wär ja nicht weiter schwierig, aber wo soll man bloß die passenden Leuchtbuchstaben hernehmen? Von der Farbwolke natürlich! Dort gibt's ein liebevoll gestaltetes, frei verwendbares Leuchtbildalphabet, mit dem man solche netten Spielereien machen kann:

Angeregt von der relativ bescheidenen Resonanz auf die Online-Demo gegen Vorratsdatenspeicherung fragt Blariog.net in seinem Karneval nach neuen Formen des zivilen Protests. Konkret geht's dabei um folgende Punkte:
- Erreichen und informieren von Menschen, an die wir bislang nicht heran kamen - entweder, weil diese eher unpolitisch sind oder weniger an technischen Dingen interessiert und der Meinung, dass die VDS eh nur Freaks interessiert
- Möglichkeiten für diese Menschen zu finden, ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, abseits von Demonstrationen, Blog-Aktionen etc.
Die Ergebnisse lassen sich sicherlich auch für Österreich übertragen - die Themenstellung finde ich sehr spannend, da on-blog Aktionen allein natürlich nie die nötige breitestmögliche Öffentlichkeit erreichen können.
Sämtliche Videos des dig.it|all Slams sind inzwischen am Comdao Blog online. Das Kooperationsprojekt von digitalks, net.culture.lab und WIfV (Wiener Institut für Vernetzung) präsentierte eine Reihe spannender Projekte aus dem weiten Feld der digital.culture. Wissen, serviert in kleinen Bissen - was will der postmoderne Konsument mehr?
| 29. September 2007 | bis | 30. September 2007 |
Der Termin für das zweite Wiener Barcamp am 29./30. September rückt unerbittlich näher. Für "Zuagraste" (wienerisch für: Zugereiste) hat Karin Schmollgruber auf Passion PR das passende Gewinnspiel: im Pott sind 3x4 Schlafplätze mit Frühstück.
Die TeilnehmerInnenListe ist bereits recht gut befüllt - ob des Veranstaltungsortes M$ Office Wien wurde in gewöhnlich ungut informierten Kreisen bereits spekuliert, ob der Gastgeber wohl Recruiting im Hinterkopf hat. Also entweder hab ich die Barcamp-Idee nicht so ganz verstanden, oder die Postmoderne kickt einfach mit voller Wirkung ein. Schade, dass ich kein Notebook mit Linux am Start hab. Ich werde beim Barcamp übrigens gemeinsam mit Martin Staudinger von Werbeplanung.at einen Vortrag halten über Werbung in Blogs - aber zurück zum Gewinnspiel:
Verlost werden jeweils ein 4-Bett-Zimmer im Hostel und zwei 4-Bett-Bungalows am Campingplatz von Freitag, den 28. September bis Montag, den 1. Oktober 2007 in Wien. Im Hostel Schlossherberge Wilheminenberg sind Frühstück, DU/WC und Free WLAN inkludiert. Am Platz Camping Wien West stehen zwei Bungalows zur Verfügung, ein Zelt ist also nicht notwendig, Bettwäsche und Handtücher sollten aber mitgebracht werden.
Mit anderen Worten: selbst bei sintflutartigen Regenfällen (die um diese Jahreszeit aber sowieso nicht zu erwarten sind) schläft man sicher und trocken unter einem festen Dach. Die Gewinnfrage lautet: An welchem berühmten Wald liegt der Platz Camping Wien West?
Selbstverständlich ergibt sich für Gewinner die moralische Verpflichtung, eine kleine bis mittelgroße Barcamp-Party am Campingplatz steigen zu lassen! Mehr Details auf Passion PR
Wie der Untertitel "5 Times Summer Autumn Winter Spring" verrät, zelebriert das Wiener Label fabrique records dieser Tage seine erste Halbdekade, labelgemäß natürlich mit einem Labelsampler mit dem schlichten Titel "The Fabrique Album". Dem feierlichen Anlass entsprechend wird die Silberscheibe in ein reinweißes Jewel-Case verpackt, Titel, Logo und Tracklisting sind direkt in fabrique-Rot draufgedruckt.
Die erste CD-Compilation des Labels erschien 2002. "Superfabrique" versammelte 14 Tracks aus dem Artist-Portfolio, darunter den legendären Mad Professor Mix von Dubblestandarts "Playerhater". Schon damals pendelte das Label-Spektrum zwischen Elektronik-Pop, Dub-Groove, Hip Hop und Intelligent Beats - der aktuelle Sampler versammelt sowohl Highlights der Vergangenheit als auch eine Reihe neuer Tracks, die demnächst auf Artist-Alben erscheinen werden.
