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Facebook unnummeriert: Denn Zahlen wollen immer mehr

Facebook ist so sehr zum Teil unseres Surf-Alltags geworden, dass den meisten von uns wohl gar nicht mehr auffällt, wie viele Zahlen und Statistiken ständig präsent sind. Die Likes, Shares, Zahl der Kommentare, Freunde etc. beeinflussen als Metalayer unsere Wahrnehmung, vermutet Benjamin Grosser von der School of Art & Design in Illinois. Für sein Paper What do Metrics want? How Quantification prescribes social interaction on Facebook hat den Facebook Demetricator programmiert.

Dieses Browser-Addon für Firefox, Chrome und Safari tut das, was sein Name vermutet lässt: es verbirgt sämtliche Zahlenspielereien, ändert aber ansonsten nichts an der Funktionalität Facebooks. Als gelernter Medien-Optimist erhofft Herr Grosser nämlich nicht gerade kleinlaut, einen Beitrag zu einer besseren, weil verteilteren Aufmerksamkeitswelt zu leisten:

No longer is the focus on how many friends you have or on how much they like your status, but on who they are and what they said. Friend counts disappear. “16 people like this” becomes “people like this”. Through changes like these, Demetricator invites Facebook’s users to try the system without the numbers, to see how their experience is changed by their absence. Thus, with this open source browser addon I aim to disrupt the prescribed sociality these metrics produce, enabling a network society that isn’t dependent on quantification.

In diesem dreiminütigen Video erklärt der Autor selbst Funktion und Motivation des Facebook Demetricators:

Macht im Testeinsatz wirklich Spaß, denn das ganze funktioniert quasi wie eine umgekehrte kognitive Täuschung: erst wenn die Zahlen mal alle weg sind, merkt man plötzlich, wie viele vorher da waren.

Facebook Metriken

Facebook: Mehr Zahlen als in einem Sudoku. [Screenshot von Benjamin Grosser]

Zurück zu besagtem und wirklich lesenswertem Paper: Grosser bezieht sich darin einerseits auf Theorie-Literatur und wertet andererseits Feedback der Nutzer seiner Software aus. Dabei hat er eine klare Tendenz festgestellt:

Feedback from users of Facebook Demetricator illuminates how metrics activate the “desire for more,” driving users to want more “likes,” more comments, and more friends. Further, the metrics lead users to craft self-imposed rules around the numbers that guide them on how, when, and with whom to interact.

An der Idee, dass die permanente Visualisierung der quantitativen Ebene unser Verhalten beeinflusst und eine Art Dauerwettlauf im Verlangen nach “mehr” in Gang bringt, könnte durchaus was dran sein. Verstärker- und Abschwächungseffekte sind der Kommunikationswissenschaft ja schon lange vor digitalen Medien bekannt, siehe etwa Elisabeth Noelle-Neumanns “Schweigespirale”. Da wäre dann also nicht bloß der gern als “dubios” apostrophierte Social Graph Algorithmus, der ein gewichtiges Auswahl-Wörtchen “mitredet”, sondern auch die permanente Visualisierung, die eine ständig sich nach oben schraubende Norm perpetuiert. Oder, in Grossers Worten:

Through its metrics, Facebook imposes patterns of interaction on us, changing what we say to each other and guiding how we think about each other. Demetricator, through its removal of the metrics, both reveals and eases these prescribed patterns of sociality. It shows us what the metrics want. The metrics want more.

Sind die Facebook-Metriken also tatsächlich eine Art Self-fullfilling-Prophecy? Es gibt nur einen Weg, dies rauszufinden: schalten Sie doch einfach mal eine Woche lang den Demetricator ein und starten Sie den Selbstversuch in Sachen Dequantifizierung.

Facebook ist so sehr zum Teil unseres Surf-Alltags geworden, dass den meisten von uns wohl gar nicht mehr auffällt, wie viele Zahlen und Statistiken ständig präsent sind. Die Likes, Shares, Zahl der Kommentare, Freunde etc. beeinflussen als Metalayer unsere Wahrnehmung, vermutet Benjamin Grosser von der School of Art & Design…

Bewertung

Zielgruppentauglichkeit - 95%
Usability - 100%
Geek-Faktor - 86%

94%

Experimentell!

Ein ungewöhnliches Add-On, das möglicherweise neue Einsichten ins eigene Surfverhalten schafft.

User Rating: Be the first one !
94

Der große Vergleichstest: Deutsche Satiremagazine

riestenbrueste33Sic transit humoria mundi – für meine sechsstündige Fahrt von Wien nach Lienz hatte ich mich mit ausreichend Lesestoff eingedeckt, der in Kombination mit dem vorzüglichen Service der ÖBB (13 von 16 Toiletten im IC “inutilisable” = neuer Rekord, aus einigen Waggons musste letzten Vorhänge entfernt werden, nicht besonders boshafte Naturen behaupten aufgrund von Lausbefall) dann auch für mehr Heiterkeitsausbrüche sorgte als ein ganzes Lach-Yoga-Wochenendseminar. Viel gelacht, viel geweint und noch mehr gelernt: beispielsweise, dass eine einzige Ausgabe Titanic mehr Popverständnis vermittelt als 10 Jahre Spex und dass Brand Eins zwar auch versucht, absurd witzig zu sein, dabei aber längst nicht so postlinks-locker daherkommt die zum ewigen Untergang verdammte Schwesternzeitschrift. Und als ich, vollkommen erschöpft von so wenig überflutender Print-Information zwischen zwei spitzen Entzückensschreien meiner Teenage-Sitznachbarn über gelungene Facebook-Attack-Züge mal kurz wegdämmerte, da vermischten sich die beiden Pamphlete in meinem Traum zum neuen deutschen Witz-Flaggschiff mit Krisen-tauglichem Titel: “Titanenbrand!”

Von der verlässlichen Titanic und meines Lieblingskolumnisten Hans Mentz’ Humorkritik im Brand Eins in der Titanic erwarte ich mir monatlich Großes, immer wieder neu, immer wieder zu Recht. Insofern überraschten die vielen Humor-Highlights in der aktuellen Ausgabe mit der trittsicheren Titel-Alliteration Merkel in der Menopause (aus dem Editorial: “Wie können wir lernen, mit einer Kanzlerin zu leben, die ihre sinnliche Jugendschönheit demnächst verliert?”) mich keineswegs.

Umso mehr verwirrte mich dafür die inhaltlich-strategische Voll-Neuausrichtung von Brand Eins. Frühere sporadische Lesungen plus Peters Beschreibungen hatten mich – die Gründe dafür liegen verborgen im Nebel der Geschichte – glauben machen, es handle sich um ein Wirtschaftsmagazin für nachhaltige Freigeister: arme und bedauernswerte Schizos, deren “Individualismus” sie zwingt, sich möglichst regelkonform zu benehmen, währen deine ungeregelte Lambda-Wahrnehmungsstörung es ihnen verunmöglicht, zwischen Nischen-Mainstream und Divergenz zu unterscheiden. (Nein, nix gegen Veräppel-Rechner. Nur gegen die Begründung, man erwürbe sie, um “anders” zu sein.) Aber ganz im Gegenteil: der Verlag scheint die Sinnlosigkeit gedruckter Wirtschaftsberichterstattung vollinhaltlich eingesehen zu haben, und allein diese Tatsache verdient absatzweise Beachtung.

Was im Brand Eins witzig ist

Eines allerdings sollten sich die Alleinunterhalter aus Hamburg auf die Fahnen schreiben: Satire ist kein Boulevardjournalismus! Falls ein Herr Wolfram Feller (Name von der ds-Redaktion geändert) hypothetisch eine neue Tageszeitung namens “Streich” (Name von der ds-Redaktion erneut geändert) “heraus” “bringt”, mag sich der geneigte Leser nicht unbedingt eine Multitude an Zugängen erwarten. Aber wenn die selbstgewählte-Themenbeschränkung schon einen engen ökonomischen Fokus gebietet, so könnte ein wenig Variation bei der Karikatur-Strategie durchwegs nicht schaden.

Im Gesamtpaket ergibt die extrem überhöhte Kritiklosigkeit jedwedem Sujet gegenüber durchwegs karikativen Mehrwert. Zahnbürsten aus der Schweiz: Genial! Softwareklitschen aus Deutschland: Weltspitze! Traktor-Sharing: Innovationsorgasmus! Letzeres nennt man in Tirol, dem ausgelagertem Silicon Valley der Balkan Region, übrigens seit gut 100 Jahren “Landwirtschaftliche Genossenschaft”. Bei Einzelbetrachtung verlieren die meisten Beiträge hingegen durch das strikte Korsett an Originalität und könnten in manchen, besonders misslungenen Fällen, sogar als ernst gemeint durchgehen – etwa der Bericht über eine Kooperation zwischen zwei Werbeagenturen, die “ausgerechnet in Düsseldorf in Bündnis geschlossen haben”. Solche temporären Zweifel weiß der Themenschwerpunkt aber zum Glück rasch zu zerstreuen: denn das mehrköpfige Team verarscht gekonnt klassische journalistische Zeigefinger-Wissensvermittlung dadurch, dass Plattitüden im Brustton höchster Überzeugung geklopft werden: etwa dass wir uns im Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft befinden und uns vom Gedanken der Vollbeschäftigung verabschieden müssen, wie das “Special Arbeit” erklärt.

Ebenso konsequent wie gestalterisch glücklich erweist sich indes der Totalverzicht auf klassische Cartoons. Ähnlich wie das Gamer-Magazin “PC Action” setzt Brand Eins auf vorerst “normale” Fotos, konterkariert die abgebildeten Motive aber durch herrlich subversiv-schräge Bildunterschriften. Beispiele gefällig? Unter zwei Zahnbürstenbildern: “Für 50 Jahren stellen 200 Mitarbeiter bei Trisa 50.000 Zahnbürsten her… …heute schaffen viermal so viele Mitarbeiter zwanzigmal so viele Zahnbürsten.” (Ob zu produzieren, zu verbrauchen oder als Füllmaterial für diverse körpernahe Guinness-Weltrekordversuche bleibt dabei ganz der Fantasie des Lesers überlassen.) Oder mein Favorit aus einem langen Textelaborat, in dem erklärt wird, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer Arbeit und Kinder unter einen Hut bekommen (letztere aber nicht bekommen) können: “Der Berater: Markus Leibundgut arbeitete zweieinhalb Jahre mittwochs nicht.” (Beneidenswert! Ich nehme an, von Donnerstag bis Dienstag waren die Kinder bei Reini zu Besuch, denn: “Der Ingenieur. Reiner Hohl konzentriert sich auf das Wesentliche.”

