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Artikel-Schlagworte: „Theorie“

Web 3.0 = Semantik + Folksonomy?

Den instruktivsten Einstiegs-Artikel zum Thema "Semantic Web", den ich bislang das Vergnügen hatte zu lesen, veröffentlichte Dr. Cai Ziegler in der aktuellen Ausgabe der c't. In Sinn oder nicht Sinn - Vom Suchen und Finden der Semantik im Web [c't - Magazin für Computertechnik. Nr. 21, 1.10.2007, Heise Verlag, S. 172-179] erklärt der Autor konzise und verständlich die Grundlagen von Tim Berners-Lee's Entwurf eines maschinenlesbaren World Wide Web und zeigt, in welcher Relation unser geliebtes Web 2.0 mit einer derzeit sehr akademischen Disziplin steht.

Die Problematik, die Berners-Lee mit seinem semantischen Modell zu lösen versucht, klingt zunächst trivial: Webseiten sollen maschinenlesbar werden. Das können Scripts wie der Googlebot doch schon längst, mag man einwenden. In der Tat allerdings beschränken sich die "Lesefähigkeit" von Algorithmen derzeit fast ausschließlich auf die bloße Worterfassung und statistische Verfahren: Sinnzusammenhänge bleiben den nicht-menschlichen Interpretatoren völlig verschlossen. Denn um, abstrakt gesprochen, aus einer Gruppe von Wörter sinnvolle Zusammenhänge entnehmen zu können, muss a priori bekannt sein, in welchen Beziehungen die bezeichneten Konzepte stehen. Sogenannte "Ontologien" strukturieren semantische Relationen, indem sie im wesentlichen Gruppen- und Untergruppenzugehörigkeiten definieren: eine Frau etwa ist stets ein Unterelement der Gruppe Mensch, eine Studentin wiederum Unterelement beider vorher genannter Gruppen - nicht jede Frau allerdings gehört der Gruppe Studentin an. Durch ausgefeilte Relationssysteme werden Algorithmen in die Lage versetzt, nicht bloß Häufigkeitsanalysen zu betreiben, sondern dem, was wir menschlichen Leser unter "Sinngehalt" eines Textes verstehen, ein ganzes Stück näher zu kommen.

Die beschriebenen Gruppenrelationen reichen allerdings längst nicht aus: transaktionale Parameter erweitern den Beziehungsfundus und machen jene Medien, die schon längst als Computerdateien und ASCII-Codes auf Festplatten liegen, wesentlich besser "verständlich". Resultieren könnten daraus wesentlich effektivere Suchmöglichkeiten sowie bislang ungekannte automatische Recherche- und Aggregationsfähigkeiten. Obgleich seit Jahren diverse Beschreibungsstandards existieren, konnten sich semantische Modelle in der Praxis aber bislang nicht breitenwirksam durchsetzen: was sich in der Theorie machbar anhört, artet dank der Komplexität von Welt und Sprache schnell in Sisyphusarbeit aus: selbst die Erfassung einer abgeschlossenen "Domäne" wie Arbeitswelt stößt auf zahlreiche Probleme, ganz zu schweigen von der Fluidität und Veränderbarkeit unserer Sprache.

Spannenderweise führt in jenem Konglomerat aus Techniken und Use-Cases, das uns gemeinhin als Web 2.0 bekannt ist, exakt die gegenteiligen Strategien zu derzeit wesentlich mehr praktischem Erfolg: anstatt zuerst eine vollständige Ontologie zu erstellen, taggen (=beschlagworten) die Benutzer von Social Media Services wie FlickR oder del.icio.us, größter Online-Bookmark-Verwalter der Welt, erst einmal fröhlich drauf los. Aus der schieren Zahl der Anwender kristallisieren sich relevante Kategorien heraus: allen Ungenauigkeiten und Missverständnissen wie etwa verschiedenen Schreibweisen zum Trotz haben sich solche kollektiven Beschlagwortungssysteme als eine der "Killerapplikationen" des neuen Netzes erwiesen. Dr. Ziegler schreibt dazu in dem eingangs zitierten Artikel über die Zukunft des Semantic Web:

Unverhoffte Schützenhilfe mag hierbei vom Web 2.0 kommen. Dabei unterscheidet sich dessen Tao zunächst nahezu diametral von dem des Semantischen Webs: Das "Mitmach-Web" rückt den Menschen in den Vordergrund, sein semantischer Konterpart hingegen die Maschine.
Den Anknüpfungspunkt zwischen den beiden stellen Folksonomies dar, ein Eckpfeiler des Web 2.0. Diese sind das Produkt eines als Social Tagging bekannten Prozesses: User klicken sich durch das Web und annotieren dabei Webseiten, Blogs und andere Medienobjekte, die sie besonders gerne mögen. Solche textuellen, lesezeichenähnlichen Annotationen sind völlig willkürlich und entbehren der normativen Starrheit einer Ontologie.
Doch gilt im Web 2.0 der Leitspruch "Klasse durch Masse": Dank der Vielzahl taggender Surfer kristallisieren sich schnell die gängigsten Bezeichner für ein Medienobjekt heraus, was der Einigung auf einen eindeutigen Identifikator schon sehr nahe kommt. Struktur entsteht im Mitmach-Web also von unten (bottom-up), nicht top-down wie im Semantischen Web.

Etliche Trendforscher prognostizieren mit Horx'scher Gewissheit die "Ankunft eines neuen Informations-Heilands" in Form einer Verschmelzung der Graswurzel-Strategien des Web 2.0 mit seinem akademischen Counterpart Semantic Web - zu einem neuen, gloriosen Informations-Bastard namens Web 3.0. Man vermeint sofort Großvater Hegel aus dem feuchten Grabe uns Bewohnern des 3. Jahrtausend christlicher Zeitrechnung "These, Antithese!" nachhusten zu hören... was dann allerdings in der dialektischen Logik die Antithese zu Web 3.0 wäre, wird wohl in 10 Jahren eine neue Generation von Semblos (Semantic Bloggers) faszinieren.

Blogvorstellungen: Quantinger und Seoblitz.de

Diese Woche zu Gast: Prof. Anton Zeilinger mit seinem nicht nur für PhysikerInnen ausgesprochen lesenswertem Blog Quantinger und Seoblitz.de mit einem bunten Strauß News aus der wunderbaren Welt der Suchmaschinenoptimierung.