Kava eröffnet mit dem paradigmatischen "Feel Well" die Label-Leistungsschau: verfrickelte, minimalistisch-verrauschte Elektronik Melancholie, die sich nach und nach in fragile, sommerlich-zarte Soundgebäude wandelt wie ein bewölkter Himmel nach dem Gewitter, durch den sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg bahnen. Bei Palomas "Wheels of Steel" dominieren Schlagzeug und Miami-lastige Synthieflächen die Dramaturgie des Tracks. Friedrich Liechtenstein schickt seine "Terrestrischen Wellen" als bezaubernden postmodernen Minimal-Crooner-Track Richtung Hörerschaft, TNT Jackson (Gruß an der Stelle an meinen Nachbarn Florian!) wecken mit "Great Expectations" hohe Erwartungen an ihr neues Album, das ihm Herbst erscheinen soll. Ebenfalls am Sampler "Me and my Pearldiver" sowie der exklusive Bonustrack "Dead on Arrival" im Gabriel, Kogler & Albert Mix. Für mich persönlich definitives Highlight: der super-dubbige Track "Eos" von den Waxolutionists mit Tip Top Scratches und grandiosem Beat-Programming - das neue Album der Waxos wird übrigens ebenfalls noch in diesem Jahr erscheinen. [Aber dazu folgt auf datenschmutz sowieso ein Extra-Feature!] Den zweiten Track der Wiener DJ-Crew hat ein Star der Flimmerkiste in die Mangel genommen. Als in den 80ern und 90ern der Musiksender MTV noch so etwas wie eine stilbildende Komponente besaß, war er das Fernsehgesicht, dem Millionen Teenager ihr Medienvertrauen schenkten: Ray Cokes remixte den Waxos-Track "Sleepwalking" und verpasste ihm für das Album ein beatlastigeres Gewand. Pan Cosefo aka "Spoonface" grooved idm-mäßig dahin und Roedelius steuert seine romantisch-verklärte Komposition "Oh du grüne Neune bei", Hannes Strobl reist im "Nachtzug Berlin" und die Konsorten TH befürchten "Wir bleiben über".
Fazit: Wiener Elektro-Nu-Dub in kurzweiliger Zusammenstellung. Da bleibt nur, fabrique records ganz herzlich zum Fünfer zu gratulieren!
Pete hat mich aufmerksam gemacht auf ein ganz ehrlich entbehrliches Stück Online-Literatur: die geballte medientheoretische Inkompetenz des Anti Web 2.0 Manifesto motiviert möglicherweise sogar den King of long blogging intervals zu einem neuen Eintrag - zumal sich Pete in seiner Diplomarbeit mit genau solchen apokalyptischen Entwürfen befasst, die noch jede Medienrevolution begleitet haben und stets falsch lagen.
Denn was Andrew Keen da so schreibt, ist bloß schlecht verborgener Elitarismus unter Berufung auf Theo "Jazz ist minderwertige Musik" Adorno:
The digital utopian much heralded "democratization" of media will have a destructive impact upon culture, particularly upon criticism. "Good taste" is, as Adorno never tired of telling us, undemocratic. Taste must reside with an elite ("truth makers") of historically progressive cultural critics able to determine, on behalf of the public, the value of a work-of-art. The digital utopia seeks to flatten this elite into an ochlocracy. The danger, therefore, is that the future will be tasteless.
Es ist tendenziell zu heiß, um diesen Quatsch Punkt für Punkt auseinander zu nehmen; andererseits frage ich mich sehr wohl, warum eigentlich so häufig gerade den Kulturtheoretikern die dringend benötigte Mischung aus Medienkompetenz und Seriosität, also aus Involviertheit und (vorgetäuschter) Distanz, gänzlich fehlt.
Der Grund, warum immer wieder auf Adorno rekurriert wird, kann einfach nur in der extremen Simplizität dessen Vorstellung von Kultur liegen: gerade wir Europäer wachsen großteils mit einem widerlich verschimmelten Kulturverständnis von Hi- und Lo-Bro auf, das Eco in seinem Buch "Apokalyptiker und Integrierte" so elegant seziert hat. Um nicht missverstanden zu werden: selbstverständlich existieren in der gesellschaftlichen Praxis die genannten Diskurse, und natürlich sind die Codes of Conduct unter Konzerthausbesuchern andere als beim Punk-Konzert in der Arena. Problematisch wird's aber immer dann, wenn Analytiker den Status Quo zur Conditio sine qua non erheben - also a priori nur jenen Kulturproduktionen, die innerhalb eines bewährten Regelsystems entstehen, "Potential" (was auch immer darunter verstanden werden mag) zutraut. Selbstverständlich in Ignoranz der Tatsache, dass jene Künstlern, denen man a posteriori "Fortschritt" zuschreibt, stets diese impliziten Grenzen erweiterten.
Für die a apriorische Unterscheidung zwischen hoch- und minderwertiger kultureller Produktion existiert ein passendes, aber anrüchiges Wort, daher bedienen sich die Neo-Konservativen Netztheoretiker ja auch so gern einer schein-utopischen Position und geben vor, "zum Wohle der Kultur" zu arbeiten, anstatt sich ehrlicherweise einfach "konservativ" , also "bewahrend" zu nennen. Nun verhält es sich ja nicht gerade so, dass seit Adorno das Nachdenken über Kulturproduktion eingestellt worden wäre. Tatsächlich bliebe die kritische Medientheorie ein armseliges Konstrukt, könnte sie sich einzig und allein auf den schlecht verdeckten Elitarismus Adornos als ihr Fundament stützen. Die Erkenntnisse der postmodernen (französischen) Philosophie oder der geradezu unvermeidbare Relativismus jeglichen Werturteils in den Cultural Studies etwa müssen notwendigerweise systematisch ausgeblendet bleiben, wenn wieder einmal der Niedergang der Kultur durch neue Medientechnologie beschworen werden soll.
