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Artikel-Schlagworte: „Protest“

Kämpfen für/um Heinz Prüller

Heinz PrüllerWir kämpfen den gerechten Kampf - gegen Windmühlen, den Küniglberg und das Vergessen. Und für die Rückkehr des Mannes, den sie Heinz Prüller nannten. Dass selbst ich bei meiner ausgeprägten Abneigung gegen fern-elektro-mediale Sportbeobachtung (mit Ausnahme von K1) diesen Namen kenne, liegt einzig und allein daran, dass Meister Prüller eine wandelnde Motorsportlegende ist.

Ja, man könnte durchaus so weit gehen zu behaupten, dass jeder Österreicher, der im Lauf seines Lebens die markigen Worte des Formel-1-Kommentators geradezu mit der Muttermilch aufgesaugt hat. Doch nun der große Schock:

Erdbeben in der österreichischen Formel-1-Medienlandschaft: Heinz Prüller, seit 1965 ununterbrochen Grand-Prix-Kommentator für den öffentlich-rechtlichen TV-Sender 'ORF', wird 2009 abgelöst. Als Nachfolger wird der bisherige Boxengassenreporter Ernst Hausleitner das Mikrofon übernehmen.

Eine offizielle Bestätigung seitens des 'ORF' steht noch aus. Ein Sprecher des Senders erklärte jedoch auf Anfrage von 'Motorsport-Total.com', dass es zu diesem Thema heute noch eine Presseaussendung geben wird.

So spricht die Facebook-Gruppe, die sich in bester Social Media Campaigning Tradition für die Rückkehr der Legende ans Mikro einsetzt. Die Zitate der User sagen alles:

"Ich werde es vermissen, wie er "Hydraulik" sagt... seufz!"
"heinz prüller ist österreichs john madden!!! ohne den geht's nicht!!!"
"Formel 1 ohne Heinz macht keinen sinn !!!"

Vorschläge, Protestaktionen, öffentliche Fernseher-Verbrennungen (man weiß eh nicht, wohin mit der alten Röhrnkiste) sind angesagt. 1.123 Mitglieder erreichte die Gruppe in Rekordzeit, und mir fällt eigentlich nur ein einziges Exit-Szenario ein: wenn die Rückkehr zum Staatsfunk nicht klappt, dann muss Heinzi zukünftig eben auf ATV Motorsport moderieren. Die Formel 1 Rechte werden zwar kaum leistbar sein, aber da der sowieso der Kommentator im Vordergrund steht, tut's ja vielleicht auch die österreichische Auto-Crash-Meisterschaft in Wolkersdorf.

Die Nackerten Flash-Mobber von der Lobau

Lobaustrand"Herr Blogger, lehren Sie Geschichte", hat nie ein österreichischer Bundeskanzler gesagt. Aber in Zeiten pressierender Neuwahlversprechungen kann man Politikern bekanntlich ohnehin nix glauben, und nicht jeder publizistischen Handlung geht ein gut gemeinter Ratschlag oder ein dämlicher Leserbrief voran. Aber schnell zu etwas Erfreulicherem, und zwar der Lobau: über diesen wunderschönen Nationalpark hat Joseph Gepp im aktuellen Falter [Nr.29/2008] unter dem Titel "Der Zauberwald" ein würdiges Portrait geschrieben. In den Wiener Auen findet sich eine Subkultur, über die in keinem Krocha-Magazin etwas zu lesen ist:

"Die Wildnis steht für etwas Irreguläres und zieht irreguläre Existenzen an," sagt der Lobau-Experte Fritz Keller, der sich in seinem Buch Lobau - Die Nackerten von Wien Die Nackerten Flash Mobber von der Lobau mit der Sozialgeschichte der Au beschäftigt hat. "Im Dschungel kann man sich verstecken. Jugendbewegungen und politische Aktivisten nutzten das für ihre Zwecke. Gesellschaftliche Experimente konnten hier ungestört durchgeführt werden."

Das kann ich nur bestätigen, auch wenn ich gegenüber der Lobau alles andere als unvoreingenommen bin - verbringe ich dort doch seit Jahren einen beträchtlichen Teil des Sommers: ein unglaublicher Boost auf meinem persönlichen Lebensqualitätsindex. Manchmal bei den "Nackerten von der Dechantlacke", häufig auch an abgeschiedeneren Plätzen, von denen es viele gibt. Dort kann ich auch besser als überall sonst einem meiner Lieblingshobbys nachgehen und ausgedehnte Frog-Watching Sessions abhalten. Dank meiner neuen Digicam mit fettem Teleobjektiv werden einige der kleinen grünen Spaßmacher sicherlich noch zu FlickR-Fotoehren kommen :mrgreen:

Joseph Gett hat bei seiner Recherche auch mit Jenny Strasser, 95, gesprochen: sie war 1934 beim sozialdemokratischen Schutzbund aktiv, die Treffen fanden hauptsächlich auf der Hirscheninsel in der Lobau statt. Dort wurden die Protestaktionen gegen die faschistische Politik geplant - und was mich besonders verblüfft hat:

Flashmobs sind keine Erfindung der Internetgeneration!

Wie sahen diese Blitzaktionen aus? Jenny Strasser redet klaren Blickes und voller Begeisterung: "Sie dauerten meistens nur fünf Minuten. Verschiedene Aktivisten kamen über verschiedene Straßen an einem bestimmten Platz, zum Beispiel am Nestroyplatz, zusammen. Alles war vorab abgesprochen. Dann hielt einer eine schnelle Rede, zwei rollten ein Transparent aus, Flugzettel wurden ausgeteilt. Wenn die Polizei gekommen ist, waren wir schon wieder weg, in verschiedene Richtungen. Auch das war vorher ausgemacht."

Freilich konnte damals von "Spaßfaktor" wenig Rede sein: die Aktivisten riskierten eine Menge, um gegen den Austrofaschismus zu protestieren. Nach dem Einmarsch der Nazis floh Jenny Strasser, seit ihrer Rückkehr nach Österreich hat sie die Lobau nie mehr betreten. An manchen Stellen befinden sich alte Bunker, fast komplett überwachsen - dort wohnten die Zwangsarbeiter, die den Donau-Oder Kanal errichten sollten. Viele Jahre später entstand in der Lobau eine Art Ghetto, die Armensiedlungen am Biberhaufenweg sind längst verschwunden. Die Lobau zum Nationalpark zu erklären war eine goldrichtige Entscheidung - ich hoffe, dass dieser grandiose Mikrokosmos intakter Natur, so unglaublich nahe an einer Millionenstadt, noch vielen Generationen von WienerInnen erhalten bleiben möge. Und wer wissen will, auf welch historischem Boden er da den nackten Popo gegen Sonne reckt, sollte unbedingt einen Blick in den Falter werfen.