Zur Neuausrichtung kann man Brand Eins, der zukünftigen Nummer zwei unter den deutschen Satiremagazinen, echt – aber auch ganz echt – nur gratulieren! Ernst gemeinter Wirtschaftsjournalismus könnte sich Artikeluntertitel wie “Die USA sind viel mehr als Coca Cola, IBM und Microsoft” oder “Putzen gilt als minderwertige Arbeit. Dass sie weit mehr sein kann, zeigt ein Besuch bei der Frankfurter Wisag” (hat Redakteur Matthias Hannemann dort etwa die Büros gereinigt?) schlichtweg nicht leisten. Der Verzicht auf faktenbasierten, innovativen Realjournalismus räumt dem schreibenden Personal völlig neue Freiheitsgrade ein – nur besonders bösartige Beobachter würden behaupten, dass bei den steigenden Kosten für “richtige” Contentproduzenten der Verlag gar keine andere Wahl gehabt hätte. Und perfekter als der letzte Satz auf der letzten Seite 134 von Heft 09 des 11. Jahrgangs könnte ich das neue Selbstverständnis auch nicht subsummieren:

Eine Zusammenstellung aus 20 internationalen Wässern von Wasserdepot hat gewonnen: Angelika Tschuri, Gersthofen.

datenschmutz gratuliert recht herzlich und versteht jetzt endlich, warum der Durchschnittsbobo, der sich über jeden Einbruch anarchischer Freude in sein sonst so kommunistisch-streng geregeltes Hedonistenleben freut, Brand Eins so gern mag.

Was in der Titanic nicht witzig ist

So viel wie über die B1 kann ich über die auf den Äckern des Humors weitaus arriviertere Titanic nicht sagen. Aber dass ich den Großteil meines politischen aktuellen Halbwissens aus einem dedizierten Satire-Magazin beziehe, spricht nun mal nicht für den deutschen Qualitätsjournalismus.

Das mag aber durchwegs an der Multitude der Zugänge und Themenfelder liegen: bereits auf den ersten Seiten werden Steinmeiers Vollbeschäftigungspläne, Minus-Milieus (“Retrophile Oligarchen, traditionsbewusste Absteiger, Metanormale) erklärt und die Doppelrolle von Vera Lengsfelds Brüsten im SPD-Wahlkampf thematisiert, aber angenehmerweise nie restlos erklärt. Dabei fallen durchwegs thematische Überschneidungen auf: wo Brand Eins sich für Zahnbürstenbauer aus der Schweiz begeistert, stellt Titanic den im dräuenden Lichte des kommenden Verbots wieder stärker nachgefragten Job des Glühlampenreparateurs vor. Um zu bemerken, dass man es hier mit dem wesentlich arrivierteren Satire-Magazin zu tun hat, braucht es allerdings gar keine “redaktionellen Inhalte” – die Zuschriften von Leser enthalten unverzichtbare Tipps für moderne Netizens:

Bei vielen jungen Menschen ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, potentielle Sexualpartner vor dem ersten Treffen zu googeln, um herauszufinden, mit wem sie es da eigentlich zu tun haben. Das klingt erst mal vernünftig, aber man sollte sich nicht zu sehr darauf verlassen: Nicht jeder, der obskure Freunde, perverse Hobbys und ein Vorstrafenregister von hier bis Hamburg-Harburg hat, ist automatisch ein cooler Typ. Cornelia Röser

Und während Brand Eins noch von Ende der Industriegesellschaft redet, beschäftigt den durchschnittlichen Titanic-Leser schon präventives Online-Reputation-Management:

Neulich zusammen mit meiner Freundin im Online-Sexshop bestellt. Als ich das Gleitgel in den Warenkorb klicke, sagt sie: “Nee, da steht ja ‘anal’ drauf. Nimm das normale, wenn das jemand sieht, was soll der denn denken.” Christian Martin

Überhaupt ist Titanic meiner persönliches Lebenswelt viel näher. Speziell die Bastel-Seite reizt das unterschätzte Medium Papier bis an die Grenze aus, etwa mit Antwort-Karten für diesen lächerlichen Berghain-Türsteher in Berlin, der mich auch partout nicht reinlassen wollte, obwohl ich mit zwei *sehr* hübschen Mädels hartnäckig wie weiland die heilige Familie Einlass begehrte. (Übrigens ein singuläres Erlebnis in meiner Clubkarriere, aber um nichts undemütigender.) Mit diesen Kärtchen in der Geldtasche hätte ich reagieren können, so ging’s mir wie den meisten Besuchern: ich musste einfach nur über seine unglaublich bescheuert aussehende, überpiercte Clownmaske von einem Gesicht lachen, und das hat ihm wohl nicht gefallen.

Überhaupt fällt auf, dass Brand Eins kein einziges, Titanic dafür gleich ein ganzes Genrebündel an Zeitschriften ersetzt, mindestens aber TV-Media (“Hallo, ich bin der Junge, der immer pfurzen muss, wenn er was wissen will.”), die Computerwelt (“E-Mails weder mit ‘Hallo’ beginnen noch mit “‘Heil Hitler’ unterschreiben”) und the gap (“Nie zuvor hat sich die Aufnahmetechnik so wenig weiterentwickelt wie im letzten Jahrzehnt. Es spricht einiges, jedoch nicht alles dafür, dass Popmusik ein weitgehend abgeschlossenes Kapitel ist.”) Ohnehin unterstelle ich dem Redaktionsteam, dass es die Titanic genau wie wir seinerzeit the gap lediglich aus Eigeninteresse gegründet hat, wenn auch zu einem deutlich späteren Lebensabschnitt. Denn irgendwann, hoffentlich deutlich vor der Pensionierung, fühlen sich die meisten schlagartig zu alt, um über manche Themen noch ernsthaft schreiben können zu wollen. Sollte diese These zu gewagt erscheinen, empfehle ich die genaue Lektüre von “Born to be wild”, einem Feature über die Zeitschrift des “Deutschen Rock & Pop Musikverbandes e.V.”. Ein Meisterwerk der Realsatire, das in dieser Form in keinem “kritischen” Musikmag abgedruckt werden könnte.

Fazit: Was kann Brand Eins also von der Titanic lernen? Aus dem Stand heraus ein Medienprodukt für einen Markt zu lancieren, der von einem alt-eingesessenen Konkurrenten schon längst perfekt bedient wird (siehe etwa die Boulevard-Schlacht zwischen “Österreich” und “Der Standard”), ist schwierig und erfordert ein genaues Austarieren bekannter Erfolgsrezepte und Distinktionskriterien. Ihr seid auf dem richtigen Weg, Brand Eins, keine Frage – doch zu vieles wiederholt sich. Nur, weil beide Adjektive mit dem gleichen Wort beginnen, heißt “lustig schreiben” nämlich nicht automatisch “lange schreiben”. Also traut euch ruhig mal, auch eine kürzere Ausgabe zu produzieren, und dann geht sich vielleicht sogar mal ein aufwendige(re)s Layout aus.

In Deutschland haben wir sensationelle Verkaufszahlen

Soeben lief auf ATV eine nicht nur in Kärnten gespannt verfolgte Doku über Jörg Haider. Die ließ relativ wenig Fragen zur Methodik und Vorgehensweise des österreichischen Rechtsaußen-Politiker Popstars offen. Wirklich gut gemacht – Respekt ans Redaktionsteam! Was noch zu sagen wäre: mir drängen sich Vergleiche mit Felix Mitterer auf, wenngleich nach rein formalen Kriterien.

Denn als seinerzeit die großartige mehrteilige Piefke-Saga besagten Autors erstausgestrahlt wurde, brachte der ORF im Anschluss an den finalen Teil eine Live-Diskussion zwischen Politikern, Grünen, Tiroler Schützen und anderen Weirdos – besagte Sendung galt fortan als informeller fünfter Teil des legendären Fernsehdramas. Und gerade eben diskutieren die grandiose Anneliese Rohrer, der Kabarettist Florian Scheuba und der Unbeschreibliche (und das ist, nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, in *keinster* Weise positiv gemeint) Ewald Stadler mit Silvia Saringer über Werk und Wirken des Kärntner Polittalents. Herr Stadler ließ sich in Replik auf eine scharfzüngige Analyse von Frau Rohrer, die es traurig fand, dass der Jörgl, ginge nicht gerade jetzt der Kärntner Wahlkampf über die Bühne, kaum eine Erwähnung fände, zu folgender Aussage hinreißen: “In Deutschland haben wir sensationelle Verkaufszahlen.” Er referenzierte mit seiner Wortmeldung eine CD des verunfallten Landeshauptmannes, auf der jener Kärntner Volkslieder intoniert. Ein Schelm, wer Parallelitäten zu Starmania “Mastermind” und Universal Österreich “Managing” Director Hannes Eder sieht.

Ja. Wirklich. Man ist Österreicher, in meinem Fall seit 32 Jahren. Man weiß, dass man in den Outskirts Europas lebt, quasi in einer irgendwie Deutschland zugehörigen Übersee-Kolonie, bloß ohne See. Man hat so einiges an Sado-Maso Staatskultur internalisiert, ist daran gewöhnt, dass hierzulande Provinzialität als Originalität hochstilisiert wird und glaubt am Ende irgendwann sogar noch, dass all die Scheiße ganz normal riecht – denn olfaktorisch nehmen wir bloß Differenzen wahr, Gnade der Evolution oder Gottes, je nach persönlicher Präferenz. Aber in kurzen Momenten weht dann ein frischer Wind, der wieder ungewollte Wahrnehmung ermöglicht. Danke Ewald. You gave me a bitter laugh.

