Beiträge

ISPA Summit 2014 – Von verschlüsselten Klarnamen und Schein-Pseudonymitäten

Beim diesjährigen ISPA-Summit diskutierten Experten und Medienpraktiker im historischen Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften über das mehrfach heikle Thema “Anonymität und Identität im Netz”. Die Internet Service Providers Austria hatten für die Keynotes Falter Geekgirl Ingrid Brodnig und den ehemaligen c’t Autor und nunmehrigen SPD-Berater Jonas Westphal eingeladen, anschließend wurde in erweiterter Runde über ein äußert kontroverses Thema diskutiert: Hebt die Angabe von Echtnamen die Qualität von Online-Diskussionsforen?

Die Frage ist international in einen größeren Kontext eingebettet, mehrmals fiel auf der Veranstaltung das Stichwort “Post Snowden Ära”. Seit der ehemalige Überwachungstechniker ausgeplaudert hat, was USA und NSA so alles mit unseren Datenspuren treiben, müsste das Bewusstsein auf Nutzerseite deutlich gestiegen sein – möchte man meinen. Dass dem in der kommunikativen Praxis keineswegs so ist, zeigte eine kurze Abstimmung per Handzeichen. Selbst in einem Saal voller Internet-Experten nutzt bloß eine verschwindend geringe Minderheit starke Verschlüsselungstechnologien wie PGP. Wie entsteht dieser seltsame Spagat zwischen gefühlter Einengung der Privatsphäre auf der einen und weitgehender Ignoranz auf der anderen Seite? Liegt die geringe Akzeptanz womöglich an technischen Hürden, an Bequemlichkeit, an der Hoffnung, “dass schon nicht alles so schlimm sein wird”?

Jonas Westphal schlug mit seinem Vortrag in eine ähnliche Kerbe wie Sascha Lobo. Fazit: Früher war alles weniger überwacht – gebt uns bitte das gute alte Internet zurück! Die Verantwortung dafür sieht er in erster Linie bei der (Netz)Politik, die Rahmenbedingungen schaffen müsse, in denen anonyme respektive “pseudonyme” (staatliche Organe kommen im Strafverfolgungsfall zwar an die IP Adresse und damit an die Identität des Verfasser heran, aber sonst keiner) Kommunikation weiterhin möglich bleibt. Dass diese Art der Meinungsäußerung sogar im deutschen Recht verbrieft ist, war mir gänzlich neu. In der Theorie kann man hier schwer widersprechen, die Praxis zeigt allerdings, dass von staatlicher Seite wenig Hilfe zu erwarten ist.

Expertengremien versichern sich nämlich gern gegenseitig, wie wichtig “freie” Kommunikation für die Demokratie sein, in den Niederungen der täglichen Praxis zeigt sich aber rasch, dass die Begehrlichkeiten von Geheimdiensten problemlos fromme Wünsche überrollen, und zwar noch dazu hinter den Vorhängen. Ich fürchte, wir müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen, VPNs einrichten und uns so gut vor Lauschern schützen wie eben möglich. Every man and woman for him-/herself. Also nix mit Verantwortungsdelegation…

Die Meinungsmutigen übersehen so einiges

Vorher hatte Ingrid Brodnig, Autorin des Buches Der unsichtbare Mensch, mehr als schlüssig erklärt, warum der kurze, bequeme Weg – nämlich Forennutzern die Verwendung ihres echten Namens vorzuschreiben – zwar für Verlage verlockend, weil kostengünstig sei. Ein gutes Diskussionsklima aber wird erst dann entstehen, wenn sich Moderatoren aktiv um zeitnahe Moderation bemühen, und das ist nun mal mit beträchtlichem Aufwand und Personalkosten verbunden.

Die SZ zeigt, wie gut sowas funktionieren kann, denn der beste vorbeugende Schutz gegen Troll-Invasionen ist und bleibt kompetentes Community-Management. Bei der nachfolgenden Diskussionsrunde hatte mein Ex-gap-Kollege Sebastian Hofer die meiner Ansicht nach undankbare Aufgabe, die “Klarnamenpflicht” seines Arbeitgebers profil zu verteidigen, was Dr. Hans Zeger (ARGE Daten) zu der berechtigen Frage bewog, was überhaupt unter “Klarnamen” zu verstehen sei. Denn auch wenn die AGBs verlangen, den echten Namen anzugeben, kann natürlich trotzdem jeder Scherzbold beliebige Daten eintragen – Registrierungsformulare sind nun mal geduldig. Böse gesagt leistet die Klarnamenpflicht im schlimmsten Fall bloß dem Identitätsdiebstahl Vorschub.

ISPA Summit Anonymität und Identität im Netz

Dass ein populäres Medium überhaupt selbst entscheiden kann, Kommentare abzudrehen, bezweifle ich mal ganz generell. Stellen Sie sich doch einfach vor, ein Portal wie Heise.de kappt die Kommentarfunktion (okay, das ist jetzt wirklich sehr hypothetisch!). Wie einfach wäre es, ein Browser-Plugin zu bauen, dass ein “externes” Kommentarsystem implementiert… man könnte dazu sogar bestehende Anbieter wie Disqus nutzen. Kommentare sind mittlerweile ein integraler Bestandteil von Online-Medien, Moderation und Community-Management gehören genauso zum Online-Journalismus wie Recherche und Artikelschreiben, da führt kein Weg dran vorbei und die Eisenbahn drüber.