Prof. Anton "Quantinger" Zeilinger

anton zeilinger
Foto: Jaqueline Godani

Vor wenigen Tagen erst bin auch auf das Weblog des berühmten österreichischen Physikers Anton Zeilinger gestoßen. Welchen passenderen Titel könnte die Online-Publikation des Forschers tragen als Quantinger? Die Fragen, mit denen sich der Forscher beschäftigt, sind längst nicht mehr nur rein physikalischer Natur - das ist mir spätestens klar geworden, als ich Prof. Zeilinger vor einigen Jahren auf einer Veranstaltung des Waldzell-Insituts erleben durfte, wo er mit Paulo Coelho über das Wesen der Realität diskutierte. Anton Zeilinger ist kein Fachnerd, er relativiert gerne schaut über den Tellerrand hinaus - Paradigmen wird man hier vergeblich suchen:

In der Wissenschaft wird oft gesagt, wenn Einstein nicht die Relativitätstheorie gefunden hätte, dann hätte das jemand anders gemacht. Das setzt voraus, dass es nur eine einzige lineare Entwicklung geben kann. Es ist aber durchaus denkbar, dass wesentliche Schritte in Neuland in Wirklichkeit immer auch Weggabelungen waren. Und wenn wir uns da jeweils anders entschieden hätten, sähe unser Weltverständnis vielleicht heute ganz anders aus. Und trotzdem konsistent und ebenso Vieles erklärend wie unsere heutige Wissenschaft.

Seoblitz.de

seoblitzSEO Blogs gibt's einige, denn wenn irgend jemand wissen muss, wie sehr big G die ehemaligen Privat-Tagebücher liebt, dann Suchmaschinenoptimierer. Der Berliner Nils Kambach berichtet über seine Erlebnisse im Wettstreit um die vorderen Plätze und trägt immer wieder spannende Links zusammen - außerdem wissen wir dank seiner Umfrage, dass eine knappe Mehrheit der Berufsgruppe Es-Eh-Oh sagt (as opposed to Seo). Premiere feierte das Blog im Februar diesen Jahres - wer an Tipps und Tricks rund ums Thema "Wie krieg ich Aufmerksamkeit im Netz" interessiert ist, der hat mit Seoblitz.de die richtige Adresse gefunden.

Piratendaten: die etwas anderen deutschen Blogcharts

Actio und Reactio: man könnte meinen, die deutschen piraten blogcharts seien eine Reaktion auf Jensens manuelle Filterung. Damit läge man gar nicht mal sooo falsch; in erster Linie geht's uns allerdings um die gute alte Relativitätstheorie. Nein, nicht e=mc2. Sondern: jede Wertung ist relativ.

Jens dürfte sich schon ein klein wenig geärgert haben, lässt sein Sprachductus vermuten:

...zeigt der Versuch der "deutschen piraten blogcharts" (Deppen-Leerzeichen stammt nicht von mir) vor allem eins...

...Jener Herr Kossatz, der sich gern auch als Geschäftsführer, Gesellschafter und Entrepreneur bezeichnet,...

...Grund genug für Herrn Kossatz, mit meinem Layout und zweifelhafter Domain eigene "blogcharts" zu bauen. Ob auch noch Herr "Datenschmutz" mit dabei ist, oder ob seine Ankündigung von neulich noch eine weitere tolle Liste ans Tageslicht bringt - ich bin gespannt....

Die Spannung sinkt - denn der Herr datenschmutz - genauer gesagt: der Herr Captain Lafitte - ist mit an Bord, was wir alle hier mehr oder weniger freiwillig miterleben, ist der neueste Streich der Social Media Piraten. Diesen subversiven Ernstvögeln ist bekanntlich nix heilig außer ihrer Buddel voll Rum. Den Vorwurf der dreisten Kopie allerdings verstehe ich nicht ganz: worin genau liegt bei einer schwarz-auf-weiß Liste mit 1 Pixel Rand rund herum die Einzigartigkeit? Oder haben diese Schelme womöglich absichtlich ein wenig Verwexlungsgefahr eingebaut? Genau wird man es wohl nie erfahren, fest steht nur: die deutschen piraten blogcharts werden täglich frühmorgens (während der Hundswache) neu erstellt, alles Weitere wissen die FAQs.

Am schnellsten hat uns Yoda's Blog entdeckt, der aber bekanntlich ja auch über entsprechende Force-Talents verfügt. Außerdem hab ich gerade gelesen, dass der Autor eine Reise zum Barcamp Wien plant - ich freu mich schon drauf, einen meiner all-time Lieblingsblogger mal persönlich kennen zu lernen. @Yoda: biete mich gern an für eine Stadtführung, ich bin als gebürtiger Tiroler zwar selbst nur "Zuagraster", aber nach 10 Jahren Wien kann ich zumindest den 1. vom 21. Bezirk unterscheiden. Meistens.

Die Webjunkies fühlen sich einerseits in den Kindergarten versetzt, ehren uns aber andererseits durch den uns unterstellen Einfluss auf Blogistan:

Da braucht sich im Endeffekt auch niemand wundern, warum die deutsche Blogosphäre nicht wirklich ernst genommen wird. Vor allem weil die Gründung einer zweiten Liste im krassen Gegensatz zur der allseits beliebten Aussage: "Ich blogge eh nur für mich!" steht. Das kann ja so nicht stimmen, wenn alle Welt geil darauf ist, doch in irgendeiner Topliste aufzutauchen.

Zweiteres allerdings ist eine unzulässige Unterstellung, der ich vehementest widersprechen möchte: wir haben seinerzeit weder the gap noch medianexus.net gegründet, um unsere eigenen Texte zu lesen. Ich arbeite auch nicht als Journalist, um mir ein paar Belegexemplare ins Regal zu stellen. Und ich blogge für die Leser. Für Rum und Ähre. Nicht für mich selbst!!! Bloggen is' ja kein Computerspiel... Vollkommen richtig dagegen liegt der Blogclub mit seiner Vermutung:

Dies ist offensichtlich passiert, weil nicht alle BlogOwner mit der Wertung, welche Jens über die Technorati-Daten stülpt, einverstanden sind. Mit der Piraten-Site der deutschen Blogcharts will man wohl ein Gegengewicht legen.