Ein weiteres Zitat aus dem unfreiwillig komischen "Manifesto" demonstriert überdeutlich, woher der Wind der Analyse hier weht:
A particularly unfashionable thought: big media is not bad media. The big media engine of the Hollywood studios, the major record labels and publishing houses has discovered and branded great 20th century popular artists of such as Alfred Hitchcock, Bono and W.G. Sebald (the "Vertigo" three). It is most unlikely that citizen media will have the marketing skills to discover and brand creative artists of equivalent prodigy.
Lieber Herr, Sie haben den Zonk gezogen. Warum ist es denn "most unlikely", dass "common citizens" kreativ werden könnten? Ich verstehe ja durchaus, dass Medienprofis die Angst vor dem Web 2.0 packt... aber so viel Selbstentlarvung verdient eine dezidierte Erwähnung. Dabei geht's nie und nimmer um einen 100%igen Ersatz für Hollywood, was jedoch garantiert passieren wird, ist eine Neuaufteilung des Blockbuster-Kuchens: da bekanntlich die tägliche Ration Aufmerksamkeit ein stark begrenztes Gut darstellt und das Angebot wächst, wird sich die Aufmerksamkeit des Publikums auf wesentlich mehr "Stars" aufteilen.
Um nicht falsch verstanden zu werden: ich sehe mich überhaupt nicht als Apologet eines neuen Demokratieverständnisse, und das Internet in seiner derzeitigen Form stellt gewiss nicht den "freien Cyberspace" vor, den sich John Perry Barlow vorgestellt hätte, sondern das effektivste Überwachungstool, das paranoiden Regierungen je zur Verfügung stand. Plattformen wie Digg sind hochgradig manipulationsanfällig, wer das soziale Nachrichtenfiltern als goldenen Weg aus der Abhängigkeit medial-ökonomischer Interessen betrachtet, hat sich noch nie näher mit Viral Marketing befasst. Web 2.0 ist ein Sammelsurium von sehr neuen Medientechnologien, ein äußerst komplexes Konvolut, das erst langsam zu seiner Form findet.
Die eigentliche Leistung des Web 2.0 besteht nicht darin, Bürgerzeitungen oder Bürgerfernsehen zu etablieren. Web 2.0 entzaubert für jeden Teilnehmer die Medienrealität: wer selbst eine Zeit lang ein Blog schreibt oder Podcasts aufnimmt, wird nie mehr mit diesem ehrfurchtsvollen Staunen vor der Macht der Medien kapitulieren, sondern ganz einfach viel besser verstehen, was Simulation und Dissimulation bedeuten und wie die massenmediale Strukturen funktionieren.
Doch unbenommen von all der Kritik an einem unkritischen-affirmativen Umgang mit Ajax und Co. kommt mir das nackte Grausen bei Aussagen wie:
As always, today's pornography reveals tomorrow's media. The future of general media content, the place culture is going, is Voyeurweb.com: the convergence of self-authored shamelessness, narcissism and vulgarity -- a self-argument in favor of censorship.
Kurz dekonstruiert: die Schamgrenze der Menschen fällt, wir brauchen dringend mehr Zensur und Kontrolle. Erinnert irgendwie an der Argumentation der guten alten katholischen Kirche im Mittelalter. Passt ganz gut, dass der Autor die 10 Thesen (eine Kurzfassung seines Buches "The Cult of the Amateur") THE ANTI WEB 2.0 MANIFESTO (Adorno-for-idiots) nennt.
Chiloo aggregiert die Aggregatoren: User stellen hier ihre eigenen Projekt-Gallerie zusammen, von der myspace-Seite über's eigene Blog bis zum FlickR-Feed und/oder Lieblingsfoto: sozusagen eine Zentralperspektive auf die persönliche Web 2.0 Spurensammlung.
Den alten Marketingtraum von der eindeutigen Online-Identität und lückenlosem Kundentracking hat die postmoderne Philosophie bereits vor Jahren theoretisch zerlegt, und in der Tat: online switchen viele stündlich zwischen DJ-Profil auf Myspace, Job-Realität auf Xing und Galleristendasein auf FlickR. Chiloo verwaltet die verschiedenen Projekte und fungiert sozusagen als Meta-Vernetzungstool und virtueller Showroom:
- Du kannst alle Deine Projekte auf einem Blick präsentieren
- Erhöhe die Besucherzahlen auf Deinen Projekten
- Knüpfe interessante Kontakte zu anderen Projektbesitzern
- Zeig Dein Profil potentiellen Arbeit- und Auftraggebern
- Lass über Deine Internetprojekte abstimmen
- Nutze das Feedback anderer Mitglieder, um Deine Internetprojekte zu optimieren
Derzeit sind die grundlegenden Funktionen implementiert, eigene Konten und Projekte können angelegt werden, allerdings gelten noch ein paar Einschränkungen: User- und Projektprofile bekommen erst in den nächsten Tagen eindeutige URLs, sodass man zB von seinem Blog auf die Projektübersicht verlinken kann. Standardmäßig kann jeder User nach der Registrierung derzeit nur zwei Projekte anlegen, dieses Limit lässt sich allerdings via Mail an den flinken Support jederzeit raufschrauben. Florian, der Betreiber des Projekts, wird in den nächsten Tagen ein begleitendes Weblog online stellen und darin laufend über die Chiloo-Weiterentwicklung berichten.