Dass in Österreich die Allianz der Meinungsmutigen, fleißige Kämpfer gegen die Windmühle der “unerträglichen Kommunikationsfreiheit”, sich vorwiegend aus Proponenten just jener Verlage rekrutiert, die gerade nicht unter einer unbewältigbaren Flut an Lesermeinungen leiden, zeugt wohl eher von neidischen Seitenblicken auf erfolgreichere Netzkonkurrenten. Rechtsfreier Raum war das Internet nie, geltende Gesetze finden ohnehin längst auch im virtuellen Raum ihre Anwendung.

Fazit: Danke für einen netten Nachmittag in mondänem Ambiente! Ich hab auf jeden Fall was gelernt: ab sofort ist auf datenschmutz beim Kommentieren die Verwendung eines Pseudonyms Pflicht. Wer hier mit echtem Namen kommentiert, muss im schlimmsten Fall mit einem milden Verweis via Reply rechnen!

DISCONNECT – Privater surfen und Bandbreite sparen

DISCONNECT ist eine Browser-App, die das tägliche Surfen im Web privater, schneller und nicht zuletzt unterhaltsamer macht. Die gegen eine freiwillige Spende erhältliche Proxy-Software filtert nicht nur die gängisten Tracking-Sites, sondern zeigt platzsparend in einem kleinen Pop-Out, wer da gerade etwas über den Surfer in Erfahrung bringen möchte. Die durch die geblockten Werbe-Agenten eingesparten Requests und die geringere Bandbreite visualisiert das Browser-Plugin ebenfalls – besonders bei mobilen Verbindung mäßiger Qualität ein echtes Killer-Feature.

Nach der Installation der Chrome- respektive Firefox-Version sitzt DISCONNECT als platzsparender Button in der rechten Ecke des Browser und zeigt lediglich die Anzahl der gefilterten Tracking-Requests. Erst nach dem Mausklick offebaren sich genauere Details:

Disconnect

 

Auf datenschmutz tracken die gleichen Services mit, die in den meisten Blogs eingebunden sein dürften: Twitter, Facebook, dazu diverse Google-Dienste wie das Font-API, Auttomatic (via Akismet und demnächst auch Jetpack) und in meinem Fall anstatt Analytics Clicky für die Besucherstatistik sowie derzeit Livefyre für die Kommentare (hier läuft nämlich gerade der “große 2013er WordPress-Kommentar-Services Test vor Ihren Augen ab). In der Standardkonfiguration blockt DISCONNECT Facebook und Twitter-Request sowie zahlreiche Ad-Netzwerke. Jede geblockte Seite lässt sich wahlweise auch einzeln entblocken. Ein nettes Gadget ist der Visualisierungsmodus:

Disconnect Datenschutz

Disconnect im Visualisierungs-Modus.

 

Raschen Überblick über Funktionsweise und die (einfache) Bedienung des kleinen grünen Datenwächters zeigt das Einführungsvideo:

Fazit: Auf der einen Seite lebt das Social Web zu einem hohen Teil von den ganzen mitgetrackten Daten, auf der anderen Seite fühlen sich viele Surfer bei dem Gedanken unwohl, permanent ihr Nutzungsprotokoll an unbekannte Server auf diversen Kontinten zu schicken. DISCONNECT stellt keineswegs den einzigen Lösungsansatz dar: alle modernen Browser bieten “privates Surfen”, Anonymisierungs-Netzwerke wie TOR gehen noch einen Schritt weiter und obfuskieren die IP-Adresse. DISCONNECT qualififziert sich für mich in erster Linie als Tool bei der mobilen Nutzung – denn ab HSDPA abwärts ist jeder Request ein Request zuviel :frog:

disconnect.me

PS: Außerdem liefert Inspektor AdRequest-Gadget in spezialisierten Fällen auch geballtes Branchenwissen – wer sich beispielsweise schon mal die Frage gestellt hat, welche österreichischen Online-Medien mittels welcher Werbenetzwerke tracken, der werfe DISCONNECT an und staune oder nicke wissend:

Disconnect als Monitoring-Tool

Wie Nokia/Siemens Diktatoren die Totalüberwachung ermöglichen

Nach außen hin bemüht sich so gut wie jedes Unternehmen, den von Google direkt ausgesprochenen Slogan “Do no evil” der eigenen Kundschaft glaubhaft zu machen. Und die schöpft normalerweise auch keinen Verdacht – denn während die schöne neue Smartphone-Welt vor lauter B2C Lifestyle glänzt, werden die weniger gut vermarktbaren Geschäfte praktischerweise im B2B Bereich getätigt, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Ärgerlicherweise erdreisten sich dann aber manchmal investigative Journalisten, die ganze Story zu erzählen – etwa über eine beispiellose, modulare und perfekt an die Bedürfnisse von autoritären Staaten angepasste Überwachungslösung. “Was Nokia/Siemens genau an den Iran geliefert hat, weiß nur Nokia/Siemens selbst. Ganz sicher hat Nokia/Siemens sogenannten Monitoring Centers für die Netzwerke geliefert, die sie eben im Iran aufgebaut haben“, erzählt Quintessenz-Pate und Datenschutz-Guru Erich Möchel dem ZDF im Interview. Menschen erhielten Droh-SMS ist in voller Länge in der ZDF mediathek abrufbar – ich kann nur *dringend* dazu raten, den 12minütigen Clip in voller Länge anzusehen.