Und gegen die Zusammenfassung der Ereignisse auf Dimension2k kann ich auch wenig einwenden:

...allerdings zeigt die gesamte Diskussion doch recht gut, das ein System, in welchem man Popularität aufgrund von Verlinkungen aufbaut nicht funktionieren kann, ohne das man A oder B benachteiligt. Von daher haben eigentlich beide Systeme ihre Daseinsberechtigung, sofern die der jeweiligen Liste zugrunde liegende Filterung ersichtlich und für alle klar verständlich ist.

Die Prinzess dagegen weiß noch nicht so ganz, was sie von der Sache halten soll:

Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, ob mich das nun freut oder nicht und wie ich die Aktion zu werten habe.

Freu dich! Besser zwei Chartplatzierungen als nur eine - und wer weiß, vielleicht lösen wir einen ganz neuen Trend in Blogistan aus: weblogcharting. Man könnte ja ein WordPress Plugin schreiben, das es jedem Blogautor ermöglicht, seine eigenen Charts online zu stellen. Mit Datenabfrage von Technorati oder komplett arbiträr. In diesem Sinne hoffen wir alten Seebären, dass unserer Liste noch viele weitere Charts folgen werden! Wir sehen uns auf:

deutsche piraten blogcharts

Vom Kult der Amateure

Während die einen unter den allgegenwärtigen Lobpreisungen auf das Web 2.0 verzweifelt Zuflucht vor einem überstrapazierten Begriff suchen, sehen die anderen in Konzepten wie Crowdsourcing, Social Media und Blogosphere einmal mehr den Untergang der westlichen Welt. [erschienen auf oe1.orf.at]

Das Standardargument gegen mediengetriebenen Kulturpessimismus lautet schlicht und ergreifend: wann immer neue Medien im Begriff waren, gesellschaftlicher Mainstream zu werden, warnten Apokalyptiker mit den im wesentlichen gleichen Argumenten: Eskapismus durch Abenteuerliteratur, soziale Vereinsamung durchs Fernsehen... aber die Welt steht trotzdem noch. Der Hut ist alt, aber Andrew Keen trägt ihn stolz und bar jeden Schamgefühls. Denn was der Kulturtheoretiker in seinem Text The Anti Web 2.0 Manifesto darlegt, ist keineswegs fundierte Medienkritik, sondern bloß schlecht kaschierter Kulturelitarismus unter Berufung auf Adorno, der ja seinerzeit gleich eine ganze Musikrichtung (Jazz) für minderwertig erklärte:

The digital utopian much heralded "democratization" of media will have a destructive impact upon culture, particularly upon criticism. "Good taste" is, as Adorno never tired of telling us, undemocratic. Taste must reside with an elite ("truth makers") of historically progressive cultural critics able to determine, on behalf of the public, the value of a work-of-art. The digital utopia seeks to flatten this elite into an ochlocracy. The danger, therefore, is that the future will be tasteless.

Bei der Lektüre von Keens Text fragt man sich notgedrungen, warum eigentlich so häufig gerade den Kulturtheoretikern die dringend benötigte Mischung aus Medienkompetenz und Seriosität, also aus bewußter Involviertheit und erlernter Distanz, gänzlich fehlt. Problematisch wird's insbesondere immer dann, wenn Analytiker den Status Quo zur Conditio sine qua non erheben - also a priori nur jenen Kulturproduktionen, die innerhalb eines bewährten Regelsystems entstehen, "Potential" (was auch immer darunter verstanden werden mag) zutrauen. Selbstverständlich in gnadenloser Ignoranz der Tatsache, daß gerade jene Künstler, denen man posteriori "Fortschritt" zuschreibt, im historischen Rückblick Diskurs-Grenzen erweiterten.

Für die a apriorische Unterscheidung zwischen hoch- und minderwertiger kultureller Produktion existiert ein passendes, aber leicht anrüchiges Wort, daher bedienen sich Autoren wie Keen gern einer schein-utopischen Position, anstatt sich ehrlicherweise einfach "konservativ", also "bewahrend" zu nennen. Ein weiteres Zitat aus dem unfreiwillig komischen "Manifest" demonstriert noch deutlicher, woher der Wind der Analyse hier weht:

A particularly unfashionable thought: big media is not bad media. The big media engine of the Hollywood studios, the major record labels and publishing houses has discovered and branded great 20th century popular artists of such as Alfred Hitchcock, Bono and W.G. Sebald (the "Vertigo" three). It is most unlikely that citizen media will have the marketing skills to discover and brand creative artists of equivalent prodigy.

Es mag ja vieles zu kritisieren geben am Web 2.0, von der Blindheit der meisten User gegenüber immanenter Überwachungsgefahr bis hin zu einer beispiellosen Monopolisierung am Suchmaschinensektor. Die Einstiegshürden und Produktionskosten indes sanken drastisch, die Grenze zwischen Produzenten und Konsumenten wird durchlässiger. Technologisch stellt das Web 2.0 einen gravierenden Schritt in Richtung einer vernetzten Medienwelt, wie sie Bert Brecht in der "Radiotheorie" und später Vilém Flusser und Marshall McLuhan ausformulierten, dar. Die eigentliche Leistung des Web 2.0 besteht nicht darin, Bürgerzeitungen oder Bürgerfernsehen zu etablieren. Web 2.0 entzaubert für jeden Teilnehmer die Medienrealität: wer selbst eine Zeit lang ein Blog schreibt oder Podcasts aufnimmt, wird nie mehr mit diesem ehrfurchtsvollen Staunen vor der Macht der Medien kapitulieren, sondern ganz einfach viel besser verstehen, was Simulation und Dissimulation bedeuten und wie die massenmediale Strukturen funktionieren. Die marktorientierte Produktionspolitik großer Hollywood-Studios und Major Labels als einzig möglichen Weg der Entfaltung von Kreativität anzupreisen, zeugt von Blindheit gegenüber jeglichen medienökonomischen Gegebenheiten. Doch das sieht der Autor des Web 2.0 Manifests naturgemäß anders:

As always, today's pornography reveals tomorrow's media. The future of general media content, the place culture is going, is Voyeurweb.com: the convergence of self-authored shamelessness, narcissism and vulgarity -- a self-argument in favor of censorship.

