Beiträge

SaaS – Das Internet als Großcomputer

Ö1 [Ö1 Netzkultur Kolumne] Das Schlagwort “Software as a Service” lässt mitterlweile nicht mehr nur IT-Verantwortliche aufhorchen: war das Internet bislang primär Informations- und Kommunikationsmedium, so soll das Netz künftig auch gleich als Betriebssystem und zentraler Dokumentenspeicher dienen. Im Taumel der Euphorie wird dabei leicht vergessen, dass weite Teile der Spielregeln bereits von einer einzigen Firma definiert und auch exekutiert werden.

Alles wiederholt sich – auch in der IT verlaufen viele Entwicklungen zyklisch. In den späten60er und 70er Jahren zentralisierte man mittels Mainframes (“Großrechnern”) die verfügbare Rechenleistung, die einzelnen User saßen an vergleichsweise simplen Terminals und teilten sich die Leistung einer gemeinsamen CPU. Der Arbeitsplatzrechner fungierte dabei als bloßes Terminal zur Ein- und Ausgabe: das Grafiksignal wurde vom Zentralrechner an den Bildschirm, die Maus- und Tastaturkommandos von diesem zurück an den “Server” geschickt. Die eigentlichen Programme, etwa die Textverarbeitung, liefen nicht am lokalen Rechner, sondern am zentralen Mainframe.

Einige Jahre später standen die ersten Home Computer in den Läden, der Rest ist Geschichte: seit dem 286er übertrumpft jede Prozessorgeneration ihre Vorgänger, alle zwei Jahre verdoppelt sich laut Moore’s Law die verfügbare Prozessorleistung. Moderne Home PCs werden bald den Stromhunger einer Großfamilien-Waschmaschine erreicht haben, Betriebssystem und Software zeigen sich immer Ressourcen-hungriger. In den letzten drei Jahren ist allerdings eine deutliche Trendwende erkennbar: sogenannte “Thin Clients”, also relativ leistungsschwache Rechner, feiern unter anderem in Form der “Netbooks” ihr Comeback.

Diese Rechner beschränken sich im Wesentlichen auf eine stabile Umgebung für einen Webbrowser. Zusätzliche Software, etwa Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, aber auch Bildbearbeiten erfolgen nicht primär am lokalen Rechner, sondern mit Hilfe von Online Services wie Google Docs. Die zentrale Dokumentenspeicherung erlaubt einen Zugriff auf die eigenen Dateien von jedem Rechner mit Internetzugang, Probleme mit Kompatibilität und Softwareinstallationen könnten der Vergangenheit angehören. Neue Webtechnologien ermöglichen es, komplexe Applikationen im Browser abzubilden, der damit zu einer Art Netz-Betriebssystem wird. Dominiert wird der Markt derzeit von Google, und mit der Veröffentlichung des hauseigenen Browsers “Chrome” kommt der Suchmaschinenriese seiner Vision der lückenlosen Vewertungskette ein großes Stück näher.

Spielernaturen werden auch zukünftig nicht ums das Aufrüsten ihrer Grafikkarten herumkommen. Wer seinen Rechner in erster Linie als Arbeitsknecht ansieht, spart mit den beschriebenen SaaS-Lösungen allerdings elegant den üblichen Nebenjob als Systemadministrator – mit “Software als Service” verwandelt sich das Netz vom Informationsmedium zur gigantischen Großrechenanlage und die “Thin Clients” feiern ihr Comeback. Geblieben ist dabei freilich nur der Name: so ein Netbook verfügt über mehr CPU-Leistung als eine Großrechenanlage anno 1970.

WordPress 2.6: Revisions-Feature deaktivieren

WordPressRevisions deaktivierenDie aktuelle Version unseren Lieblings-CMS bringt zwei Features mit, die – gelinde gesagt – recht unausgegoren sind. Da wäre zum einen mal die neue Caption-Funktion (Bildunterschriften für hochgeladen Fotos) und zum anderen die “Revisions”, automatisch generierte Posting-Snapshots bei jedem Save bzw. Autosave. Im offiziellen WordPress-Support-Forum entspann sich dazu eine recht erhitzte Diskussion:

während Moderator Otto gewohnt nerd-unfreundlich (er ist wohl schon seit den Zeiten des Usenet dabei) argumentiert, dass die Revisions immer und für jeden super seien, bin ich da wie viele User ganz anderer Meinung: ich erstelle meine Posts sowieso im Texteditor, daher brauche ich keine zusätzlichen Kopien, die mit der Zeit die Datenbank ganz beträchtlich aufblähen. Die Autosave-Funktion reicht mir völlig, um zu verhindern, dass ich einen Firefox-Tab mit nicht gespeichertem Posting irrtümlich schließe. Viel schlimmer allerdings: die Revisions verwirren mein In-Series Plugin: dort tauchen die Revisions plötzlich auch in der Serienliste auf.