Weiterlesen

15 Mann auf des toten Manns Liste drauf

Thomas Heher, ein alter Kampfgenosse aus den frühen gap Hardcore-Zeiten, hat mich eingeladen, den folgenden Text über die Piratenpartei für die kommende Ausgabe von TBA zu verfassen. Mal sehen, ob er ihn unterbringen kann – bei der Längenbegrenzung hab ich natürlich wieder mal über die Stränge geschlagen: altes Bloggerleiden :mrgreen:

Zwar ist Piloten sprichwörtlich nichts verboten, aber nur Piraten sind die idealen Kandidaten – zumindest für geistig-eigentümliche Freisegler. Weiterlesen

digital.leben bei der Langen Nacht der Forschung

digital.lebenDie Langen Nacht der Forschung am kommenden Wochenende bietet the full scientific Monty: von verrückten Professoren bis hin zu hochseriösen Wissenschaftlern, von gegenwärtiger bis zu historischer Forschung. Einmal im Jahr öffnen die Labore und geheimen Forschungsstationen in Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Salzburg, Wien und Wiener Neustadt ihr Pforten, um den “kleinen Mann” (ich finde, dieser Ausdruck sollte endlich auch außerhalb der Wahl-Propaganda Zeit eingesetzt werden) im Reagenzglas umrühren zu lassen. Neben Weltpremieren, Auto-Gewinnspielen und frischen Forschungsergebnissen ist auch Ö1 mit einem brisanten Thema vertreten: Franz Zeller (Ö1-Digital.Leben) spricht mit Erich Möchel (Privacy International) und Alexander Schatten (TU-Wien) über sichtbare und unsichtbare Überwachung:

17 Millionen Euro lässt sich der österreichische Staat allein die Telefonüberwachung seiner Bürger jährlich kosten. Was bedeutet es für Demokratie und Gesellschaft, wenn für den Bürger nicht mehr die Unschuldsvermutung gilt, sondern jeder Mensch als potentieller Verbrecher betrachtet wird?

Das Gespräch findet im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaft in der Akademie der Wissenschaften (Wollzeile 27a, 1010 Wien) um 18:30 statt.

Digital.Leben Podcast

Digital.Leben läuft von Montag bis Donnerstag um 16:55 Uhr auf Ö1, die Sendung ist auch als frei zugänglicher Podcast [XML-Url | iTunes URL] verfügbar.

Heute Abend: Ehrung des großen Bruders

10. Big Brother AwardsWer in Wien zugange ist und noch keine speziellen Pläne für den Samstagabend geschmiedet hat, hätte über eine Abstecher in den Rabenhof intensiv nachdenken sollen: dort wurden gestern ab 20:00 Uhr die jubiläums-lastigen 10. (in Worten: zehnten) Big Brother Awards verliehen. Dagmar Streicher und Thomas Rottenberg moderierten die Gala, als Laudatoren waren unter anderem der FM4-Blumenau, der Hypertext-Hrachovec und die Regie-Minck am Start, ganz zu schweigen vom Kabarett-Nowak von der Format-Mayerl. In das Kostüm des internationalen Special Guests schlüpft Eddan Katz von der Electronic Frontier Foundation.

“Stop Überwachungslawine” lautete das Motto in diesem Jahr, der Eintritt zur Veranstaltung war gratis und ein gewisser Unterhaltungsfaktor garantiert. Selbstverständlich haben die Adepten der fernmündlichen Kommunikation an Zeit-Raum-Paradoxien gedacht und die Action live ins ganz Universum gestreamed, Details auf BigBrotherAwards.at. datenschmutz Leser wissen vermutlich, dass die Veranstaltung nix mit Reality-Shows zu tun hat, Zufalls-Besuchern sei an dieser Stelle nochmal deutlich gesagt: der Name bezieht sich auf den “Großen Bruder” aus Georgie Orwells “1984”, ausgezeichnet werden Personen, Firmen, Institutionen, die in besonderer Art und Weise Grundsätze des Datenschutzes mit den Füßen getreten haben.

Verständlicherweise bleibt so mancher Preisträger der Veranstaltung eher fern – ich glaub, wenn datenschmutz als übelstes deutschsprachiges Blog nominiert wär, tät ich mir die Trophäe auch nicht persönlich abholen. Bei den ersten BBAs habe ich noch ein bisserl mitgearbeitet und kann kaum glauben, dass seither schon wieder neun Jahre ins Land gezogen sind… die Big Brother Awards haben sich jedenfalls seither zu einer fixen Institution entwickelt. Man kann nur hoffen, dass kein medialer Abnutzungseffekt auftritt, denn zum Besseren hat sich in punkto Datenmissbrauch in den letzten Jahren nix gewendet, ganz im Gegenteil. Hier gibt’s die Liste der Preisträger – als persönlich Betroffener find ich die UPC/Nominum Kooperation, bei der aus Domain-Tippfehlern Werbeprofile werden, ganz besonders übel.

Mit Bildern gegen die Internetzensur

picidaeTrotz aller Regulierungs- und Überwachungsbestrebungen hat sich in den Köpfen des Durchschnittseuropäers das Bild des wilden, teilweise gar anarchischen Internet eingeprägt: viele stellen sich trotz verzweifelter Aufklärungsbemühungen von Datenschützern einen weitgehend unzensierten, wenn nicht gar rechtsfreien virtueller Raum vor, in dem radikale Systemkritiker gemeinsam mit Viagra-Spammern fröhlich chatten. Die technische Realität sieht aber völlig anders aus: kein anderes Medium eignet sich strukturell besser zur Total-Überwachung und -zensur als das Netz der Netze. Picidae allerdings unterläuft die Zensurversuche der chinesischen (und anderer Regierungen) äußerst elegant mittels der Umwandlung von Webseiten in digitale Bilder, oder genauer gesagt in Image-Maps.

