Zum Geburtstag hab ich von Anja ein Datum-Abo bekommen: gute Gelegenheit, Klaus Stimeders Magazin endlich mal über den grünen Klee zu loben. Seit der ersten Ausgabe verfolge ich das ambitionierteste aller österreichischen Printprojekte mit wachsender Begeisterung: inhaltlich, optisch und haptisch ein Hochgenuss, habe ich Datum bislang sporadisch gekauft oder in der Schönen Perle (dazu demnächst mehr) gelesen. Zukünftig wird nicht nur jede Ausgabe pünktlich im Briefkasten landen, ich habe heute auch bereits meine Geschenks-Abo Prämie erhalten.
Und zwar das Comic-Buch Der Lochgott vom großartigen Rudolf III. Klein. Wer, wenn nicht ein in einem Loch wohnender Gott könnte der Maxime vom "Kein-Abbild-machen" und so besser gehorchen als das unsichtbare allmächtige Wesen im Loch? Dass die zeichnerischen Anforderungen zur Darstellung des Gotteshauses respektive -lochs nicht besonders hoch sind, tut der offiziellen Bobo-Bibel keinen Abbruch. Endlich ein würdiges Buch für den Hausaltar; ich hab's heute Nachmittag quasi in einem Satz verschlungen. Zitat:
Sind wir der Fels, auf dem du deine Kirche baust?
Nicht so ganz - ihr seid der Emmentaler, in den ich meine Löcher bohre!
Datum kann übrigens auch online abonnieren - möge das Vinyl unter den österreichischen Print-Laserdiscs weiterhin journalistische Poesie verbreiten.
Diese Frage stellte sich bzw. 200 Weblog-AutorInnen das Züricher Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung von Jänner bis April dieses Jahres. Ich habe an der Umfrage teilgenommen und vor einigen Tagen die, wie ich finde, sehr interessanten Ergebnisse zugeschickt bekommen. Insgesamt gaben 327 Personen Auskunft über ihre (sinistren?) Motive, das Durchschnittsalter des zu 79% männlichen Sample lag bei 32,5 Jahren, 74% der befragten BloggerInnen haben Matura und/oder Hochschulabschluss, 62,3 Prozent leben in einer festen Partnerschaft. Rund drei Viertel bloggen privat, knapp 20% beruflich und 8% ehrenamtlich. Die Forschungsziele der Untersuchung waren wie folgt definiert:
Ziel der Untersuchung war herauszufinden, aus welchen Gründen ein Weblog betrieben wird und wie die konkreten Nutzungsweisen aussehen. Zudem interessierte die Selbstdarstellung, die Authentizität sowie die Community-Wahrnehmung von Weblog-AutorInnen.
Wenig überraschend: Politik und Zeitgeschehen, Technik, Forschung/Bildung/Wissen und Medien sind die beliebtesten Themen, bloß 1/3 der Befragten nutzt das Blog vorwiegend, um die eigene Person zu schreiben. Primäres Motiv ist der Austausch mit anderen sowie die Vergewisserung der eigenen Existenz aka Identitätsmotiv. Eskapismus, soziale Integration und Unterhaltung spielen ebenfalls eine Rolle für die Motivation. Ebenfalls nicht ganz unerwartet ist folgendes Zitat aus Abschnitt "Authentizität":
Während die Häufigkeit des Bloggens keinen Einfluss auf die Authentizität hat, wirkt sich die Suche nach Weblog-Kontakten tatsächlich positiv auf die Authentizität beim Bloggen aus: Je stärker das Interesse der Befragten an neuen Kontakten ist, desto authentischer stellen sie sich dar. Gleichzeitig fühlen sie sich auch mehr mit der Weblog-Community verbunden.
Die Leitung der Studie oblag lic.phil. Ursina Mögerle am IPMZ, hier die komplette Zusammenfassung zum Download:
Letztens konnte - oder besser: musste - ich in den guten alten Verkehrsmitteln ein Telefonat mithören, oder zumindest zwei Drittel davon. Eine junge Dame so um die 25, offensichtlich im Marketing tätig und vorher Studentin an der WU, unterhielt sich mit einer Freundin über die persönliche Jahresplanung.
Zitat: "Ich bin gerade aus dem Urlaub in Kuba zurück und hab gestern zusammen mit meinem Freund unseren Sommerurlaub in Thailand gebucht - das sind so die Highlights meines Lebens für dieses Jahr, alles andere ist unspektakulär und fad." Das muss echt übel sein - soweit ich weiß, bekommt man als Angestellter ja grade mal 6 Wochen Urlaub im Jahr. Das heißt, 46 Wochen widerwillig arbeiten, um sich dann 6 Wochen entspannend zu können? Für mich ein unbegreifliches Missverhältnis und eine Situation, die ich nie auf Dauer akzeptieren könnte.