Eine aus/ein Option verkompliziere das Backend unnötig, erklärt Otto – da find ich persönlich die “händische” Variante viel komplizierter. Wer die in punkto “wie gehen Starrköpfe mit dem Feedback der Community um?” äußerst interessante Diskussion im Detail nachverfolgen will, kann das hier tun. Bei Wikis machen Revisions zweifellos mehr sind, die meisten Blogs werden aber nicht von 50 Autoren kollektiv geschrieben – ein Opt-in wäre mehr als angebracht. Dass die Revisions nicht mal in einer eigenen Table, sondern mit dem Type “revision” in der wp_postings gespeichert werden, ist wirklich crappy.

WordPress Revisions ausschalten und Autosave-Intervall ändern

Um die für viele WordPresser lästigen Revisions loszuwerden, genügt ein neuer Einträge in der wp-config.php:

define (‘WP_POST_REVISIONS’, 0);

Wem die automatische Speicherung zu häufig stattfindet, der kann diesem Feature mit folgender Zeile ein Intervall vorgeben. (600 steht dabei angeblich für 1h, ich hab’s aber nicht überprüft:

define(‘AUTOSAVE_INTERVAL’, 600);

Um die bereits angelegten Revisions wieder los zu werden, hilft ein simpler SQL-Query, den man im phpmyadmin ausführt. Wer ein anderes Datenbank-Präfix verwendet, muss dieses natürlich entsprechend anpassen (in Rot markiert).

Delete from wp-posts where post-status=’revision’

Caveat: Auch wenn sich’s nur um einen kleinen “Eingriff” handelt, legt der vorsichtige (oder durch Schaden klug gewordene) Blogger immer vorher eine DB-Kommandozeilen-Dump an.

Die WordPress Caption-Funktion

Captions sind Bildunterschriften – das betreffende Feld in der Uploadmaske wir zentriert unter dem jeweiligen Foto dargestellt und kann gegebenenfalls via der zugehörigen CSS-Klasse formattiert werden. Benötigt man bei einem Bild (zum Beispiel beim Teaser, bei einem Thumbnail etc.) keine Unterschrift, so möchte man meinen, dass es reichte, das Feld einfach freizulassen. Weit gefehlt: dann bleibt nämlich auf das alt=”” Argument des Image-Tags leer. SEO-technisch äußerst ungünstig…

Das verkompliziert den Workflow: füllt man das Feld aus, muss man nachher den Caption-Tag weglöschen, lässt man’s leer, will die Alt-Angabe manuell befüllt werden. Zwar existiert eine Lösung, um die Captions komplett abzudrehen – doch die erfordert einen Eingriff in die functions.php, ist also nicht “updateresistent”. Außerdem macht das entweder/oder hier sowieso keinen Sinn: die saubere Lösung bestünde ganz eindeutig darin, entweder getrennte Eingabefelder für Caption- und Alt-Content vorzusehen, oder das Caption-Feld mit einer Checkbox “insert caption” auszustatten – hoffentlich schafft die nächste WP-Version da Abhilfe.

4. TU-Forum: Überwachung[staat] ohne Kontrolle

“Wer kontrolliert die Kontrolleure?” fragt das vierte TU-Forum. Hannes Werthner, Gerald Futschek und Wolfram Proksch diskutieren darüber, ob die Totalüberwachung schon längst aus dem Ruder gelaufen ist, moderiert wird die Diskussionsrunde von Christian Müller (Austria Presse Agentur).

Ort: TU Wien, Prechtl-Saal im Erdgeschoss (Karlsplatz 13, 1040 Wien)

Univ. Prof. Hannes Werthner unterrichtet am Institute of Software Technology & Interactive Systems, sein Spezialgebiet ist das Thema eTourismus, Univ. Prof. Dr. Gerald Futschek gehört der ifs (Information & Software Engineering Group) der TU Wien an und beschäftigt sich in erster Linie mit eLearning-Systemen und Dr. Wolfgang Proksch arbeitet im rechtswissenschaftlichen Bereich der TU Wien. Bei der Diskussion geht’s um folgende Themen:

Ort: TU Wien, Prechtl-Saal (4., Karlsplatz 13, EG) Handys orten, Daten absaugen, Computer überwachen – die Novelle zum Sicherheitspolizeigesetz (SPG), per 1. Januar 2008, ermöglicht Eingriffe in die Privatsphäre von BürgerInnen ohne richterlichen Beschluss und somit ohne wirksame Kontrolle. Experten der TU Wien erörtern Methoden, Technik und Recht sowie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen, die die “Datenspuren” in sich bergen. Worin besteht die Gefahr von Datenmissbrauch? Gehen wir in Richtung uneingeschränkte Überwachung?