Was als dezentrale Struktur begann, um auch nach einem nuklearen Angriffs als militärisches Kommunikationssystem weiter funktionieren zu können, macht vor Grenzen ohne weiteres halt: denn wenn sämtliche Internet-Wege nach drinnen und draußen über staatliche Zensurproxies laufen, dann wird’s schwierig mit der ungehinderten Kommunikation.

picidae02Olympiahost China macht eindrucksvoll vor, dass man das Netz ebenso effektiv abschotten kann wie reale Landesgrenzen. Doch anders als die reale chinesische Mauer lässt sich die Great Firewall allerdings mithilfe eines vergleichsweise simplen Tricks umgehen – trotz anderslautender Beteuerungen der Behörden gab es ja bereits erste Beschwerden von Sportlern, denen ein freier Netzzugang zugesagt wurde, dass auch vom Olympiazentrum aus bestimmte Websites einfach nicht erreichbar seien. Ohnehin fragt sich so mancher, wie diktatorisches Regime und der ausdrückliche Wunsch nach “Öffnung” des Landes gemeinsam auf eine Kuhhaut passen.

Bei Christopher Wachter und Matthias Jud hat dieses Nachdenken zur Schaffung eines Community-Projekts geführt, das sich eine praktische Eigenschaft digitaler Dateiformate zunutze macht: Webseiten lassen sich nicht bloß als HTML-, sondern auch als Bilddateien übertragen. Um den genialen Ansatz von Picidae zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie die Internet-Zensur in China funktioniert: Manche Webseiten werden komplett geblockt, andere teilweise; als Filterkriterium dient allerdings nicht bloß die URL, sondern auch bestimmte Schlüsselwörter im Content. Google etwa ist zwar zugänglich, die Ergebnisliste wird jedoch gefiltert.

Picidae umgeht jegliche Filterung, indem der chinesische User die Adresse, die er zu besuchen gedenkt, nicht in die Browser-Adresszeile, sondern in ein entsprechendes Formularfeld auf Picidae einträgt. Der Picidae-Server wandelt die Original-Homepage in ein Bild um und schickt dieses zurück, aber das ist noch nicht alles: Hyperlinks bleiben anklickbar, da ein pixelgenaues Abbilder Homepage als sogenannte “Imagemap” erstellt wird: dabei handelt es sich um eine überholte Webtechnologie, die aus der grauen Vorzeit statischer Homepages stammt und es erlaubt, bestimmte Bereiche auf einem Bild zu Links zu machen. Simpel und effektiv, denn als Bilder gespeicherte Wörter werden vom Zensur-Proxy natürlich nicht erkannt.

picidae03Als zentrales System ließe sich Picidae leicht aushebeln: die chinesischen Verantwortlichen müssten bloß die URL des Systems blockieren, und vorbei wäre es mit der Filterung: doch die Software ist als modulares System ausgelegt, jeder Zensurgegner kann selbst einen Pici-Server betreiben oder seine Infrastruktur als Proxy zur Verfügung stellen. Für Zugänglichkeit sorgen die lokalisierten Versionen: die Software ist mittlerweile in zahlreichen Sprachen, darunter natürlich auch chinesisch, verfügbar.

Picidae wurde zwar im Hinblick auf die Internet-Zensur im Land des Lächelns entwickelt, kann aber auch als äußerst instruktives Beispiel für das Unterlaufen von Repression mittels dezentraler Technologie gelten: jede Zensurbehörde kämpft hier gegen die sprichwörtliche Hydra – und das Netz ist um zumindest einen Beweis reicher, dass Crowdsourcing mehr sein kann als zeitgeistiger Zeitvertreib für gelangweilte Geeks.

Weitere Informationen über die Funktionsweise, pici-Server Betrieb und Code Contributions gibt’s auf picidae.net.

Wahl.Qual: Wohin mit den Bürgerrechten?

quintessenzDie q/uintessenz lädt am heute zum q/talks in den Raum D des Museumsquartiers: aus aktuellem Anlass stellt Georg Markus Kainz brisante Fragen zu den Themen Datenschmutz, Bürgerrechte und Überwachungsstaat an vier Parteikandidaten: Martin Prager (SPÖ), NR Peter Pilz (Die Grünen) und NR Peter Fichtenbauer (FPÖ) haben bereits zugesagt, bei BM Maria Fekter (ÖVP) wurde angefragt. Diese Veranstaltung erfreut mein Herz, denn in Zeiten von Wahlzuckerln, Diskussionen über Steuernachlässe und wahlwerbender Beihilfe-Erhöhungen geht das Thema Datenschutz gerne unter: zu komplex sind die Zusammenhänge, als dass sie sich auf publikumstaugliche Plakat-Slogan-Größe schrumpfen ließen.

Das Recht auf Verbergen

Wann immer in einem Krimi die Polizei ihre Befugnisse überschreiten möchte, wird diese mit den Worten legitimiert: “Sie haben ja nichts zu verbergen” – Jeder der auf seine Rechte besteht macht sich damit automatisch verdächtig. Dieser laxe Umgang mit unseren Rechten erinnert fatal an Strategien nach dem Anschluss.

