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Bei Paul im Schlafzimmer

Das Thema Überwachung ist kompliziert, schwer zu durchschauen und lässt sich wunderbar verdrängen. Politiker wissen ganz genau, dass neue Technologien erst einmal Fakten schaffen – Schadensbegrenzung im nachhinein erweist sich häufig als schwierig bis unmöglich. Neue Technologie wie RFID-Chips, Ortungssysteme, Kameras und Security Checks schaffen in Kombination mit der Vernetzung aller verfügbaren Daten eine neue Transparenz: nicht unbedingt die Art von Glasnost, die Gorbi seinerzeit im Hinterkopf hatte, sondern die ähnlich dem Orwell’schen Überwachungsstaat im Zeitalter seiner technischen Realisierbarkeit.
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Die Kolumne #71 (Oktober 2006)

Einmal mehr ein frischer Vorabdruck meiner dieser Tage erscheinenden the gap Kolumne. Online ist’s natürlich nur die halbe Miete bei diesem wunderschönen Printlayout… der geneigte Leser erkennt – im Gedenken an Plagiatsjäger remixe ich mich selbst und schreibe schamlos vom datenschmutz.blog ab.

Die Kolumne
Süßer die Diplomanen nie swingen, als knapp am Te-hellerrand

Mögen sich andere elektrische Muskelstimulationsgeräte kaufen und ihrer gesamten Verwandtschaft zu Weihnachten einen Waschbrettbauch schenken, mir liegen derlei einfallslose Präsente nicht. Jahr für Jahr wiederholt sich Qual der Hetzjagd aufs neue, wenn ich mein einziges Weihnachtsgeschenk aussuchen muss.

Schwieriger zu beschenken als Tante Brigitte ist niemand, das garantier ich Ihnen. Selbst der wunderschöne Einhandmischer, dessen Geschenksappeal ich vorigen Herbst im Armaturengeschäft erlag, löste bloß Ablehnung aus: Ich wisse doch, dass Brigitte schon aus Prinzip gar kein Fließwasser in ihrer Wohnung habe, tadelte sie mich. Mein Argument, dass diese wunderschöne Edelmetallskulptur doch ohnehin als Ziergegenstand für den Wohnzimmeraltar dienen solle, machte ihre Unzufriedenheit ob meiner Präsentauswahl nur zum Teil wett.

Warum ist also wie jedes Jahr durch die Hölle Weihnachten gehen, und vorher durch die Vorhölle Vorweihnachtsgeschäft? Munkelt man in Kolumnistenkreisen immerhin schon seit Monaten, dass der Papst die Vorhölle* abzuschaffen gedenkt. Jener frenetische Jubel, den die kürzlich nachhaltig vertreitete Meldung hervorrief, scheint diesem Kolumnisten allerdings ebenso verfrüht wie unbegründet: wer sagt denn, dass die vielen dort inhaftierten Babys nun in den Himmel kommen und nicht zB in den siebten oder sechsten Höllenkreis, wo halt mehr Platz ist bzw. ausreichend leere Kinderkrippen verfügbar sind?

In der Vorhölle muss derzeit ähnliche Stimmung herschen wie in einer Firma, die kurz vor dem Aufkauf durch einen Liquidator steht und deren Mitarbeiter panisch auf die “Restrukturierung” warten. Falls die Angestellten pragmatisiert sind (und davon kann man bei Teufeln wohl ausgehen), stehen sie zwar keine existenziellen Ängste durch, dennoch bleibt Unsicherheit: werde ich mich an meinem neuen Arbeitsplatz eine Ewigkeit lang so heiß fühlen wie hier? So in der Vorhölle Radioempfang möglich ist, dann dürfte sich die angespannte und nervöse Stimmung inzwischen auch auf die unfreiwilligen Insassen übertragen haben – ganz zu schweigen von den engen Beziehungen, die zwischen einem Kleinkind und seinem Teufel, der ihm möglicherweise seit Jahrhunderten die Windeln wechselt, entstehen. Da werden Adoptivfamilien rücksichtslos auseinandergerissen – das erinnert irgendwie ans österreichische Asylrecht.