Klar ist die Lage am Arbeitsmarkt "schwierig" - das ist sie vermutlich immer. Und natürlich wären genug Leudde froh drüber, einfach irgendeinen Job zu haben... und selbstverständlich brauchen wir alle Kohle zum Leben, der eine mehr, die andere weniger. Und ich hab in den letzten 12 Monaten sicherlich keine sechs Wochen Urlaub gemacht - im Sinne von Gar-Nichts-Tun. Und ich hab auch nicht das geringste Bedürfnis nach mehr Freizeit: einfach deshalb, weil mir meine Arbeit unglaublich großen Spaß macht. Die Medien- und Blogberaterei ist ein hochgradig dynamischer Bereich, in dem sich ständig alles ändert - und zu je mehr Chefetagen sich das Wissen, dass eine Webseite nicht nur aus Code, sondern vor allem aus Kontext besteht, verbreitet, desto mehr Jobanfragen bekomm ich.
Meine eigene Arbeit funktioniert zu einem hohen Grad experimentell: Weblogs und Viralmarketing sind so neue Themen, dass es noch keine eingespielten Gesetze gibt, sondern eigentlich nur Best Practices. datenschmutz ist dabei meine persönliche integrierte Forschungs-, Entwicklungs- und PR-Abteilung: mein hier gewonnenes Wissen über Methoden und Praktiken, die effizient funktionieren, verkaufe ich an meine Kunden. Um erfolgreich zu sein, muss ich sozusagen immer am Ball bleiben - und das verhindert zuverlässig, dass jemals Fadesse aufkommt. Ich will keineswegs behaupten, dass für jede/n Medienfreak der Weg in die Selbständigkeit die ideale Option darstellt, aber ich bin im nachhinein sehr froh drüber, dass mich Red Bull seinerzeit beim vorzeitig eingestampften Givemewings-Projekt nicht anstellen wollte: denn das war damals der ausschlaggebende Grund für mich, mir einen steuerschonenden Gewerbeschein als Alternative zum Worst-of-both-Worlds Szenario "freier Dienstnehmer" zu holen.
Also nix gegen Urlaube in der Karibik, in Kuba und sonstwo - aber wenn's nach mir geht, lieber mit Notebook als ohne. Sonst müsst ich mich am Ende noch drüber beschweren, dass die Wochen im Freizeitparadies "unspektakulär und fad" waren... aber immer noch viel besser als umgekehrt!
Uri Geller, der Esoteriker ohne Ablaufdatum, bewegt Löffel, Tische und Massen. Die Frage, wozu Esswerkzeuge unbedingt mit Gedankenkraft verbiegen muss, wenn man dazu auch seine Hände benutzen könnte, wollte man sie denn überhaupt verbiegen, stellt zum Glück niemand. Und auch die Motivation eines so begabten Superheroes, sich immer wieder aufs Neue der Skepsis des Publikums zu stellen, nicht.
Aber Pro7 wird dem generationenverbindenden Stammtischliebling sicherlich einen ordentlichen Gehaltsscheck ausstellen, daran dürfte ausnahmsweise niemand zweifeln. Aber könnte Uri mit seiner Gedankenkraft nicht mal was Vernünftigeres machen? Ja, kann er. Denken sich einige BloggerInnen und starteten ein faszinierendes Experiment, das jeden Skeptiker schnell von den unvorstellbaren medialen (nein, das ist nicht doppeldeutig gemeint) Fähigkeiten des genialen Selbstvermarkters überzeugt. Aber sehen Sie sich selbst vom Unerklärlichen:
Denn dank der aktuellen Show avancierte Uri Geller sogar zum aktuellen Fast-Win Hype #1 im Deutsch-Blogistan. Eigentlich wollte ich mich einmal der Traffic-Hurerei entziehen, aber The Next Uri Geller zwingt mich, das beste Löffelverbieger-Gedicht des 21. Jahrhunderts hier zu zitieren. Originalquelle leider unbekannt!
Ziehtôs euch beim Brunch die Wurst vom Teller,
ist schuld daran der Uri Geller.
Wirdôs am frühen Morgen heller,
Klare Sache... Uri Geller
Gehtôs in der Aldi-Schlange schneller
zaubert wieder Uri Geller.
Dem möchte ich allerhöchstens noch hinzufügen:
Wenn Blogtraffic vorne juckt und hinten beißt,
nimm Klosterfrau Melissengeist!
Doch juckt er hinten, beißt er vorne,
rotiert Analytics wie ein Propeller:
spürst du im Log die Voodoo-Dorne...
dann hilft dir sicher Uri Geller,
er holt die Zahlen aus im Keller.