[slideshow=8,180,200]

Diese Argumentation dürfe jeder, der schon mal gegen die Mauer der Datenbürokratie angerannt ist, aus eigener Erfahrung kennen: da gibt’s Beispiele, bei denen einem schlecht wird: da hat etwa mal vor Jahren ein Polizist dem kleinen Bruder eines Bekannten am Bahnhof ein Klappmesser abgenommen, als dieser zwölf war – gemacht hat er damit gar nix, also keine Rede von “offiziellem” Eintrag. 15 Jahre später, also mit 27, steht derselbe Typ auf der österreichischen Polizeiwache im Zuge einer Einvernehmen, als der Polizist zu ihm sagt: “Sie kennen wir ja schon, da war doch damals diese Messersache.” Datenlöschung laut Gesetz? Die konnte sich anscheinend schon vor dem Zeitalter der Terrorismusangst niemand leisten – und die Schlingen werden gezielt enger gezogen:

Schrittweise werden immer mehr Bereiche unseres Lebens elektronisch überwacht. Neben Videoüberwachung öffentlicher Plätze und dem öffentlichen Verkehr wird auch der Individual-Verkehr durch Section-Control, Autobahn-Maut und Nummerntafelerfassung immer lückenloser überwacht. Durch Speicherung der Verbindungsdaten werden unsere Emails, unser Surf-Verhalten und unsere Telefonate überwacht.

Ich hoffe, dass BM Maria Fekter erscheint, denn die amtierende Innenministerin hätte mit Datenschützer Peter Pilz wohl so manches Henderl zu entfedern… Ziel der Veranstaltung ist es jedenfalls, klar Fronten zu schaffen: und vielleicht traut sich ja sogar jemand zu sagen, dass er für die uneingeschränkte Totalüberwachung steht:

Wahlkampf ist Wahlzuckerzeit und wir wollen wissen, wer unsere Bürgerrechte mit entsprechendem Respekt betrachtet und auf Augenmaß und Demokratie achtet. [...] Auf unseren Datenschatten haben wir weder Einfluss, noch Möglichkeit vor diesem zu entfliehen. Unser Preis ist ein transparentes Leben und der Verlust unserer persönlichen Freiheit.

Der Einlass beginn um 19:00, die Diskussion um 20:00 Uhr. Und so kommt man zum Raum D respektive zum Quartier 21: Lageplan.

Gerald Reischl diskutiert über die Google-Falle

Vor kurzem war Kurier IT-Ressortleiter Gerald Reischl bei der quintessenz zu Gast, anlässlich der vierten, aktualisierten Auflage seines Klassikers “Die Google Falle” diskutiert der Autor am kommenden Dienstag mit Thomas Schwabel (marketagent.com), Herwig Seitz (CPC-Consulting) und Andreas Kreutzer (KF Consulting) über die dunkle Seite der Datenmacht.

Moderiert wird die Runde von ORF-Futurezone Mastermind Erich Möchel, Ort des Geschehens ist die Thalia-Buchhandlung in der Landstraße 2a (direkt gegenüber vom Bahnhof Wien Mitte), der Eintritt ist gratis. Die Diskussion dreht sich um die tatsächliche Gefährlichkeit der Suchmaschine und ihr Potential zur nachhaltigen Untergrabung jenes politischen Systems, das wir als Demokratie kennen:

Wir alle mögen die “Suchmaschine” Google, weil es ein verlässliches, total praktisches Webservice ist. Ein Suchschlitz, in den man einen oder mehrere Begriffe eintippt und innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Trefferliste erhält. “Doch Google ist längst keine Suchmaschine mehr, es ist ein Weltkonzern, der die totale Kontrolle der Internet-Gemeinde anstrebt und zum größten Händler und Archivar von Information werden will”, sagt der österreichische Journalist und Hightech-Experte Gerald Reischl in seinem neuen Enthüllungsbuch “Die Google-Falle”. Mit den vielen Services, ob Google Earth, Google Docs oder Google Mail, hat sich die Firma von Larry Page, Sergey Brin und Eric Schmidt zur unkontrollierten Weltmacht im Internet entwickelt. Google ist ein “Wolf im Schafspelz”, ein Monopolist, der eifrigste Datensammler der Welt, der dutzende Patente auf Methoden hat, die aus der Überwachungsindustrie stammen könnten. Seit Jahren schon wird jeder Google-Nutzer analysiert und kategorisiert. Die Marktdominanz Googles ist für eine Wissensgesellschaft gefährlich. Sie ermöglicht politische Zensur, wie sie in China praktiziert wird, erleichtert das Ausspionieren der Privatsphäre und duldet weder Kritik noch Konkurrenten.

Vor wenigen Tagen erhielt Reischl übrigens den New Media Journalism Award 2008; ich hätte mir die Diskussion sehr gern angehört, allerdings überschneidet sich die Veranstaltung mit dem letzten digitalks Event vor der Sommerpause samt anschließendem Referenten-Abhängen, also werd ich’s leider nicht hinschaffen. Frageee in die Runde: wird’s irgendwo ein Video bzw. einen Podcast geben?

Blogistan Panoptikum KW18 2008

Damit auch absolute Fußball-Unkenner wie ich mitreden könnten, so sie denn überhaupt wollten, veröffentlicht facts.ch dieser Tage eine unvorstellbar leicht verständliche Erklärung aller ansonsten so kryptisch scheinenden Kicker-Regeln. Mehr Faktenwissen gibt’s bei Helges Vergleich von Twitter und uBoot. Aber weil man von kurzen Messages nicht satt wird, weist Pete auf Michis feigen Anti-Chemiefood Versuch hin. Und wer immer schon mal wissen wollte, wie Facebook, Myspace und Method Man zusammengehen, liest am besten bei Dan nach – und einen feinen, brandaktuellen jazzy-flavoured Housemix gibt’s dort ebenfalls for your weekend listening pleasure.