Jetzt wird's also wieder einmal ernst... denn die Schamgrenze der Menschen fällt, wir brauchen nach Meinung des Autors also dringend mehr Zensur und Kontrolle. Erinnert irgendwie an der Argumentation der guten alten katholischen Kirche im Mittelalter. Paßt hervorragend, daß Keen die 10 Thesen (eine Kurzfassung seines Buches "The Cult of the Amateur") "THE ANTI WEB 2.0 MANIFESTO (Adorno für Idioten)" nennt.

Blogistan Panoptikum Woche 31 2k7

30. Juli 2007bis5. August 2007

Diese Woche: Neuschöpfungen en masse. Da wäre einmal der schöne Begriff Gebördel: das (fachspr., ugs. komplexer, ungebetener, ausführlicher Vortrag eines [selten auch selbstern.] Spezialisten zu einem Nischenthema. Radio4SEO dagegen ist nur mehr fast ganz neu - immerhin lief diese Woche bereits die 2. Ausgabe - unbedingt anhören! Ebenfalls ganz frisch: Giga veranstaltet gerade einen Homepage-Award und Michael ist mit seinen grandiosen GreenSmilies nominiert, unter allen Abstimmenden werden Preise verlost: Voting. Ebenfalls neu sind die Blogperlen.de. Robert generiert, René spekuliert.

Neue WordPress Bugfix-Version

Das Wichtigste zuerst: nachdem letzte Woche einige neue Sicherheitslücken in WordPress aufgetaucht sind und der Versuch, die Sache mit einem freundlichen XSS-Wurm zu fixen, nicht auf grenzenloses Vertrauen bei allen Bloggern stieß, gibt's mittlerweile das offizielle Update für alle, die nicht gerne in php-Core Dateien herumgraben. Für beide Zweige existieren nun die passenden Versionen WordPress 2.2.2 und 2.0.11, die deutschsprachigen Softwarepakete stehen auf WordPress-Deutschland zum Download bereit, mit dem Upgradepaket sind die Fixes im Nu eingespielt.

PowerPoint Worst-Case

Die Mad TV Mannschaft hat ein hervorragendes Video zum Thema Powerpoint-Präsentationen online gestellt - sozusagen die Gegenthese zu Hans Rosling [via BasicThinking]:

Die Bild-Text Schere

Pfff, was der teure Redakteur kann, schafft der neue Algorithmus schon lange... Bilder zu Texten zuordnen kann ja denn nun wirklich nicht so schwer sein. Denkste! Ob Schwangerschaft oder Symbolfoto: ungewollt bleibt ungewollt: da kann's bei Google News natürlich schon mal vorkommen, dass die Simpsons zur bildlichen Veranschaulichung von Schlagzeilen wie "Vater löscht Familie" aus herhalten müssen. Gesehen bei Stefan Niggemeier, der übrigens in der vergangen Woche Opfer einer üblen Spam-Kampagne wurde:

simpson

Und wo wir gerade beim unglücklichen Einsatz gängiger Formate sind: immer wieder sorgen unsere hochgeschätzten Matching-Algorithmen für unfreiwilligen Zynismus. Die kontextsensitive Werbung basiert ja bekanntlich auf ganz simplem Keyword-Matching, will heißen: da landet schon mal ein Banner für eine CD-Burning Software mit dem Slogan "Burn baby, burn" neben einer Meldung über zwei bei einem Feuerunglück verbrannte Kleinkinder. Derlei "glückliche" Paarungen finden sich in selten Fällen allerdings sogar im guten alten Real Life - staunen Sie selbst.

Blogs im Tourismus

Über Karins Fastenyourseatbelts bin ich auf einen Artikel von Hannes Treichl gestoßen: 10 Gründe gegen Blogs im Tourismus ist absolut lesenswert, die Argumentation lässt sich gut auf andere Wirtschaftszweige übertragen, Zitat:

  • Alle relevanten Infos stehen schon auf unserer Homepage.
  • Wir wollen bei Google nicht besser gefunden werden.
  • Weil wir bereits 2.000 EUR im Monat für Suchmaschinenmarketing ausgeben.

Dass einem Corporate Blog-Launch oft sehr viel Überzeugungsarbeit vorangeht, kenne ich aus eigener Erfahrung. Im Gegensatz zu einer "klassischen" Homepage, die in der Regel irgendwann als fertiggestellt klassifiziert wird, erfordert ein Weblog ständigen Input und Aufmerksamkeit - ein gut geplantes und vor allem auch längerfristig umsetzbares Redaktions-Konzept ist daher wichtiger als ein möglichst perfekter Status Quo: Blogs sind evolving media, die erst in der Interaktion mit ihrem Publikum Profil erhalten.

Shorty wanna be a news

Im Namen des Herrn erkläre ich Conrad und Ikea zu Mann und Frau... enladen. Und stimme dem Dreibeinblog vorbehaltlos zu, dass der Freizeit-Katalog-Teil unsers Lieblings-Dioden-Versenders ungeahnte Risiken birgt.

Tief in WordPress-Templates eintauchen

Der erste Teil von Peruns Serie WordPress verstehen bietet eine exzellente Einführung in den grundsätzlichen Aufbau von WP-Templates und eine Erklärung der benötigen php-Funktionen:

Mit diesem Artikel werde ich eine kleine Artikel-Serie starten in der ich den Aufbau der WordPress-Themes beschreibe. Speziell in diesem Artikel werde ich etwas Theorie einbringen und vor allem Begriffe aus dem Bereich der WordPress-Themes erklären.

Hochgrad empfehlenswert für Noobs, gute Übersicht für Template-Füchse. Ich bin schon gespannt auf Teil 2 und 3... so macht Weiterbildung im Netz Spaß.

Pownce mir ein paar Bytes

Pownce will den Versand von Dateien innerhalb geschlossener Usergruppen erleichtern:

Pownce is a way to send messages, files, links, and events to your friends. You'll create a network of the people you know and then you can share stuff with all of them, just a few of them, or even just one other person really fast.