Ach ja, wer tatsächlich "unbegreiflicherweise" an der Geschichte des Phänomens Geller interessiert ist, der/dem sei dieser großartige Spiegel-Artikel ans Herz gelegt, Zitat:
Der Magier James Randi etwas liefert sich seit Jahrzehnten eine Privatfehde, nachdem Geller ihn für die Behauptung verklagt hatte, dass einer seiner Tricks von einer Cornflakes-Packung stammen würde. Die Packung konnte tatsächlich aufgetrieben werden, und Geller verlor den Prozess.
[...]
Kürzlich wehrte er (Uri Geller) sich erfolglos gegen die Veröffentlichung eines Videos, in dem deutlich zu sehen ist, wie er sich beim israelischen Original von "The next Uri Geller" einen Magneten über den Finger schiebt, bevor er auf scheinbar wundersame Weise eine Kompassnadel zum Ausschlag bringt.
[...]
Doch all dies konnte bis heute seine Popularität nicht brechen - darin besteht das eigentliche Phänomen Uri Geller. Trotz aller Entzauberung hat er es immer geschafft, im Gespräch zu bleiben: sei es als Teilnehmer der englischen Variante des Dschungel-Camps (Geller wurde als erster rausgewählt), oder mit der dreisten Behauptung, er habe unmittelbar am Ende des Kalten Krieges mitgearbeitet, da er einem russischen Unterhändler mit positiver Energie bombardiert habe, damit dieser dem Abrüstungsvertrag zustimmt.
Wer's ausführlicher erklärt haben möchte, bekommt die genauen Hintergründe bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.. Ich persönlich bin ja wirklich ein riesiger Fan von Zauberkünstlern, und wie schon Meister Foerster, der ja selbst im Umfeld bekannter Salonzauberer aufwuchs, schon mal sinngemäß so treffend bemerkte: es geht um eine gezielte Täuschung der Wahrnehmung - ob dabei Magie im Spiel ist, macht für den Betrachter, der ein bestimmtes Phänomen (ob eben aufgrund "magischer" Einflüsse oder bloß nicht bekannter Faktoren) einfach nicht in sein oder ihr Weltbild einordnen kann! Oder, wie Heinz von Foerster in einem Vortrag von 1990 in seiner unnachahmlich eleganten Art sagte:
Mag sich der Naive einbilden, Magie erklären zu können. Magie kann nicht erklärt werden, Magie kann nur praktiziert werden, wie Ihnen bekannt ist.
Im Fall von Geller wundert nur auf den ersten Blick, dass er ein derart unsportlicher Verlierer ist und nach so unwiderlegbarer "Entzauberung" immer noch fest und steif behauptet, übersinnliche Kräfte zu haben, anstatt sich als kompetenten Salonzauberer zu präsentieren: nur so bleibt er im Gespräch.
Ein gut gemachtes Kinomagazin besticht nicht nur durch Aktualität - im Fall von ray, dessen aktuelle Ausgabe übrigens Filmquader-gerecht im Querformat erschien, blättere ich gern in vergangenen Ausgaben. In Nummer 11/2007 veröffentlichte Andi Ungerböck ein Feature über Ang Lees aktuelles Werk Gefahr und Begierde, Thomas Abeltshauser führte ein Interview mit dem erfolgreichen Regisseur.
Ich habe "Se, jie" (so der OT) noch nicht gesehen, bin aber schon sehr gespannt auf das komplexe Spionagedrama, da mich Ang Lee bisher noch nie enttäuscht hat. Im Interview gibt's eine Passage, die einige zentrale Gedanken zum Thema "Medien und Delegation" elegant und präzise zusammenfasst, die möchte ich meinen LeserInnen keinesfalls vorenthalten. Der zitierte Abschnitt stammt aus: "Ich lebe in meinen Filmen", ray Filmmagazin 11/07, S. 15:
Ang Lee: Ich kann mich einfach sehr gut mit der weiblichen Hauptfigur identifizieren. Durch das Schauspielen, das Annehmen einer anderen Rolle, findet sie ihr wahres Ich. Das kommt jenem Zustand ziemlich nahe, den ich empfinde, wenn ich Filme drehe: Eine Rolle spielen und einen Film drehen hat psychologisch sehr viel gemeinsam. Bei beidem kann man Dinge tun, für die man im wahren Leben zwar keine Konsequenzen fürchten muss, die einen aber doch prägen. Nur durch dieses So-tun-als-ob kann man sein inneres Ich erfahren. Auch ich scheue mich vor der Realität.
Thomas Abelshauser: Die Kunst als Weg zur Wahrheit?
Ang Lee: Deswegen lesen wir doch Romane, deswegen sehen wir uns Filme und Theaterstücke an. Wir suchen die Wahrheit, ohne die Folgen zahlen zu müssen. Wir lernen, was es heißt Mensch zu sein, ohne selbst wirklich zu handeln.