Die Polarrose erkennt dich

Noch nie klang “beta test on the way” so bedrohlich :-) Polar Rose baut gerade eine Plugin-Technologie, die es hinkünftig erlauben soll, Personen auf öffentlichen Bildern automatisch zu erkennen. Zum Einsatz kommt dabei offensichtlich sowohl Bilderkennungstechnologien als auch Crowdsourcing Strategien:

The Polar Rose browser plugin for Firefox (Internet Explorer coming soon) lets you discover who’s in any public photo. The browser plugin is currently in private beta and we are letting in new explorers in every day. [...] The plugin detects people in public photos and places our signature rose approximately where the pinhole of their shirt would be. [...] As a Polar Rose explorer, you help train our engine by tagging names or verifying the data generated by Polar Rose or by your fellow explorers.

So sieht also die Zukunft des Bildertaggens aus… naja, wer weiß: wenn die Zahl der Überwachungskameras weiterhin so zunimmt, dann laufen wir womöglich eines Tages doch noch alle mit Burkas rum.

Berichte von der Web-Expo Front

Über das Wordcamp in Vancouver, das dieser Tage stattgefunden hat, sind noch keine Online-Gerüchte durchgedrungen; dafür häufen sich die Berichte über eine anscheinend recht interessante Web-Expo: Dieter hat einiges an Eindrücken zusammengetragen, speziell die Keynotes von Fake Steve Jobs und die Präsentation eine Präsentation zum Thema “Social Media Optimization and Marketing 101″ scheinen auf erhöhte Aufmerksamkeit gestoßen zu sein. Die original Powerpoints gibt’s unter den angeführten Links alle zum Nachgucken, allerdings zeigen die schriftlichen Zusammenfassungen vor allem eines: solche Konferenzen sind zum Networken da. Denn das Social Marketing für wenig Bareinsatz hervorragenden Return of Invest bringt, ist nun in der Tat keine bahn- oder sonstwas brechende neue Erkenntnis.

Blogperfume Feedanalyse

Bei Blogperfume gibt’s ein nettes Tool zur Feedanalyse, damit lässt sich vor allem die langfristige zeitliche Entwicklung der eigenen AbonnentInnen-Zahlen sehr übersichtlich darstellt; bekanntlich lassen sich Feed-Zahlen am vergleichsweise schwierigsten manipulieren und gelten daher als sehr sicherer Indikator; na dann kann ich ja mal recht zufrieden sein:

google

Ansonsten bleibt nur mehr zu erwähnen, dass ich gestern meine Akkreditierungsbestätigung für das spring08 bekommen hab – und nach zwei Jahren Abstinenz ist die Vorfreude auf das beste Elektronik-Festivals Mitteleuropas natürlich riesengroß. Einen kleinen Vorgeschmack bieten die Videos der Vorjahre; ganz besonders freue ich mich auf das Set von Techno-Miterfinder “Magic” Juan Atkins.

4. TU-Forum: Überwachung[staat] ohne Kontrolle

“Wer kontrolliert die Kontrolleure?” fragt das vierte TU-Forum. Hannes Werthner, Gerald Futschek und Wolfram Proksch diskutieren darüber, ob die Totalüberwachung schon längst aus dem Ruder gelaufen ist, moderiert wird die Diskussionsrunde von Christian Müller (Austria Presse Agentur).

Ort: TU Wien, Prechtl-Saal im Erdgeschoss (Karlsplatz 13, 1040 Wien)

Univ. Prof. Hannes Werthner unterrichtet am Institute of Software Technology & Interactive Systems, sein Spezialgebiet ist das Thema eTourismus, Univ. Prof. Dr. Gerald Futschek gehört der ifs (Information & Software Engineering Group) der TU Wien an und beschäftigt sich in erster Linie mit eLearning-Systemen und Dr. Wolfgang Proksch arbeitet im rechtswissenschaftlichen Bereich der TU Wien. Bei der Diskussion geht’s um folgende Themen:

Ort: TU Wien, Prechtl-Saal (4., Karlsplatz 13, EG) Handys orten, Daten absaugen, Computer überwachen – die Novelle zum Sicherheitspolizeigesetz (SPG), per 1. Januar 2008, ermöglicht Eingriffe in die Privatsphäre von BürgerInnen ohne richterlichen Beschluss und somit ohne wirksame Kontrolle. Experten der TU Wien erörtern Methoden, Technik und Recht sowie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen, die die “Datenspuren” in sich bergen. Worin besteht die Gefahr von Datenmissbrauch? Gehen wir in Richtung uneingeschränkte Überwachung?

Übrigens, zum Thema Datenlöschung vs. Speicherung: Aus gegebenem Anlass fällt mir dazu der Amstettner Delinquent ein, der seine Tochter jahrzehntelang im Keller einsperrte. In den RTL-Nachrichten war dazu zu hören, dass der Mann bereits einmal vor 25 Jahren oder so straffällig geworden sei (und zwar im Zusammenhang mit einem Sexualstrafdelikt), dass die Behörden bzw. die Gerichte allerdings keinerlei Kenntnis davon gehabt hätten, da die betreffenden Aufzeichnungen gesetzeskonform längst vernichtet bzw. aus seinem Akt entfernt worden seien. Nun frage ich mich, warum die Beamten eigentlich jetzt nach dem Bekanntwerden des Martyriums der Tochter und ihrer Inzest-Kinder sofort von dem Delikt wissen, wenn doch jegliche Aufzeichnungen aus den Akten verschwunden sind? Würd mich interessieren, ob ein Journalist im Presse-Archiv recherchiert hat oder ob’s irgendwo doch noch ein “Backup” gab.