Dabei handelt es sich nicht um eine Online-Applikation, sondern eine Software, die lokal installiert werden muss. In der Free-Version sind Faktoren wie die Dateigröße eingeschränkt, weitere Features werden demnächst folgen. Derzeit befindet sich das Projekt in der closed beta Phase - ich hab von Julius eine Einladung bekommen und mich mal registriert, Pownce bislang aber noch nicht benutzt - und ich darf 6 Einladungen vergeben. Wer sich die Sache näher anschauen will, hinterlässt einfach einen Kommentar zum Wochenrückblick.

Nicht alles, was ein Trunkenbold ist, glänzt

Aber der goldenen Trunkenbold glänzt ganz gewaltig: wie Skuub.de berichtet, haben Mediadonis und Fridaynite auf SEO.fm diesen neuen Preis ausgerufen. In verschiedenen Kategorien wie bestes Projekt, bester Newcomer, bester SEO 2007 etc. kann online abgestimmt werden. Über die Dauer der Abstimmung scheint nichts näheres bekannt zu sein, auch über die große Galazeremonie hält sich der Artikeln vorerst ebenfalls bedeckt:

Also stimmt mit ab, oder added eure Vorschläge für den prestigeträchtigsten und gestörtesten Award der SEO Szene!

In diesem Sinne - einen schönen Restsonntag!

PS: 300 Trackbacks - kewl, danke!

Gewonnen, gewonnen und… gewonnen!

Die Blogosphere ist ein Gewinn für alle Beteiligten. Vermutlich. Ganz sicher aber diese Woche für mich, und zwar gleich doppelt: vom Marketing-Blog habe ich "Speak Limbic - Wirkungsvoll präsentieren" bekommen. Ein wenig Vortragstheorie kann nie schaden, und das Buch passt gut zu der Lehrveranstaltung "Arbeitstechniken: Kommunikationsforschung", die ich im kommenden Semester am IPK der Uni Wien halten werde. Und beim Fachinformatiker habe ich die Karnevals-Verlosung (Thema: Was bedeutet SEO für dich) gewonnen und darf mich über einen 20-Eulen Amazon Einkaufsgutschein freuen. Danke und danke - dafür darf ich ebenfalls einen meiner Leser mit einer Ghos Busters Compilations erfreuen.

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Google PageRank: Multi-Datacenter Abfrage

Mit dem Google Pagerank ist das so eine Sache: meilenweit von einer Live-Wertung entfernt zeigt der Wert zwischen 0 und 10 an, wie viele Backlinks auf eine Seite verweisen. In mehr oder weniger regelmäßigen Intervallen aktualisiert Google die Daten - demnächst dürfte es wieder so weit sein.

Über den genauen Algorithmus und die Zeitpunkte der Updates hält sich der Suchmaschinengigant sehr bedeckt. Ein deutliches Anzeichen für ein in Bälde bevorstehendes Update sind kurzfristige Pagerank-Schwankungen, denn Google betreibt mehrere Datacenter, die nicht alle gleichzeitig mit den neuen Daten versorgt werden. Wer sich nicht auf König Zufall verlassen will, dem hilft dieses praktische SEO-Tool, das eine ganze Reihe von Datencentern abfragt und über allfällige Divergenzen informiert. [via Dimido]

Hintergrund zum Pagerank

Wie ein ungetauftes Baby ist eine neue Seite schutzlos allein Teufeleien des Netzes ausgesetzt: erst wenn der Webmaster der dunklen Seite der Macht (zumindest scheinbar) abschwört und alles weitgehend so macht, wie Big G das für richtig hält, bekommt die neue http:// Adresse einen Rank von 0, vorher hat sie gar keinen. Damit der weiter steigt, müssen möglichst viele andere Seiten mit möglichst hohem Pagerank auf die Ursprungsseite verlinken - in der Theorie nimmt der Pagerank pro Verlinkung um den Betrag eins ab, das heißt: eine PR6-Seite, die auf eine PR4-Seite linkt, "vererbt" dieser eine Pagerank von fünf. Wie der erste Pagerank entstanden ist, weiß aber nur der Erfinder, dafür muss sich die ganze Netzwelt mit Googles eigenwilligem Maßfaktor herumschlagen.

Exzellente weiterführende Infos zum (ursprünglichen) Pagerank Algorithmus finden sich bei efactory, in der Wikipedia und beim Suchmaschinen-Doktor. Auf die kürzestmögliche Formel gebracht:

PR(A) = (1-d) + d (PR(T1)/C(T1) + ... + PR(Tn)/C(Tn))

Hierbei ist:
PR(A) der PageRank einer Seite A, PR(Ti) der PageRank der Seiten Ti, von denen ein Link auf die Seite A zeigt, C(Ti) die Gesamtanzahl der Links auf Seite Ti und d ein Dämpfungsfaktor (Damping Factor), wobei 0 < = d <= 1 ist.

Dazu kommen noch einige Besonderheiten wie etwa die Anzahl der Links und ein sogenannter "Dämpfungsfaktor", der wohl mit der "Vertrauenswürdigkeit" einer Seite, worin auch immer die bestehen mag, zusammenhängt:

Der PageRank der Seiten Ti, die auf eine Seite A verlinken, fließt nicht gleichmäßig in den PageRank von Seite A ein. Der PageRank einer Seiten T wird stets anhand der Anzahl C(T) der von Seite T ausgehenden Links gewichtet. Das bedeutet, dass je mehr ausgehende Links eine Seite T hat, umso weniger PageRank gibt sie an Seite A weiter. Schließlich wird die Summe der gewichteten PageRanks der Seiten Ti mit dem Dämpfungsfaktor d, der stets zwischen 0 und 1 liegt multipliziert. Hierdurch wird das Ausmaß der Weitergabe des PageRanks von einer Seite auf einer andere verringert.

Grau ist ohnehin alle Theorie, und komplex die Praxis: im Gegensatz zur Meinung vieler Webmaster ist der Page Rank kein Kriterium, das über die Reihung bei Google entscheidet, sondern vielmehr ein Indikator unter mehreren für die Suchmaschinenplatzierung bei Google. Was den Pagerank wirklich wichtig macht, sind diverse Drittanbieter: Dienste wie Linklift, Text-Link-Ads oder Trigami setzen den Wert eines Backlinks bzw. eines Beitrags unter anderem oder sogar primär nach der Höhe des Pageranks fest. Ein Pagerank-Update von 5 auf 6 etwa führt mit drastisch erhöhten Preisen bei Linklift durchaus zu Einkommenszunahmen von mehreren 100 oder 1000 Euros pro Jahr.