Angeblich handelt sich’s bei all dem um eine Marketingkampagne** des Papstes, speziell zugeschnitten auf die Kundschaft in 3.-Welt-Ländern. Islamische oder hinduistische Babys kommen nämlich auch ohne Sakrament direkt in den Genuss der himmlischen Freuden.
Aber viel entscheidender ist die Frage: reichen die magischen Fähigkeiten des Papstes, um die Vorhölle zu schließen? Glauben die lutheranischen Protestanten auch an den Limbus Infantium, und wenn ja: wird ihre Vorhölle dann ohne offizielles Einverständnis mitgeschlossen? Kommen jene Vorhöllenteufel, die sich durch besonders liebevolle Betreuung hervortaten, mit in den Himmel? War Satan der Parallelbetrieb von Vor- und Haupthölle auf Dauer wirtschaftlich zu ineffizient, und hat er darum seinen Schergen Benedikt den 16. mit der Abschaffung beauftragt? Muss Satan tun, was Benedikt sagt, weil der sein Vorgesetzter ist?

*) Die Vorhölle, also jener 10. Kreise, ist quasi die größe Kleinkindkrippe der metaphysischen katholischen Welt. Kurz nach ihrer Geburt frisch verstorbene oder tot geborene und daher ungetaufte Kleinkinder finden sich im sogenannten “Limbus infantium” wieder.
**) Demnach dürften die Bewohner des „Limbus Patrum”, in dem alle vor Christus Tod Verstorbenen einsitzen, noch lange nicht von akuter Schließung bedroht sein.

Papst schafft Vorhölle (ab)

Wie neben 1.000 anderen Medien auch der ORF berichtet, schafft der Papst die Vorhölle ab. Jener frenetisch Jubel, den diese Meldung hervorruft, scheint allerdings ebenso verfrüht wie unbegründet: wer sagt denn, dass die vielen dort gefangenen ungetauften Kinder nun in den Himmel kommen und nicht zB in den siebten oder sechsten Höllenkreis, wo halt mehr Platz ist bzw. leere Kinderkrippen verfügbar sind?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Situation in der Vorhölle derzeit eine ähnliche ist wie in einer Firma, die kurz vor dem Aufkauf durch einen Liquidator oder einen Heuschrecken-Investor steht und auf ihr Ende, beschönigend als “Restrukturierung” bezeichnet, wartet. Die Angestellten bangen um ihre Zukunft. Falls sie pragmatisiert sind (und davon kann man bei Teufeln wohl ausgehen), stehen sie zwar keine existenziellen Ängste durch, dennoch bleibt Unsicherheit: werde ich mich an meinem neuen Arbeitsplatz so wohlfühlen wie hier? Falls man iner Vorhölle Radioempfang hat oder ORF On lesen kann, dann dürfte sich die angespannte und nervöse Stimmung inzwischen auch auf die unfreiwilligen Insassen übertragen haben – und stellen Sie sich bloß vor, was für enge Beziehungen sich zwischen einem Kleinkind und seinem Teufel, der ihm möglicherweise seit Jahrhunderten die Windeln wechselt, entstehen. Da werden Adoptivfamilien auseinandergerissen ohne Rücksicht auf menschliche Bindungen – das erinnert irgendwie ans österreichische Asylrecht.

Um all dies besser verstehen zu können, ist für alle, die Datens, Verzeihung Dantes “Göttliche Komödie” nicht gelesen haben, ein genauer Blick auf gängige Höllentopographie hilfreich. Lassen wir wikipedia sprechen:

Dantes Hauptwerk Die Göttliche Komödie ist eine Art literarische Jenseitswanderung durch Hölle, Fegefeuer und Paradies, mit Wiedertreffen alter Bekannter und Honoratioren aus Florenz, ein Ort fürchterlicher körperlicher Qual mit strafenden Riesen, lachenden Teufeln und abgestuften Strafen. Im hier gezeigten Bild peitschen Teufel z. B. Kuppler und Dirnen. In der Nachfolge Dantes entstand eine Vielzahl genauerer Ortspläne (so die sieben Sündenstufen, die 9 Höllenkreise – die Vorhölle ist als zehnter Kreis gedacht), Lagebeschreibungen und Bewohnerverzeichnisse.