Übrigens, zum Thema Datenlöschung vs. Speicherung: Aus gegebenem Anlass fällt mir dazu der Amstettner Delinquent ein, der seine Tochter jahrzehntelang im Keller einsperrte. In den RTL-Nachrichten war dazu zu hören, dass der Mann bereits einmal vor 25 Jahren oder so straffällig geworden sei (und zwar im Zusammenhang mit einem Sexualstrafdelikt), dass die Behörden bzw. die Gerichte allerdings keinerlei Kenntnis davon gehabt hätten, da die betreffenden Aufzeichnungen gesetzeskonform längst vernichtet bzw. aus seinem Akt entfernt worden seien. Nun frage ich mich, warum die Beamten eigentlich jetzt nach dem Bekanntwerden des Martyriums der Tochter und ihrer Inzest-Kinder sofort von dem Delikt wissen, wenn doch jegliche Aufzeichnungen aus den Akten verschwunden sind? Würd mich interessieren, ob ein Journalist im Presse-Archiv recherchiert hat oder ob’s irgendwo doch noch ein “Backup” gab.

Wenn Scheiben in Schlitzen klemmen…

Frage an Radio Eriwan: muss binäre Datenspeicherung umweltfeindlich sein? Antwort: Im Prinzip ja, es sei denn, man benutzt Steinhöhlenwände. Egal ob CD oder DVD: unsere allgegenwärtigen Silberscheibchen bestehen aus massig Polykarbonaten, und die bekommen kein Gütesiegel vom grünen Engel. Eine deutsche Firma bietet mit der Eco-Disc nun eine löbliche, schlankere Alternative an – aber die wiederum verheddert sich gern in Slot-In Laufwerken.

Für die Frühjahrsausgabe des unvorstellbar bewusst-nachhaltigen Biorama Magazins hab ich einen Artikel über die besagte klassische Misere geschrieben: der Held unserer Geschichte, in dem Fall der Herausgeber eines Printprodukts mit beiliegender DVD, steht vor der schwierigen Entscheidung: soll ich die Umwelt retten oder die Apple Laufwerke? Naja, Dilemmata lassen sich bekanntlich nicht lösen… es sei denn, durch spezifikationsgemäße Hardware.

Die Eco-Disc: Umweltfreundlichkeit mit Warnhinweis

Die Informationsgesellschaft benötigt immer mehr nicht-flüchtige Speichermedien: waren es vor rund einer Dekade noch vorwiegend CDs, die für die Datenspeicherung zum Einsatz kamen, wurden diese inzwischen längst von den rund sechsmal soviel Bits und Bytes fassenden DVDs abgelöst. Deren Öko-Bilanz stimmt allerdings im Fall eines Wegwerf-Mediums mehr als nachdenklich. Eine norddeutsche Firma bietet mit der Eco-Disc nun eine umweltfreundlichere Alternative – doch die ist mit einem gravierenden Nachteil behaftet: Slot-In Laufwerke verschlucken sich beim Auswurf an den extra-dünnen Silberscheiben.