Elevate 08: Commons, soweit das Auge blickt

Elevate Festival 2008Das Elevate Festival gehört zu meinen Top-Favoriten unter Festivals, weil die wenigsten Veranstalter mehrtätiger elektronischer Tanzmusiken sich die Mühe machen, intensiv über den kommerziellen Tellerrand hinaus zu blicken. Das war beim Elevate von Beginn an diametral anders: neben den Big Names fanden am Dancefloor stets hochinteressante Exoten ihren Bühnenplatz, zugleich nehmen das nicht-nächtliche Workshop-Geschehen und die reflexive Ebene eine angenehm wichtige Stellung ein. Etliche Highlights der dritten Auflage, die in diesem Jahr unter dem Motto “Commons” (Gemeingüter) steht, sind bereits fixiert, nähere Details zum Programm finden Festival-Reisende auf Elevate.at. Ich habe das Organisationsteam des Festivals befragt, was den Event, der rund um den Grazer Schlossberg angesiedelt ist, von der “Konkurrenz” unterscheidet.

Dass darunter der Partyfaktor leidet, muss niemand befürchten, ganz im Gegenteil: während beim Spring Festival – zumindest für meinen Geschmack – etliche Lückenfüller und eher rückwärtsgewandte Acts am Start waren, beginnen meine Tanzbeine schon beim Blick aufs diesjährige Line-Up zu zucken: DJ Spooky wird sowohl einen Workshop abhalten als auch den Dancefloor rocken (auf das Interview, sozusagen eine “Fortsetzung” unserer ersten Unterhaltung in Linz, freu ich mich schon sehr), und wenn ich schon Senor Coconut gleich zweimal verpasst habe, so werd ich beim Elevate endlich mal Mr. Atomheart spielen hören. Außerdem hat mich Simon zu einem Commons-Workshop eingeladen – da ich das Elevate im letzten Jahr ja leider grippe-halber verpasst hab, freu ich mich umso mehr auf die 2k8er Auflage. Und dass der Dom im Berg meine österreichische Lieblings-Location ist, hab ich an dieser Stelle sowieso schon mehrmals erwähnt.

Zeit und Ort: elevate Festival, 5.-9. November, in und rund um den Grazer Schlossberg
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Interview mit den Elevate-Machern

datenschmutz: Was unterscheidet das Elevate-Festival von anderen Parties mit elektronischer Tanzmusik, z.B. dem Spring Festival in Graz?

Elevate-Team: Das Elevate Festival unterscheidet sich wesentlich von anderen Festivals, allein schon durch die besondere Kombination aus Musik und Kunst mit politischem Diskurs, die aus unserer Sicht als einzigartig zu bezeichnen ist. Dass Elevate sich auch musikalisch stark von anderen Festivals unterscheidet, liegt vor allem auch an unserem eigenen Anspruch und unserem Interesse, zum Teil wenig massentaugliche, dafür umso interessantere Musik in der intimen Atmosphäre einzelner Clubnächte / Konzerte zu präsentieren, Qualität statt Quantität ist da unsere Devise.

?: Die Spaß-Rave-Kultur hat ihren Zenit überschritten, digital Culture beschränkt sich längst nicht mehr bloß auf das Thema Musikproduktion. Wie geht man als Festivalveranstalter mit dieser Situation um?

Dom im Berg!: Wir thematisieren es! Das Elevate Festival 2008 setzt sich (wie auch schon in den Jahren zuvor) mit politischen Inhalten auseinander, die oft auch eine Schnittstelle zum Thema Kunst und Musik bilden. Ob digitales Videostreaming und freie Medien im Jahr 2006 oder freie Netzwerke und open-source Softwareentwicklung im Jahr 2007 – Elevate hat und hatte immer auch einen starken Fokus auf Technologie. 2008 ist die Verschränkung von Musik, Kunst und dem diskursiven Bereich so eng wie nie, denn Commons sind überall – siehe z.B. Creative Commons.

?: Gibt es aufs Elevate Festival ausreichend mediale Resonanz, oder beschränkt sich die Wahrnehmung der Mainstream-Medien nach wie vor auf die ars electronica?

!: MedienpartnerInnen wie die Kleine Zeitung, ORF, Falter, FM4 und The Gap zeigen, dass das Elevate Festival eine sehr positive Resonanz bekommt, Tendenz steigend!

?: Was sind eure Erwartungen ans Festival? Oder anders gefragt: was sollen Besucher des Elevate nach dem Festival mit nachhause nehmen?

!: BesucherInnen des Festivals sollen auf positive Weise motiviert werden, sich mit den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Heuer wollen wir das Bewusstsein für “Commons”, also Gemeingüter schärfen und die Wichtigkeit des aktuellen Diskurses klar machen. Was den musikalischen Teil des Programms betrifft, ist es uns ein großes Anliegen, neue KünstlerInnen und Strömungen abseits des Mainstreams zu präsentieren, auch eine direkte Miteinbeziehung der lokalen und nationalen Musikszene ist uns wichtig.

?: Was sind eure persönlichen Highlights im diesjährigen Line-Up?

!: Fans experimenteller Gitarrenmusik und Noise sei die von DJ Scotch Egg kuratierte Bühne in der Uhrturmkasmatte am Festival- Freitag wärmstens empfohlen. Persönlich freuen wir uns auf die Mischung aus alten Helden wie Felix Kubin, Atom Heart, DJ Spooky und Scorn mit interessanten Newcomern á la Fuck Buttons, Danton Eeprom, Rustie, Deadbeat sowie heimischen Talenten wie Dorian Concept, Clara Moto und vielen mehr. Generell denken wir, dass Elevate auch heuer wieder ein spannendes Programm mit sehr vielen Highlights und Überraschungen bereithält!

Sprach.Splitting: von GeschlechterInnen-DifferenzInnen

binnen-iIm Englischen hätten wir dieses Problemchen nicht, eh klar: aber die Tschörmän Flexion zieht überall einen Geschlechtslayer ein und unterscheidet etwa zwischen Schornsteinfeger und Schornsteinfegerin. Weil Sprache ein wesentlicher Teil der Weltwahrnehmung ist, fordern Femis schon lange eine inklusive Form, und weil die permanente Doppel-Aufzählung suckt, erblickte das sogenannte Binnen-I (SchornsteinfegerIn) das Licht der Welt.

Denn Sexismen seien tief in der Sprache verwurzelt, so die Befürworterinnen. Diese Sichtweise stößt aber auch bei vielen Ladies auf wenig Begeisterung; das sogenannte “Binnen-I” mache Texte schwerer lesbar und “hässlicher”, ist ein oft gehörtes Argument, dass die wahren Probleme anderswo lägen ein weiteres.

Ich bin ja ein Kind der linken Uni-Sozialisation, wo die Kategorie Gender schon vor Jahren das biologische Geschlecht – zumindest nach dem Willen der ProtagonistInnen – ersetzt haben sollte. Im journalistischen Bereich (außer vielleicht beim Standard, dort habe ich nie gearbeitet) ist das Binnen-I in .at meist unerwünscht, hier auf datenschmutz habe ich ja die Freiheit, selbst zu entscheiden. Bislang habe ich den eingeschobenen Großbuchstaben hier am Blog immer verwendet, aber inzwischen geht’s mir damit wie mit manchen Lebensmitteln, die man früher gern mochte, und die einem plötzlich gar nicht mehr schmecken.

Von meiner hochgeschätzten LeserInnenSchaft habe ich außerdem sporadisch Feedback zum Binnen-I erhalten, und zwar ausschließlich negatives… Und als Bernd mir letztens das Binnen-I be gone Plugin für Firefox zeigte, kam ein langer Nachdenkprozess zu einem rapiden Ende: kein Binnen-I mehr auf datenschmutz.

Falls jemand Lust hast, einen reverses Plugin zu schreiben (Binnen-I come in), kann sie oder das ja gerne tun: da für die meisten Readers (haha, ausgetrickst) aber die Split-Form wohl eine permanente Annoyance darstellt, beuge ich mich gern den Wünschen meiner Leserschar und spreche die magische Formel:

Lirum larum literarischer Stil /
weil das Binnen-I Ihnen nicht gefiel /
nimmt’s der Trainer aus dem Spiel.

Ich hätte ja vermutet, dass man sich irgendwann so sehr dran gewöhnt hat, dass früher oder später eher das fehlende I den Lesefluss stört… aber für Nicht-Muttersprachler erhöht es gewiss die Schwierigkeit. Und deshalb gibt’s hier zukünftig kein Binnen-I mehr, sondern gelegentliche Aufzählung beider Formen. Tja, liebe Leserinnen und Leser – soviel Zeit muss sein!

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Blogvorstellung und Interview: Harald-Dvorak.at

haralddvorak1Kennen gelernt habe ich Harald zwar in der Virtualität der Blogosphäre, allerdings sind wir auch in der physischen Welt Wiens Bezirksnachbarn und haben den Kontakt ins First Life ausgeweitet. Auf seinem Blog schreibt der “ehemalige” Naturwissenschaftler über seine berufliche Tätigkeit, und die finde ich ausgesprochen spannend: Harald arbeitet als hyno-systemischer Coach und bietet sehr spannende Seminare an, etwa zum Thema Die Macht der Sprache. In seinem Weblog präsentiert er seine Erkenntnisse aus der systemischen Ausbildung in ungewöhnlichen Postings, die überdurchschnittlich häufig Denkanstöße geben.

Mit Haralds Grund-Hypothese, dass Gedanken – oder besser gesagt unsere Absicht – in einem bestimmten Ausmaß unsere “Realität” formen, stimme ich vollkommen überein. Dass schwindlige Esoteriker aufgrund dieser simplen Tatsache gutgläubigen Erlösungssuchern leichtverkäufliche Mantras andrehen, steht auf einem anderen Blatt: tatsächlich ist es kaum zu glauben, wie unglaublich schwierig es ist, “volle Kontrolle” über die eigene Absicht zu erlangen; da haben allerdings andere Autoren recht vernünftige Dinge drüber geschrieben, die ich an dieser Stelle nicht wiederkäuen möchte. Unter systemischer Beratung können sich aber viele datenschmutz LeserInnen vermutlich nichts Konkretes vorstellen, und wozu Hypnose abseits der Bühne dienen kann, gehört auch nicht gerade zum Allgemeinwissen: also lauter gute Gründe, um mit Harald ein Interview zu führen – über Feedback und Meinungen dazu freu ich mich diesmal ganz besonders!