Reichten vor wenigen Jahren noch simple Spam-Kataloge, um Google zu verwirren, so haben die Algorithmus-Nerds die ganze Sache in den letzten Jahren immer weiter verbessert. Von Manipulations-Sicherheit zu sprechen wäre zwar grenzenlose Übertreibung - man muss die Backlinks bloß besser verstecken als früher... Aber wie man's auch dreht und wendet: letztlich ist der ganze Pagerank-Hype verantwortlich für einen Großteil gängiger SEO-Maßnahmen. Und weil die Berechnung wie jeder anständige Algorithmus auf einer exponentiellen Skala beruht, wird die Luft von Pagerank zu Pagerank immer dünner, und die Anzahl der benötigten Backlinks immer größer.

Die Kernidee des Algorithmus, dass jene Seiten, auf die viele andere Adressen verweisen, irgendwie wichtig sein müssen, leuchtet sofort ein. In einer perfekten Welt gäbe es keine Manipulation, und das Wahre Schöne Gute schaffte es ganz von allein, sich durchzusetzen. Aber die Konkurrenz schläft nun mal nicht, und so arbeiten viele Webmaster mit mehr oder weniger radikalen Methoden zur gezielten Pagerank-Manipulation - auf Dauer allerdings lassen sich "organische", also echte Backlinks von gut besuchten und schon lange existierenden Seiten durch nichts - aber auch wirklich gar nichts - ersetzen. Also läuft's schon wieder auf die alte Formel hinaus: interessante Inhalte veröffentlichen, auf Interesse hoffen und Daumen drücken vorm Pagerank Update...

Anti Web 2.0 Manifesto: Alter elitärer Humbug in neuen Schläuchen

Pete hat mich aufmerksam gemacht auf ein ganz ehrlich entbehrliches Stück Online-Literatur: die geballte medientheoretische Inkompetenz des Anti Web 2.0 Manifesto motiviert möglicherweise sogar den King of long blogging intervals zu einem neuen Eintrag - zumal sich Pete in seiner Diplomarbeit mit genau solchen apokalyptischen Entwürfen befasst, die noch jede Medienrevolution begleitet haben und stets falsch lagen.

Denn was Andrew Keen da so schreibt, ist bloß schlecht verborgener Elitarismus unter Berufung auf Theo "Jazz ist minderwertige Musik" Adorno:

The digital utopian much heralded "democratization" of media will have a destructive impact upon culture, particularly upon criticism. "Good taste" is, as Adorno never tired of telling us, undemocratic. Taste must reside with an elite ("truth makers") of historically progressive cultural critics able to determine, on behalf of the public, the value of a work-of-art. The digital utopia seeks to flatten this elite into an ochlocracy. The danger, therefore, is that the future will be tasteless.

Es ist tendenziell zu heiß, um diesen Quatsch Punkt für Punkt auseinander zu nehmen; andererseits frage ich mich sehr wohl, warum eigentlich so häufig gerade den Kulturtheoretikern die dringend benötigte Mischung aus Medienkompetenz und Seriosität, also aus Involviertheit und (vorgetäuschter) Distanz, gänzlich fehlt.

Der Grund, warum immer wieder auf Adorno rekurriert wird, kann einfach nur in der extremen Simplizität dessen Vorstellung von Kultur liegen: gerade wir Europäer wachsen großteils mit einem widerlich verschimmelten Kulturverständnis von Hi- und Lo-Bro auf, das Eco in seinem Buch "Apokalyptiker und Integrierte" so elegant seziert hat. Um nicht missverstanden zu werden: selbstverständlich existieren in der gesellschaftlichen Praxis die genannten Diskurse, und natürlich sind die Codes of Conduct unter Konzerthausbesuchern andere als beim Punk-Konzert in der Arena. Problematisch wird's aber immer dann, wenn Analytiker den Status Quo zur Conditio sine qua non erheben - also a priori nur jenen Kulturproduktionen, die innerhalb eines bewährten Regelsystems entstehen, "Potential" (was auch immer darunter verstanden werden mag) zutraut. Selbstverständlich in Ignoranz der Tatsache, dass jene Künstlern, denen man a posteriori "Fortschritt" zuschreibt, stets diese impliziten Grenzen erweiterten.

Für die a apriorische Unterscheidung zwischen hoch- und minderwertiger kultureller Produktion existiert ein passendes, aber anrüchiges Wort, daher bedienen sich die Neo-Konservativen Netztheoretiker ja auch so gern einer schein-utopischen Position und geben vor, "zum Wohle der Kultur" zu arbeiten, anstatt sich ehrlicherweise einfach "konservativ" , also "bewahrend" zu nennen. Nun verhält es sich ja nicht gerade so, dass seit Adorno das Nachdenken über Kulturproduktion eingestellt worden wäre. Tatsächlich bliebe die kritische Medientheorie ein armseliges Konstrukt, könnte sie sich einzig und allein auf den schlecht verdeckten Elitarismus Adornos als ihr Fundament stützen. Die Erkenntnisse der postmodernen (französischen) Philosophie oder der geradezu unvermeidbare Relativismus jeglichen Werturteils in den Cultural Studies etwa müssen notwendigerweise systematisch ausgeblendet bleiben, wenn wieder einmal der Niedergang der Kultur durch neue Medientechnologie beschworen werden soll.

Ein weiteres Zitat aus dem unfreiwillig komischen "Manifesto" demonstriert überdeutlich, woher der Wind der Analyse hier weht:

A particularly unfashionable thought: big media is not bad media. The big media engine of the Hollywood studios, the major record labels and publishing houses has discovered and branded great 20th century popular artists of such as Alfred Hitchcock, Bono and W.G. Sebald (the "Vertigo" three). It is most unlikely that citizen media will have the marketing skills to discover and brand creative artists of equivalent prodigy.