Banksy: One Nation under CCTV

Direkt neben einer Überwachungskamera und nur durch ein selbst errichtetes Baugerüst geschützt gelangt dem Londoner Sprayer Banksy am Wochenende sein bislang wagemutigster Coup.

Mit Banksy does it again betitelte katize den neuesten Streich des derzeit heißesten Graffiti-Künstlers der britischen Insel: unbeeindruckt von der direkt nebenan montierten Überwachungskamera gelang es dem Sprayer, mitten in der lückenlos durch Überwachungskameras erfassten Innenstadt ein riesige Graffiti anzubringen: ein (gesprayter) Junge mit Leiter mal “One Nation under CCTV” an die Hauswand, während er von einem (natürlich ebenfalls gemalten) Cop samt Polizeihund fotografiert wird.

Drei Stockwerke hoch war das Baugerüst, anscheinend geschah die eigentliche Spray-Action mitten in der Nacht [Fotos von Dailymail.co.uk]:

Banksy - One Nation under CCTV


Banksy latest artwork

Weitere Artworks meines aktuellen Lieblings-Künstlers gibt’s auf dessen Homepage. Wie kein Werbetexter dieser Welt versteht’s Banksy, seine subversiven Kommentare zur üblen Weltlage so unglaublich punktuell zu verdichten… und sein Talent, bestehende Location-Elemente in seine Graffitis einzubinden, ist ohnehin einzigartig. Keep up the great work, buddy!

.at-Überwachung: Warten aufs Ministerstatement

Godot lässt grüßen – die von den Grünen instrumentalisierte Angst vor einem totalen Überwachungsstaat stieß bei den Regierungsparteien auf keinerlei Gegenliebe. Trotz aller aktuellen Uneinigkeiten der Koalitionspartner war man sich einig, dass erstmal Oberüberwacher Platter ein Statement abgeben soll.

Wer, wenn nicht er? Nun ja, jeder andere. Der größte Hardliner der Regierung wird wohl kaum freudig das eigene Gesetzt diskutieren. Dass die SPÖ bei soviel Krankenkassen-Hickhack, Hintergrundzwist und Neuwahldiskussionen nicht versucht, zumindest politisches Kurzfrist-Potential aus der Affäre SOS zu schlagen, verwundert dann aber doch. Konkret schreiben Peter Pilz und Co.:

Die Petition wurde am 5. März im Petitionsausschuss behandelt. Anstatt die Petition dem Innenausschuss zuzuteilen, beschlossen ÖVP und SPÖ aber eine Stellungnahme des Innenministers einzuholen. Diese offensichtliche Verzögerungsmaßnahme von Seiten der Regierungsparteien und gleichzeitige Missachtung Wunsches der UnterzeichnerInnen nach einer Diskussion des Sicherheitspolizeigesetz im Innenausschuss wurde von den Grünen scharf kritisiert.

Man könne Mails schreiben, beispielsweise an Gisela Wurm (SPÖ-Sprecherin für Petitionen und Bürgerinitiativen und Vorsitzende des Petitionsausschusses); die wird sich übrigens sehr über die Veröffentlichung ihrer E-Mail-Adresse im Klartext freuen, hoffentlich gibt’s in der Löwelgasse anständige Spamfilter.

Diese Aufforderung zeigt deutlich das Dilemma der ganzen Aktion: das Thema ist viel zu wichtig, um von einer Kleinpartei instrumentalisiert zu werden. “Yeah, it’s a dirty job, but I just love doin’t it” könnte man DMX reimen, aber selbst Rap täuscht über eines nicht hinweg: eine überparteiliche Aktion hätte vielleicht auch die Selbstdenker innerhalb der Großparteien mobilisieren können. Mittlerweile ist Widerstand gegen Überwachung aber grün, und das hält eine ganze Latte von ParteisoldatInnen sehr effektiv davon ab, ihre diesbezügliche Meinung laut zu artikulieren… oder alle SP und VP Parteibuchbesitzer haben ohnehin nix zu verbergen und damit keinerlei Angst vor Totalüberwachung. Aber wer das glaubt, wird höchstens selig und irgendwann mitten in einem totalitären Regime mit Demokratie-Feigenblatt aufwachen. Die Abwehr des Überwachungsstaates scheint jedenfalls vorerst/endgültig (nicht zutreffenden Begriff bitte mental streichen) gescheitert zu sein.

q/talk #7: .at am Weg in den Polizeistaat?

Ein von mir seit Jahren sehr geschätzter Nationalratspolitiker wird der Gastvortragende beim ersten q/talk des neuen Jahres sein: Peter Pilz von den Grünen spricht über seine Sichtweise des neuen SicherheitsPolizeiGesetzes – sein Vortrag dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so manche Parallele zur schlechten alte Metternich-Zeit wachrufen.

Es heißt ja immer, jedes Volk habe die Politiker, die es verdient – aber wir haben doch mit FPÖ und BZÖ eh schon zwei semi-gefährliche Klamauktruppen am Start, dieses Sicherheitsgesetzt hat .at nun wirklich nicht verdient; zumindest nicht dessen stille und heimliche Verabschiedung mitten im Weihnachtsrummel, schön vorbeigeschummelt an jeglichem öffentlichem Diskurs. (So gesehen wär’s ja dann wiederum doch die “typisch österreichische” Lösung?)