Interview mit Harald Dvorak, systemischer Coach

datenschmutz: Du hast ein Berufsfeld gewählt, unter dem sich viele potentielle Klienten wenig vorstellen können – welche Form der Beratung bietest du an?

Harald Dvorak: Ich biete Beratung für Menschen aus Technik und Wirtschaft in Form von (Hypno- )systemischem Coaching und (Hypno-)systemischer Psychosozialer Beratung an. Zudem bin ich als Seminarleiter und Trainer in verschiedenen Kontexten tätig. Meine Schwerpunkte sind hier Interdisziplinäre Kommunikation (z.B. zwischen TechnikerInnen und Nicht-TechnikerInnen) und Manipulation und Beeinflussung in der Kommunikation.
Ein wesentlicher Beratungsbestandteil ist die konstruktive und systematische Veränderung von als problematisch oder schwierig empfundenem Erleben des Klienten durch den Klienten. Hypnosystemische Beratung bedeutet auch ein systemisches Arbeiten mit unwillkürlichen Prozessen, um diese mit willentlichen Prozessen in optimale Kooperation zu bringen – also der Umgang mit einem: “Ich will, aber “ES” geht nicht”.

?: Auf welchen Grundprämissen beruht die Systemische Beratung?

Harald Dvorak!: In der Systemischen Beratung werden Probleme nicht als linear kausal (d.h. Ursache und Wirkung) angesehen, sondern einer zirkulären Betrachtung unterzogen. Systemische Beratung betrachtet demnach eine Person in Ihrem Umfeld und den Wechselwirkungen zwischen ihr und diesem Umfeld. Das persönliche Erleben einer Person wird bestimmt durch die Beziehung zwischen der Person und dem beobachteten Umfeld. Oder anders formuliert: Die Beziehung zwischen einem Beobachter und dem Beobachteten bestimmt das persönliche Erleben – nicht das Beobachtete selbst. Realität wird nicht als objektiv existierend aufgefasst, sondern als soziale Konstruktion der beteiligten Beobachter angesehen.
In der Hypnosystemische Beratung sind die Ansätze der klassischen Hypnotherapie nach Milton Erickson mit jenen der klassischen systemischen Beratung und Therapie vereint. In der Hypnosystemischen Beratung geht man davon aus, dass Probleme durch eine eingeschränkte Wahrnehmung – eine Problemfokussierungstrance – selbsthypnotisch erzeugt werden. Im Zuge der Beratung wird auf Ressourcen, Kompetenzen und Lösungen fokussiert, um das Gegenteil – eine Lösungstrance – zu erreichen. Der Wahrnehmungsfokus des Klienten wird konstruktiv erweitert und dadurch sein Handlungsspielraum vergrößert.

?: Was sind die Spezifika psychosozialer Beratung, und wer sollte sie in Anspruch nehmen?

!: Psychosoziale Beratung bietet professionelle Unterstützung in Problem- Entscheidungs- und Krisensituationen. Die klassischen Schwerpunkte sind Begleitung, Betreuung und Beratung in Fragen der Berufs- und/oder Lebensgestaltung, die Bewältigung von Übergangssituationen (Veränderung) und die Klärung von persönlichen Entscheidungen.
Im Teilbereich Coaching geht es um Reflektion und Stärkung der persönlichen Führungsrolle, die effiziente Zielerreichung eines persönlichen Ziels im beruflichen Umfeld, die Vorbereitung auf schwierige Gesprächssituationen oder der Umgang mit Konflikten im beruflichen Umfeld.

?: Du beschäftigst auch schon längere Zeit mit Hypnose – ein Phänomen, das auf der Bühne gerne als Showeffekt eingesetzt wird. Allerdings wird Hypnose schon jahrelang klinisch verwendet – worauf beruht deiner Erfahrung nach Hypnose und wie kann sie eingesetzt werden?

!: Gute Frage! Nur wie sag ich’s kurz? ;) Hypnose ist durchaus ein spannendes Thema, welches meiner Ansicht nach übermystifiziert wird. Einen entsprechenden Beitrag dazu liefern u.a. auch sogenannte Bühnen- oder Showhypnotiseure. Letztere profitieren im Zuge ihrer Show u.a. von Erwartungshaltung und Gruppendruck der Teilnehmer.
Hypnose ist ein Verfahren, welches den Aufmerksamkeitsfokus konzentriert (verengt) und ausrichtet (z.B. in klassischen Hypnoseverfahren nach Innen). Dieser Zustand ist, meist durch leichte bis mittlere Entspannung begleitet, als Trance bekannt. Trance ist niemandem fremd – tagtäglich finden wir uns in diesem Zustand in unterschiedlichen Ausprägungen wieder, z.B. in Gesprächen, denen wir konzentriert folgen, am Abend vor dem Fernseher (darum sind die Werbungen vor den Abendnachrichten so teuer), beim Tagträumen, in Flow-Zuständen, beim Autobahnfahren etc. Diese Zustände nennt man Alltagstrancen. Kennzeichen: umso tiefer die Trance ist, desto geringer sind die bewussten (kritischen) Anteile und desto höher ist die Suggestibilität – also die Bereitschaft des Klienten, Suggestionen des Hypnotiseurs anzunehmen.
Hypnose unterstützt das Arbeiten mit unwillkürlichen Prozessen. Das sind Prozesse, auf die wir willentlich nur bedingt Einfluss haben (z.B. zittern, schwitzen, Durchblutung, etc.). Hypnose ist KEIN Verfahren, wo man seine Seele zum Service dem Seelenmechaniker übergibt und dann wieder abholt, wenn alle Problemchen beseitigt sind! Auch hier gilt, wie übrigens in jeder Form der Beratung, das Prinzip der Selbstverantwortung.
Ich persönlich arbeite zum überwiegenden Anteil mit Gesprächstrancen. Die zentrale Frage nach einer Methode ist immer das “Wofür”. Es muss ja nicht immer der Vorschlaghammer zur Fliegenjagd sein ;) Hypnose ist nur ein Zugang unter vielen und kein Allheilmittel. Vielleicht blogge ich demnächst ja noch ergänzend was zu dem Thema. Mich reizt schon seit geraumer Zeit der Gedanke, ein eintägiges Praxisseminar zu veranstalten zum Thema “Wirklichkeitskonstruktion im Alltagserleben”, vielleicht mit dem Titel “Alltagserleben wirksam beeinflussen” oder so ähnlich. Da könnte Hypnose durchaus eine Rolle spielen. Wenn sich genügend Interessierte finden, bin ich auch für individuelle Themen zu haben… ;)

!: Was war für dich der entscheidende Grund, dich als Coach selbständig zu machen?

?: Dazu gibt’s in einem meiner bisherigen Beiträge schon was – ich bin gerne Techniker und erlebe in diesem Bereich auch heute noch genügend Herausforderungen. Nachdem ich schon immer als selbständiger Unternehmer wirksam sein wollte, war die Frage nach dem WIE lange Zeit zentral. Da war eine fundierte technische Ausbildung auf der einen Seite und ein großes und wachsendes Interesse an der psychologischen Natur des Menschen auf der anderen. Daraus ist die Idee entstanden, die beiden nur scheinbar so weit voneinander entfernten Themenbereiche zu verbinden. Die Bausteine dafür enthält mein Angebot in den Bereichen Coaching, Consulting, Training und Seminare.
Das Arbeiten mit Menschen in Seminaren, Trainings und in der Beratung macht mir sehr viel Freude und sorgt für eine große Anzahl an Flow-Erlebnissen. So lange das so bleibt, werde ich in diesen Bereichen tätig sein.

Mehr zum Thema (hypno)systemische Beratung und Coaching: http://blog.harald-dvorak.at/

Twitter und die Feedbackschleife

Gruppendynamik, Systemtheorie, Sprachgestus, Eigenwahrnehmung, Verhaltensanalyse, Typenzuordnung, Kommunikationsquotient, emotionale Intelligenz, Selbst- und Fremdbild… sind die Arbeitsfelder von Kommunikationsberatern unterschiedlichster Couleur. Eine breite Skala zwischen dem jämmerlichen NLP und spaßigen Outdoor-Kletterübungen schult und sensibilisiert, wird aber per sofort überrollt vom Twitter Quotienten: denn der stellt völlig “unbiased”, frei von jeglichem kulturellen Background und allfälligen Animositäten, eine erschreckend schonungslose Diagnose.

Microblogging liefert nämlich nicht nur 140 Zeichen, sondern auch die volle Persönlichkeitsanalyse, wie ich von Metty (natürlich aus einem tweet) erfahren habe. Und die deprimierende Wahrheit folgte auch gleich auf den Fuß: Max wird weniger gehasst als ich, weil und er twittert viel häufiger. Allerdings ist er auch dran schuld, dass Twitter so häufig down ist:

twitter-index

PS: Das Favorite-Concept halt ich für überschätzt… aber der schlechteste Trafficbringer ist Twitter nicht gerade….

Buchtipp: Anleitung zum Subversivsein

subversionenTrifft die Politik die Ästhetik und fragt: was für ein Verhältnis haben wir eigentlich? Ein subversives, versichern die AutorInnen eines brandneuen und ausgesprochen erfrischenden Sammelbandes zum gleichnamigen Thema. Den HerausgeberInnen Thomas Ernst, Patricia Gozalbez Cantóm, Sebastian Richter, Nadja Sennewald und Julia Tieke ist es gelungen, ein vielschichtiges Bild eines schwer fassbaren, aber zentralen Konzepts einer Weltwahrnehmungsweise des 20. Jahrhunderts zu zeichnen. Neben den Beiträgen der einzelnen AutorInnen enthält der Sammelband die Transkription einer Diskussion mit dem Titel “Aber ich würde es nicht machen, wenn ich nicht glauben würde, dass es funktioniert” und Armin Chodzinskis Fotozyklus “Von der Sehnsucht nach Widerständigkeit”.