Die Hölle ist im mittelalterlichen Weltbild jener “Einschlagkrater” den Luzifer bei seinem Sturz aus dem Paradies hinterlassen hat. Er ist ein in 9 konzentrischen Kreisen angeordnetes Loch. Im Mittelpunkt der Erde, dem innersten Höllenkreis steckt Luzifer. Von dort geht es zur südlichen Hemisphäre und zum Purgatorium: dem Läuterungsberg mit seinen sieben Stufen oder Ringen hinauf zu Spitze, dem Ort des irdischen Paradieses, dem Garten Eden. Über ihm wölben sich neun himmlische Sphären, die wiederum umgeben sind vom Empyreum, jener höchst himmlischen Sphäre als Sitz der neun Engelsordnungen und Gottes. In den Höllentrichter kommt man durch das Höllentor. Ist man da hindurch, folgt eine Art Zwischenreich, wo diejenigen geplagt werden, die im Leben zu feige waren, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden.
Aus: wikipedia.de

Die Vorhölle, also jener 10. Kreise, ist quasi die größe Kleinkindkrippe der metaphysischen katholischen Welt. Kurz nach ihrer Geburt frisch verstorbene oder tot geborene Kleinkinder finden sich – vermutlich zu ihrem eigenen Entsetzen – mir nichts, dir nichts im sogenannten “Limbus infantium” wieder, so sie nicht rechtzeitig getauft wurden. Bedenkt man, wieviele Kinder seit der Erfindung jenes magischen Wasserrituals durch Johannes geboren wurden und wieder ohne Sakrament die Welt verließen, und zieht man weiterhin in Erwägung, dass der “Gott des Alten Testaments” ja angeblich ein noch zürnenderer Allmächtiger war als der derzeit regierende Aspekt seiner dreialtigen Persönlichkeit, so kann man sich vorstellen, wieviel Kleinkind-Betreuungspersonal in der Vorhölle mittlerweile tätig sein muss. Der limb/i liegt direkt übribens neben dem limb/p:

Entstanden ist die Vorstellung aus der theologischen Frage nach der Unverzichtbarkeit der Taufe für das Seelenheil. Dieser Logik entsprechend gibt es etwa auch einen “Limbus patrum” – eine Vorhölle für all jene Gerechten, die vor Christi Geburt starben. (ORF)

Die Insassen des Limbus Patrum dürften also noch länger auf ihre 4-Stern-Apartments im Himmel warten müssen. Ganz so feststehend und außer Frage wie das Fegefeuer war der limb/i, wie das Aktenkurzzeichen lautet, allerdings nie – wer nicht Teil der katholischen Doktrin ist, steht eben stets auf wackligen Beinen:

Es geht um den “Limbus infantium”, eine Art Warteraum für all jene Babys, die sterben, ohne getauft worden zu sein. Einer jahrhundertelangen Tradition gemäß – die anders als das Fegefeuer jedoch nicht Teil der katholischen Doktrin ist – halten sich die Seelen dieser Babys in der Vorhölle auf. (ORF)

Der gängigen Version der Geschichte, dass Mr. Pope vor allem aufgrund der hohen Kindersterblichkeit in den Entwicklungsländern limb/i die Vorhölle abschaffen will, sehen indes manche Ketzer nicht als Akt reinen Mitgefühls:

Mit der Abschaffung der Vorhölle geht es dem Papst aber nicht nur um eine theologische Klarstellung. Vielmehr sieht sich der Vatikan in zunehmender Konkurrenz mit dem Islam in Afrika und Asien. Nach islamischer Vorstellung kommen tot geborene Babys direkt ins Paradies – ein nicht unwesentlicher “Wettbewerbsvorteil” in Ländern mit hoher Kindersterblichkeitrate. (ORF)

Ein Schelm, wer sich dabei Böses denkt! Viel entscheidender ist die Frage: reichen die magischen Fähigkeiten des Papstes, um die Vorhölle zu schließen? Glauben die lutheranischen Protestanten auch an den Limbus Infantium, und wenn ja: wird ihre Vorhölle dann ohne offizielles Einverständnis mitgeschlossen? Was geschieht mit dem Personal? Kommen jene Vorhöllenteufel, die sich durch besonders liebevolle Betreuung hervortaten, mit in den Himmel? War Satan der Parallelbetrieb von Vor- und Haupthölle auf Dauer wirtschaftlich zu ineffizient, und hat er darum seinen Schergen Benedikt den 16. mit der Abschaffung beauftragt? Liegt die Vorhölle im Inneren der Erde, genauer gesagt in jener Gesteinschicht, die unter dem Namen “Quartär” firmiert und von Geologen abgeschafft werden soll?