Mir gefällt die Plattform sehr gut - das angenehm dezent-funktionale Design und die typische Web 2.0 Kategorisierung "Tagging" schaffen Übersicht, die Auswahl der erfassten Paramter macht hochgradig Sinn und ich gehe davon aus, dass da in nächster Zeit noch einiges passieren wird. Sobald's die eindeutigen URLs gibt, verlinke ich natürlich auf meine Chiloo-Kollektion; einstweilen funktioniert das über die User-Suche:
ritchie auf chiloo.com
[Der folgende Text entstand für die Ö1 matrix Homepage, wo ich eine monatliche Kolumne schreibe. N'joy.] Am 6. März verstarb der französische Philosoph Jean Baudrillard. Als einer der prominentesten Vertreter postmodernen Denkens provozierte der Franzose die Öffentlichkeit mit seinen Thesen zu Simulation, Dissimulation und Gleichzeitigkeit. Dass gerade das digitale Fernsehen die medial Live-Übertragung verunmöglicht, hätte er vermutlich nicht vorausgesagt.
Das mediale Ereignis, das die sedimentierte Realität überdeckt und schließlich überlagert, stand im Fokus von Baudrillards kulturphilosophischen Betrachtungen. Gelten Flusser und Virilio als Philosophen der Geschwindigkeit, so beschäftigt er sich mit den Bildern, die der mit seinen unkonventionellen Thesen angeblich "stürmen" wollte, wie seine Kritiker nie müde wurden anzumerken.
In der Selbstwahrnehmung sah sich JB dennoch nie als Kulturpessimist, ja nicht einmal als Theoretiker. Beweisversuche kann man ihm nun wirklich keine nachsagen, seine radikalen "Denkanschläge" sollten den Leser auf Entdeckungsreise mitnehmen. So gelangte er zu seinem geflügelten Dictum von der "Ermordung der Realität": Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen. (aus: Das perfekte Verbrechen)
Anders formuliert: in Baudrillards Konzeption der Scheinrealität geht die mediale Berichterstattung als Symptom ihrer Ursache voran - eine ähnliche Umkehrung, wie Jaques Lacan sie in der Psychoanalyse vorschlug. Ein dritter Franzose, Paul Virilio, definierte und begründete zugleich die Wissenschaft der Dromologie: dieser Metaforschungsbereich untersucht die Zusammenhänge von "Geschwindigkeit und Politik", nachzulesen in der gleichnamigen Publikation von 1977. Die Mediengeschichte und die Physik werden zu Hilfswissenschaften der Dromologie - Virilio füllt später enige Bände seiner Bibliographie mit Betrachtungen über die (Kriegs-)Relevanz echtzeitlicher Nachrichtenübertragung. The Speed of light does not merely transform the world. It becomes the world. Globalisation is the speed of light. (Paul Virilio im Interview auf ctheory)
Beide Autoren, und nach ihnen eine ganze Reihe von Epigonen, zentrieren ihre medientheoretischen Konstruktionen wesentlich rund um das Phänomen der sogenannten Echtzeit. Der Physiker widerspräche an dieser Stelle zwar vehement, zumal es genau betrachtet keine "Echtzeit" gibt - nicht mal in unserer unmittelbaren Wahrnehmung, und schon gar nicht in den Medien. Information reist, und sie tut das beileibe nicht körperlos: nur sind die materiellen Aspekte, im Fall der elektronischen Kommunikation also die Elektronen, winzig und bewegen sich mit so hoher Geschwindigkeit, dass in unsere menschlichen Wahrnehmung Ereignis und Übertragung etwa bei jeder TV-Liveübertragung zusammenfallen - "beide kollabieren im temporalen Nullpunkt," um in der Terminologie der französischen Postmoderne zu bleiben. Dieser Nullpunkt ist demnach eben als philosophisches Konstrukt, nicht als physikalische Realität zu begreifen: unsere körperinternes Informationsverarbeitungsnetzwerk, das Nervensystem , arbeitet ebenfalls nicht schneller als mit "Stromgeschwindigkeit".
Zumindest was TV-Liveübertragungen betrifft, geht die Ära der Real-Time Media indes schneller zu Ende als die Kulturtheorie vermutet hätte, und vor allem anders: denn mit der Umstellung des ORF auf digitales Fernsehprogramm und auf neue Hardware für alle terrestrischen Empfänger wird die Zeitverzögerung, wie üblich beim Nachfolgeformat des erfolgreichsten Massenmediums aller Zeiten, circa 1000 Millisekunden betragen. Beim Angebot der telekom, die das Fernsehsignal ebenfalls digital durch ihre Leitungen jagt, beträgt der "Time Lag" gar bis zu 8 Sekunden - das klassische multimediale Song-Content Nutzungsszenario "Bild vom Fernseher, Ton übers Radio" dürfte dann unter Synchronisationsproblemen leiden, ganz zu schweigen von all den Fußballfans, die erst Äonen später vom Tor ihres Lieblingsvereins erfahren.