Mein Überblick über aktuelle politische wie ästhetische Literatur ist ein enden wollender – aufmerksam gemacht auf das Buch hat mich Kollege Mirko, der seit einigen Semestern in Utrecht alle möglichen Mensch/Maschine/Kunst Interaktionen beforscht und -schreibt. Gemeinsam mit Hans Bernhard hat er für den vorliegenden Band den Beitrag “Subversion ist Schnellbeton” geschrieben, der sich mit der Ambivalenz respektive hochfrequenten Aneignung subversiver Strategien durch jene Strukturen, die eigentlich bloßgelegt werden sollen, beschäftigt – der Artikel ist auf Mirkos Homepage auch online verfügbar. (In der Tat ist dies wohl die zentrale Frage in der Bewertung jeglicher Alternative zu ultra-liberalem Turbokapitalismus. Denn kein anderes System war jemals so effektiv darin, jegliche strukturelle Form der Kritik zum adaptieren, implementieren und damit letztlich völlig zu entkräften.)

Ich habe das Buch vor einigen Wochen erhalten und noch nicht alle Beiträge gelesen – doch bereits jetzt, zur “Halbzeit”, gehört das Kompendium zu meinen Lieblings-Readern der jüngeren Vergangenheit. Einen Teil tragen auch die sehr gelungene Aufmachung und das Layout des Buches bei – in der Fußzeile findet sich, fortlaufend gedruckt, übrigens ein “Bonustext”, nämlich Florian Neuners “Was tun wenn’s brennt / Aussageverweigerung / Wahl der Mittel”. Sehr gelungen finde ich die Zusammenstellung sowie die Art und Weise der thematischen Annäherung: hier wird gar nicht erst versucht, in irgendeiner Weise Subversion dogmatisch zu definieren, stattdessen arbeitet das Herausgebertrio ganz bewusst mit einer Multiplizität der Zugänge, die sich auch im Aufbau des Buches widerspiegeln. Nach einem einleitenden Teil, der sich mit Geschichte, Strategie und Wirkung des Begriffs auseinandersetzt, folgt die weitere Einteilung spezifischen Zugängen der unterschiedlichen “schönen Künste”: Beleuchtet wird das Phänomen Subversion in Literatur, Theater, Fotografie, Film und Fernsehen sowie in der Bildenden Kunst und Mode. Ob Lumpendesign im Modekontext oder unmögliche Perspektiven im Kino dank Computertechnologie: schnell wird deutlich, dass Subversion keine fixen Rezepte kennen kann, da sie stets von einem bestimmten zeitlichen Spannungsfeld getragen ihre “Wirkung” nach immer kürzerer Zeit verlieren. Soweit in diesem Kontext Verallgemeinerungen überhaupt möglich sind, versucht sie Mark Terkessidis in seinem einleitenden Text “Karma Chamäleon. Unverbindliche Richtlinien für die Anwendung von subversiven Taktiken früher und heute.” Gemeinsam scheint allen subversiven Strategien jedenfalls die Einsicht, dass eine Kritik am System aus dem System heraus sich in einer paradoxen Münchhausen’schen Situation befindet: aber vielleicht kann man sich ja doch an den eigenen Haaren aus dem Sumpf herausziehen – denn die Ästhetik wiegt bekanntlich weniger als ein Vogerl.

Warum wird ein Weblog betrieben?

ipmzDiese Frage stellte sich bzw. 200 Weblog-AutorInnen das Züricher Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung von Jänner bis April dieses Jahres. Ich habe an der Umfrage teilgenommen und vor einigen Tagen die, wie ich finde, sehr interessanten Ergebnisse zugeschickt bekommen. Insgesamt gaben 327 Personen Auskunft über ihre (sinistren?) Motive, das Durchschnittsalter des zu 79% männlichen Sample lag bei 32,5 Jahren, 74% der befragten BloggerInnen haben Matura und/oder Hochschulabschluss, 62,3 Prozent leben in einer festen Partnerschaft. Rund drei Viertel bloggen privat, knapp 20% beruflich und 8% ehrenamtlich. Die Forschungsziele der Untersuchung waren wie folgt definiert:

Ziel der Untersuchung war herauszufinden, aus welchen Gründen ein Weblog betrieben wird und wie die konkreten Nutzungsweisen aussehen. Zudem interessierte die Selbstdarstellung, die Authentizität sowie die Community-Wahrnehmung von Weblog-AutorInnen.

Wenig überraschend: Politik und Zeitgeschehen, Technik, Forschung/Bildung/Wissen und Medien sind die beliebtesten Themen, bloß 1/3 der Befragten nutzt das Blog vorwiegend, um die eigene Person zu schreiben. Primäres Motiv ist der Austausch mit anderen sowie die Vergewisserung der eigenen Existenz aka Identitätsmotiv. Eskapismus, soziale Integration und Unterhaltung spielen ebenfalls eine Rolle für die Motivation. Ebenfalls nicht ganz unerwartet ist folgendes Zitat aus Abschnitt “Authentizität”:

Während die Häufigkeit des Bloggens keinen Einfluss auf die Authentizität hat, wirkt sich die Suche nach Weblog-Kontakten tatsächlich positiv auf die Authentizität beim Bloggen aus: Je stärker das Interesse der Befragten an neuen Kontakten ist, desto authentischer stellen sie sich dar. Gleichzeitig fühlen sie sich auch mehr mit der Weblog-Community verbunden.

Die Leitung der Studie oblag lic.phil. Ursina Mögerle am IPMZ, hier die komplette Zusammenfassung zum Download:

Ergebnisbericht zur Befragung von Weblog-AutorInnen

Rate.it erfragt die Zukunft der Blogosphäre

state of blogistanNic Gunkel, einer der jüngeren Einwohner Blogistans, erhebt auf seiner Seite Rate-It die Zukunft der deutschen Blogosphäre und hat dazu drei Fragen an alle Blogger geschickt, die in der Top 100 Liste vertreten sind. Auf seinem Blog schreibt er dazu:

Ich behaupte mal, dass jeder Blogger eine Meinung zu diesem Thema hat – egal ob sie pessimistisch oder eher optimistisch angehaucht ist. Diese Ausgangsposition ist doch prima! In den Fragen, die ich den Bloggern stelle, möchte ich eine kurze Situationsbestimmung der Blogosphäre in Deutschland durchführen und die Chancen der deutschen Blogs ansprechen.

Ich bin überzeugt, dass man nur gemeinsam etwas verbessern kann. Und Voraussetzung für die Zusammenarbeit ist der Austausch von persönlichen Einschätzungen.

Beiden Behauptungen kann ich mich nur vollinhaltlich anschließen – und ich bin gespannt auf die Auswertung der momentanen “Positionsbestimmung”. In der letzten Zeit habe ich mir regelmäßig Gedanken gemacht zum Thema “State of .de/.at/.ch-Blogistan – also auf zur Beantwortung der drei Fragen:

1. Glaubst du, dass die deutsche Blogosphäre im internationalen Vergleich zurückhinkt ? (Damit spreche ich zum einem das rivalisierende Verhältnis zwischen den Bloggern und den traditionellen Medien in Deutschland an. Desweiteren spiele ich auf den toleranteren Umgang von Selbstvermarktung und Werbung auf dem eigenen Blog an, wie er beispielsweise in den USA populär ist.)

Ich glaube, dass hier mehrere Faktoren eine Rolle spielen: generell hinkt der deutsche Sprachraum (oder besser gesagt Europa) den USA in punkto Internet-Usage um locker 2 Jahre hinterher. Nicht auf technologischer Ebene, sondern von der Art und Weise der alltäglichen Verwendung her: während (thematisch) Blogs in den USA mittlerweile fester Bestandteil des Media-Mix sind, kann man sie in Europa durchaus noch zu Recht als Nischenmedien bezeichnen. Die Innen-Wahrnehmung mag für Blogger eine andere sein, aber die absoluten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Aber diese Situation wird sich in den nächsten Jahren grundlegend verändern; einzelne Ausnahmeerscheinung wie Robert Basic machen jetzt schon vor, wie man dem eigenen Blog (entsprechende Aufbauarbeit vorausgesetzt) ein durchwegs lukratives Einkommen erzielen kann. Was mich zum Punkt Selbstvermarktung bringt: da gibt’s in Deutschland ganz klar gewaltige Berührungsängste. Ich halte allerdings jegliche paradigmatische General-Entscheidung für sinnlos, jeder Blogger muss selbst entscheiden, ob und wenn ja wie viel Werbung er auf seiner Seite haben möchte, da gibt’s keine fixen Regeln.

Die “Konkurrenzsituation” mit den old media präsentiert sich meiner Meinung nach als Scheingefecht, Blogs sind auf breiter Basis – mit Ausnahme von Fachmedien – keine Konkurrenz zu Zeitungen und Co, da sie strukturell und inhaltlich völlig anders funktionieren. In den nächsten 24 Monaten wird jedenfalls eine thematische Ausdifferenzierung stattfinden und der Anteil der Meta-Beiträge (Blogs über Bloggen) dürfte zugunsten zahlreicher thematischer Fachmedien zurückgehen. Ihren Zenit, wie fallweise zu lesen ist, hat die .de-Blogosphäre keineswegs überschritten, die Zahl der täglich neu angelegten Blogs nimmt nach wie vor stark zu.

2. In den USA wird uns vor Augen geführt, wie gut die Zusammenarbeit von Blogs und traditionellen Medien funktionieren kann. (z.B. wird bei Nachrichtenagenturen häufig ein Überblick über die themenrelevanten Diskussionen in den Blogs präsentiert.) Warum funktioniert diese Kooperation in Deutschland nicht?

Solange so “visionäre” Denker wie Herr Konken am Ruder sind, dürfte sich daran nix ändern. Andererseits erkennen bereits einzelne große Verlagshäuser die Vorteile des Publishing-Formats Blog (siehe “der Westen”). Vereinzelt werden erfolgreiche Blogger zu traditionellen Medienhäusern wechseln, dass sich eine starke Kooperation etabliert, halte ich allerdings für unwahrscheinlich, da ich keineswegs denke, dass es für Blogger unbedingt erstrebenswert ist, Gratis-Contentlieferanten für kommerzielle Verlagshäuser zu werden. Dabei ist die Trennlinie auch sehr schwierig zu definieren: was ist unbezahlte Mitarbeit und was läuft unter Gratis-Werbung fürs eigene Blog? Zu diesem Thema existieren sehr unterschiedliche Auffassungen.