Lobaufrosch

Nicht sprechen erscheint sicherer

ueberwachungsbild Nicht sprechen erscheint sichererDie Vorratsdatenspeicherung in Deutschland hält nicht nur Terroristen vom Telefonieren ab, wie eine aktuelle Forsa-Umfrage beweist: aus - wohl keineswegs unbegründeter, wie der aktuelle Telekom-Skandal zeigt - Angst vor möglichen späteren Negativfolgen verzichten immer mehr Bundesbürger darauf, die Eheberatungsstelle, den Psychotherapeuten oder die Drogenberatungsstelle zu kontaktieren. In Zeiten wie diesen weiß man schließlich nie genau, wer eigentlich Zugriff auf welche Daten hat.

1.002 Deutsche wurden von Forsa am 27./28. Mai für die repräsentative Umfrage ausgequetscht, und die Ergebnisse sollten den Politikern zu denken geben:

Die zu Jahresbeginn eingeführte Vorratsdatenspeicherung schreckt von sensiblen Gesprächen am Telefon ab und wird von nahezu jedem zweiten Bundesbürger als unverhältnismäßig abgelehnt. [...] Die Ergebnisse im Einzelnen: Sieben von zehn Befragten war bekannt, dass seit Beginn des Jahres 2008 alle Verbindungsdaten jedes Bürgers in Deutschland sechs Monate lang gespeichert werden müssen. Die Mehrheit der Befragten würde wegen der Vorratsdatenspeicherung davon absehen, per Telefon, E-Mail oder Handy Kontakt zu einer Eheberatungsstelle, einem Psychotherapeuten oder einer Drogenberatungsstelle aufzunehmen, wenn sie deren Rat benötigten (517 der Befragten). Hochgerechnet entspricht dies über 43 Mio. Deutschen.

Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung fordert als Konsequenz aus der Umfrage - welche Überraschung - die sofortige Außer-Kraft-Setzung des Gesetzes, welches als lebensgefährlich eingestuft wird, wenn es etwa von telefonischen Hilferufen beim Psychotherapeuten abhält, so die Argumentation.

Den kompletten Ergebnisbericht gibt's online, aktuelle Informationen zur laufenden Verfassungsbeschwerde gegen die ausufernde Datenspeicherung finden potentielle Mit-ProtestantInnen hier.


Foto: Michael Hirschka / Pixelio

Tibet-Petition: bitte unterzeichnen

tibetTenzin Gyatso aka der Dalai Lama hat zur Zurückhaltung und zum Dialog aufgerufen, die chinesische Regierung scheint zwischen Reputations-Verlustangst und - ja, und was eigentlich? - zu schwanken. Eine aktuelle Petition will Chinas Präsident Hu Jintao vom Konfrontationskurs abbringen, möglichst viele UnterzeichnerInnen werden innerhalb der nächsten 48 Stunden gesucht.

Petition: Unterstützt den Dalai Lama

Nach Jahrzehnten chinesischer Repression hat sich die Frustration der tibetischen Bevölkerung in Straßenprotesten und gewaltsamen Unruhen entladen. Während die Welt wegen der bevorstehenden Olympischen Spiele auf Tibet schaut, rufen die Tibeter die Welt um Hilfe für einen Wechsel. Die chinesische Regierung hat angekündigt, die Demonstranten und Demonstrantinnen, die sich nicht ergeben haben, 'zu bestrafen'. Ihre Führer treffen gerade jetzt eine wegweisende Entscheidung zwischen brutaler Eskalation oder Dialog, die die Zukunft Tibets und Chinas bestimmen kann.

Wir können diese historische Entscheidung beeinflussen -- China sorgt sich um seine internationale Reputation. Chinas Präsident Hu Jintao muss zu hören bekommen, dass der Erfolg von 'Made in China' und der Olympischen Spiele von seiner Wahl abhängen. Aber es braucht die schnelle Reaktion einer Masse von Menschen, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen und wir brauchen diese in den nächsten 48 Stunden.

Der tibetische Friedensnobelpreisträger und geistige Führer der Dalai Lama hat zu Zurückhaltung und zum Dialog aufgerufen. Er braucht die Unterstützung der Weltbevölkerung. Klick auf den untenstehenden Link um die Petition zu unterstützen. Ziel sind eine Million Stimmen für Tibet (es sind schon 79729!!).

Die Unterschrift erfolgt rein digital, ein getuntes Spamscript müsste eigentlich locker ein paar Millionen Einträge schaffen - aber wie auch immer: schaden kann's ja nicht, hier geht's

zur Petition

Blogvorstellung: Der Wirbelwebber

wirbelwebberIm neuen Jahr bislang schändlich vernachlässigt hab ich die Blogvorstellungen; aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, allerdings gibt's ein paar kleinere Änderungen: es wird jeweils nur ein Blog vorgestellt, dafür allerdings wöchentlich und zwar jeweils am Donnerstag. Alle vorgestellten Blogs werden zusätzlich ins datenschmutz Linkverzeichnis aufgenommen, dem eine kleine Generalsanierung ins Haus steht. Den Anfang macht anno domini 2008 niemand geringerer als der Wirbelwebber.

Der Wirbelwebber ist zwar stolzer Besitzer eines durchwegs bayrisch anmutenden Schnurrbartes, wohnhaft ist der Autor, der am 22.11.2010 seinen 50. Geburtstag feiern wird, allerdings in der Nähe von Kölle. Wirbelwebbers Themenspektrum macht den Termini "bunt gemischt" alle Ehre: vom rotbunten Husumer Protestschwein bis zum Radar-Encounter reicht das Themenspektrum - der Autor gewinnt dabei selbst trivialen Themen durch seine originelle Schreibweise äußerst unterhaltsame Aspekte ab. Heißer Tipp für ein bisschen Entspannung zwischen all den Web 2.0 Expertenartikeln - von denen kommt übrigens auch keiner auf so stylishem Jeans-Hintergrund daher.

Bitte vortreten! Die Liste der vorzustellenden Blogs hat zwar inzwischen bereits beträchtliche Länge erreicht, allerdings gibt's ja in diesem Jahr ja noch 50 Gelegenheiten. Potentielle InteresstInnen hinterlassen also wie gehabt einfach einen Kommentar mit der URL des vorzustellenden Blogs.

Xings Entgegenkommen kennt keine Grenzen

"Warum schreibt mir die Frau meines Zahnarztes auf Xing eine Nachricht?" frug ich mich heute beim E-Mail Lesen am Communicator. Nur um gleich darauf zu bemerken, dass ich sozusagen Opfer einer Gleichheitstäuschung wurde - zufällig teilen sich der Bewahrer meiner bissigen Seite und eine Xing-Moderatoren denselben Familiennamen... und Sie haben völlig recht, werteR LeserIn, dies rechtfertigt noch keinen Blogeintrag, wohl aber der Inhalt des offiziellen Newsletters - Schrein des Abstoßes ist nämlich niemand ungeringerer als die Xing-Werbung.