Time Lag also statt echtzeitlicher Kommunikationskanäle - so haben sich das die Theoretiker dann auch wieder nicht vorgestellt. Ob das Digitalfernsehen wohl zu einem Paradigmenwechsel in der Dromologie führen wird?
Gestern verstarb der französische Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard nach längerer Krankheit in Paris. Geboren wurde der "große postmoderne Bilderstürmer", wie ihn die SZ nennt, am 20. Juli 1920 in Reims. Seine Text über Simulation und Virtualität gehören zum Standardrepertoire des medientheoretischen Kanons - "Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen" oder "Agonie des Realen" zählen zu den Klassikern der Postmoderne.
Für viele markierte JB immer die allzeit gegenwärtige Position des rückhaltlosen Kulturpessimismus, mittelgut verdeckt vom Mäntelchen französischen postmodernen Sprachpompanzes. Zu Unrecht, wie Florian Rötzer in seinem Nachruf auf telepolis einwendet:
Ihm ging es nicht um Wahrheit, er verstand sich auch nicht als Theoretiker, der etwas beweist, er dachte eher wie ein Dadaist und wollte auch sich mit seinen Denkanschlägen herausfordern oder verführen. Radikales Denken, wie er es angestrebt hat, ist gerade nicht auf Verständnis oder Mitteilung angelegt, es will eine Art Abenteuer sein, eine Entdeckungsreise, die über sich hinausgeht. Ein Kritiker der Medien oder der Konsumgesellschaft, wie man das ihm gerne nachsagt, wollte er gerade nicht sein.
Als ich mit Baudrillards Texten in Berührung kam, schien er mir in einer Traditionslinie zu stehen mit mit Günther Anders, Susan Sonntag und Neil Postman: Kulturpessimismus als offenbar notwändige Begleiterscheinung eines jeden paradigmatischen (Medien)Wandels, oder wie die SZ schreibt:
Das Simulakrum ist wahr. Das war sein Credo. Damit stellt er vertraute Begriffe, über Jahrhunderte etablierte europäische Denksysteme auf den Kopf. Die Realität, als Ursprung und Referenzsystem des Denkens, hat für ihn ausgespielt. Es gibt keine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit mehr, nur noch das Spiel der Zeichen.
Der Text "Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen" im gleichnamigen Merve-Band allerdings bot einen so unkonventionellen Ansatz zum Thema städtische Graffiti, dass ich mich vor einigen Jahren mit Peter nach Graz begab, um Baudrillards Vortrag bei der Eröffnung seiner eigenen Fotoausstellung "Die Abwesenheit der Welt" zu hören. Kurioserweise präsentierte der Kritiker der Bilder damals 100 Farbfotos mit theoretischem Überbau:
Seit Mitte der 80er Jahre, aber verstärkt seit Anfang der 90er fotografiert Baudrillard, vor allem während seiner häufigen Reisen in alle Teile der Welt. Es entstehen Landschaftsaufnahmen, Stadtansichten und Bilder von Objekten und Ensembles, die an klassische Stilleben oder Interieurs erinnern. Zugleich aber entstehen Fotografien in extremen Ausschnitten und Nahansichten, die den jeweiligen Gegenstand des Bildes aufzulösen scheinen, so als wolle der Fotograf seiner Struktur auf den Grund gehen - als sei nicht das Objekt an sich von Interesse, sondern das, was in ihm verborgen liegt. (aus dem Pressetext zur Ausstellung in Kassel)
Die Fotos haben mich weit weniger beeindruckt als der enigmatische Vortrag des Protagonisten, dessen radikale Infragestellung der Kategorien Wirklichkeit und Simulation ihn zum Schlüsselbegriff "Dissimulation" führte. JB verdächtigte die Medien des "perfekten Verbrechens" - darunter verstand er die "Ermordung der Realität". Was sich wie eine semiotische Satire anhört, legte der Philosoph in dem kurzen Merve-Bändchen "Die Agonie des Realen" dar, Zitat:
Denn wenn es auf Grund des Widerstands des uns umgebenden Realen praktisch unmöglich ist, einen simulierten Prozess isoliert zu betrachten, ist es umgekehrt genauso unmöglich, einen realen Prozess zu isolieren oder einen Beweis für das Reale zu erbringen - eben diese Reversibilität macht einen Teil des Simulationsdispositivs und des Unvermögens der Macht aus.
In Das perfekte Verbrechen führt Baudrillard genauer aus, auf welche Weise das von ihm angesprochene Verbrechen begangen wird. Die Formulierung zeigt deutlich, dass hier eine Katastrophe stattfindet - apokalyptisches Denken blieb eben doch stets treuer Begleiter des Franzosen:
Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen.
Zuletzt provozierte er mit seinen Aussagen zum Anschlag auf das World Trade Center Widerstand - leicht verständlich, führt man sich seine Beschreibung terroristischer und krimineller Akte im selben Buch zu Gemüte:
Von daher sind alle Raubüberfälle, Flugzeugentführungen usw. von nun an in gewisser Weise simulierte Vergehen, und zwar insofern, als sie sich von vornherein in die rituelle Dechiffrierung und Orchestrierung der Massenmedien einschreiben und sie in ihrer Inszenierung und ihren möglichen Folgen vorweggenommen werden - kurz, sie funktionieren als ein Ensemble von Zeichen, die einzig und allein ihrer Zeichenrekurrenz dienen und nicht mehr ihrem "realen" Zweck.