Ob als Magazinbeilage, in der Computerspieldistribution oder im Videoverleih: DVDs sind allgegenwärtige Gebrauchsgegenstände, und ihre Herstellung ist alles andere als umweltfreundlich: das verwendete Polykarbonat bürgt für hohen CO2-Ausstoß, die verwendeten Kleber verschlechtern die Ökobilanz zusätzlich gravierend. Allein im Covermount-Geschäft (CDs und DVDs als Magazinbeilagen) wurden im Jahr 2005 18.000 Tonnen Polykarbonat verbraucht, Tendenz stark steigend. Die Lebensdauer der meisten Covermount-Datenträger ist ebenso kurz wie die der Magazine, mit denen sie vertrieben werden: doch im Gegensatz zum vergleichsweise geduldigen Papier kann bei der herkömmlichen DVD gar nichts recycelt werden.
Auch nicht bei der Eco Disc, aber die besitzt andere Vorteile: In erster Linie setzt der Hersteller auf den Faktor Dicke. Während die handelsübliche DVD 1,2 Millimeter stark ist, begnügt sich die umweltfreundliche Variante mit nur 0,6 Millimetern. Dadurch entfällt schon einmal die Hälfte des Trägermaterials Polykarbonats, zusätzlich kann der Hersteller aufgrund einer speziellen Oberflächenbehandlung auf die sonst erforderlichen Klebstoffe generell verzichten.
Es handelt sich also um eine Art Gegenthese zu jenen “selbstzerstörenden” Datenträgern, die in den USA im Videothekenbereich seit längerem zum Einsatz kommen. Die luftdicht verpackten Filme werden nach dem Entfernen der Hülle innerhalb 48 Stunden unlesbar, sodass das Zurückbringen entfällt – Bequemlichkeit auf Kosten von zusätzlichen Müllbergen also.
Im Gegenzug versucht der norddeutsche Hersteller Optical Disc Service, die Ökobilanz der Silberschreiben zu verbessern anstatt zu verschlechtern. Hohe Marktchancen rechnet sich der Hersteller dabei in erster Linie aufgrund der günstigen Produktionskosten aus: Zeitschriften beiliegende DVDs sind meist ohnehin Wegwerfprodukte und die geringere Dicke erweist sich nicht nur in punkto Rohstoffverbrauch als äußerst vorteilhaft, sondern sorgt auch für leichteres Handling im Produktionsprozess: die Eco-Discs sind vergleichsweise biegsam und kann von gängigen Magazin-Produktionsgeräten recht problemlos verarbeitet werden

Mitglied im Slot-In Club?

Zu den oben aufgezählten Vorteilen gesellt sich allerdings ein gravierender Nachteil des Produkts: die Eco-Disc ist nicht für Slot-In Drives geeignet: im Gegensatz zu herkömmlichen CD-Laufwerken verfügen diese nicht über einen “Plattenteller”, sondern der Datenträger wird durch einen dünnen Schlitz eingezogen bzw. ausgeworfen. Aufgrund der geringeren Dicke kann der Einsatz der Eco-Disc in solchen Laufwerken zu gravierenden Problemen führen: zwar lässt sich die Disc problemlos ins Drive einführen, aber nur genau einmal: denn der Auswurf will danach partout nicht mehr klappen, da sich der Datenträger verhakt. Derartige Slot-In Drives kommen einerseits bei Apple-Rechnern und andererseits bei der Playstation 3 zum Einsatz. Ist die Misere erstmal angerichtet, so werden teure Reparaturkosten fällig… da freut sich gewiss die Kundenbindungsabteilung jeder Zeitschrift.

Das Problem ist dem Hersteller mittlerweile bekannt und eine kleine Warnung auf der Disc weist darauf hin, dass der Datenträger für Slot-In Laufwerke nicht geeignet ist. Kein Wunder, dass derartige Warnhinweise ganz gern übersehen werden: hunderte unvorsichtige Mac-User sahen sich bereits gezwungen, ihre Laufwerke “reparieren” zu lassen – es gibt keinerlei Möglichkeit, mittels Eject-Button oder Notfallmechanismus die feststeckende Disc wieder aus dem Laufwerk zu befreien. Gerade bei Massenprodukten wie Zeitschriften und Magazin möchte man meinen, dass dieser gravierende Fehler die Ecodisc völlig abqualifiziert; bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch schnell, dass nicht der Hersteller der Datenträger, sondern Apple bei der korrekten Umsetzung der Spezifikation geschludert hat – zumindest laut Ecodisc. Denn der Auswurfmechanismus entspräche schlicht nicht den Vorgaben des DVD Forums.

Wer auch immer die Schuld trägt: grundsätzlich wäre eine ressourcenschonendere Herstellungsalternative gerade für Zeitschriftenbeilagen äußerst wünschenswert. Die Silberscheibe einfach im Laufwerk zu behalten, stellt natürlich auch eine Art der Müllvermeidung dar, wenn auch keine sehr nachhaltige: und solange Mac-User um die Gesundheit ihrer Laufwerke fürchten müssen, wird sich’s wohl kein Verlagshaus mit einem beträchtlichen Teil der eigenen Leserschaft verscherzen wollen – trotz alle Umweltbedenken.