Lieber Herr, Sie haben den Zonk gezogen. Warum ist es denn "most unlikely", dass "common citizens" kreativ werden könnten? Ich verstehe ja durchaus, dass Medienprofis die Angst vor dem Web 2.0 packt... aber so viel Selbstentlarvung verdient eine dezidierte Erwähnung. Dabei geht's nie und nimmer um einen 100%igen Ersatz für Hollywood, was jedoch garantiert passieren wird, ist eine Neuaufteilung des Blockbuster-Kuchens: da bekanntlich die tägliche Ration Aufmerksamkeit ein stark begrenztes Gut darstellt und das Angebot wächst, wird sich die Aufmerksamkeit des Publikums auf wesentlich mehr "Stars" aufteilen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich sehe mich überhaupt nicht als Apologet eines neuen Demokratieverständnisse, und das Internet in seiner derzeitigen Form stellt gewiss nicht den "freien Cyberspace" vor, den sich John Perry Barlow vorgestellt hätte, sondern das effektivste Überwachungstool, das paranoiden Regierungen je zur Verfügung stand. Plattformen wie Digg sind hochgradig manipulationsanfällig, wer das soziale Nachrichtenfiltern als goldenen Weg aus der Abhängigkeit medial-ökonomischer Interessen betrachtet, hat sich noch nie näher mit Viral Marketing befasst. Web 2.0 ist ein Sammelsurium von sehr neuen Medientechnologien, ein äußerst komplexes Konvolut, das erst langsam zu seiner Form findet.

Die eigentliche Leistung des Web 2.0 besteht nicht darin, Bürgerzeitungen oder Bürgerfernsehen zu etablieren. Web 2.0 entzaubert für jeden Teilnehmer die Medienrealität: wer selbst eine Zeit lang ein Blog schreibt oder Podcasts aufnimmt, wird nie mehr mit diesem ehrfurchtsvollen Staunen vor der Macht der Medien kapitulieren, sondern ganz einfach viel besser verstehen, was Simulation und Dissimulation bedeuten und wie die massenmediale Strukturen funktionieren.

Doch unbenommen von all der Kritik an einem unkritischen-affirmativen Umgang mit Ajax und Co. kommt mir das nackte Grausen bei Aussagen wie:

As always, today's pornography reveals tomorrow's media. The future of general media content, the place culture is going, is Voyeurweb.com: the convergence of self-authored shamelessness, narcissism and vulgarity -- a self-argument in favor of censorship.

Kurz dekonstruiert: die Schamgrenze der Menschen fällt, wir brauchen dringend mehr Zensur und Kontrolle. Erinnert irgendwie an der Argumentation der guten alten katholischen Kirche im Mittelalter. Passt ganz gut, dass der Autor die 10 Thesen (eine Kurzfassung seines Buches "The Cult of the Amateur") THE ANTI WEB 2.0 MANIFESTO (Adorno-for-idiots) nennt.

Luhmanns Zauberstab: ein Zettelkasten

Und kein digitaler, nein, hier dreht sich's um das analoge Vorbild der digitalen Datenbank. Darf man diesem Youtube-Video glauben, ist die Produktivität Luhmanns zu einem hohen Grad der Tatsache geschuldet, dass der deutsche Systemtheoretiker ein Zettelkastensystem entwickelt hat, das er mindestens so stringent durchzieht wie seine elektrische Schreibmaschine ihr Farbband.

Zitat: "Ich schau dann immer, dass alles wieder an die richtige Stelle reinkommt." Die einen finden ja, dass NL die progressivste Gesellschaftstheorie überhaupt hervorgebracht hat, die anderer halten ihn für konservativ; ich halte mich da raus, glaube aber durchaus beobachtet zu haben, dass er einfach alles in den Rahmen seiner Systemansätze zwängt - ob's passt oder nicht. Und wenn aus einem Modell plötzlich ein Dogma wird, dann beginnt's meist recht streng zu riechen, weil letztendlich ist die Welt dann halt doch kein Zettelkasten. [via Strenge Jacke!, Media-Ocean] Bis man indes zu dieser Erkenntnis gelangt, kann ein selbiger sehr hilfreich sein:

Mehr davon gibt's bei Geloggd - und dort bin ich auch auf den Link zum virtuellen Pendant gestoßen:

Auf diesen Seiten finden Sie einen elektronischen Zettelkasten für Ihren PC, der sich am Arbeitsprinzip des Zettelkastens von Niklas Luhmann orientiert. Mit Hilfe dieses Programms können Sie die tägliche Arbeit mit (wissenschaftlichen) Texten erleichtern und wesentlich effektiver gestalten. Sowohl das Verwalten wichtiger Textstellen und Zitate als auch die anschließende Verwendung dieser Textsammlung zwecks Textproduktion werden durch den Zettelkasten erheblich vereinfacht.

Zum Luhmann-Zettelkasten für den heimischen PC - Apple- und Linux-User bleiben derzeit außen vor, Plattformabhängigkeit ist allerdings für den kommenden Release geplant - existiert auch ein Wiki. Sieht auf den erste Blick sehr vernünftig aus und könnte möglicherweise das Ende einer langen Suche bedeutet: bisher verwaltete ich meine Zitatesammlung mit dem großartigen Cuecards; spezialisierte Literatur-Software wie Citavi oder Bibliographix, deren Freeware-Varianten ich ausprobiert habe, sind für meine Bedürfnisse noch nicht das Gelbe vom Ei. Mal gucken, wie sich der Luhmann-Zettelkasten im harten Literatur-Verwaltungs-Alltag bewährt. Autor Daniel Lüdecke vertreibt sein Produkt als Freeware.

Metaday #5: Johannes Grenzfurthner über “corporate anthems”

6. Juli 2007
19:30bis23:30

johannesAm kommenden Freitag lädt das Metalab zum fünften Mal in die Wiener Rathausstraße Numero 6 zum Metaday: monochrom-Gründer und Professor für Kunsttheorie und künstlerische Praxis an der FH Joanneum in Graz Johannes Grenzfurthner spricht über das hochassoziative Thema "Was im Innersten zusammenhält... Die Kultur der corporate anthems".

"Corporate Anthems" ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich keine Metapher: es dreht sich in der Tat um Firmenlieder, und sowohl Mitsingen als auch Powernapping sind aus- und nachdrücklich erwünscht. Ich kenne den Vortragenden von diversen anderen Gelegenheiten - Johannes Vorträge gehören zu der seltenen Spezies von Veranstaltungen, der es gelingt, hohen Humorfaktor und die Vermittlung neuen nützen Wissens aufs Unterhaltsamste zu verbinden.