Wie jeder Theorie-Popstar besitzt natürlich auch Baudrillard ein Journal, das ganz seiner Arbeit gewidmet ist. Alle Beiträge des seit Jänner 2004 erscheinenden International Journal of Baudrillard Studies gibt's löblicherweise Online im Volltext, zum Beispiel das legendäre Requieum for the Media:
Are the mass media on the side of power in the manipulation of the masses, or are they on the side of the masses in the liquidation of meaning, in the violence perpetrated on meaning, and in fascination? Is it the media that induce fascination in the masses, or is it the masses who direct the media into the spectacle?
Im wikipedia-Artikel findet sich eine umfangreiche Bibliographie sowie zahlreiche weiterführende Links für eigene Baudrillard-Studies.
Kochtopfökonomie nannte der indische Ökonom Rishab Aiyer Ghosh 1998 seine Metapher für neue Marktstrukturen im Internet. Jeder wirft was in den Pot-au-feu, und am Ende köchelt eine schmackhafte Suppe vor sich hin. Aber die TAZ bezweifelt, dass die Suppe jene satt macht, die vorher was reingeworfen haben.
In der Tat klingt die Vorstellung, dass alle Arbeitskräfte willg und unbezahlt für den Besitzer des Topfes arbeiten, ohne irgendwelche Beteiligungen am Endprodukt zu ewarten, wie der feuchte Traum eines jeden Turbokapitalisten. In seiner vielzitierten Veröffentlichung verglich Ghosh die Strukturen der Open Source mit dem freien Austausch im Netz:
Mit der Metapher der "Cooking Pot Markets" beschreibt Ghosh eine Form der Marktökonomie, die sich nicht am kapitalistischen Modell von Angebot und Nachfrage orientiert, sondern in der Geschenk und freier Tausch, Aufmerksamkeit und persönliches Ansehen zentrale Kategorien darstellen. Die Metapher bezieht sich auf das Bild einer kleinen dörfliche Gemeinschaft, in der gemeinsam gekocht wird, sodaß durch die Zutaten der einzelnen (z. B. Hühnchen, Kartoffeln, etc.) ein reichhaltiges, schmackhaftes Essen entstehen kann. Das Bild des freien Austauschs und der gemeinsamen Nutzung wird nun auf das Internet angewandt, wo gleichfalls ohne Geldverkehr Programme, Texte und andere Inhalte ausgetauscht werden und wo diese Art der freien Verteilung auch der gesammten Gemeinschaft zugute kommt
Was in der Theorie tatsächlich gewissen Sex-Appeal hat, hält einer kritischen Hinterfragung allerdings kaum stand: denn der Habermas'sche ideale Diskurs soll ja frei sein von Herrschafts- oder Besitzstrukturen, und davon kann in Zeiten hegemonistischer Servicemonopole wohl in der Tat keine Rede sein. Amazon etwa möchte gern alle Rechte an den Rezensionen, die Kunden auf der Seite des Händlers veröffentlichen, die neuen Besitzer von youtube denken nicht über kulturellen Benefit, sondern über geschäfts-ermöglichenden Umgang mit Copyright nach. Quasi wöchentlich versucht die Musikindustrie, Teenager abzumahnen, einzusperren und ihren Kunden ein kriminalisiertes Selbstbild einzuimpfen.
Wo fremde Eigentumsrechte unter allen Opfern zu respektieren sind, da hat das eigene Recht am Werk allerdings freudig abgegeben zu werden an Akteure, deren Ziel ganz klar die Gewinnmaximierung ist. Kollaborative Arbeit bräuchte selbstverwaltete Plattform - gegen die Monopolisierungstendenzen des Web 2.0 wirkt der ohnehin ergebnislose Microsoft-Prozess retrospektiv geradezu wie Much Ado about Nothing. Die TAZ sieht in den Strukturen des Web 2.0 und vor allem in der Begeisterung über die Partizipation eine genuin neue Machtverschiebung zwischen Produzent und Konsument:
Das kostenlose und freiwillige Abschöpfen von Kopfarbeit hat jetzt durch das Web 2.0 ein ideales interaktives Medium. Web-2.0-Communities werden von Unternehmen nicht nur etabliert, um die Akzeptanz ihrer Produkte ohne aufwändige Marktforschung besser einschätzen zu können. Sie sind so auch in der Lage, wie beispielsweise die Firma Lego, ihre Entwicklung zu rationalisieren, indem sie Konsumenten in die Produktentwicklung einbeziehen. Warum viele Designer, Kreative, Ideengeber oder Programmierer beschäftigen, wenn die Freaks weltweit auch freiwillig tätig werden und dafür nur ein "Vergelt's Gott" verlangen - heute in der zeitgemäßen Form eines Awards oder einer Namensnennung auf dem mitentwickelten Produkt ("Co-designed by Willi Müller").