Beziehungsweise deren zahlende Rezipientinnen, also die Premium Kunden. Aber alles der Reihe nach. Denn erstmal war ich verblüfft, weil die Absenderin als Texterin, und nicht als Xing-Mitarbeiterin eingetragen ist, aber das Rätsel löste sich im Footer relativ rasch:

Einen Newsletter an mehrere Tausend Mitglieder verschicken wir nur bei begründeten Anlässen. Wir gehen davon aus, dass Werbung auf Premium-Profilen, vor allem weil für die Betroffenen unsichtbar, einen solchen Anlass darstellt.

Das tut sie, das tut sie. Geschenkt, die Spampolizei bleibt im Revier. Die Sache verhält sich nämlich folgendermaßen:

Xing blendet Fremdwerbung in Ihre Profilseiten ein. Gehen Sie also bitte NICHT davon aus, dass wenn Sie keine Werbung sehen, auch keine da ist.

Da ist also was da, was auch da ist, wenn's scheinbar gar nicht da ist? Tja, dynamische Medien sind in dieser Beziehung richtige Beit'ln, wie man in Wien sagt, oder in den Worten des Xing-Newsletters:

Da Premium-Mitglieder in *passiver* Weise werbefrei bleiben und keine Werbung sehen, können Sie diese Werbung weder auf der eigenen Profilseite, noch auf der Profilseite anderer Mitglieder wahrnehmen. Sie ist dennoch da, sichtbar für alle Nichtpremium-Mitglieder. Es handelt sich dabei um wechselnde Werbeschaltungen.

Ein eigenartiger Eindruck mag etwas durchwegs entstehen, wenn, sagen wir mal, beim Besuch der Profilseite des Marketingleiters von T-Mobile dessen Geschäftspartner Orange Werbung eingeblendet bekommt... Das hat Xing auch bereits erkannt, und zwar schon heute, nach nur wenigen Monaten oder Jahren (kA, wie lange die Werbung schon auf den Profilseiten eingeblendet wird):

NEUES FEATURE: Auf vielfachen Protest seitens der Mitglieder hat Xing heute die Möglichkeit geschaffen, die Werbeschaltungen aus dem Profil ausblenden zu können

It's not a bug removal, it's a feature! Und warum sollte man auch KundInnen, die pro Monat EUR 5,95 für ihren Premium-Account bezahlen - also mehr, als Hetzner für einen Shared Webspace mit 2 GB und mysql DB haben möchte - standardmäßig werbefreie Profilpages anbieten? Die "Premium World" sowie die Möglichkeit, private Nachrichten zu verschicken, müssen doch wirklich genügend anreizen bieten, oder? Naja, wieder mal ein guter Gag mehr aus dem Hause Xing, ich hab mich gerade sehr über den Newsletter amüsiert.

Update: Lars Hinrichs hat am openBLOG ein *sehr* umfangreiches Statement veröffentlicht:

The discussion arose because, frankly, we didn't think of everything in advance. What happened was that non-Premium users were seeing ads when they visited Premium Members' profile pages. [...] Our members objected to this, and we acted to change this as soon as we heard. It has taken us 24 hours to implement after announcing the change, and this option is now available in Premium Members' individual settings.

Wenn das Volk mehr Demokratie begehrt

16. Dezember 2007
16:00

Die Zeiten der schwarz-blauen Regierung in .at schienen geprägt von Wirtschaftsliberalismus, möglichst dicht gemachten Grenzen und allerlei skurrilen personellen Fehltritten - plus einer bedenklichen Aushöhlung (oder besser gesagt: Entkernung) demokratischer Kernwerte. Nicht wenige wählten bei den letzten NR-Wahlen die SPÖ in erster Linie, um diese für mitdenkende BürgerInnen demokratiegefährdenden Entwicklungen zu stoppen.

Dachten wir zumindest. Aber da kann Gusi so viele Dalai Lamas empfangen, wie er will: Schwarzrot setzt die informationstechnische Entmündigung des eigenen Volkes noch viel konsequenter fort, anstatt auch nur einen Fingerbreit zurück zu rudern. Konkret geht's dabei um eine Reihe von Gesetzesbeschlüssen, die in letzter Sekunde vor Jahresende im Parlament durchgepeitscht worden. Und während den gewöhnlichen Bürger meines Wissens nach weder Dummheit, noch Ignoranz, noch simples Unwissen vor Strafe (oder Konsequenz) schützen, gilt für die Volksvertreter ganz anderes. Denn dass vereinzelte ParlamentarierInnen (und MinisterInnen) allen Ernstes behaupten, sie hätten deshalb für die Beschneidung der Befugnisse des Verwaltungsgerichtshofs, für ein jeglicher richterlicher Kontrolle entzogenes Sicherheitspolizeigesetzt (Stichwort: Überwachung) und für eine gesetzliche Verankerung des Kammerstaates gestimmt, weil ihnen die Inhalte der Vorlagen nicht im Detail bekannt waren.

Nun man die delegative Demokratie in mancherlei Hinsicht für ein problembehaftetes Meinungskanalisierungs-System halten, und dass nicht jeder Abgeordnete jede Gesetzesvorlage liest - oder auch nur in die Hand nimmt - ist ausreichend bekannt. (Nein, ich schimpfe nicht aus Prinzip oder Unwissen. Mein Zweitfach war Politikwissenschaft.) Aber wenn diese Tatsache nicht nur als keineswegs peinlich, sondern im Gegenteil als legitime Entschuldigung für die eigene Mitarbeit an widerlichen, demokratiefeindlichen Kampagnen dienen, dann ist es allerhöchste Zeit für mündige Bürger, die Verantwortung, die sie ihren Parlamentariern via Vertrauensvorschuss angedeihen ließen, auch tatsächlich mal einzufordern.

Dieser hehren Aufgabe verschrieben hat sich eine Bottom-Up Initiative verschrieben, deren erstes Treffen letzte Woche im Café Westend stattfand. Mehr Informationen zum nächsten Treffen(Arbeitstitel: Demokratischer Salon) gibt's auf caragal.org bzw. bei reimon.net, überdurchschnittlich Interessierte tragen sich bei der folgenden Mailingliste ein: http://lists.reimon.net/mailman/listinfo/salon

Heute habe ich die folgende E-Mail bekommen mit der Bitte um Verbreitung - und selbiger komme ich gerne nach:

EINLADUNG zum 2. Demokratischen Salon

Wann: SO 16.12.2007, 16:00 Uhr
Wo: Café Westend, 1070 Wien
Was: Formulierung einer Position für ein etwaiges Volksbegehren für mehr Demokratie Wer: Alle interessierten Personen - VERBREITUNG ERWÜNSCHT

In der letzten Sitzung des Nationalrates vor der Weihnachtspause hat die Große Koalition mehrere rechtsstaatlich und demokratiepolitisch bedenkliche Beschlüsse gefasst. Ohne ausreichende Vorbereitung, Begutachtung und öffentliche Diskussion wurden die Befugnisse des Verwaltungsgerichtshofs beschnitten, das Sicherheitspolizeigesetz verschärft (Überwachung) und der Kammerstaat in der Verfassung verankert. Dabei waren teilweise weder Regierungsmitglieder noch Abgeordnete der Koalition ausreichend über die Inhalte der Anträge informiert - zugestimmt haben sie trotzdem.