ODS, Hersteller der Ecodisc

Blogistan Panoptikum KW04 2008

Große Froide über die Subscriber-Base: diese Woche hatte datenschmutz laut Feedburner erstmals mehr als 500 AbonnentInnen – und das noch vor der Komplettumstellung meines Subscribe-Plugins auf den Aggegrations-Service. Da müsste sich laut den Hochrechnungen des österreichischen Statistischen Lokalamts in diesem Jahr der Tausender ja locker ausgehen… an dieser Stelle jedenfalls mal an alle E-Mail und RSS-SubscriberInnen: herzlichen Dank für Ihr Interesse! Wenn Sie hier nicht mitläsen, dann würde mir das Schreiben nur halb soviel Spaß machen! :mrgreen:

Mit leuchtendem Beispiel vorangehen…

…wär ja nicht weiter schwierig, aber wo soll man bloß die passenden Leuchtbuchstaben hernehmen? Von der Farbwolke natürlich! Dort gibt’s ein liebevoll gestaltetes, frei verwendbares Leuchtbildalphabet, mit dem man solche netten Spielereien machen kann:

datenschmutz leuchtet

Neue Online-Protestformen gesucht

Angeregt von der relativ bescheidenen Resonanz auf die Online-Demo gegen Vorratsdatenspeicherung fragt Blariog.net in seinem Karneval nach neuen Formen des zivilen Protests. Konkret geht’s dabei um folgende Punkte:

  • Erreichen und informieren von Menschen, an die wir bislang nicht heran kamen – entweder, weil diese eher unpolitisch sind oder weniger an technischen Dingen interessiert und der Meinung, dass die VDS eh nur Freaks interessiert
  • Möglichkeiten für diese Menschen zu finden, ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, abseits von Demonstrationen, Blog-Aktionen etc.

Die Ergebnisse lassen sich sicherlich auch für Österreich übertragen – die Themenstellung finde ich sehr spannend, da on-blog Aktionen allein natürlich nie die nötige breitestmögliche Öffentlichkeit erreichen können.

dig.it|all Slam-Videos online

Sämtliche Videos des dig.it|all Slams sind inzwischen am Comdao Blog online. Das Kooperationsprojekt von digitalks, net.culture.lab und WIfV (Wiener Institut für Vernetzung) präsentierte eine Reihe spannender Projekte aus dem weiten Feld der digital.culture. Wissen, serviert in kleinen Bissen – was will der postmoderne Konsument mehr?

Anonym kommunizieren: Simkarten tauschen

arbeitskreis vorratsdatenspeicherungWir leben in Zeiten der Paranoia – und zwar schon eine ganze Weile lang. Als ich noch wesentlich jünger war also heute, hing der militärische oder zivile atomare Supergau als dräuender Schrecken permanent über den 80er Jahren, um bald darauf vom Thema Waldsterben, das mittlerweile der Sorge um die Klimaerwärmung gewichen ist. Die wiederum hat hart mit der vorgeblichen Bedrohung durch “böse Terroristen” um die Vorherrschaft unter den Schreckens-Szenarien zu kämpfen. Mit der freien Kommunikation via Handy wär’s in .de ohnehin schon längst vorbei, böte nicht der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung ein anonymes SIM-Karten Tauschservice an.

Hätte der Club of Rome mit seinen Wirtschaftswachstumsprognosen Recht behalten, dann lebten wir längst wieder alle in steinzeitlichen Höhlen. Hätten die Prognostiker des Waldsterbens sich in den frühen 80ern nicht getäuscht, dann stünde heute kein einziger Baum mehr in ganz Europa. Politik – und da ist die Umweltpolitik keine Ausnahme – auf weitgehend unbegründeten Katastrophen-Szenarien aufzubauen, ist nie eine gute Idee, marketingtechnisch aber unvorstellbar effektiv. Der ach so demokratische Staat und seine theoretisch der Verfassung verpflichteten Innenminister (egal ob .at oder .de) strecken schon länger ihre gierigen Finger nach einer lückenlosen Überwachung der “Untertanen” aus, und dies führte in den letzten Monaten zu Gesetzen, mit denen der selige Metternich seine hellste Freude hätte. Glücklicherweise gibt’s Organisationen wie den CCC (der beispielsweise dank des Tor Projekts echtes anonymes Surfen möglich macht) oder den Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, der in Deutschland mit einer smarten Tauschaktion die neu eingeführte Registrierungspflicht für Simkarten unterläuft:

Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung bietet seit heute eine Tauschbörse für Prepaid-Handykarten an. Ziel des Angebots ist die Umgehung der Registrierungspflicht für Handykarten, die der
Arbeitskreis für verfassungswidrig hält. “Jeder hat ein Recht auf anonyme Kommunikation”, begründet Patrick
Breyer vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung das neue Angebot.