Chris Andersons Longtail Effekt kann in diesem Sinn auch verstanden werden als unerfüllbare Marketing Fata-Morgana: die Scheingrenzen zwischen Anbieter und Kunde verschwimmen, jeder kann selbst mit seiner Homepage im Monat 5 Werbeclicks generieren und zwar nicht reicht werden, aber locker 20 Cent die Woche verdienen. Für die TAZ fällt auch die Aggregation von Wissen in diesen Bereich:
In diese Kategorie fallen auch Internetfirmen, die vorhandenes Wissen aggregieren und daraus ein neues Produkt generieren. Dies ist im Kern auch das Geschäftsmodell Google.
Klar ist andererseits aber auch: erst die Aggregation und die Indizierung des vorhandenen Wissens macht dieses auch nutzbar. Der Bibliothekseffekt multipliziert sich, nur dass die Bibliothekare nicht im Dienste der Allgemeinheit arbeiten, auch wenn sie nicht müde werden, dies zu behaupten. Suchalgorithmen erfordern ja nicht bloss komplexes Wissen, sondern die Gestaltung einer funktionierenden Infrastruktur ist mit gewaltigem Hardwareaufwand sowie enormem Datenverkehr verbunden: wo die scheindemokratische Internet-Zone ihre Rückkopplung an harte ökonomische Realitäten erfährt, wo "Interessen von Rechteinhabern gefährdet sind", da zeigt sich eben ganz schnell, wie dünn die Illusion eines demokratischen Netzmediums das Internet als Katalysator einer Corporate World übtertüncht. Aber keine Sorge, liebe Apologeten: es findet sich immer ein Nicolas Negroponte, der auf diversen Konferenzen gegen exzellente Bezahlung nicht müde wird, die Logik der Aufwärtsspirale einmal mehr zu beschwören.
...ist ein postmoderner Autor, so man Deleuze, Guattari und Co. glauben darf. Die Dekonstruktion der auktorialen Autorität, das Zurücktreten und schlußendliche Verschwinden des Autors hinter den seinen Text gilt als eines der Leitmotive und Aktiva postmodernen Kulturschaffens. In einem aktuellen Artikel in Philosophy Now stellt Alan Kirby die Behauptung auf, dass diesesParadigma seiner Historisierung entgegen blickt, und durch kollaborative Arbeit am Text abgelöst wird.
In seinem Essay präsentiert der Oxforder Professor für englische Literatur eine Argumentationslinie, die zugleich die aktuelle Web 2.0 Debatte widerspiegelt: partizipative Medien, die erst im Zusammenspiel mit dem Rezipienten entstehen, verändern die Rolle aller Teilnehmer.
Postmodernism, like modernism and romanticism before it, fetishised [ie placed supreme importance on] the author, even when the author chose to indict or pretended to abolish him or herself. But the culture we have now fetishises the recipient of the text to the degree that they become a partial or whole author of it. Optimists may see this as the democratisation of culture; pessimists will point to the excruciating banality and vacuity of the cultural products thereby generated (at least so far).
[...]
But somewhere in the late 1990s or early 2000s, the emergence of new technologies re-structured, violently and forever, the nature of the author, the reader and the text, and the relationships between them.
Als Pseudo-Modernismus bezeichnet Kirby die Nachfolgeperiode der Postmoderne. Anders als kalifornische Chef-Ideologen sieht der Brite allerdings in erster Linie eine "Verflachung" der Kultur und reiht sich damit in den prominenten Reigen kulturpessimistischer Theoretiker ein.
[...] many academics will simply decide that, finally, they prefer to stay with Foucault [arch postmodernist] than go over to anything else. However, a far more compelling case can be made that postmodernism is dead by looking outside the academy at current cultural production. Most of the undergraduates who will take 'Postmodern Fictions' this year will have been born in 1985 or after, and all but one of the module's primary texts were written before their lifetime. Far from being 'contemporary', these texts were published in another world, before the students were born: The French Lieutenant's Woman, Nights at the Circus, If on a Winter's Night a Traveller, Do Androids Dream of Electric Sheep? (and Blade Runner), White Noise: this is Mum and Dad's culture. Some of the texts (ââ¬ËThe Library of Babel') were written even before their parents were born. Replace this cache with other postmodern stalwarts - Beloved, Flaubert's Parrot, Waterland, The Crying of Lot 49, Pale Fire, Slaughterhouse 5, Lanark, Neuromancer, anything by B.S. Johnson - and the same applies. It's all about as contemporary as The Smiths, as hip as shoulder pads, as happening as Betamax video recorders. These are texts which are just coming to grips with the existence of rock music and television; they mostly do not dream even of the possibility of the technology and communications media - mobile phones, email, the internet, computers in every house powerful enough to put a man on the moon - which today's undergraduates take for granted.
Postmoderne Tendenzen seien aus moderner Literatur, aus Kinoserien und aus dem Fernsehen verschwunden - mit wenigen nicht gerade schmeichelhaften Ausnahmen:
The only place where the postmodern is extant is in children's cartoons like Shrek and The Incredibles, as a sop to parents obliged to sit through them with their toddlers. This is the level to which postmodernism has sunk; a source of marginal gags in pop culture aimed at the under-eights.