3. Was muss die deutsche Blogosphäre tun, damit ihr größere Anerkennung und größerer Respekt zu Teil wird? (schwierige aber wichtigste Frage.)

Kollektiv gar nichts. Diese größere Anerkennung bekommt deutsch-Blogistan aus den oben genannten Gründen ohnehin; der Prozess lässt sich eventuell beschleunigen, sicherlich aber nicht verlangsamen. Selbst von 90% der BloggerInnen die Meinung verträten, dass Weblogs nicht-gewinnorientierte, private Online-Tagebücher sein sollten, werden die restlichen 10% erfolgreich daran arbeiten, ihre Leserschaft zu vergrößern. Die Frage nach dem Respekt ist schwierig zu beantworten – wie soll man das messen? Bei einer in Österreich regelmäßig durchgeführten Untersuchung zum Thema “Ansehen verschiedener Berufsgruppen” landen Journalisten regelmäßig auf den hintersten Plätzen; Blogger wurden noch nie abgefragt, aber die Szene ist dermaßen heterogen, dass man auch in diesem Bereich keine Pauschalaussagen treffen sollte. “Respect my authority”, wie Eric Cartman aus South Park gerne fordert, funktioniert Blog- bzw. personengebunden…

Mit anderen Worten: Linkspammer und hochkompetente Fachexperten werden weiterhin mehr oder weniger friedlich koexistieren – Blogistan lebt von Differenzen und hält sie hoch. Was allerdings auf breiter Basis durchaus effektiv funktionieren kann, sind smarte Aggregationsportale. Max hat bei den vergangenen beiden Barcamps sehr spannende Vorträge zu diesem Thema gehalten.

The Next Uri Geller: wie funktionieren die Tricks?

In der heutigen Ausgabe der “Next Uri Geller Show” auf Pro7 gab’s wieder eine ausgesprochen abwechslungsreiche Trickparade zu sehen: sowohl Komplexität als auch Darbietungsniveau der einzelnen Tricks schwankten stark – meiner Meinung nach hat Vincent Raven mit seiner Inszenierung und Dramaturgie am meisten überzeugt.

Den ersten Teil mit dem fehlenden Stück zum Mona Lisa Puzzle hab ich leider versäumt. Das zweite Kandidatenpaar dagegen wurde soeben zu Recht raus gewählt: ihr Trick war allzu leicht durchschaubar. In einer Abwandlung des bekannten russischen Roulettes wurde einer von vier sechsschüssigen Revolvern voll geladen (mit Übungsmunition, die aus nächster Nähe allerdings auch äußerst unangenehmen Effekt verursacht). Anschließend verband der Magier seiner Partnerin die Augen und zielte jeweils mit einem zufällig ausgewählten Revolver auf ihre Schläfen. Sie musste dann entscheiden, ob ihr Partner abdrücken sollte. Der Schmäh, wie die Wiener sagen, ist bei diesem Trick die Verwendung eines Revolvers mit freiliegender Trommel. Denn anders als bei einer Pistole sieht der “Magier” beim Aufheben der Waffe ja, ob Patronen in der Trommel stecken, wenn er (zum Beispiel, während er die Waffe nimmt) kurz von oben auf den Lauf blickt. In weiterer Folge reicht dann ein ausgemachtes Codewort in der Frage “Soll ich abdrücken?”, um die Partnerin über den Status der Waffe zu informieren, sodass diese dann angemessen reagieren kann.

Der Trick mit der inneren Angst

Beim dritten Trick der Show kam Christina Plate zum Zug – sie durfte ihre größte Angst auf einen Zettel schreiben, der dann zerknüllt unter einem Blatt Papier in Flammen aufgehen sollte – ein Unterfangen, das ursprünglich nicht glückte, aber, wie Host Uri Geller treffend bemerkte: der Kandidat wand sich aufs Eleganteste aus der Misere. Man darf nie vergessen, dass die Schwierigkeit solcher Zaubertricks im Fernsehen um eine Potenz höher ist als auf der klassischen Bühne: während bei ersterer der Zauberer bloß den Blickwinkel des Publikums sowie allenfalls den eines auf der Bühne anwesenden nicht-eingeweihten Assistenten berücksichtigen muss, schwirren im FS-Studio zahlreiche Kameras durch die Gegend – übrigens mit ein Grund, warum sich Uri Geller ganz gern so hektisch und unvorhersehbar durch die Gegend bewegt. (Bei einer Einstellung erwischte ihn heute eine der Kameras von hinten – gerade als er die Stufen ins Publikum hochging, ließ er blitzschnell einen präparierten Löffel aus seinem Sakko-Ärmel in seine Hand gleiten). Aber zurück zum Gedankenleser: der Zettel wollte partout nicht verbrennen, also änderte das Improvisationstalent kurzerhand seine Dramaturgie und schrieb sich die Urangst Christinas (“Wasser, das mir über die Schulter läuft”) mit dem Finger selbst auf den Unterarm.

Auch hier braucht man für die Erklärung keinen Paramentalisten zu beeindrucken: der Zauberer hatte ausreichend Gelegenheit, den fraglichen Zettel auszutauschen, zu lesen und im weiteren Verlauf adäquat zu reagieren. Trotzdem: viel beeindruckender als David Copperfields Totalinszenierungen, bei denen praktischerweise Regie und Kamera mitspielen, was die Erzielung des gewünschten Effekts natürlich wesentlich erleichtert.

Vincent Raven rockte

Der letzte Kandidat des Abends fiel für mich stark aus dem Rahmen, weil Vincent und sein Rabe eine Nummer präsentierten, die nicht so leicht durchschaubar ist wie die Vorgängertricks: aus einer Schachtel mit fünf Urnen, die je einen seiner persönlichen Gegenstände enthielten, ließ der “Auraseher” drei Prominente jeweils eine auswählen und mitnehmen – um anschließend zu verkünden, welches Stück aus seiner Sammlung die jeweilige Person denn in der (noch fest verschlossenen Urne) gewählt hatte. Ein Detail hat mich besonders beeindruckt: Vincent öffnete den Behälter mit den Urnen und stand anschließend *die gesamte Zeitspanne über* weit vor dem Kasten, hatte also keinerlei Möglichkeit, Einsicht zu nehmen. Die Urnen waren außerdem eindeutig zu klein, um mittels einer eindeutigen Markierung aus der Ferne erkannt werden zu können. Die einzige Erklärung, die mir ad hoc einfällt, und die auch ganz gut zur Inszenierung des Low-Tech Magiers passen würde, wären elektronische Gadgets (z.B. Gewichtssensoren in der Kiste, die via Vibra-Sensor oder dergleichen mitteilen, welche Urne jeweils herausgenommen wurde). Doch selbst derlei technische Hilfsmittel erklären nicht unbedingt, warum Vincent denn genau wusste, dass Katharina Witt Probleme mit ihrem Schlüsselbein hat… hm, vielleicht hat der das ja in einem Interview gelesen, allerdings schien die ehemalige Eisprinzessin über seine diesbezüglichen Erkenntnisse durchwegs selbst erstaunt.

Der langen Schreibe kurzer Sinn: eine der drei Nummern, die ich heute zufällig gesehen habe, hat mich wirklich beeindruckt – Vincent Ravens Gesamtinszenierung und seine eingestreuten Rabendialoge hatten für mich den bei weitem höchsten Unterhaltungswert. Uri Geller selbst verlieh dem dritten Kandidaten seinen Immunitätsbonus, da der auf beeindruckende Weise mit unerwartet aufgetretenen Schwierigkeiten umgegangen sei, das Publikum wählte dann telefonisch die Revolver-Nummer raus – durchwegs zu Recht, wie ich finde. Den nächsten Auftritt von Vincent Raven werd ich mir wohl wieder anschauen, der Mann hat definitiv mehr Ahnung von unseren Wahrnehmungsgewohnheiten als der Durchschnitts-Salonmagier…

Übrigens: brauchbare Bücher über Magietricks sind so dünn gesät wie selbige Tricks… über die theoretische Seite der Magie hat mein großer Kybernethik-Held Heinz von Foerster alles Wissenswerte geschrieben – und falls es mit der Magie im Alltag nicht ganz so klappen sollte, dann bleiben ja immer noch die Zauberer in Age of Empires Online. Wer mehr an praktischen denn virtuellen Anleitungen interessiert ist, möge indes einen näheren Blick auf folgende empfehlenswerte Büchlein werfen:

Das Uri Geller Prinzip und 2 Gedichte

Uri Geller, der Esoteriker ohne Ablaufdatum, bewegt Löffel, Tische und Massen. Die Frage, wozu Esswerkzeuge unbedingt mit Gedankenkraft verbiegen muss, wenn man dazu auch seine Hände benutzen könnte, wollte man sie denn überhaupt verbiegen, stellt zum Glück niemand. Und auch die Motivation eines so begabten Superheroes, sich immer wieder aufs Neue der Skepsis des Publikums zu stellen, nicht.

Aber Pro7 wird dem generationenverbindenden Stammtischliebling sicherlich einen ordentlichen Gehaltsscheck ausstellen, daran dürfte ausnahmsweise niemand zweifeln. Aber könnte Uri mit seiner Gedankenkraft nicht mal was Vernünftigeres machen? Ja, kann er. Denken sich einige BloggerInnen und starteten ein faszinierendes Experiment, das jeden Skeptiker schnell von den unvorstellbaren medialen (nein, das ist nicht doppeldeutig gemeint) Fähigkeiten des genialen Selbstvermarkters überzeugt. Aber sehen Sie sich selbst vom Unerklärlichen:

URI   GELLER   RULED.

Denn dank der aktuellen Show avancierte Uri Geller sogar zum aktuellen Fast-Win Hype #1 im Deutsch-Blogistan. Eigentlich wollte ich mich einmal der Traffic-Hurerei entziehen, aber The Next Uri Geller zwingt mich, das beste Löffelverbieger-Gedicht des 21. Jahrhunderts hier zu zitieren. Originalquelle leider unbekannt!