Aus diesem Grund haben sich am 9. Dezember besorgte Privatpersonen getroffen, um Protestmöglichkeiten gegen diesen Niedergang der politischen Sitten im österreichischen Parlament zu diskutieren.

Wir machen uns wenig Illusionen darüber, dass diese Beschlüsse nach ein paar Protesten zurückgenommen würden, zu taub dafür haben sich österreichische Regierungen in der jüngeren Vergangenheit schon gezeigt. Aber wir fürchten, dass die Große Koalition ab jetzt in dieser Form weiter macht, und dagegen wollen wir mobilisieren - und zwar als parteilose Plattform. Wir wollen prüfen, ob ein Demokratie-Volksbegehren eine realistische Chance hätte.

Konkrete Ziele eines solchen Volksbegehrens wollen wir im 2. Demokratischen Salon am nächsten Sonntag um 16:00 Uhr im Café Westend diskutieren. Dazu sind alle interessierten Personen eingeladen.

Wir haben eine offene Mailingliste zu diesem Thema eingerichtet, die auch der Vorbereitung des Treffens dient: demokratie [at] cargal.org

Blogistan Panoptikum Woche 48 2k7

Was für eine besinnliche Woche! König Advent und seine Punsch-Standl Schergen brechen wie eine Naturgewalt über die westliche Welt herein; der Geruch von billigem Alkohol und altem Fett verbreitet weihnachtliche Stimmung in altehrwürdigen Winter-Fußgängerzonen. Blogistan indes lässt sich von allfälligen Kaltwettereinbrüchen keineswegs weiter beeindrucken: die Wir-Schweigen-Nicht Spiral dreht sich ganz Anti Noelle-Neumann'sch unaufhaltsam weiter nach oben.

Nix weiß er was schenkt?

Dem alten (männlichen) Weihnachtsgeschenk-Findungs-Problem begegnet Tschilp mit einem Adventkalender der konsumintensiven Art: ich, dessen Kosmetikrepertoire sich grosso modo auf Nivea Creme, Zahnpasta und Gilette Rasierwasser beschränkt (ich glaub, in Tirol ist der Metrosexuellen-Anteil besonders niedrig) hatte ja keine Ahnung von feinen Rot-Nuancen und zeitlosen beige-rosé-braun Kombis, geschweige denn vom poetisch-olfaktorischen Ruf der Karibik:

Von der schönsten Insel [...] stammt das absolut beste, pudrigste Parfum [...], gerade noch im Zaum gehalten mit einer Note reifer Ananas - Voodoo pur!

Klingt wie ein ziemlich trinkbares Starkbier... und ist vielleicht sogar multifunktional auch als Intimdeo einzusetzen! [via Max]

Wissen belastet: die Facebook Applikation

Max hat seine erste Facebook-Applikation fertig gestellt: Wissen belastet dürfte wohl ein Test für Things to come sein, das Programm tut folgendes:

Wissen belastet visualisiert das am öftesten verwendete Wort der letzten 100 Meldungen Österreichischer Medien.

Außerdem werden zugehörige Newsbilder angezeigt, ähnlich wie Max das im Header seines Blogs macht - ich hab die App natürlich auf meinem Profil und auf der datenschmutz Page gleich mal installiert - so ein kleines Trendbarometer hat definitiv was.

Im Format mit Hannes

Für die aktuelle Ausgabe des österreichischen Wochenmagazins Format hat Alexandra Riegler Statements von Hannes und mir eingeholt. Unter dem Titel Blogger Business berichtet der Artikel von aktuellen Entwicklungen in der Linkwirtschaft und vom Boom der ehemaligen Online-Tagebücher.

Hannes berichtet von Blögger (näheres morgen), ich hab einen Kommentar zur Link-Miet Debatte abgegeben und erklärt, dass datenschmutz für mich in erster Linie hohen Experimental- und Spaßfaktor birgt:

Ziemlich erfolgreich ist unterdessen Austro-Blogger Pettauer: Für sein Ein-Mann-Unternehmen p*n*c (pettauer.net consulting) sei das Blog "sozusagen PR-Abteilung und Research-and-Development-Department in Domainunion". Geld ist dabei nicht der Hauptantrieb: "Wenn nebenbei noch Werbeeinnahmen anfallen, ist dies erfreulich, steht aber keineswegs im Zentrum der Bestrebungen", sagt Pettauer.

Amazon Patent aufgehoben

Wie ich heute über die quintessenz-Liste erfahren habe, hob das europäische Patent ein umstrittenes Amazon Software-Patent, gegen das der FFII eV (Förderverein für eine Freie Informationelle Infrastruktur) protestiert hatte, in vollem Umfang auf. Der Anwalt von Amazon kommentiert die Entscheidung während Verhandlung mit den folgenden Worten: "Needless to say, I'm very surprised."

München, 7. Dezember 2007 -- Am heutigen Freitag fand beim Europäischen Patentamt (EPA) die Anhörung im Einspruchsverfahren des Fördervereins für eine Freie Informationelle Infrastruktur (FFII e.V) gegen Amazons berühmt-berüchtigtes Patent zur Online-Geschenkbestellung statt. Bei diesem Patent EP927945 handelt es sich um Derivat des umstrittenen One-Click Patents, das Amazon in den USA hält und das bereits diesen Oktober in einigen Punkten wegen mangelnder Neuheit aufgehoben und abgeändert.

Hier geht's zur vollständigen Pressemeldung des FFII.