In kontemporären Fernsehformaten wird die Zuseherbeteiligung zur conditio sine qua non - der Vergleich mit Andy Warhols Filmen überrascht, trifft imho aber ganz gut:
If it were not possible for viewers to write sections of Big Brother, it would then uncannily resemble an Andy Warhol film: neurotic, youthful exhibitionists inertly bitching and talking aimlessly in rooms for hour after hour. This is to say, what makes Big Brother what it is, is the viewer's act of phoning in.
[...]
A pseudo-modern text lasts an exceptionally brief time. Unlike, say, Fawlty Towers, reality TV programmes cannot be repeated in their original form, since the phone-ins cannot be reproduced, and without the possibility of phoning-in they become a different and far less attractive entity. If scholars give the date they referenced an internet page, it is because the pages disappear or get radically re-cast so quickly.
[...]
The purely 'spectacular' function of television, as with all the arts, has become a marginal one: what is central now is the busy, active, forging work of the individual who would once have been called its recipient. In all of this, the 'viewer' feels powerful and is indeed necessary; the 'author' as traditionally understood is either relegated to the status of the one who sets the parameters within which others operate, or becomes simply irrelevant, unknown, sidelined; and the 'text' is characterised both by its hyper-ephemerality and by its instability.
Unweigerlich erinnert diese Passage an die Diskussion über "interaktive" Fernsehformate und die Relevanz des sogenannten "Rückkanals". Wäre Interpassivität nicht bereits ein psychologischer Fachausdruck, so träfe dieser Terminus wohl eher zu. Ich denke, dass zwischen "the one who sets the parameters" und "simply irrelevant" allerdings ein riesengroßer Unterschied besteht: jede Online-Aktivität, jedes Spiel lässt eben nur gewisse vorgesehene Freiheitsgrade zu. Vilém Flusser hat die Natur digitaler Simulation, ihre Diskretheit als genuines Merkmal, so elegant beschrieben wie kein zweiter. Unter Flusser'schen Prämissen besteht zwischen Second Life und Solitaire Online nur ein gradueller, jedoch keinesfalls ein genuiner Unterschied - das liegt in der Natur der technischen Beschränkung aller Simulationen.
Stark verkürzt: tatsächliche Interaktivität wird erst möglich, wenn beide beteiligten Systeme, also "Spiel" und User, denselben Komplexitätsgrad aufweisen - daher üben Multiplayer Games einen ganz anderen Reiz aus als das Duell gegen den Siliconchip. Insofern könnte man den bekannten Turing-Test heranziehen. Denn der Ansatz, Intelligenz nicht zu definieren, sondern ununterscheidbar zu demonstrieren, verweist genau auf diesen Komplexitätsfaktor. Zwischen "völlig vorhersehbarer" und "schwer durchschaubarer" Reaktion liegt freilich ein breites Spektrum, das unter anderem eine ganze Reihe von Medienkünstlern zu spannenden Experimenten mit umgemodelten 3D-Shootern inspirierte. Bei klassischen Brettspielen etwa geht's darum, zuerst die Regeln zu lernen und im Verlauf des Spielens eventuell gewisse Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Digitale Spiele dagegen werfen den Protagonisten häufig mit einem minimalen Set an Infos ins Geschehen, und ein beträchtlicher Teil des Spielaufwands besteht darin, erst einmal die "Regeln" herausfinden. "Spielspaß" garantiert dabei nur das sorgfältige Austarieren der Reaktionen des Settings auf die Erwartungshaltung des Spieler. In einer vage ähnlichen Situation findet sich der Benutzer moderner Webapplikationen:
The majority either require the individual to make them work, like Streetmap or Route Planner, or permit him/her to add to them, like Wikipedia, or through feedback on, for instance, media websites. In all cases, it is intrinsic to the internet that you can easily make up pages yourself (eg blogs).
Ob man die Blogosphere als inzestuöse Schaubühne für mehr oder weniger begnadete Selbstdarsteller ansieht oder als das neue politische Relevanzmedium der kommenden Jahre, spielt für die Punkte, auf die der völlig unkollaborative Text hinweist, eigentlich keine Rolle: das vorherrschende Paradigma der Partizipation tritt überall dort deutlich zu Tage, wo momentan die Wachstumsraten zuhause sind - hier gibt die aktuelle Entwicklung der beliebter Internetservices dem Autor, der aus Beobachtungen im übrigen bloß dezente qualitative Schlüsse zieht, völlig recht.
In postmodernism, one read, watched, listened, as before. In pseudo-modernism one phones, clicks, presses, surfs, chooses, moves, downloads. There is a generation gap here, roughly separating people born before and after 1980. Those born later might see their peers as free, autonomous, inventive, expressive, dynamic, empowered, independent, their voices unique, raised and heard: postmodernism and everything before it will by contrast seem elitist, dull, a distant and droning monologue which oppresses and occludes them. Optimists may see this as the democratisation of culture; pessimists will point to the excruciating banality and vacuity of the cultural products thereby generated (at least so far).
Kirby schließt seinen Text also mit einer kurzen Umschreibung des neuen Generation Gaps, den er als Folge des Medienwandels verortet - und wie der letzte Satz nahelegt: alles bleibt eine Frage von Auslegung und persönlichem Geschmack - die Tendenz ist klar erkennbar, ihr Ergebnis liegt im Nebel zukünftiger kollaborativer Kulturwissenschaft
Alan Kirby: The Death of Postmodernism and Beyond