Zieht´s euch beim Brunch die Wurst vom Teller,
ist schuld daran der Uri Geller.
Wird´s am frühen Morgen heller,
Klare Sache… Uri Geller
Geht´s in der Aldi-Schlange schneller
zaubert wieder Uri Geller.

Dem möchte ich allerhöchstens noch hinzufügen:

Wenn Blogtraffic vorne juckt und hinten beißt,
nimm Klosterfrau Melissengeist!
Doch juckt er hinten, beißt er vorne,
rotiert Analytics wie ein Propeller:
spürst du im Log die Voodoo-Dorne…
dann hilft dir sicher Uri Geller,
er holt die Zahlen aus im Keller.

Ach ja, wer tatsächlich “unbegreiflicherweise” an der Geschichte des Phänomens Geller interessiert ist, der/dem sei dieser großartige Spiegel-Artikel ans Herz gelegt, Zitat:

Der Magier James Randi etwas liefert sich seit Jahrzehnten eine Privatfehde, nachdem Geller ihn für die Behauptung verklagt hatte, dass einer seiner Tricks von einer Cornflakes-Packung stammen würde. Die Packung konnte tatsächlich aufgetrieben werden, und Geller verlor den Prozess.
[…]
Kürzlich wehrte er (Uri Geller) sich erfolglos gegen die Veröffentlichung eines Videos, in dem deutlich zu sehen ist, wie er sich beim israelischen Original von “The next Uri Geller” einen Magneten über den Finger schiebt, bevor er auf scheinbar wundersame Weise eine Kompassnadel zum Ausschlag bringt.
[…]
Doch all dies konnte bis heute seine Popularität nicht brechen – darin besteht das eigentliche Phänomen Uri Geller. Trotz aller Entzauberung hat er es immer geschafft, im Gespräch zu bleiben: sei es als Teilnehmer der englischen Variante des Dschungel-Camps (Geller wurde als erster rausgewählt), oder mit der dreisten Behauptung, er habe unmittelbar am Ende des Kalten Krieges mitgearbeitet, da er einem russischen Unterhändler mit positiver Energie bombardiert habe, damit dieser dem Abrüstungsvertrag zustimmt.

Wer’s ausführlicher erklärt haben möchte, bekommt die genauen Hintergründe bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.. Ich persönlich bin ja wirklich ein riesiger Fan von Zauberkünstlern, und wie schon Meister Foerster, der ja selbst im Umfeld bekannter Salonzauberer aufwuchs, schon mal sinngemäß so treffend bemerkte: es geht um eine gezielte Täuschung der Wahrnehmung – ob dabei Magie im Spiel ist, macht für den Betrachter, der ein bestimmtes Phänomen (ob eben aufgrund “magischer” Einflüsse oder bloß nicht bekannter Faktoren) einfach nicht in sein oder ihr Weltbild einordnen kann! Oder, wie Heinz von Foerster in einem Vortrag von 1990 in seiner unnachahmlich eleganten Art sagte:

Mag sich der Naive einbilden, Magie erklären zu können. Magie kann nicht erklärt werden, Magie kann nur praktiziert werden, wie Ihnen bekannt ist.

Im Fall von Geller wundert nur auf den ersten Blick, dass er ein derart unsportlicher Verlierer ist und nach so unwiderlegbarer “Entzauberung” immer noch fest und steif behauptet, übersinnliche Kräfte zu haben, anstatt sich als kompetenten Salonzauberer zu präsentieren: nur so bleibt er im Gespräch.

Blogistan Panoptikum KW02 2008

Interessante Infos über nofollow-Blogs (vor allem, wie man selbige findet) hat Malte zusammengestellt. kA, wie ich in die digerati Suchmaschine geraten bin – coole Sache jedenfalls! Auch ansonsten war’s blogtechnisch für mich eine sehr erfreuliche Woche: in den nächsten Wochen folgt wieder eine Serie von Gewinnspielen!

Nur 1 gallisches Dorf leistet Widerstand

Bevor ich gegen Shorty in Serie verloren hab, dachte ich irgendwann mal, ich hätte Attack ganz gut im Griff… aber dieser Screenshot erinnert eher an die “Ganz Gallien! Ganz Gallien?” Situation – und das schon zum dritten Mal hintereinander. Gebt diesem Mann bloß keine Atomwaffen:

attack

Viel Diskussion um nix

Der umtriebige Thomas Knüwer hat eine aufschlussreiche Zusammenfassung der langerwarteten Podiumsdiskussion mit Konken, May, Donsbach und Co. geschrieben. Der gesamte Bericht ist absolut lesenswert, speziell, weil die geplante Live-Übertragung aufgrund des großen Interesses der Bewohnerschaft Blogistans gleich zu Beginn zusammenbrach. Besonders gut gefällt mit Thomas’ selbstregulative Ethikdisposition:

Um es klar zu sagen: Nach meiner Meinung hat ein Pressekodex allein keinerlei Wirkung. Punkt. Entscheidend sind die Berufsehre der Journalisten und das Unternehmensklima in den Verlagen. Ein Journalist, der eine solche Ehre verspürt, braucht keinen Kodex. Ein Journalist, der sie nicht verspürt, kümmert sich nicht um den Kodex.

The infamous Don Alphonso hat ebenfalls sehr klare Worte gefunden, denen ich genauso wenig widersprechen kann:

Gewisse Entwicklungen sind unumkehrbar, und wenn die Medien weiterhin Blogs in die Ecke drängen, ist das vielleicht gar nicht so schlecht – jedenfalls nicht schlechter, als von diesen Medien vereinnahmt zu werden.

Völlig verwirrt? Dann hilft nur Wirres.net, dort gibt’s die ultimativ objektive Zusammenfassung eines anscheinend unwürdigen Events.

gulli wechselt zu WordPress

Quasi schon “old news”, aber ich hab’s gerade erst bei Dimido, Gordo und KRiZZi gelesen: gulli wechselt von Typo zur WP.

Sehr interessant ist der Plattformwechsel von gulli, da es zeigen wird, wie sich das doch kleine, einfache WordPress, was mal als reines Blog-System gedacht war, in großen Dimensionen eines News-Portals schlagen wird.

Im Backend ist das Blog-CMS bereits im Produktiveinsatz, ausgeliefert werden die Seiten bis zum kompletten Wechsel derzeit noch von der Typo-Engine. Ich war eigentlich nie ein übermäßiger Fan von gulli… wenn man schon “Untergrund-Suchmaschinen” braucht, dann lieber gleich die großen Brüder aus US, aber mit einer Sache haben die Betreiber völlig recht:

Eine lebendige Entwickler-Community hat aus der Blogsoftware ein ausgewachsenes CMS gemacht, das auch Sites wie gulli.com inzwischen antreiben kann. Weiter dürfte der Einsatz von WordPress hinter den gulli-Kulissen für die eine oder andere interessante Erweiterung für WP sorgen.

Auch nicht gerade ein Nachteil für beide Seiten: ab sofort kann man gulli-News mit Trackbacks beschicken.

Rare Ware: Gute (Polit)Cartoons

Hab mal wieder nach Dimidos Kommentar der Thingama-Seite einen Besuch abgestattet und bin auf Larsons World gestoßen: dort gibt’s einige großartige Cartoons. Zwar nicht vom Betreiber selbst, sondern zusammen gesammelt – und wirklich funny stuff.

Gert Lovink propagiert den digitalen Nihilismus

lovinkGert Lovink beweist einmal mehr unvorstellbaren Scharfblick und Analysetalent: er hat erkannt, dass das Internet kein Expertenmedium mehr ist, sondern inzwischen bereits von einer Milliarde Menschen benutzt wird. Ergo bewegen wir uns auf den digitalen Nihilismus zu, erklärt der holländische Medientheoretiker beim Interview mit Die Zeit.

Sobald die Netzavantgarde nicht mehr unter sich ist, kann ja nur Nihilismus die Folge sein, oder? Man ist versucht, mit Sly Stallones Zitat aus Demolition Man zu kontern: Ihr werdet lernen müssen, ein wenig sauberer zu sein, und wir werden lernen müssen, ein bisschen schmutziger zu werden.

Aber Lovink simplifiziert nicht, er spricht in dem Interview einige meiner Meinung nach sehr zentrale Punkte an. Vor kurzem erschien mit “Zero Comments” der Abschluss seiner Trilogie, der “Dark Fiber” und “My First Recession” vorangegangen waren. Lovink, der die lange Zeit den englischsprachigen Netzkultur-Duktus prägende Liste mit gegründet hat, kennt die “vorkommerzielle” Phase also ganz genau aus eigener Erfahrung:

Nach einer vorkommerziellen Phase, die von Experten dominiert wurde, und einer Zeit der Euphorie und der Spekulation, die mit dem Zusammenbruch der New Economy endete, befinden wir uns heute im Stadium der Vermassung von Internetanwendungen. Man braucht keine technischen Fähigkeiten mehr, jeder, der in der Lage ist, ein bisschen herum zu klicken, kann mitmachen.

Was mich an dem Interview überrascht hat, ist das wohltuende Nicht-Einhacken auf die Bürgerjournalismus-Kerbe: Blogs sind nun mal nicht die besseren Lokalzeitungen und Blogger nicht (nur) Journalisten:

Mein Verständnis des Bloggens ist trotzdem ein anderes, es orientiert sich an dem, was Michel Foucault “Technologien des Selbst” nennt. Das Entscheidende im Netz von heute sind nicht Nachrichten und Meinungen, sondern Selbstdarstellung und Selbstreflexion: Wer bin ich? Was mache ich? Wer befindet sich in meiner Gegend? […] Es geht also um eigene Erfahrungen, die gespiegelt sind in der Konfrontation mit einem Text, einem Bild oder Video, das vorgefunden wurde.

Und bekanntlich geht doch nichts über ein wenig “Konfrontation mit dem Selbst”, oder? Auch wenn diese in Lovinks Wahrnehmung auf eine sehr flüchtige Art und Weise geschieht:

Obwohl Blogging Schrift ist, hat es etwas Informelles: Wie ein Gerücht verblasst und vergeht es sehr schnell. Und das hat es noch nicht gegeben. Bis vor Kurzem noch herrschte eine äußerst starke Trennung zwischen dem Gespräch, das verweht, und dem schriftlich Notierten.