Die Entwicklung vom Frühkapitalismus (sprich: die Organisationsform der gesellschaftlichen Güterproduktion und ihres Verkehrs) zum Spätkapitalismus (sprich: die Organisationsform aller gesellschaftlicher Beziehungen auf der Basis einer bestimmten ökonomischen Ideologie) ist nirgendwo so gut greifbar wie im dominanten Organisationstyp spätkapitalistischen Wirtschaftstreibens: dem modernen Unternehmen. Das Unternehmen ist längst an die Stelle der Fabrik getreten. Die Fabrik basierte auf dem gelebten und durchgesetzten Gegenüber von ArbeiterInnen und FabriksbesitzerInnen. Das moderne Unternehmen jedoch ist um die Idee eines neuen post-antagonistischen Arbeitsbegriffs herum errichtet. In ihm sind die Arbeitenden zu Mit- oder Sub-UnternehmerInnen geworden. Das sind sie natürlich nicht, wenn man betrachtet wer real die Produktionsmittel besitzt, aber die Arbeitenden haben die illusorische Vorstellung aktiver, mitbestimmender Teil einer "großen Familie" zu sein. (I love this company!) Das moderne Unternehmen will hinter die Klassenkampfkrise frühkapitalistischer Verhältnisse zurück. Das bedeutet: innere Widersprüche und Interessenskonflikte treten zurück hinter das Fortbestehen als "Gemeinschaft". (Ein Besuch des Google Campus in Silicon Valley könnte hier nicht offenbarender sein.) Die Rückbesinnung auf die kulturhistorisch ältere Idee der Gemeinschaft führt auch zur Reaktualisierung bestimmter Ritualformen, etwa im Bereich "Musik". Die Firmenhymne erscheint auf der Firmenbühne.
Aber es gibt kein richtiges Feel-Good im falschen. Anhand verschiedener historischer und gegenwärtiger Beispiele (speziell auch aus dem Bereich der Hardware/Software-Industrie) wird Johannes Grenzfurthner einen theoretischen und praktischen - und keineswegs ununterhaltsamen - Überblick über das Genre der corporate anthems liefern.

Beim Metaday handelt es sich um eine monatliche Veranstaltungsreihe:

Einmal im Monat lädt das Metalab Vortragende aus aller Welt ein, bei uns von ihren Projekten und Ideen zu erzählen. Anschließend gibt es Platz für Lightning Talks, wo Besucher aktuelle Unternehmungen und Vorhaben vorstellen können, sowie ein Buffet und gemütliches Ambiente für Diskussion und Austausch.

Ja, was soll man da noch groß schreiben? Kein Eintritt, lässige Veranstaltung und: das ganze ist so interessant, social und gemütlich wie sich's anhört - und ich kann nur wiederholen, dass Lightning Talks ein sehr unterhaltsames Format darstellen, um sich schnell einen Überblick auch über exotische Themen zu erhalten. Hier haben sich bereits angemeldet:

  • Clifford: Lychrel-Zahlen und das Halteproblem
  • Gregers Petersen: Cultures of Circulation, demand sharing
  • and new social movements.

  • Lukas: Amazon Elastic Compute Cloud (EC2)
  • Marius: Revealed: the iPot
  • Jaume: Representing databases with AREA
  • weitere Vortragende willkommen...

Anschließend an die Kurzvorträge klingt die Veranstaltung mit den üblichen Afterparty-Features Buffet, Wien und Musik sanft aus. Wer die Beats selektiert, bleibt vorerst allerdings noch ein Geheimnis - quasi die umgekehrte Gewichtung von Vortrag zu Musik wie im Club.

Schöner Schein, entlarvt

Michael Douglas echauffierte sich in "Falling Down" seinerzeit im Fast-Food Laden fürchterlich über die Differenz zwischen Produkt und Abbildung. Ohne viel begleitende Theorie über Signifikat und Signifikant hat nun theWVSR eine immens aufschlussreiche Fotoreportage online gestellt.

Beliebte Quicklaunches bekannter Ketten gibt's jeweils in Stereo zu sehen: einmal als Werbefoto, einmal als selbstgeschossenes Digitalfoto:

Each item was purchased, taken home, and photographed immediately. Nothing was tampered with, run over by a car, or anything of the sort. It is an accurate representation in every case. Shiny, neon-orange, liquefied pump-cheese, and all.

Nun gehört die ästhetisch ansprechende Fotografie von Speisen zu den schwierigsten aller abbildnerischen Disziplinen - was appetitlich aussieht, muss nicht unbedingt schmecken: so verwenden Food-Stylisten als Eisersatz in der Regel gerne Stearinkugeln, den richtiges Eis würde unter der Hitze der Studioscheinwerfer sofort zu einem unansehnlichen Brei schmelzen. Dennoch: die Divergenz zwischen Schein und Sein ist jenseits aller Tricks gravierend groß und durchaus amüsant - auf derselben Seit gibt's auch amüsante Fast Food Reviews:

KFC is fuckin' grotesque. Hard, deep-fried grease shells, "water," snapping veins, people sucking marrow out of shiny bones, great sheets of animal skin hanging from the corner of glistening mouths... it's like something out of a Dean Koontz novel. This is a place for people not fully evolved to exercise their basic animal instincts, and indulge in a bloody feeding frenzy. It gives me the creeps just thinking about it. Oh sure, I'm a proud carnivore and everything, but I'm not a fucking dingo!

Mahlzeit!

Die kürzeste Theorie des Internet…

...in fast ausschließlich grafischer Form aka netmonkeys gibt's nun endlich als T-Shirt zu bestellen. Der Ansturm muss gewaltig sein, denn: Temporarily unavailable -- try back later.

internet theory

Die Kolumne #59 (Jänner 2005)

Die Kolumne. Das Special. Der verspätete Jahresbeginn 2005. Oder: Dem Bösen in Gestalt des Bären gewähren wir selten längere Audienzen. Oder: Tausende Links auf füllige Experten, dennoch regiert das Fernsehen.
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