Webnews-Capture: Instant Feedback

Eine der lästigsten Eigenschaften von Anti-Spam Captchas ist die Tatsache, dass man erst nach dem Reload von der eigenen Falscheingabe erfährt. Webnews hat dieses Problem recht komfortabel gelöst: direkt nach der Eingabe wird der User via Ajax-Reload darüber informiert, ob seine Eingabe richtig ist - das komplette Neuladen der Seite entfällt somit, und allfällige Vertipper können gleich korrigiert werden:

webnews

Praktische Sache - ich hoffe, dass dieses Beispiel auch bei anderen Plattformen Schule macht. In diesem Sinne wünsche ich fantastisch erholsame letzte Sonntagsstunden und einen feinen Start in die dritte Adventwoche; wir lesen uns! By the way: 1000 Dank an die 108 datenschmutz-LeserInnen, die bereits beim Bloggeramt für datenschmutz als "Blog des Monats" abgestimmt haben - ich bin zwischenzeitlich in Führung, aber die Konkurrenz ist hart, und ich bin natürlich weiterhin für jede Stimme dankbar!

zur Abstimmung

eGovernment die zweite: Holland wählt wieder am Papier

In Deutschland fallen Wahlentscheidungen teilweise bereits nicht mehr via Urne, sondern via Wahlcomputer. Dies rief heftige Proteste des Chaos Computer Club hervor, der den Maschinen der Firma NEDAP von Anfang an nicht vertraute, damit aber auf taube Ohre bei den zuständigen Politikern stieß. [erschienen auf oe1.orf.at]

So ganz falsch kann der CCC mit seinen Anschuldigungen nicht gelegen sein: denn in den Niederlanden, wo baugleiche Geräte schon länger im Einsatz sind, beschloss die Regierung nun, wieder auf das herkömmliche Papierwahl-System umzustellen.

Ausschlaggebender Grund dafür ist eine Studie, die der Chaos Computer Club gemeinsam mit der Niederländischen Stiftung "Wij vertrouwen stemcomputers niet" (Wir vertrauen Wahlcomputern nicht) durchgeführt hat und die derart nachhaltig die leichte Manipulierbarkeit der NEDAP-Geräte vor Augen führt, dass die Regierung den resultierenden Vertrauensverlust in das "Rückgrat der Demokratie" nicht in Kauf nehmen wollte. Ob die deutsche Regierung sich dieser Entscheidung anschließen wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. Fest steht allerdings, dass die technischen Anforderungen an jegliche Geräte, mit denen freie demokratische Wahlen durchgeführt werden sollen, enorm hoch sind. Denn während bei der klassischen Wahl in Zweifelsfällen letztendlich immer die "Hardware" Papier als unbestechlicher Zeuge fungieren kann, öffnet die rein digitale Speicherung der Stimmabgabe gezielten Eingriffen Tür und Tor. Wenn also in diesem Bereich digitalisiert werden soll, dann stets mit besonders hohen Sicherheitsanforderungen.

Dass ein ehemaliger Hackerverein als kritischer Mahner auftreten muss, führt deutlicher als jede Bürgerkarte vor Augen, wie tief die Informationsverarbeitung mittlerweile in alle Bereiche des privaten und politischen Lebens eindringt. Darauf wird der Chaos Computer Club seit Jahren nicht müde hinzuweisen. Bei einem Vortrag im Wiener Metalab etwa führte Starbug, ebenfalls Mitglied des Club, eindrücklich vor Augen, dass biometrische Techniken zwar die breite Masse sehr wirksam, routinierte Kriminelle allerdings so gut wie gar nicht erfassen.
Ein Hauptproblematik der Technikfolgenabschätzung ist bekanntlich die unglaublich dynamische Entwicklung des digitalen Sektors: vor lauter Innovationen, die sich täglich überschlagen, bleibt kaum jemandem Zeit für die nötige kritische Distanz. Es mag nur auf den ersten Blick überraschend anmuten, dass ausgerechnet ein Hackerverein zum Mahner vor blindem Technikvertrauen wird - sind Hacker in der breiten Wahrnehmung doch gerade jene technik-affinen Nerds, die mit Digitaldisplays auf ihren Baseball-Kappen mit entrücktem Blick durch die Gegend laufen. Die Realität zeigt allerdings, dass just aus dem Ansatz des Hackens, Technologien anders als im Sinne ihres Verwenders zu nutzen, ein immer notwendigeres kritisches Potential erwächst. Technologien wollen verstanden und analysiert werden - nicht umsonst sind die sogenannte "Hackerethik" und die Open Source Bewegung stark miteinander verwoben.

Im vorliegenden Fall der eWahlen konnte der CCC nun zeigen, dass die in Holland zugelassenen NEDAP-Wahlcomputer schlicht nicht die Anforderungen an freie demokratische Wahlen erfüllen.

Bereits im Oktober 2006 war man mit dem Beweis angetreten, dass die betreffenden Computer manipulationsanfällig seien. Ende September schloss sich nun die von der niederländischen Regierung eingesetzte unabhängige Untersuchungskommission dieser Meinung an. Die Chance, dass Manipulationen im Nachhinein mit ausreichender Sicherheit festgestellt werden können, sei nicht gegeben, so die offizielle Begründung. Während die holländische Administration die geäußerten Bedenken offensichtlich sehr ernst nimmt, weckt die Berichterstattung in deutschen IT-Magazinen eher den Eindruck, dass die Verantwortlichen die CCCs als einen Haufen hypersensibler Übertreiber abtun. Nun beschäftigt sich glücklicherweise der VfGH mit den veröffentlichten Einwänden:

Die Frage, ob die Verwendung von Wahlcomputern in Deutschland mit den Grundsätzen eines freien, gleichen, geheimen, manipulationsfesten und vom Bürger nachvollziehbaren Wahlverfahrens vereinbar ist, beschäftigt derzeit auch das Bundesverfassungsgericht. Der Chaos Computer Club hat dazu eine ausführliche Stellungnahme abgegeben. (Presseaussendung des CCC vom 27. September 2007)

Dirk Engling, Sprecher des CCC, forderte die deutsche Regierung auf, rasch tätig zu werden, denn bereits am 27. Jänner 2008 sollen in Hessen und Niedersachsen die umstrittenen NEDAP-Rechner zum Einsatz kommen. Und der CCC befürchtet, dass nun die in Holland offiziell nicht mehr zugelassenen Restbestände "günstig" nach Deutschland verkauft werden, denn dort dürfen die Rechenmaschinen nach wie vor ungestört das Vertrauen der Bevölkerung in demokratische Wahlen untergraben.

Links:

Blogistan Panoptikum Woche 39 2k7

Robert weiß, womit Facebook User ihre Zeit verbringen und fragt nach dem Stand der Blogroll, Knallgrau gewinnt den Staatspreis Multimedia, Frank Huber berichtet über aktuelle Lage der Tonträgerindustrie, Frank macht uns mit seiner neuen Linux-Kiste den Mund wässrig und ein neues Forum für Webmaster auf - und Wini kehrt weinseelig endlich wieder zum Bloggen zurück.