Das zentrale Branding-Word des Interviews, der angesprochene digitale Nihilismus, resultiert laut Lovink aus einem generellen Misstrauen gegenüber Utopien, das “nichts mit einer Religion und wenig mit einer ethischen Überzeugung zu tun hat”. Die Abwesenheit von Kommunikation, das Abarbeiten am Selbst, die Reflexion an der 100% absorbierenden Fläche, also ein Widerspruch in sich selbst?

Es ist eine Position, die von einem imaginären Nullpunkt ausgeht, dem “Zero” in Zero Comments. Denn die Mehrzahl der Blogs wird ja gerade nicht gelesen, sie spielen in einer Grauzone der Öffentlichkeit, von der sich einige wenige Spitzen-Blogger abheben. Die Null, die in der Software aufscheint – kein Verkehr, niemand da gewesen, das “Nihil” von Nihilismus -, ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Dieses Setup gelingt laut Lovink aber nur deshalb, weil die Blogger das gute alte interesselose Wohlgefallen zum Stigma ihres Kreuzzuges für das Nichts erhoben haben:

Blogs fragen nicht mehr nach Alternativen, sie tragen keine Ziele vor sich her, auch keine revolutionären. Sie beschränken sich ganz auf den affektiven Raum, den sie flüchtig besetzen. Medienphilosophisch gesehen, handelt es sich um dekadente Artefakte, die den Schritt von der Wahrheit ins Nichts wagen.

Das Interview liest sich spannend, lässt aber am Ende eine schalen Nachgeschmack zurück: denn letztendlich fällt Lovink selbst in die Grube, die er anderen gräbt: genauso wenig wie sich das Phänomen Bloggen aufs Thema Bürgerjournalismus reduzieren lässt, dürfte diese Beschreibung auf die Gesamtheit der Blogosphäre zutreffen. Das Blogger “keine Ziele vor sich hertragen” klingt im akademischen Konferenz-Kontext, der Gert Lovinks berufliches Heimatbiotop darstellt, sicherlich gut: ein John Chow oder ein Jeremy Shoemaker wären aber wohl ebenso wie Robert Basic nicht bloß geringfügig anderer Meinung.

Kenichi Ebinas Magische Bewegungen

Mein Respekt vor den Leistungen von Breakdancern war immer schon riesengroß. Ein TED Talk Video zeigt allerdings deutlich, dass die Hip Hop Bewegungsvariante noch eine ganze Spur unglaublicher wird, wenn man sie mit ein wenig Magie vermischt.

Kenichi Ebina heißt der asiatische Zauberer, der hier Bewegungen vorzeigt, die nicht nur eine schier unglaubliche Körperbeherrschung erfordern, sondern auch auf sorgfältig komponierte Weise mit unseren gelernten Wahrnehmungsmustern spielen – echte Magie eben!

Zu Gast bei Meister Yoda

Mitte Oktober war Meister Yoda auf datenschmutz zu Gast: in seinem Beitrag Die Bloggergemeinschaft im Osten beschrieb er die Wahrnehmung der österreichischen Blogosphäre durch die Eidgenossen. Dieser Tage durfte ich einen Gastbeitrag abliefern. Unter dem Titel Dividende statt Divide et Impera? hab ich ein paar Überlegungen zur guten alten Netzökonomie angestellt.

In real life kennen gelernt haben wir uns am letzten Barcamp in Wien – mitgelesen hab ich bei Roman sowieso schon länger, und das Face-to-Face Kennenlernen war äußerst erfreulich – und ich hoffe, dass wir uns demnächst mal wieder über den Weg laufen.

Google als virtueller Imperator, Millionen von Micropublishern als Bewohner der “okkupierten” Gebieten: während honorarabhängige Fließbandautoren und realitätsferne Manager schon länger mit ausgeschaltetem Haus- und Herzverstand propagieren, dass die Strategeme alter Chinesen sich hervorragend und vor allem 1:1 auf die moderne Wirtschaftslage übertragen ließen, lohnt sich im Kontext von Google und Blogosphäre durchwegs ein neuer Blick auf das alte römische Motto “teile und herrsche”.

weiterlesen bei Yoda

Blogvorstellungen: Die Graue Eminenz und Mighty Optical Illusions

Diesmal habe ich die besondere Ehre und Freude, das Blog eines ehemaligen Studienkollegen vorzustellen: die Graue Eminenz ist inzwischen ebenso wie der Verfasser dieses Beitrags beruflich mit dem Netz liiert. Auch nicht schlecht: die Mighty Optical Illusions zeigen eindrucksvoll, wie sehr man sich in der eigenen Wahrnehmung doch täuschen kann.

Die Graue Eminenz

eminenzDie Graue Eminenz ist umgezogen und bloggt neuerdings auf WordPress.com. Wir haben gemeinsam Publizistik studiert, in einer legendären Gruppenkonstellation jede Menge Seminararbeiten gemeinsam geschrieben (ich sag nur: “Der Golfkrieg in den Medien”) und verschiedenste studentische Belustigungen nicht bloß aufgesucht, sondern mindestens unsicher gemacht. Und der höchste Party-Headcount in Günters damaliger Einzimmer-Wohnung lag irgendwo deutlich jenseits der 50… der Spitzname rührt nicht zuletzt daher, dass Günter nicht gleich nach der Schule mit dem Studium begann, sondern einige Jährchen in der Bank beschäftigt war. Inzwischen haben wir alle den Publizistik/Politikwissenschafts-Parcours absolviert, und die Graue Eminenz hat ihren Wirkungsbereich ins Büro der Presse verlegt – selbstverständlich in die Online-Redaktion. Am Blog stehen keineswegs bloß News im Vordergrund, sondern auch Remixes an der Grenze von Kunst und Tagebuch, schön formuliert unter dem griffigen Titel “Aus dem Leben eines manischen Stadterotinators”. Schauen Sie sich das an – ein E-Mail Interview folgt demnächst.

Mighty Optical Illusions

mighty optical illusionsAlles andere als unbekannt und definitiv seit Beginn unter meinen Feedreader-Top-Ten ist ein Blog, das sich mit den Bedingungen der menschlichen Wahrnehmung auseinandersetzt: die Mighty Optical Illusions, die hier täglich präsentiert werden, stammen aus ganz verschiedenen Bereichen: “unmögliche” Architekturen, Spiele mit Distanz und Größe, statische Muster, die Bewegung vortäuschen… die gängigsten Illusionen kennt jeder aus Schul- und Psychologiebüchern, aber auf diesem Blog findet man längst nicht nur bekanntes, sondern auch jede Menge Exoten: von Scheinbar 3dimensionalen Wandbildern bis zu unglaublichen Phantomfarben führen die mächtigen optischen Illusionen dem interessierten Betrachter anhand unerwarteter Effekte die Funktion unserer Wahrnehmung buchstäblich vor Augen. Als großer Bewunderer und Fan Heinz von Försters sind solche “Illusionen” für mich weit mehr als bloß unterhaltsame Spielereien: handelt es sich dabei doch um experimentelle Nachweise der “Beschränktheit”, oder besser gesagt Bedingtheit, unserer Wahrnehmung. Denn während die meisten Menschen geneigt sind, ihre primären Sinneseindrücke mit so etwas wie Objektivität zu verwechseln, ist unser Gehirn in Wahrheit pausenlos damit beschäftig, die Welt im Kopf zu konstruieren.

Wie immer gilt: wem der Sinn nach einer Vorstellung hier auf datenschmutz steht, der möge dies in den Kommentaren kundtun – zwar stehen schon einige Blogs auf der Warteliste, aber es gibt ja auch noch viele Montage!

Subvertandprofit.com manipuliert wieder

subvertandprofitEiner der längsten Serverumzüge ging heute zu Ende: die Social Media Manipulations-Plattform Subvertandprofit.com (siehe auch: Social Media als Geldquelle), hat ihren Betrieb nach über einem Monat wieder aufgenommen. Seit vergangenem können Auftraggeber wieder Kampagnen anlegen und die sogenannten Agents mit Digg- und Stumble-Votes ein paar Cent verdienen.

Subvertandprofit macht sich die Überschaubarkeit der Social Media Portale zu Nutze: selbst bei Digg, dem größten us-amerikanischen IT-News Aggregator, reichen rund 100 Stimmen locker aus, um für einen Tag lang die Startseite zu erreichen. Einen Dollar verlangen die Betreiber pro eingekaufter Stimme.

Wer sich auf der Plattform als Agent registriert, erhält regelmäßig Aufträge via E-Mail. Pro derartigem Task muss für vier bis fünf Stories gevotet werden, eine solche Runde zahlt 50 Cent an Provision. Um die manipulativen Absichten besser zu verschleiern, kombiniert s&v die bezahlte Stimme mit Zufallsstories – meistens ist allerdings recht klar ersichtlich, für welchen Beitrag bezahlt wurde.

Reich wird damit wohl niemand, trotzdem gefällt mir die Idee grundsätzlich sehr gut, da sie deutlicher als jede unter dem Wahrnehmungsradar dahinfliegende Viral-Kampagne klar macht, wie leicht sich jene Strukturen, die Apologeten des Crowdsourcing zu Unrecht als legitime Nachfolger redaktioneller Filterung betrachten, eigentlich manipulieren lassen: marktgetriebene Subversion, ein durchwegs neues Web 2.0 Phänomen!

Die Aktionen der Blogpiraten funktionieren nach ganz ähnlichem Muster, mit einem beträchtlichen Unterschied: wir verdienen nix an den Votes, sondern ziehen unsere Voting-Runden einfach nur aus Spaß an der Sache durch – teilnehmende Feldforschung in Sachen Social Media Manipulation, sozusagen. Trotzdem tippe ich stark darauf, dass früher oder später der ersten Subvertandprofit.com Klon für den deutschsprachigen Markt auftaucht: Yigg, Webnews und Mister Wong wären jedenfalls lohnende Ziele – die Applikation selbst ist vergleichsweise simpel gestrickt. Eine einfache Auftragsverwaltung, ein De-Referrer hier, ein Abfragescript dort, und fertig wär manipulierenundprofitieren.de…

Subvertandprofit.com – zur Registrierung