Die (leider an wenigen Händen abzählbare) engagierte Gegenöffentlichkeit trifft sich am 29. Jänner im Museumsquartier zum Vortag von Peter Pilz:

Ort: MQ Wien, Electric Avenue, quartier21, Raum D

Im Biedermeier setzte Metternich durch die Karlsbader Beschlüsse von 1819 eine strenge Zensur und eine starke Einschränkung jeglicher politischer Betätigung durch. In einem mehr als fragwürdigen Eilverfahren wurden die Beschlüsse vom Bundestag in Frankfurt einstimmig bestätigt, obwohl sie tief in die Rechte der Einzelstaaten des Deutschen Bundes eingriffen. Erst mit der bürgerlichen Märzrevolution von 1848 gelang es, sich aus einem System von Verfolgung und Zensur durch die Polizei zu befreien. Die jüngsten Ereignisse in Österreich und der EU zeigen beängstigende Parallelen. In einer überfallartigen Übernacht-Aktion beschließt der Nationalrat gegen Mitternacht des 6. Dezember 2007 die Novelle zum Sicherheitspolizeigesetz – ohne die in Österreich üblichen Begutachtungen von neuen Gesetzen und ohne Vorlage beim Innenausschuss des Parlamentes.
[...]
Wir sind der Überzeugung, dass nicht alles zulässig sein darf, was technisch möglich ist. Verfassung, Justiz und Polizei haben eine gemeinsame Aufgabe: Uns und unsere Freiheit zu schützen. Immer öfter wächst aber aus vermeintlichem Schutz eine Bedrohung heran. Und immer
öfter geht eine schrankenlose Überwachung auf Kosten unserer Freiheit und Demokratie. Denn Menschen, die sich überwacht fühlen, sind nicht mehr bereit eine eigene Meinung zu äußern.

Mehr Infos zum Vortrag
Petition der Grünen gegen den Überwachungsstaat

Keine Mauern des Anstands mehr?

Kolumnistenkollege Armin Medosch hat auf oe.orf.at eine Netzkulturkolumne mit dem Titel Mein Facebook-Freund? Nein, danke! verfasst, die als Apologet von Social Networx hochspannend finde. Armin unterstellt nämlich Facebook Datensammelei und Profitoptimierung, und ich denk mir: ja was denn sonst?

Der Flashback in die frühen 90er, als wir auf net.culture.conferences alle von virtuellen Doubles träumten, ist dem Lamentieren über die Durchschaubarkeit unserer virtuellen Personae gewichen. Dabei war’s doch noch nie so einfach, aus Feuer und Bytes den eigenen Golem ganz nach Wunschvorstellung zu formen… die Daten gibt immer noch der User ein, die staatliche Kontrolle *hat* längst versagt, und wer am langen Hebel sitzt und gerne Social Networks kartographieren möchte, kann das genauso bequem über Handydaten tun. (Österreich hat die notwendigen Gesetzesgrundlagen im Dezember ja leider begrüßt, obwohl der Fachmann vom “Verabschieden” spricht; merk-würdige Terminologie.)

Facebook ist noch nicht so voller data dirt wie myspace, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Marketing-Hans-Meisers dort ihr Unwesen treiben… das längerfristige Überleben der Plattform (+3 Jahre) halte ich persönliche für relativ unwahrscheinlich, Naymz wird mehr als einen Epigonen auf entweder dumme oder kluge (aber das ist ohnehin eine Frage des Betreiberstandpunkts) Gedanken bringen. Deren Valorisierungsmodell müsste Armin noch wesentlich mehr missfallen, denn er schreibt über FB:

Abgesehen davon, dass die angeblich über 50 Millionen User der superschnell wachsenden Plattform größtenteils zu den ökonomisch stärkeren und intellektuell-technisch avancierten Gruppen gehören, bleibt nur noch nüchtern festzustellen, dass hier die persönlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen endgültig zur Ware werden – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Jo mei, da Franck Georg hot’s do scho längscht gwusst, Sakra! Das lächelnde Aas Werbung lächelt nun man gern jedem User persönlich zu… dass eine US-Firma meine “Facebook”-Daten hat (genau wie Xing, Linked-In etc.) macht mir weit weniger Sorgen als die Überwachungspläne der hiesigen Regierung; immerhin kann ich ja selbst bestimmen, wie ich mich dort repräsentiere – und ob ich das überhaupt möchte.

Für mich hat derlei Kritik sehr viel von enttäuschter (Heils)Erwartungshaltung – ich war zwar damals um eine Dekade jünger, aber sozusagen grade noch dabei, als die nettime-Community das Netz als das neue Anarcho-Intello Paradies abfeierte, häufig ohnedies aus gravierender Unkenntnis und/oder Desinteresse für technische Realitäten. (“Das Netz ist anonym.”) Was mir fehlt, ist die Alternative: wär’s denn besser, FB gar nicht zu benutzen? Ich glaube nicht. Derlei Networks fungieren im allerbesten Fall als hocheffizienter Durchlauferhitzer für die interkulturelle Kommunikation, als tailor-made Infoprovider und – sie bieten eine Spielwiese mit ungleich niedrigerem finanziellem Einstiegslevel als klassische One-to-many Kanäle. Aber eines wird kein Social Network und kein Web 22.0 jemals leisten können: nämlich dem User media literacy und reflektieren Umgang mit seinen Spielzeugen abzunehmen.