“Es ist selbstverständlich, dass man Menschen anspricht, ohne seinen Namen zu nennen, und Briefe versenden kann, ohne einen Absender anzugeben.” Die Tauschbörse soll nun auch Handy-Nutzern wieder die Möglichkeit bieten, anonym zu telefonieren, etwa um unbesorgt vertrauliche Beratung in Anspruch nehmen (z.B. Aidsberatung,
Eheberatung), Journalisten informieren, sich staatskritisch engagieren oder sonst unbesorgt telefonieren zu können.

Um an der Tauschbörse teilzunehmen, sendet man eine mit mindestens 10 Euro aufgeladene, freigeschaltete Prepaid-Handykarte zusammen mit ihrer PIN und einem frankierten Rückumschlag an den Arbeitskreis (Adresse: Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, Marcus Brauner, Hilgenborn 22, 34593 Knüllwald Remsfeld). Nach wenigen Tagen erhält man eine andere, ebenfalls mit 10 Euro aufgeladene Handykarte mitsamt Rufnummer und PIN-Code zurück gesandt. Mit dieser Karte kann man nun telefonieren, ohne dass die eigenen Personalien bei dem
Anbieter gespeichert sind. Auch der Arbeitskreis protokolliert keinerlei Daten der Tauschpartner. Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung betont, dass der Tausch von Handykarten vollkommen legal ist.

Die ganze Sache hat nur einen (gewaltigen) Pferdefuß: was tun, wenn der Empfänger der auf den eigenen Namen registrierten Karte Übles treibt? Wie jede Anonymisierungstechnologie und genau wie jedes Gesetz, das dem Bürger Freiheiten einräumt, kann auch das SIM-Tauschsystem recht leicht missbraucht werden – auf der Homepage findet sich dazu eine ausführliche Erklärung, das allfällige Risiko muss jeder selbst abwiegen:

Wenn Sie die eingeschickte Karte auf Ihren Namen registriert haben, haben Sie einen Vertrag mit dem Telekommunikationsunternehmen geschlossen, der auch nach Weitergabe der Handykarte fortbesteht. Da es sich um eine Guthabenkarte handelt, entstehen Ihnen daraus im Normalfall keine Verpflichtungen.

Die von Ihnen eingesandte Karte wird an eine beliebige andere Person weiter versandt. Es ist nicht auszuschließen, dass mit Ihrer Karte Missbrauch getrieben wird. Dies kann im Extremfall dazu führen, dass Sie zu unrecht in den Verdacht einer Straftat kommen. Dieses Risiko besteht allerdings bei jedem Verkauf eines Handys, Kraftfahrzeugs usw. und dürfte recht gering sein. Zur Sicherheit erhalten Sie von uns eine Bestätigung, dass Sie Ihre alte Handykarte eingetauscht haben (unter Angabe der Rufnummer der Karte) und dass die Karte an eine zufällige Person weiter versandt wurde.

Weitere Informationen gibt’s beim Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung.

Update: Risiken des Simkartentausches

Seit gestern Heise im Newsticker über die SIM-Tauschbörse berichtet hat, verbreitet sich die Nachricht innerhalb der Blogosphäre wie das sprichwörtliche Lauffeuer. Jens Ferner warnt vor möglichen Missbrauchsszenarien, das Lawblog ebenfalls:

Allerdings trägt jeder Teilnehmer das Risiko, dass der Empfänger seiner Karte ins Visier von Ermittlungsbehörden gerät. Die Behörden haben als ersten Anlaufpunkt oft nur die Registrierungsdaten der Mobilfunkfirma.

Und Ravenhorst spricht einen zentralen Punkt an – von Anonymität im eigentlichen Sinn kann keine Rede sein:

Die gehen davon aus, dass man eine SIM-Karte, die man regulär mit Registrierung der eigenen persönlichen Daten erstanden hat, zur Tauschbörse sendet und dafür die SIM-Karte eines anderen Tauschbörsennutzers erhält, die dieser wiederum regulär mit Registrierung erstanden hat. Das bedeutet im Endeffekt, jeder telefoniert mobil mit den beim Provider gespeicherten persönlichen Daten eines anderen. Das verhindert zwar die Zuordnung von Gesprächsbeziehungen zur richtigen Person, aber anonym ist es nicht.