Zimbra als Yahoo-Trumpf

Georg Holzer erklärt, warum Zimbra in den kommenden Jahres zu Yahoos Ass im Ärmel werden könnte:

Zimbra ist ein recht jung - es wurde 2004 mit nur einem Ziel gegründet: Etwas gegen Microsoft Exchange zu tun. Also entwickelte man drauf los und nur wenig später gab es schon einen brauchbaren Messaging-Server, der seither ständig verbessert wurde. Das Produkt selbst wird an Geschäftskunden und ISPs verkauft, es gibt jedoch auch eine Opensource-Version.

Harte Zeiten für Microsoft im Anmarsch? Google bietet mit seinem Online-Office ein sehr kostengünstige Suite, Zimbra schickt sich an, Exchange zu verdrängen - ob Bill Gates da wohl dagegenhalten kann? Ich würde die Betriebssystem-Oberhoheit in diesem Kontext allerdings keinesfalls unterschätzen.

Von amerikanischen Blog-Großverdienern

Wieviel Prozent des sichtbaren Screen-Spaces opfern die amerikanischen Blog-Großverdiener der Werbung? Serverdome stellte eine kleine vergleichende Studie an, die stark divergierende Placement-Anteile zeigt: John Chow liegt mit 27,86% an der Spitze, am wenigsten Werbung mutet mit 11,37% der Copyblogger seinen LeserInnen zu. Dagegen schau ich mit meinen 1000 Trigami-Eulen in 4 Monaten ja richtig arm aus :cool:

Reaktionen zu WordPress + Linklift

Nach heftigen Protesten in der Community entschieden sich die Entwickler, WordPress Deutschland 2.3 wieder ohne Linklift-Plugin auszuliefern. Ob und wie zukünftiges Sponsoring erfolgt, soll innerhalb der Community offen diskutiert werden. Frank will ob der vielen Wellen auf ein anderes Blogging-Tool umsteigen:

Zusammen mit all den anderen Aktionen wirft das alles kein gutes Licht auf WordPress. Man scheint das Gespür für die User bereits vor längerem verloren zu haben und schafft es nicht mal firmeninterne Probleme intern zu lösen ohne dabei öffentlich für großes Aufsehen zu sorgen. Wie ich bereits geschrieben habe, steht für mich der Wechsel der Blogsoftware auf dieser Seite bereits fest.

Dabei geht's längst nicht mehr nur um die LL-Affäre, sondern um das mehr als seltsame Verhalten der Betreiberfirma Automattic, die Wordpress Deutschland hintenrum ein Kuckucksei ins Nest legen möchten - sozusagen als "Dankeschön" für die bisherige Arbeit des Teams. Robert formuliert das recht unmissverständlich:

Keine Loyalität gegenüber dem Aufwand, den sich die Macher von Wordpress.de für mau gemacht haben, um eine lokalisierte WP-Variante auf die Beine zu stellen, ein Forum zu betreiben, das schon vielen Usern prima geholfen hat, und und und. Sorry, aber das ist unterirdisch respektlos und für mich ein Knackpunkt. Meine Bereitschaft steigt ungemein im ersten Ärger, dass ich Wordpress den Rücken kehre und mich Serendipity zuwende. Lieber einer kleinen, aber feinen Community anzugehören, als zu Automattic (die kommerzielle Firma, die auf Wordpress die Griffel draufhält). Natürlich kann man immer vom Regen in die Traufe kommen. Shit happens. Aber Automattic hat sich in den letzten Monaten immer mehr zu einem unsympathischen Haufen von Großkotzen entwickelt.

Ich hab meine Meinung dazu eh schon mal geschrieben: die LL-Sache find ich nicht weiter drastisch, wesentlich übler allerdings ist der Murks, den die Betreiber mit dem 2.3er Tagging und den vielen Plugin-Inkompatibilitäten angerichtet haben. Aktuell hab ich wenig Zeit für Softwaretests, aber mittelfristig werd ich mir gewiss Serendipity auch mal näher ansehen - Alternativen sind bekanntlich nie von Nachteil.

Video der Woche

Zugegeben: wer im richtigen Leben einen Dacia fahren mag, das ist eine andere Frage. Für einen Hummer wär zweifellos eine noch größere Kreissäge notwendig gewesen. Massive Digitale "Schneidetechnik" im Einsatz! [via Werbeblogger]

YouTube Preview Image

In diesem Sinn - einen wunderschönen Wochenbeginn! Über Ihre Stimme bei den Blogger's Choice Awards freu ich mich immer noch wie das sprichwörtliche verzauberte Frosch, aber das ist eine anderes Märchen.

FlickR, Jake Appelbaum und die Zensur in Hongkong

flickrEin Foto von Jake Appelbaum, monchrom Artist in Residence, sorgt für ein Aufruhr in Hongkong. Blogger und Interlocals-Gründer Oiwam Lam verlinkte von seinem Blog auf das erotische Portrait und soll dafür entweder 400.000 HK Dollar bezahlen oder ein Jahr ins Gefängnis gehen.

interlocals.ne will Medienaktivisten vernetzen, deren Muttersprache nicht Englisch ist: dazu übersetzen verschiedene freiwillige Mitarbeiter die einzelnen Texte in diverse Sprachen. In einem aktuellen Interlocals-Beitrag berichtet Oiwan über die verschiedenen Reaktionen. Der ursprüngliche Beitrag mit dem Foto ist nach wie vor online bei Inmediahk.net. BoingBoing schreibt zu der Causa:

Interlocals.net founder and inmedia.hk activist Oiwan Lam decided, as an act of electronic civil disobedience, to protest the Obscene Articles Tribunal of the Honk Kong Television and Entertainment Licensing Authority (TELA) and their classification of articles as obscene for publishing hyperlinks to erotic photography on FlickR and other sites. Lam then wrote an essay criticizing the Authority and linking to a tasteful photography found by searching the keyword 'nude' on FlickR. The result was a quick response from the TELA, and the classification of the article as a Class II indecent article by the Obscene Articles Tribunal. The maximum penalty is HK$400,000 and 12 months in jail.

Auf FlickR gibt's das Foto für Österreicher und Deutsche indessen nicht mehr: dass die größte Foto-Community in ganz besonders vorauseilendem Gehorsam auf die strengen Jugendschutzbestimmung Deutschlands eingeht, ist bekannt - offizieller Grund für die Einstufung des Accounts auf "unsafe" und die Nichtabrufbarkeit auch aus Österreich sind laut FlickR-Besitzer Yahoo besagte deutsche (!) Jugendschutzgesetze. Damit hätten wir hier wohl einen jener seltenen Fälle, wo die grenzüberschreitende Wirkung des Netzes nicht Informationen, sondern Zensurstrategien von einem Land ins andere durchsickern lässt.

FlickR jedenfalls stufte gleich mal Jake Appelbaums gesamten Account als "unsafe" ein: der Fotokünstler hat dort einige tauend Bilder online, von denen es sich bei den wenigsten um (schwer harmlose) Erotik-Aufnahmen handelt. Aber FlickR sieht die Sache mit den nackten Frauenbrüsten anscheinend wesentlich enger als die Kronenzeitung - und so unangenehm die ganze Sache für Miss Lam nun auch sein mag, aus der Sicht des Fotografen bestätigt diese unerfreuliche Anekdote einmal mehr: mit dem Hosten seines eigenen künstlerischen Outputs bei Drittanbietern wie FlickR (oder auch myspace, Blogger, Wordpress.com, youtube... insert web 2.0 application here) liefert man sich deren Gutdünken auf Gedeih und Verderb aus. Wer am Web 2.0 partizipieren will, ohne bloß zensurgefährdeter, mundtoter User der Big Player zu sein, der kommt um selbst gehostete Plattformen und eigene Server einfach nicht herum.

Linkvermietung: Google macht dich zum Spitzel!

Quasi-Monopolisten haben's manchmal viel zu einfach... auch wenn sie gerne von sich behaupten, nicht evil zu sein. Mit jener Art des Crowdsourcing, die totalitäre Regime seit Jahrhunderten heiß lieben, will Google nun die User zum Anschwärzen motivieren, wenn die Algorithmen versagen. Aber alles der Reihe nach: die Erregung rührt daher, dass das große G mal wieder die Richtlinien geändert hat: gekaufte Links verstoßen nun ganz offiziell gegen jenen impliziten Vertrag, den kein Webmaster je freiwillig mit Google abgeschlossen hat

Das offizielle Googleblog etwa erklärt eindrucksvoll die neoneue Strategie gegen verkaufte Links:

Links sind ein wichtiger Faktor in unserer PageRank-Berechnung, da sie angeben, wie nützlich jemand eine Seite findet. Gekaufte Links sind zwar wunderbar für Werbung und Traffic, jedoch weniger hilfreich für die Berechnung des PageRank. Das Kaufen und Verkaufen von Links mit dem Ziel, die Suchergebnisse zu manipulieren und Suchmaschinen in die Irre zu führen, verstößt gegen unsere Richtlinien.

Google indiziert, analysiert und seziert eben längst nicht mehr bloß das Web und dessen User, sondern gibt den Löwenanteil jener Spielregeln vor, mit denen Aufmerksamkeit in Cash transformiert wird. Dagegen mutet der seinerzeitige Microsoft-Anti-Monopol Prozess ja wie der vielzitierte Lercherl-Gasausstoß an. Enter Advocatus Diaboli: Der wahre Grund für das Backlinkverbot könnte ganz einfach darin liegen, dass Google solche Services wie Linklift und Text-Link-Ads, wohl zu Recht als schärfste potentielle Konkurrenz für die hauseigenen Cashcow-Produkte ansieht. Aber Verbote zeigen bekanntlich nur dann Wirkung, wenn sie Zähne haben - und Google weiß, dass das gute alte Spitzelsystem ganz einfach unschlagbar ist:

Als Reaktion auf eure Nachfragen bieten wir jetzt innerhalb der Webmaster-Tools ein Berichtformular für bezahlte Links an. Um das Formular zu verwenden, loggt euch einfach ein und gebt Informationen über die Sites an, die Links rein zum Zweck der Suchmaschinenmanipulation kaufen und verkaufen. Wir werden jeden Bericht prüfen und auf Basis dieser Feedbacks unseren Algorithmus und unsere Suchergebnisse verbessern. In manchen Fällen kann es sein, dass wir gegen Sites einzeln vorgehen.

Die angebotene Lösung ist an Skurrilität kaum zu überbieten - natürlich werden die Links ja gerade ge- und verkauft, um eine bessere Platzierung zu erreichen - die Textanzeigen richten sich eben überwiegend an nicht-menschliche User:

Falls ihr Links zu Werbezwecken verkauft, dann gibt es viele Möglichkeiten, dies zu kennzeichnen, wie zum Beispiel:

  • Einfügen eines rel="nofollow"-Attributs in den href-Tag
  • Umleiten der Links auf eine Zwischenseite, die per robots.txt für Suchmaschinen gesperrt ist

Als Reaktion auf die Nachfragen also... wer's glaubt. Im Klartext: viele, viele Berichte werden eintrudeln und SEOs werden versuchen, sich gegenseitig die verkauften Links um den Schädel zu hauen. Google wird ein bisschen abstrafen oder damit drohen, ein bisschen abzustrafen. Und das wird reichen, um den Link-Kauf Markt gravierend zu verunsichern. Wer diesen Beitrag für einen verspäteten Aprilscherz hält, der lese nach im Originalposting im Google Webmaster Central Blog.

Aus dieser Änderung der Richtlinien lassen sich also mehrere Schlüsse ziehen:

  • Google ist nicht mehr in der Lage, "echte" und "kommerzielle" Links zu unterscheiden. Lautete früher "keine händischen Eingriffe in den Suchalgorithmus" das höchste Credo, so ist mittlerweile davon wohl nicht mehr viel geblieben.
  • Wenn die "Prüfung" der Berichte genauso "sorgfältig" erfolgt wie die Google auf Proteste gegen Adsense-Konto-Schließungen reagiert, wird sich die Vernaderei als probates Mittel in SEO-Schlachten etablieren.

Google is climbing the shitrope

"The shitrope is a rope covered with shit. Criminals try to climb it, but they just slip downwards," erklärt Jim Lahey den Trailer Park Boys eine seiner Lieblingsmetaphern. Sollte man also aufhören, Linkkauf/-verkauf Services zu nutzen? Das wäre wohl wesentlich zuviel vorauseilender Gehorsam. Näheres lässt sich allerdings erst in paar Monaten sagen, wenn die neue Bannbulle beginnt, Wirkung zu zeitigen. Auf längere Sicht kann die einzig tragbare Lösung nur in der Schaffung mehrerer Alternativen zu Google liegen, der Weg zur perfekten Suchmaschine allerdings ist angesichts der Omnipräsenz und taktisch klugen Einkaufslust des Marktführers mit spitzen Steinen gepflastert und zumindest mittelfristig wohl eher ein Wunschtraum denn ein realistisches Antimonopol-Szenario. Die Diskussion zur betreffenden News auf Yigg ist jedenfalls absolut lesenswert. Zitat von Grobe Kelle:

Da sieht man mal wieder, das Google ein großes Problem hat, sie können Links nicht mehr einordnen. Die erste Verzweiflung wurde durch den Aufruf von rel="nofollow" im Bezug auf Blogkommentare sichtbar. Ich kann nur hoffen, das die mal jemand mit Erfolg verklagt. Anstelle von "Don't be evil" würde sich eher "Wir sind voller Scheiße" eignen!

btw: ich hab gehört, der Navigator hat massig Backlinks gekauft. Und der Dings auch und die Susi, also raus aus dem Index :twisted:

Die Darmstädter, der G8 Gipfel und ein gefälschter Brief

Noch nie lag so viel Aufmerksamkeit auf jener Stadt, welche die Verpackung klassischer Würste zu einem Teil ihres Namens gemacht hat. Zwar hat der G8 Gipfel noch gar nicht begonnen, das tut vorauseilenden Krawallen indes keinen Abbruch. Manchmal muss es aber gar nicht nackte Gewalt sein - was den DarmstädterInnen dieser Tage in den Briefkasten flatterte, erinnert an eine Schlingensief-Aktion und erfreut die Herzen friedliebender G8-Gegner.

Ein hochoffiziell aussehender Brief fungiert als Stein des Anstoßes, wie die Frankfurter Rundschau berichtet:

Darmstadt (dpa/lhe). Eine Fälschung als Protest gegen den G8- Gipfel: In Darmstadt haben Unbekannte in Schreiben mit Briefkopf der Stadt die Bevölkerung aufgerufen, während des Gipfels "auf unnötige Mobiltelefonate" zu verzichten. Dies helfe den Behörden, terroristisch relevante Gespräche zu erkennen, hieß es in dem Brief, der am Donnerstag im Stadtgebiet verteilt wurde. Polizei und Staatsanwaltschaft haben Ermittlungen gegen Unbekannt aufgenommen.

Doch damit nicht genug - das Schreiben forderte die DarmstädterInnen weiters auf, nach Einbruch der Dunkelheit unaufgefordert (!) ihre Ausweispapiere vorzuzeigen. dafacto, das Darmstädter Rathaus-Journal, weiß genaueres und darf sich dank des G8-Gipfels wohl auch eines neuen Besucherrekords erfreuen:

Auch wird aufgefordert, "nach Einbruch der Dunkelheit der Polizei unaufgefordert Ausweispapiere vorzuzeigen". Zudem müssten Abonnenten bestimmter überregionaler Tageszeitungen und Wochenzeitungen "mit der Überprüfung ihres Briefverkehrs sowie verspäteter Zustellung rechnen". Das Bürger- und Ordnungsamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt weist darauf hin, dass es sich bei diesem Unsinn um eine anonyme Fälschung handelt. Die Wissenschaftsstadt Darmstadt hat die Polizei eingeschaltet, die ihre Ermittlungen bereits aufgenommen hat.

Sebastian Schuster hat einen Scan des Briefes auf seinem Blog. Auch wenn die Polizei nicht zu schmunzeln vermag: die Unbekannten, die hier am Werk waren, haben die klassische Technik des Hoaxes benutzt: nicht bloß, um Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern in erster Linie, um eine sehr direkte Art der Bewusstseinsbildung zu betreiben. Überwachung steht heutzutage an der Tagesordnung, der Sicherheitsaufwand bei G8-Gipfeln ist gewaltig - so hoch, dass der inkriminierte Brief vielen gar nicht als Fälschung erschienen sein wird. Und wenn die Aktion bei den Betroffenen ein Gefühl der Beklemmung und Unfreiheit hervorruft, dann haben die G8-Gipfel Gegner viel mehr erreicht als durch brutale Straßenschlachten mit der Polizei.

matrix-Kolumne: Der vermaledeite Dekodierschlüssel

erschienen auf oe1.orf.at, Mai 2007

Mathematische Verfahren zur Verschlüsselung und Kodierung kamen schon längst vor dem Digitalzeitalter zum Einsatz: so gut wie jeder historische Universalgelehrte beschäftigte sich zumindest einmal im Verlauf seiner Karriere mit Chiffrier-Techniken. Geheimcodes üben seit jeher beträchtliche Faszination aus, dienen sie doch der Übertragung militärischer Nachrichten ebenso wie der Sicherung der Privatsphäre in der Kommunikation zwischen Liebenden.
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Hex me, Baby: Ist keine Zahl illegal?

Eine schon, wenn's nach dem Willen der MPAA geht. Jene Zahl ist nämlich der Schlüssel zur Dechiffrierung des HD-DVD Formats. Den Grundsatz "Information wants to be free" hat die Hollywood-Lobbytruppe noch immer nicht verstanden: allerorten schießen 09:F9:11:02:9D:74:E3:5B (und so weiter) Fanclubs aus dem Boden, könnte man sagen.

Denn gerade der Versuch, die Veröffentlichung der Zahl zu verhindern, führte zu großer Aufmerksamkeit in der Netsphere, wie The Inquirer schreibt:

Die Hex-Zahl 09 f9 11 02 9d 74 e3 5b d8 41 56 c5 63 56 88 c0 wurde vor Monaten entdeckt und verbreitete sich seither wie ein Lauffeuer unter den Netzbürgern der Welt. Geschichten, in denen dieser Key erwähnt wird, erregten jedoch die Aufrmerksamkeit von MPAA-Schnüfflern. Unter Berufung auf den "Digital Millennium Copyright Act" (DMCA) forderten sie Sites wie Spooky Action at a Distance und Digg ultimativ auf, die Zahl zu entfernen.

Zuerst kooperierte Digg, doch nach Userprotesten mutierte Gründer Kevin Rose zum Anti MPAA-Lobbyisten, wobei er der Unterhaltungsindustrie allerdings durchaus die Power zutraut, Digg wie weiland Napster zuzudrehen (Originalposting am Digg Blog):

Nachdem wir Hunderte von Geschichten und Tausende von Kommentaren gelesen haben, ist die Sache klar. Ihr wollt Digg lieber untergehen sehen als sich einer größeren Firma zu beugen. Wir haben verstanden. Ab sofort werden wir keine Beiträge oder Kommentare löschen, die den Code enthalten, und werden uns mit den Konsequenzen abgeben, wie immer die aussehen mögen.
Wenn wir verlieren, ist das auch egal. Dann haben wir wenigstens gekämpft, bevor wir untergingen.

Netzpolitik berichtet, dass der Schlüssel für neuere Produktionen bereits ausgetauscht wurde und präsentiert die Zahl in diversen Codes, etwa als Rechenaufgabe:

41425871524967055159433955941880327 * 320 = HD-DVD

Die ganze Sache erinnert natürlich an den damaligen DVD-Hack... Sebastian, Zappi, Churchi und 23 Byte sorgen jedenfalls für Verbreitung in der deutschen Blogosphere - für eine "Forced Revocation" ist's ohenhin eindeutig schon zu spät.

Auf BoingBoing gibt's neben grafischer Umsetzung und Tatoos auch folgenden besonders reizvollen Vorschlag zur Publikation des Keys:

Jordan sez, "If you put the illegal numbers in a query on the MPAA's search page it prints them on their page. Let's all link to this and then issue them a DMCA takedown notice! Give them a taste of their own medicine.

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